Friede und Islam in Sachsen?

Die Ahmadiyya Teil II

Die Ahmadiyya sind in der Stadt. Die friedlichen Muslime, wie sie sich nennen. Seit einigen Monaten touren sie durch den noch islamisch-jungfräulichen Osten, verteilen Bücher und Broschüren, diskutieren, stellen ihren Islam vor, brechen eine Lanze für den „wahren, den friedlichen Glauben“.

Nicht alle nehmen ihnen das ab. Mancher spricht von Scheinheiligkeit, von „Wölfen in Schafspelzen“, von besonders gefährlichen Verführern. Als ich den großen Saal eine halbe Stunde vor Beginn des avisierten Vortrages betrete, sind die besten Plätze schon vergeben, bekannte Gesichter darunter, verschränkte Arme vor ausladenden Bäuchen, lange, skeptische, mürrische Gesichter.

Am Stand komme ich mit einem jungen Ahmadiyya-Muslim ins Gespräch. Vor wenigen Tagen hatte ich „Die Philosophie der Lehren des Islam“ des Ordensgründers Mizra Ghulam Ahmad gelesen – wir kommen schnell ins Fachsimpeln. Etwa über den Djihad, den die Ahmadiyya als Djihad der intellektuellen Argumentation verstehen wollen, oder über die Machtfrage: Friedlich sein ist einfach, solange man eine Minderheit ist – oder gibt es ein Beispiel dafür, daß just die Ahmadiyya auch dann tolerant blieben, wenn sie de facto an der Macht wären? Da fällt meinem Gegenüber ein Dorf in Pakistan ein, in welches sich die Gläubigen zurückgezogen hätten und friedlich mit Christen zusammen lebten. Ich warne ihn noch: das wird kein leichter Auftritt.

Dann beginnt der Abend. Es werden Koranverse rezitiert – in hartem, abgehacktem Arabisch, einer Fremdsprache für den Vortragenden. Der Imam Said A. Arif betritt die Bühne – es ist der junge Mann vom Stand. Der Vortrag lautet: „Der Islam – eine Bedrohung oder eine Quelle für den Frieden?“ Mich enttäuscht, daß der Imam keine eigenen Gedanken vorträgt, sondern eine Rede des fünften Kalifen. Darin wird auch das Beispiel mit dem pakistanischen Dorf erwähnt. Spätestens jetzt wird deutlich: Man denkt hier nicht selbst, man hält sich an feste Vorgaben, man hat seine Sätze auswendig gelernt – sie mögen noch so friedlich sein. Habe ich also mit einem Menschen oder mit einer Maske, mit einer Funktion gesprochen?

Dann gibt es eine Diskussion. Ich kenne meine Pappenheimer – plötzlich sind alle Koranexperten. Suren fliegen hin und her: „ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet“ – die Antwort ist immer die gleiche: Kontext beachten. Fast schon routiniert geht der Imam mit diesen altbekannten Vorwürfen um. Schnell ist auf dem Tablet ein anderer Vortrag angeklickt, der eine Reihe friedliebender Verse bringt. Wieder wird nur repetiert und nicht selber gedacht. Aber die alten Herren geben nicht nach: Christenverfolgung, Erdogans Aufforderung zur Assimilierungsverweigerung, der ISIS …, für alles soll sich der Ahmadiyya verantworten. Islam ist Islam ist Islam! Du Muslim? Du verantwortlich!

Noch einer der Aktivisten im Ort meldet sich zu Wort. Was ist denn ein Ungläubiger? Muß man nicht Angst haben vor dem Islam? Und wie will die kleine Gemeinde die große Mehrheit überzeugen? Ungläubigkeit definiert der Imam als Relativ, im Verhältnis zu …: Jesus, Mohammed, Ahmad. Ändert das was? Vor ihrem, dem eigentlichen Islam, müsse man keine Angst haben. Ihre Moscheen stünden jedem allzeit offen. Und die Ahmadiyya seien zwar noch klein, aber schnell wachsend und bald könnten sie eine ernsthafte Größe werden. Niemanden beruhigt das hier. Ich fürchte, so einfach wird das nicht, denn sobald der Mainstream-Islam auf sie aufmerksam werden und sie ernst nehmen würde, dürften sie ein dankbares Freiwild abgeben (was sie in Pakistan oft schon sind). …

Im Nachgang schreibe ich dem Imam eine Mail, frage ihn nach dem Ahmadiyya-Schisma, stelle ihm vor allem die Frage: „Warum sollten sich Menschen im Westen überhaupt mit dem Islam beschäftigen?“ – Die Antwort, alles sehr freundlich, stilvoll und korrekt: „Wir sind der Überzeugung, daß der Sinn und Zweck für die Erschaffung des Menschen es ist, seinen Schöpfer zu erkennen, ihn zu erfahren und eine lebendige Beziehung mit ihm zu haben. Durch das Bewußtsein und die eigne Erfahrung, daß ein Gott existiert, können wir es schaffen, daß Habsucht, Herrschsucht und Machtsucht überwunden werden können. Denn wenn man den Schöpfer erkannt hat, dann würde man aus der Liebe zum Schöpfer heraus die Rechte der Schöpfung erfüllen und achten.“

Ich bin anderer Überzeugung und glaube auch nicht, daß die Gotteserfahrung jemals „Habsucht, Herrschsucht und Machtsucht“ – von einzelnen Individuen abgesehen – überwunden hat.

Trotzdem: War gut mit Ihnen gesprochen zu haben.

Lesen Sie dazu auch:

Die Philosophie der Lehren des Islam

Was wollen die Ahmadiyya?

Der friedliche Islam


Auf „Politically Incorrect“ wird zeitgleich eine Parallelveranstaltung beschrieben: Ahmadiyya – Propaganda in Augsburg