Gibt es d e n Islam?

Den Islam, den Islam gibt es nicht – so hört man allerorten, insbesondere dort, wo man den Islam verteidigen will, also in der Regel gegen „Islamkritiker“ gerichtet argumentiert. Der programmatische Satz der AfD – „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ – hat exakt dieses Argument vielstimmig auf allen Kanälen erneut provoziert.

Uns sollen hier nicht die leicht zu durchschauenden Widersprüche interessieren, etwa daß es den Islam stets dann doch gibt, wenn es ihn zu verteidigen gilt: Der Islam gehört zu Deutschland – Der Islam darf nicht verleumdet werden – Der Islam ist eine friedliche Religion – Der Islam ist grundgesetzkonform – Islam ist Barmherzigkeit etc. Wir wollen dem Argument auf den Grund gehen und eventuell dasjenige herausarbeiten, was den Islam ausmacht.

„Den Islam gibt es nicht“, bedeutet in der Regel zweierlei. Islam sei vielfältig und in Bewegung. Man müsse also historisch, geographisch, soziologisch differenzieren. Indonesien, Saudi-Arabien, Iran, Mauretanien … alle seien islamisch geprägt, aber jeweils ganz anders, Sunni, Schiiten und hunderte andere Glaubensrichtungen, Schulen, Traditionen ließen eine Generalisierung nicht zu. Und: Jede einzelne dieser Richtungen ist in dauerndem Fluß, entwickelt und verändert sich.

Wer so argumentiert, hält ein Plädoyer gegen jede Form sinnvoller Rede, denn, gestehen wir es uns ein: Panta Rhei, alles fließt, alles ist in Bewegung und alles – ausgenommen Allah, der ein Einziger und unveränderlich ist – ist vielfältig. So gesehen gibt es auch keinen Baum, sondern nur Bäume und auch die gibt es nicht, denn auch der einzelne Baum wächst und verändert sich, wie auch sein Betrachter. Seit den Anfängen des vernünftigen Denkens war man sich dessen bewußt: Man kann nicht zwei Mal in den denselben Fluß steigen, meinte der erste Dialektiker Heraklit und wenn man weiter denkt, wird schnell deutlich: man kann es noch nicht mal ein Mal.

Die folgerichtige Konsequenz – wenn wir uns der Logik der Den-Islam-gibt-es-nicht-Prediger anschließen – wäre das vollkommene Verstummen, das Schweigen, denn was es nicht gibt, darüber kann man nicht sprechen. Wenn es den Islam tatsächlich nicht gibt, dann gibt es gar nichts. Die Differenzierung hilft in diesem Fall nicht, denn auch er Schia-Islam z.B. ist in Bewegung und kennt dutzende Untergruppen, die jeweils wieder … ad infinitum. Die sprachliche Konvention der Menschheit in allen Sprachen und Kulturen übergeht dieses Paradoxon ganz einfach und spricht doch – warum nicht auch vom Islam?

Interessanter ist doch die Frage, ob es – trotz der vielfältigen Ausformung und trotz der dauernden Bewegung – etwas allen Varianten Gemeinsames gibt, ein Wesen oder eine Idee des Islam, einen Kern, ein Surrogat, auf das sich alle Muslime aller Zeiten und aller Kulturen einigen können, an dessen Existenz sie sich gegenseitig erkennen. Es ist der Koran selbst, der uns zu einer solchen Annahme zwingt, denn seine strenge Dichotomie zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Muslimen und Nicht-Muslimen – die wiederum in Buchbesitzer (Christen und Juden) und Nichtbesitzer des Heiligen Buches (nicht-abrahamitische Monotheisten, Polytheisten, Synkretisten, Naturreligionen und Atheisten  etc.) unterteilt und unterschiedlich behandelt werden, verlangt danach. Laut Mohammed, laut mohammedanischer Offenbarung gibt es also sehr wohl den Islam und seine gerechtfertigten Anhänger.

Ist es das Arabische, die im Koran kodifizierte Sprache? Zwar sind alle Muslime angehalten die Verse im Original zu rezitieren, auch wenn sie diese oft nicht verstehen – dem Lateinischen im christlichen Mittelalter vergleichbar – doch sprechen viele Muslime ganz andere Sprachen.

Ist es die Umma, die Gemeinschaft aller Muslime? Ohne Zweifel hat sie stark bindende Kraft und doch sind die kulturellen und religiösen Unterschiede enorm – was einen Großteil der virulenten Kriege dieser Welt erklärt.

Ist es also der Koran selbst? In der Tat berufen sich alle Muslime auf das Heilige Buch, aber wie jedes Buch, wie jeder Text, wie jeder Satz, gibt es enormen Interpretationsspielraum und also Streit.

Ist es die Nachfolge des Propheten Mohammed? Vermutlich könnten sich darauf alle Muslime einigen, allerdings ist Mohammed, bei aller Vollkommenheit, die ihm die Gläubigen zuschreiben und der sie nachzueifern versuchen, ein „normaler“ Mensch mit Stärken und Schwächen gewesen, mithin nur das Medium der Botschaft.

Was also ist die Botschaft? Kann man sie auf eine Essenz zusammendampfen, kann man, wie Gregor von Rezzori das in seinem genialen Schelmen-Roman und Sprachkunstwerk „Maghrebinische Geschichten“ – der es heute vermutlich wegen Politischer Inkorrektheit als Neuerscheinung schwer hätte – paradigmatisch vorgemacht hat, das entscheidende Wort finden? Dort fragte der Großkhan danach, alle Weisheit der Welt in ein Buch zu gießen und aus diesem Buche wiederum einen Satz zu extrahieren, der alle Weisheit enthält. Ein Asket löste das Rätsel und sagte den weisen, letztgültigen Satz: „Auch dieses wird vergehen.“ Heraklit läßt grüßen – das ist die Weisheit der westlichen Denktradition, die sich wunderbar mit der muslimischen kontrastieren läßt.

Man kennt ein solches Wort auch im islamischen Kontext – die islamische Theologie nennt das Schahada, das Bekenntnis. Es umfaßt die melodiöse Aussage „Lā ilāha illā ʾllāh(u)“: „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Genau genommen ist sie zweigeteilt und verlangt noch das bereits problematisierte Bekenntnis zum Propheten: „… und Mohammed ist sein Prophet/Gesandter“.

Ich wage hier die Aussage, in der Schahada, im „Es gibt keinen Gott außer Gott, den unabänderlichen Kern des Islam benannt zu haben, auf den alle Muslime sich einigen können, ja müssen, der das Gesamtkonstrukt Islam trägt. Die Schahada ist der Islam, es ist mithin die erste der fünf Säulen des Islam – die anderen vier sind mehr oder weniger konditional. Auf diesem kleinsten gemeinsamen Nenner ist der Satz „Den Islam gibt es nicht“, falsch. Es ist zudem das Gegenstück des Panta Rhei.

Dies angenommen, ergeben sich viele Konsequenzen. Zum Beispiel kann man damit die Frage angehen, ob der Islam grundgesetzkonform ist oder nicht. Das Bekenntnis läßt sich nämlich auf zweierlei Art lesen: deskriptiv und präskriptiv. Es beschreibt entweder eine (angenommene) Grundtatsache – so ist es eben: es gibt nur einen Gott – oder ein Sollen – es hat nur einen Gott zu geben, es darf nur einen Gott geben etc. So gelesen hätte die Aussage einen appellativen Charakter und wäre nur schwer mit dem Grundgesetz in Eintracht zu bringen. Entscheidend wäre nun, zu erkunden, welcher Lesart sich die Majorität der Muslime anschließt. Daran entscheidet sich die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht.

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Anhang: Aus Gregor von Rezzori: Maghrebinische Geschichten

Der Großkhan hatte befohlen, alle Bücher seines Reiches zusammenzutragen. Es waren zwanzigtausend Kamellasten. Als der Großkhan diesen ungeheuren Berg von Wälzern sah, gab er seinen Gelehrten den Auftrag, alle Weisheit, die in ihnen enthalten wäre, in einem Buche aufzuzeichnen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, und eines Tages traten sie vor den Großkhan und überreichten ihm das Buch. Der Großkhan wog das Buch in seiner Hand und befahl den Gelehrten, alle Weisheit dieses Buches in einen Satz zu fassen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, aber soviel sie auch von ihrer Weisheit und Gelehrsamkeit darauf verwendeten, sie mussten verzweifeln. Sie bekannten es dem Großkhan, und er ließ sie alle köpfen. Darauf befahl er, in allen Provinzen, Städten, Marktflecken, Konaks und Jurten seines Landes bekannt zu machen, dass er jeden Schriftgelehrten töten lassen werde, bis nicht einer von ihnen imstande wäre, ihm den Satz zu sagen – einen Satz nämlich, der eine Weisheit enthalte, welche zu allen Zeiten und bei jeder Gelegenheit, in allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die größte Einsicht und weiseste Tröstung enthalte. Jahre vergingen, und die Schriftgelehrten starben unter den Schwertern der Henker wie die Stallfliegen bei Frost. Davon hörte ein Asket, der in der Einsamkeit auf einer Säule lebte, und er stieg nieder von seiner Säule und begab sich vor den Herrn der Erde.

„Weißt du den Satz“, so fragte ihn der Großkhan, „in dem alle Weisheit dieser Erde enthalten ist, so dass sie bei jeglicher Gelegenheit und immer, unter allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die tiefste Einsicht und tröstlichste Tröstung ist?“

„Ich weiß ihn“, erwiderte der Asket.

„So sage ihn!“,  befahl der Großkhan.

Darauf antwortete der Asket: „Auch dieses wird vergehen.“