Die unsichtbare Frau

Bedenkt, daß ihr eure Frauen immer gut behandeln sollt. Gott hat es euch zur Pflicht gemacht, für sie zu sorgen. Eine Frau ist schwach und kann nicht ihre eigenen Rechte beschützen. Als ihr heiratetet, ernannte Gott euch als die Bürgen dieser Rechte. Ihr brachtet eure Frauen unter dem Gesetz Gottes zu euren Häusern. Ihr dürft deshalb nicht das Pfand, das Gott in eure Hände gelegt hat, beleidigen. (Mohammed, der Prophet nach Tabari)

Wir spielen Schach, Hussain und ich. Da klingelt es und Salim tritt ein. Wir haben uns lange nicht gesehen. Vor einigen Wochen, nachdem seine Frau nebst Kindern nachgezogen war und er seine Asylbescheinigung in der Tasche hatte, zog er in eine eigene Wohnung. Er stattet Hussain einen Besuch ab. Neben ihm sein kleiner Sohn Walid, acht Jahre alt, aber schmal wie ein Strich. Man würde ihn auf nicht älter als fünf Jahre schätzen.

Die Begrüßung fällt herzlich aus, Handschlag, Kuß auf die Wange. Der Kleine steht selbstbewußt daneben und nimmt sich, ohne zu fragen, von den Chips.

Draußen im Hausflur höre ich Stimmen. Weiblich. Vorsichtig steckt Salims Tochter den Kopf herein und zieht ihn sofort erschrocken zurück, als sie meinen Blick bemerkt. Sie ist 12 Jahre alt. Salims Frau und Mutter beider Kinder steht neben ihr. Ich höre nur ihre Stimme, sehe sie nicht. Wie selbstverständlich warten sie draußen, bis der Vater und der kleine Sohn sich verabschieden.

Walid ist ein Goldjunge, zählt schon bis 20 und kann gar nicht anders, als sich den Frauen überlegen zu fühlen, ohne daß auch nur ein einziges Wort gesagt werden muß.