Klima der Angst

Niemand kann es noch bezweifeln – es herrscht ein Klima der Angst in deutschen Städten. So zumindest behauptet es das BKA und bestätigt das nun mit Zahlen und Fakten und die linkslastige Presse (SZ, ND, Focus, Zeit, Huff, FAZ) stürzt sich in einer Parallelaktion darauf wie auf eine Heilsbotschaft. In einem etwas wirren Zahlenspiel werden Angriffe auf Flüchtlinge, „Mandatsträger“ und ehrenamtliche Helfer aufgelistet. Wer unter den Lesern dieser Zeilen zu einer der drei Gruppen gehört, darf also Angst haben. Es geht, Sie haben es bemerkt, um rechte Gewalt.

Jetzt muß das Ritual einsetzen: Ich bin gegen jede Form von Gewalt und verabscheue sie, besonders die rechte, Gesetzesbrecher gehören bestraft usw.; man kann sich hier kurz fassen. Dies soll kein Blog sein, der Selbstverständlichkeiten und Platituden verbreitet.

Hört man sich um, dann wird zumindest die Überschrift bestätigt. Viele Menschen haben Angst! Frauen wagen sich abends nicht mehr aus dem Haus, nehmen lieber ein Taxi, fühlen sich an bestimmten Orten unsicher, taxiert, mit Worten und Pfiffen verfolgt, Verkäuferinnen fürchten den Spätdienst … Schüler erschrecken in der Straßenbahn, wenn mehrere Asylbewerber zusteigen. Öffentliche Plätze werden von Jungmännergruppen okkupiert und bekommen eine neue Funktion. Menschen, die sich zu einer bestimmten Partei bekennen, öffentlich auftreten, Veranstaltungen organisieren, werden verbal oder tätlich angegriffen, Autos werden demoliert, Häuserfassaden beschmutzt, Fenster „entglast“ … Kurz: Im öffentlichen Bewußtsein – zumindest ist das in der sächsischen Provinz so – fühlen sich die Menschen seit einem Jahr zusehends unsicher und vergleichsweise selten wird diese Angst durch Rechte verursacht.

Immer wieder habe ich die von mir betreuten Asylsuchenden – Syrer und Eritreer – auf mögliche Gefahren aufmerksam gemacht, bestimmte Kleidungsvarianten, Physiognomien, Frisuren mit Skepsis zu betrachten und Distanz zu suchen. Bisher hat noch kein einziger etwas Bedrohliches berichtet – das Schlimmste war die nölende Verkäuferin, aber darunter leiden hier, unter dem „zänkischen Bergvolk“, alle.

Als ehrenamtlicher Helfer habe ich mich allerdings tatsächlich erst letzte Woche bedroht gefühlt. Vor dem Theater, wo ich mich mit den beiden Syrern zur Vorführung verabredet hatte, war eine 15-köpfige Gang junger, wohl „unbegleiteter“ Männer versammelt, die den ganzen großen Platz scheinbar vollkommen selbstverständlich mit arabischem Rap beschallten und in unablässiger aggressiver Bewegung waren, hin und her rannten, riefen und gestikulierten. Schnell wurde man fixiert – es ist unangenehm, wenn sich einem plötzlich 15 Augenpaare zuwenden (vielleicht sogar auch aus Angst). Mein syrischer Begleiter sagte nur: „Marokko, schlimm“ und zog mich zur Seite.

Sprechen wir also von einem „Klima der Angst“ – und wir müssen darüber sprechen und zwar aus allen Perspektiven – dann sollte man auf dem linken Auge nicht blind sein. Den 347 Angriffen auf Asylbewerberunterkünfte, den 73 rechten Gewaltdelikten, 23 Körperverletzungen und 7 Brandstiftungen in den ersten drei Monaten des Jahres stehen ungezählte andere Delikte entgegen. Die Internetplattform „Einzelfall-Map“ versucht diese Vergehen, und zwar die offiziell bestätigten – die Dunkelziffer ist vermutlich bedeutend größer – zu erfassen. Man tut es anonym, weil: „Klima der Angst“. Man tut es auch von den Medien fast unbemerkt und überläßt es einmal mehr der „Jungen Freiheit“, das Thema aufzugreifen. Es gibt auch ein gegenteiliges Portal, die sogenannte Hoaxmap, die gefälschte Ausländerdelikte entlarvt.

Einzelfall-Map Plauen April

„Einzelfall-Map“ Plauen April

Schaue ich mir die Stadt Plauen an – jeder kann seinen Ort heranziehen und mit den Medienmeldungen abgleichen –, so werden für den April fünf Taten aufgeführt, die sich tatsächlich im Polizeibericht befinden. Nicht erwähnt sind dabei zwei Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen, die im letzten Jahr durch die Presse gingen (und die ich im Wust der Vorfälle nur noch ungenügend recherchieren kann – also unter Vorbehalt) oder die Messerstecherei zweier Somalier, die einem jungen Mann fast das Leben kostete, der Überfall auf eine Disco in der Innenstadt … Spricht man mit Polizisten, Sanitätern, Feuerwehrleuten, Medizinern wird deutlich, daß diese fünf Vorfälle nur die Spitze des Eisberges sind. Vor allem in den Gemeinschaftsunterkünften gibt es tagtäglich Ärger. Das sind fünf von deutschlandweit, Stand 28.4.2016,  591 sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen, 304 Übergriffen auf Kinder, 1009 Diebstählen und Räubereien, 339 Bedrohungen, 749 Körperverletzungen, 81 Morden, Totschlägen und Tötungsversuchen, 76 Übergriffen in Schwimmbädern.

Hoffentlich hat das BKA auch das auf dem Schirm. Die „Junge Freiheit“ ist sicher bereit, die entsprechende Meldung genüßlich zu verbreiten.

Annäherung über den Streit

Endlich geht es los. Endlich geht es ans Eingemachte. Um ein bißchen zu provozieren, lasse ich Hussain Vers 119 (118) der dritten Sure lesen, die da lautet:

„O die ihr glaubt, nehmt euch nicht andere zu vertrauten Freunden, unter Ausschluss der Eurigen; sie werden nicht verfehlen, euch zu verderben.“

Wir nutzen die Übersetzung der Ahmadiyya, die zwar wenig verbreitet ist, die jedoch den deutschen und den arabischen Text gut leserlich präsentiert. Da der Eingangsvers „Bismi-llāhi …“, die Basmala, hier jeweils mitgezählt wird, differiert die Versnummer jeweils um die Zahl Eins zu den üblichen Ausgaben.

„Nehmt euch nicht andere zu vertrauten Freunden … sie werden nicht verfehlen, euch zu verderben.“ – darauf kam es mir an. „Sei vorsichtig, mein Freund“, sage ich, „genau das habe ich vor, genau das kann passieren, wenn du dich mit mir einläßt“. Und schon sind wir mittendrin, denn natürlich muß man den Kontext beachten.

Hussain weist mich auf einen anderen Vers hin, um das zu verdeutlichen:

60.9: „Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht bekämpft haben des Glaubens wegen und euch nicht aus euren Heimstätten vertrieben haben, gütig zu sein und billig mit ihnen zu verfahren; Allah liebt die Billigkeit Zeigenden.“

und ich brauche ihn nur kurz zu überfliegen, um auszurufen: „Perfekt – besser kann man den Unterschied zwischen Jesus und Mohammed nicht auf den Punkt bringen.“ Denn wo Jesus eine Affirmation setzt – „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen … (Mt.5.44) – bemüht Mohammed eine konditionale „Doppelnegation: „verbietet euch nicht gegen jene, die euch nicht bekämpft haben“. Allah verbietet die Güte nicht, fordert aber auch nicht dazu auf. Und die, die euch bekämpft haben, gegen die seid nicht gütig?

Dann kommt die alte Frage nach dem Kontext – man müsse die gesamte Herleitung lesen:

60.8: „Vielleicht wird Allah Liebe setzen zwischen euch und denen unter ihnen, mit denen ihr in Feindschaft lebt; denn Allah ist allmächtig und Allah ist allverzeihend, barmherzig. 60:9 Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht bekämpft haben des Glaubens wegen und euch nicht aus euren Heimstätten vertrieben haben, gütig zu sein und billig mit ihnen zu verfahren; Allah liebt die Billigkeit Zeigenden. 60:10 Allah verbietet euch nur, mit denen, die euch bekämpft haben des Glaubens wegen und euch aus euren Heimstätten vertrieben und (anderen) geholfen haben, euch zu vertreiben, Freundschaft zu machen. Und wer mit ihnen Freundschaft macht – das sind die Missetäter.“

Was zu beweisen war.

Wenn der Muslim jemanden mag, dann will er ihn vor der Hölle bewahren – auch das stecke in diesen Zeilen. Dabei schaut Hussain mich an, als ob er mich meint: das Mögen und die Hölle.

Aber vor allem der Kontext müsse noch weiter befragt werden, denn in welcher Situation hatte Mohammed dies gesagt? Er bezieht sich dabei, so werde ich unterrichtet, auf die Schlacht von Badr 624, die eine zentrale Stellung in der Geschichte und Mythologie des Islam einnimmt. Dort besiegte Mohammed eine übermächtige Armee der Mekkaner und dieser unwahrscheinliche Sieg wurde von ihm als Zeichen Gottes gewertet. Gerade diese Verse werden von ISIS und anderen Fanatikern mißbraucht.

Alles gut und schön, erwidere ich, aber an der prinzipiellen Differenz – Affirmation und Negation, unbedingtes Vergeben und bedingtes Vergeben – ändert das nichts.

Ja, aber man könne dem auch viele andere Verse entgegenhalten und müsse die Botschaft des ganzen Buches beachten.

Das wiederum gebe ich zu, halte es aber für unmöglich, insbesondere bei „Heiligen Büchern“, die einen Großteil ihrer Faszination eben aus der inhärenten Widersprüchlichkeit beziehen …

Wir zerren noch ein wenig hin und her, müssen den Streit dann aber vertagen – weil der weitere Kontext tatsächlich fehlt. Also muß und werde ich den Koran weiter lesen …

So kann sie aussehen: die Annäherung über den Streit.

Die Chance des „Haßpredigers“

Pierre Vogel hat sich verdient gemacht – er hat es auf die Todesliste des „Islamischen Staates“ geschafft. Die dürfte mittlerweile deutlich länger sein als die lange Schlange selbstmordbereiter Gürtelträger, so daß man hoffen darf, den Salafisten-Prediger noch eine Weile unter uns zu haben.

"The punishment for apostasy" © Dabiq

„The punishment for apostasy“ © Dabiq

En passant versorgte uns die Skandalnachricht mit der Information über die Existenz einer „Vogue“ der Islamisten, eines Glanzmagazins namens „Dabiq“. Dabiq ist eine Stadt in Syrien – dort soll nach islamischer Überlieferung der finale Kampf zwischen den Rechtgeleiteten und den Ungläubigen stattfinden, das islamische Armageddon.

Zwei Clicks von Google entfernt, kann man das Magazin als PDF herunterladen. Eine interessante, eine aufschlußreiche Lektüre – aufgrund des Bildmaterials FSK 18. Anhand des Artikels „Kill the imams of kufr in the west“ läßt sich die Denke der Endzeitkrieger plastisch darstellen.

Aber schon das Vorwort verrät das Betriebsgeheimnis. Es ist die Zweiwertigkeit, die strikte Teilung in Gut und Böse, in „ja, ja, nein, nein“, entweder-oder, ohne Zwischentöne, es ist das totale Sendungsbewußtsein, die verabsolutierte Prämisse Islam/Muslim. Das einmal verstanden, macht Sätze wie diesen ein klein bißchen weniger schockierend: “The death of a single Muslim, no matter his role in society, is more grave to the believer than the massacre of every kāfir on earth. – Der Tod eines Muslims, ganz gleich, welche Rolle er in der Gesellschaft einnimmt, ist für den Gläubigen schlimmer als das Massakrieren aller kāfir (Ungläubigen) auf der Welt.“ Kann man ruhig erst mal setzen lassen. …

Das ganze gepaart mit Endzeitvisionen und fertig ist der IS-Sauerteig: „Any disbeliever standing in the way of the Islamic State will be killed, without pity or remorse, until Muslims suffer no harm and governance is entirely for Allah.” Mehr ist es im Grunde nicht. Jeder Idiot kann das begreifen und auch, daß es dann gute Gründe gibt, auf der richtigen Seite zu stehen. „Unlike the slaves of Shaytān, who strike with all their mor­tal might yet fear their mortal fate, the slaves of ar-Rahmān are prepared to meet their Lord, hopeful of His acceptance. Those kuffār who presume their bombs and proxy soldiers will cause the Islamic State to stop should realize that the soldiers of the Khilāfah have surrendered themselves to Allah, the Cre­ator of all things and Master of the Universe. There is thus no possibility of their surrender to humans.”

Nun freilich gilt es zu definieren, was ein Ungläubiger ist und was nicht. Zentralbegriff in dieser Kausalkette ist die „Apostasie“, also das Verlassen oder Wechseln der Religion. Man nennt das „Ridda“ im Islam und der Abtrünnige ist ein „Murtad“ und ihn erwartet, laut Koran, „der Zorn Gottes“ und „eine gewaltige Strafe“ (16.106), „der Fluch Gottes und der Engel“ (3.86ff.), „Sie werden Insassen des Höllenfeuers sein und (ewig) darin weilen“ (2.217). Es gibt eine ganze Theologie darüber, was mit den Abtrünnigen zu geschehen hat; bis heute ist man sich flächendeckend – aber nicht einhellig – darüber einig, daß der Tod im Hier und Jetzt die beste Strafe sei und man kann sich dabei auf Hadithe und andere Quellen berufen. Das muß uns in diesem Kontext weniger beschäftigen, die Theologie des IS ist nämlich, wie gesagt, eineindeutig: Prämisse: „Contrary to popular misconception, riddah (apostasy) does not exclusively mean to go from calling oneself a Muslim to calling oneself a Jew, Christian, Hindu, Buddhist or otherwise. In reality, there are only two religions. There is the religion of Allah, which is Islam, and then the religion of anything else, which is kufr.” Konklusion: “So whatever is not Islam is not the religion according to Allah and it will never be accepted.”

Die einzige Differenz, die der namenlose IS-Theologe einführt, ist die zwischen „Heuchler“ und „Lügner“ (munāfiq) und  „Abtrünnigem“ (murtadd). „The person who calls himself a ‚Muslim‘ but unapologetically commits blatant kufr is not a munāfiq (hypocrite), as some mis­takenly claim. Rather, he is a murtadd (apostate). The difference between nifāq (hypocrisy) and riddah is that a munāfiq conceals his kufr and openly manifests Islam, quickly apologizing if ever his cover is blown. The murtadd, on the other hand, openly commits his kufr after ascribing to Islam.”

Besagter Artikel beginnt exakt mit diesem Statement: „Das Gesetz für eine Person, welche riddah (Apostasie) begeht, verlangt die Todesstrafe, es sei denn, er bereut, bevor er gefaßt wird.“ Das führt zu scheinbar absurden Situationen, zu einer uns heute fremden Logik, die freilich strukturell auch aus christlichen Kontexten – dem Luthertum etwa – vorzufinden sind: „It should then be no sur­prise that Amīrul-Mu’minīn (Führer der Gläubigen) Abū Bakr al-Baghdādī (hafidhahullāh – Allah beschütze ihn) declared that any of the apostates from the sahwāt or otherwise who repent to Allah and surrender themselves to the Islamic State will be guar­anteed amnesty, even if they had killed a million mu­jāhidīn. But those who are caught before they repent, then there is no amnesty for them and theirs shall be a painful – and fatal – punishment.” (sahwāt – bedeutet „erwachen“ und wird von Djihadisten abwertend für politische Gegner genutzt) – selbst eine Million getötete Mujaheddin sind vergeben und straffrei, sobald man bereut und sich dem Islam unterwirft.

Nun wird, typisch fundamentalistische textbasierte Ideologie, eine ganze Reihe an vom Propheten überlieferten Beispielen gegeben. Daß Mohammed in seiner Zeit Verräter und Apostaten töten ließ, mag zeitgeschichtlich erklärbar sein, der IS weidet sich jedoch an der oft als unislamisch bezeichneten Brutalität: „The news reached the Prophet, so he sent trackers to find them. After they were found, he ordered that their eyes be gouged out with iron nails, their hands and feet be cut off, and they be left atop the volcanic rock field begging for water, which they would not be given, until they died in that condition [al-Bukhārī and Muslim].” Usw., es folgen “other examples of Allah’s Messenger kill­ing apostates” und auch Abu Bakr und andere Kalifen standen dem nicht nach.

Wichtiger sind stets die Schlußfolgerungen, auch wenn es allmählich ermüdet: „so despite calling themselves ‚Muslims‘ and accepting most of the revelation from Allah to His Messenger, their blood became halāl and killing them became wājib (Pflicht, Notwendigkeit).“

Historisch allerdings, zum großen Bedauern der IS-Indoktrinateure, wurde die Sharia nach dem Untergang der großen Kalifate nicht mehr angewendet, denn „kufr crept into Muslim lands by way of Sūfī and Rāfidī (schiitische Lehre) infiltration“ und damit wurde die Strafe für Apostasie oft nicht mehr vollstreckt und erst dank des „Wiedererstarkens des Kalifats“ könne nun endlich wieder ordentlich Recht gesprochen werden. Interessant auch die Nennung der im Westen so gern bejubelten mystischen Sufi-Bewegung als Ursache und Feind.

Dann folgt eine letzte Argumentationsvolte, bevor man sich den „Murtaddin in the West“ widmet – der Rekurs auf die stolze Geschichte, die psychosoziale Ursache und die Einführung des eigentlichen transzendenten Gegners Shaitan, der Teufel: „Within decades, the im­poverished and malnourished few thousand herders, date palm farmers, and trading travelers – the greatest, most knowledgeable, and most pious generations of the Ummah – plowed through the Roman and Per­sian empires to become literal masters of lands and people from the Iberian Peninsula to the Himalayas. The driving force was not wealth; nor the establish­ment of personal or tribal power; it had nothing to do with the world that was to be conquered. Instead, it was the Ākhirah – the life yet lived – that pushed the Muslims to their limits in order to please their Lord, the Creator, the Master of the Universe; for the life of this world, even at the height of its splendor and pleasantries, will always be the believer’s prison.

While the Crusaders have been the most apparent adversary of the Muslims for the past thousand years, one must never forget the original enemy of Islam and its nation. Shaytān, through his cunning and experi­ence with kufr, has always tried to infiltrate the Um­mah.”

Schließlich beginnen die Mujaheddin-Denker den Theorie-Haufen zusammenzukehren, um ihr Feindbild aufzubauen: die Kreuzfahrer-Nationen haben sich mit Shaitan verbündet und fanden kein besseres Mittel, ihre Ziele zu erreichen, als die Umma mit Leugnern und Apostaten zu durchsetzen, um die wahren Muslime vom Glauben abzubringen, sie zu kuffar zu machen und das ist man schon, wenn man auch nur ein einziges Gebot Allahs mißachte. Diese Allianz zwischen Shaitan, Kreuzfahrern (westliche Länder) und Murtaddin schwäche in der Tat die Umma. Anstatt die riesige Migration von Muslimen in die Länder der „mushrik“ (falsche Gottesanbeter) zur Islamisierung, zum Djihad zu nutzen, haben sich viele Muslime verweichlicht, die Bequemlichkeiten des modernen Lebens angenommen und letztlich ihre Identität verändert und verloren. Deren Kinder nahmen dann die Irrlehren der Demokratie und des Liberalismus an und diese Irrlehren wiederum fanden eine neue Brutstätte bei „islamischen“ Gelehrten, die sie weiter verbreiten und damit großen Schaden anrichten. Eines ihrer verabscheuenswürdigen Mittel der Hirnwäsche sei z.B. ihre Eloquenz, ihre rhetorische Gabe, dabei hatte doch schon al-Bukhari gelehrt und einen Riegel vorgeschoben: „Verily from eloquence comes sorcery” – ein Widerspruch, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß Mohammed höchstselbst ein eloquenter Redner gewesen sein soll und der Koran als Gipfelpunkt auch der Rhetorik gilt.

Die Lösung für all diese Probleme liegt auf der Hand – die Überschrift des Artikels läßt keinen Zweifel.

Nun werden sie alle aufgezählt und ihre Untaten erwähnt: Hamza Yusuf z.B., der mit Juden und Christen zusammenarbeitete, wovor schon der Prophet gewarnt hatte, oder Suhaib Webb, Hisham Kabbani, Yasir Qadhi, Tawfique Chowdhury, Bilal Philips etc. Das sind nun alles keine Vorzeigedemokraten, weit entfernt. Darunter sind aus westlicher Sicht sehr bedenkliche Namen, sogenannte „Haßprediger“. Bilal Philips etwa wurde 2011 nach einem medienwirksamen Auftritt in Frankfurt und an der Seite Pierre Vogels des Landes verwiesen …

Apropos Pierre Vogel! Sein Name findet – entgegen des Eindrucks, den die Skandalmedien machen wollten – keine Erwähnung im Text. Nur ein Bild zeigt und erwähnt ihn. Vermutlich ist er eine zu kleine Nummer für den IS.

An seiner Stelle würde ich das als Chance begreifen.

"The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel" © Dabiq

„The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel“ © Dabiq

Zum Thema: Schutz dem Vogel, Pierre

Schutz dem Vogel, Pierre

Haßprediger Pierre Vogel auf ISIS-Todesliste“ – solcherart, in vielerlei Varianten, lauteten die Schlagzeilen der Medienriesen. Wer sich auch nur ein wenig mit Islam und Islamismus in Deutschland beschäftigt, kommt an dem lustigen jungen Mann mit rotem Bart und weißem Kaftan nicht vorbei. Ein Lächeln hat er stets parat und mich zumindest bringen seine Videobotschaften auch immer wieder zum Lachen. Der komplexen Wahrheit näher dürfte der Slogan des BR kommen: „Sozialarbeiter, Salafist, Hetzer – Pierre Vogel gilt als gemäßigter salafistischer Prediger. Seine Anhängerschaft will er auf den Pfad der Tugend führen – ein gottgefälliges Leben ohne Drogen und Disko. Aber dabei bleibt es nicht immer. Vogel-Zöglinge militarisieren sich.“

Mir scheint, Vogel ist tatsächlich sanfter geworden. Je mehr er sich in seine bemerkenswert gelehrte arabisch-islamische Welt vergräbt, umso weniger scheint die alte Boxer-Mentalität hervor. Tatsächlich  aber hat er ein Problem: Manche seiner Schüler wollen mehr. Gerade erst machte der Fall der 15-jährigen Polizistenattentäterin aus Hannover die Runde. Eine Tat, die Vogel verurteilte, aber das „belastende“ Videomaterial, das ihn vor sechs Jahren stolz die junge übereifrige und lernwillige Safia S. präsentieren läßt, ist nun mal da. Vogel erntet nicht zum ersten Mal die bitteren Früchte der Radikalisierung. Wie ein Zauberlehrling, der das Wort vergessen hat, kann er die Geister, die er rief, nicht mehr bewältigen: sie stürzen rechts und links an ihm vorbei in die heilige Schlacht. Dem Staatsschutz ist er zu extrem, er steht unter Beobachtung.

Seit ein paar Tagen hat der Salafist ein zweites Problem. Einigen ist er nicht radikal genug. Nicht irgend jemand mäkelt da, sondern ein Gegner, den man nicht gern hat: der IS. In seiner letzten Ausgabe der Hochglanzzeitschrift „Dabiq“ wird er – so schreiben es die Medien – auf eine Todesliste von „abtrünnigen Imamen“ gesetzt. Kritische Äußerungen zu jüngsten Terrorattacken dürften eine Rolle gespielt haben.

Häme ist fehl am Platze: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ … Manch ein Leser mag in einem ersten Impuls gedacht haben: Sollen sie sich doch gegenseitig abschlachten. Das wäre fatal.

Tatsächlich sollte man weiterdenken. Angenommen, die Drohung wäre real, hätte Pierre Vogel dann nicht ein Anrecht auf Polizeischutz? Nicht nur auf Über-, sondern auch auf Bewachung? So wie ein Böhmermann etwa oder ein Abdel-Samad?

Er hätte nicht nur ein Recht darauf, es wäre auch die Pflicht des Rechtsstaates für ihn einzustehen. Die Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Ideologie kann nur besiegt werden, wenn man die Kette unterbricht.

Und manchmal, und manchmal, wenn auch selten, gibt es Wunder und Zeichen. So zum Beispiel geschehen mit Ahmed Akkari, einst leitender Imam in Aarhus und Hauptverantwortlicher für die Exzesse der Mohammed-Krise. Trotz des immensen Schadens, den auch sein Handeln angerichtet hatte, begegnete ihm die dänische Gesellschaft im Großen und im Kleinen weiterhin mit Offenheit und Toleranz. Und irgendwann – das wird später Thema eines Artikels sein – irgendwann mußte Akkari die Stärke der „Schwäche“ begreifen, irgendwann erweichte sich sein Herz und er bat um Vergebung, löste sich vom radikalen Islam, begann offen darüber zu reden und aufzuklären und wirkt seither auf der demokratischen Seite – freilich noch immer, wenn auch aus anderen Gründen, unter dem Schutz des Staates.

Aber selbst, wenn es solche Bekehrungen nicht geben sollte, so verpflichten uns unsere Werte dazu, innerhalb unserer Gesellschaft, auch und gerade unsere Feinde in angemessenem Umfang und gegen äußere Bedrohungen, zu schützen. Nur das kann die Überlegenheit des demokratischen Wertesets beweisen.

Lesen Sie zum Thema: Die Chance des „Haßpredigers“

Blick in die Zukunft III

Mohammed hat das Visum für die Türkei nicht bekommen! Ablehnung der türkischen Behörden, ohne Begründung! Es wird viel von Abschiebung und Rücknahme gesprochen, den freiwilligen Rückkehrern legt man Steine in den Weg.

Dann ging alles ganz schnell. Noch am selben Tag buchte er ein Flugticket nach Griechenland und am Abend darauf saß er schon im Zug nach München und während ich das hier schreibe (23.4., 10 Uhr), dürfte er gerade im Flugzeug sitzen. Von Athen aus wird er sich an die griechisch-türkische Grenze durchschlagen, sich dort als Illegaler von der Polizei festnehmen lassen, die ihn dann, so ist der Plan, den türkischen Behörden übergeben wird. So machten es viele, wird mir versichert, Tausende stünden an der Grenze und wollen nichts sehnlicher, als Europa den Rücken kehren.

Weder Hussain noch Mohammeds Bruder Salim weinen ihm eine Träne nach. Die letzten Tage und Wochen waren auch für sie eine Qual. Wie der Tiger im Käfig lief Mohammed Tag und Nacht in der Wohnung herum. Die innere Spannung, das Warten auf ein Visum, die Schmerzen in den Ohren waren zu viel für ihn. Ständig mußte er reden, immer und immer wieder die gleichen Worte. Als ich ihn vor fünf Tagen zum letzten Mal sah, waren seine Augen verweint, seine Wangen unrasiert und eingefallen. Nur sein Glaube schien ihm noch ein wenig Halt zu geben.

Was mit ihm werden wird, ist kaum vorauszusehen. Sein Ziel heißt Konya. Dort lebt noch immer seine Frau mit den drei Töchtern. Die sprechen mittlerweile türkisch. Wird er es dahin schaffen? Wird er im Gefängnis landen? – was sein Ende bedeuten könnte. Kann er die Probleme mit seiner Frau lösen?

Er kommt als Verlierer. Hoffnungsvoll hat er den Weg angetreten, ist dem Ruf der deutschen Regierung voller Vertrauen gefolgt, obwohl jeder Vernünftige ihm hätte sagen können, daß er mit seinen bescheidenen Voraussetzungen hier kaum eine Chance haben würde. Schulden hat er aufgenommen, Familienvermögen verloren.

Als psychisches Wrack kehrt er gedemütigt zurück.

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Nachhilfe für Gauland?

Drei islamophile Argumente begegnen einem immer wieder, wenn es um den Zusammenprall der Kulturen, der „abendländisch-christlichen“ mit der islamischen geht. Es werden die Kreuzzüge als Paradebeispiel einer europäischen Schuld erwähnt, man verweist auf das Idyll eines friedlichen Zusammenlebens el-Andalus und die Bedeutung der islamischen Philosophie für das europäische Geistesleben. Keines der Beispiele hält in seiner Verabsolutierung einer genaueren Prüfung stand: die historische Bedeutung der Kreuzzüge wird extrem überzeichnet und der Kontext in der Regel verzerrt, das Multikulti-Idyll Andalusien ist wesenhaft Mythos und war weit weniger islamisch kulturell geprägt als meist unterstellt – die Rolle der islamischen Philosophie soll in aller Kürze hier behandelt werden.

Gerade feiert der „Focus“ – seiner journalistischen Pflicht der objektiven Berichterstattung folgend – die Demontage des AfD-Funktionärs Alexander Gauland: eine „Lehrstunde zum ‚christlichen Abendland‘“ sei ihm bei Maybrit Illner erteilt worden, in einer Sendung, die eigentlich die Parallelgesellschaften thematisieren sollte, die jedoch einmal mehr zum AfD-Prügeln wurde.

GaulandGauland ließ vernehmen: „Wenn der Islam zu Deutschland gehören würde, dann müßte man anders darüber reden. Aber sie brauchen ja nur in irgendein Museum gehen und sich die Bilder des Abendlandes angucken, da stellen Sie fest, daß der Islam eben keine Spuren in diesem Lande hinterlassen hat als Tradition.“ Woraufhin der Soziologe Leggewie mit dem Bilderverbot im Islam konterte. Ein unbemerktes Eigentor, denn die Frage im Hintergrund lautet doch: Weshalb kennt der Islam überhaupt ein Bilderverbot und verschwände nicht die gesamte westliche bilderbasierte Kultur, würde das Bilderverbot akzeptiert werden?

Ein noch größeres Eigentor schoß allerdings Sineb El Masrar. Im O-Ton „Focus“:

Auftritt El Masrar: Die Publizistin mit marokkanischen Wurzeln erteilt dem 75-Jährigen Nachhilfe: „Bezogen auf das kulturelle Erbe, was ja anscheinend sehr viele umtreibt: Hier in Europa ist man sehr  stolz auf die Aufklärung. Und ohne einen islamischen Gelehrten aus dem schönen Andalusien im 12. Jahrhundert, Ibn Rushd, der zum Teil auch in Marokko gelebt hat, wäre diese Aufklärung in der Form gar nicht möglich gewesen. Weil er tatsächlich der Brückengeber war, der die griechischen Philosophen übersetzt und somit erst Europa möglich und zugänglich gemacht hat.“

Zugegeben, Ibn Rushd lebte zeitweise in Marrakesch (heute Marokko), alles andere an dieser Aussage ist fragwürdig bis falsch. Sie kann daher als schöne Blaupause dienen.

Ibn Rushd war ein bedeutender Denker, keine Frage, aber zu behaupten, daß die Aufklärung ohne ihn nicht möglich gewesen wäre, ist katastrophal übertrieben. Die Aufklärung war ein multikausaler und notwendiger Prozeß, der sich über viele Jahrhunderte entwickelte und aus vielen Quellen speiste, nicht zuletzt aus dem Christentum. Aus diesem wuchsen Humanismus, Renaissance und Reformation hervor und diese stellten in der Tat eine Neubewertung der antiken griechischen Philosophie (Platon, Neuplatonismus und Aristoteles) dar. Deren Schriften waren im „Mittelalter“ weitgehend in Vergessenheit geraten. Europa mußte sich seine Urquellen erst wieder erschließen und tat das auf sehr vielfältige Weise. Eine davon war der Zugriff auf die islamische Philosophie, deren herausragende Vertreter die klassischen Schriften am Leben erhielten. Al-Kindi, Al-Farabi, Al-Ghazzali, Ibn Sina und Ibn Rushd haben sich durchaus große Verdienste erworben, die ersten beiden auch durch Übersetzungen, die sie z.T. nicht selber leisteten, sondern christliche Mönche damit beauftragten. Ibn Rushd – hier irrt Frau El Masrar komplett – ist durch Übersetzungen überhaupt nicht aufgefallen: er beherrschte das Griechische nämlich gar nicht!

Neben den arabischen spielen aber auch syrische und hebräische Übersetzungen eine große Rolle und eine ganze Reihe an Texten war schlicht und einfach auch im altgriechischen Original erhalten worden. Nicht zu vergessen die jüdisch-christliche Übersetzungsarbeit (Schule von Toledo), die Übertragungen ins Hebräische und Lateinische vornahm. Es sollte deutlich geworden sein, daß die arabischen Übertragungen der griechischen Klassiker bedeutend, aber nicht einzigartig waren und daß der Prozeß der Aufklärung auch ohne sie wohl stattgefunden hätte.

Besagter Ibn Rushd ist als feiner Denker und ausgiebiger Kommentator aristotelischer Schriften bekannt geworden. Immerhin war sein Denken so frei und „unislamisch“, daß man seine Bücher noch zu Lebzeiten verbrannte und er verbannt wurde. Fragt man heutige Muslime, dann kennen sie ihn kaum und falls doch, als Arzt und Wissenschaftler – ein Schicksal, das er mit Ibn Sina teilt. Seine kritischen philosophischen Gedanken sind noch immer häretisch, sie leben, im kleinen akademischen Winkel, fast nur in Europa fort.

Der größte Fehler, den dieses Argument jedoch beinhaltet, ist ein logischer, ist die Verwechslung von Botschaft und Boten, von Primärem und Sekundärem, von Fundament und Haus. Ohne es zu verstehen, nutzt Frau El Masrar sogar das treffende Bild: „Brückengeber“. So ist es: Ibn Rushd ist der, nein ein Brückenbauer – selbstverständlich ohne sich dessen bewußt zu sein -, vielleicht auch eine Brücke oder ein Dammbrecher, aber Aristoteles, die griechische Klassik, ist der Fluß! Ohne ihn keine Brücke aber ohne Brücke noch immer Fluß! Selbst die beeindruckende arabische Philosophie hätte es ohne Platon und Aristoteles nicht gegeben, denn das koranische Denken tendiert apriori und aus sich selbst heraus zur Stagnation. Nicht die europäische Philosophie hängt von der arabischen ab, auch wenn sie von ihr beeinflußt wurde, sondern die arabische von der europäischen.

Das Wesentliche ist und bleibt die griechische Philosophie, die abendländisch-griechische Philosophie, oder, wie Heidegger sagte: „Der gegenwärtige planetarisch-interstellare Weltzustand ist in seinem unverlierbaren Wesensanfang durch und durch europäisch-abendländisch-griechisch.“  (Erläuterung zu Hölderlins Dichtung. S. 177)


Ibn Rushd als Schüler - Ausschnitt aus: Raffaels "Die Schule von Athen" © gemeinfrei

Ibn Rushd als Schüler – Ausschnitt aus Raffaels „Die Schule von Athen“ © gemeinfrei

Gänzlich spurlos ist der Islam dennoch nicht an europäischen „Museen“ vorbeigegangen. Auf Raffaels Monumentalfresko „Die Schule von Athen“ kann man auch Ibn Rushd sehen, mit Turban, am linken Rand und nicht zufällig in die Aufzeichnungen des Pythagoras vertieft – als Schüler Athens! Im Zentrum des Bildes stehen Platon und Aristoteles, vor ihnen Leere und asymmetrisch Diogenes von Sinope. Mehr dazu hier: Was ist Kynismus?

Die Brakteaten- Presse

Es lohnt sich, eine gefundene Münze umzudrehen, beide Seiten einer Medaille anzuschauen.

In den Fundstücken VIII hatte ich einen FAZ-Artikel verlinkt, der über Schnellroda berichtet, wo Götz Kubitschek und Ellen Kositza leben und arbeiten. Beide haben in den letzten Monaten als „Vordenker der Neuen Rechten“ Karriere gemacht. Immer wieder wird versucht, sie in die Primitivnaziecke zu schieben, dabei genügte es, ein einziges Buch aus dem Antaios-Verlag zu lesen, um zu begreifen, daß hier ernsthaft gedacht und seriös gearbeitet wird. Man muß die Meinungen nicht teilen, aber man sollte sie dann diskutieren und nicht diffamieren.

Dies, Diffamierung, schien der FAZ-Artikel leisten zu wollen, weshalb ich ihn als selbstentlarvend empfahl.

Nun hat Kubitschek auf „Sezession“ reagiert und seine Version der Ereignisse abgegeben. Mehr Kontrast geht nicht. Deshalb meine Empfehlung: beide Artikel vergleichend lesen, eigenes Urteil bilden, weiterfragen:

FAZ: Die rechten Fäden in der Hand

Sezession: Die FAZ über Kositza und Kubitschek

Gehört der Islam zu Deutschland?

Gerade schwappt die Empörungswelle durch das Land – die AfD hatte Präsident und Kanzlerin widersprochen.

Ich reiche die Frage weiter. „Hussain, was denkst du? Gehört der Islam zu Deutschland?“

Natürlich hat die Frage eine ganz andere Bedeutung für einen neuangekommenen jungen Muslim. Vielleicht kann er sie nicht mal verstehen. Aber seine Antwort kommt recht schnell: Nein!

Viele Menschen im Westen haßten den Islam, meint er. Und es gibt so viele Unterschiede und die meisten Muslime verstünden ihre eigene Religion nicht. All die schrecklichen Dinge wären gegen den Islam. Ein Muslim dürfe nicht töten und schon Al-Ghazzali habe gesagt, daß es nicht Sache der Menschen sei zu entscheiden, wer in den Himmel und wer in die Hölle käme. Das sei Sache des Gottes.

Er blättert in meinem Koran – mein ständiger Begleiter im Außendienst. Sure 2, Vers 257 (Ahmadiyya-Übersetzung): „Es soll kein Zwang sein im Glauben“. Den Vers kenne ich, er fehlt in keiner Apologie des friedlichen Islams. „Aber du mußt weiter lesen“, sage ich. Vers 258: „Allah ist der Freund der Gläubigen: Er führt sie aus den Finsternissen ans Licht. Die aber nicht glauben, deren Freunde sind die Verführer, die sie aus dem Licht in die Finsternisse führen; sie sind die Bewohner des Feuers; darin müssen sie bleiben.“ – Was also mit den Atheisten z.B.? Ab in die Hölle? In Deutschland haben wir Trennung von Kirche und Staat und erst das Christentum hat dies möglich gemacht. Jesus sagte: „Gebt des Kaisers, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.“ Und der Islam wolle beides: Religion, Spiritualität und Kalifat.

Jetzt erst geht Hussain auf, daß ich die Stelle falsch verstanden habe – eine Frage der Übersetzung. „Es soll kein Zwang sein im Glauben“ bedeute, daß niemand einen anderen zwingen dürfe, und nicht, daß ein Glaube dem anderen überlegen sei. „Aber dem Unglauben, dem Nicht-Glauben, dem Atheismus fühle man sich wohl doch überlegen“, wage ich das letzte Wort zu haben. Meinem jungen syrischen Freund fällt dazu auch nichts weiter ein, als mich mit Bedauern anzublicken.

Mohammed stand die ganze Zeit daneben und hat seine Perlen an der Kette gezählt. Verstanden hat er kein Wort, außer eines. Zum Abschied küßt er mich und fragt: „Islam gutt?“ – „Gut für dich?“; ich muß mich sammeln. Mohammed wartet auf sein Visa für die Türkei. Er sieht fürchterlich schlecht aus, der Tinnitus quält ihn noch immer. An seiner Misbaha, der Gebetskette, klammert er sich wie an ein letztes Seil über dem Abgrund Wahnsinn. „Ja? Hilft dir der Islam? Dann, meinetwegen: Islam gut!“

Gäbe es den Islam nicht, dann hätte Deutschland jetzt eine gescheiterte Existenz mehr zu versorgen.

Im Angesicht des Ewigen

Die Zeitumstellung, so hatte ich gehofft, würde das Gebetsproblem vorerst lösen; stört den Ablauf und berührt mich irgendwie peinlich … Bevor die Sonne untergeht, sind meine zwei, drei Stunden bei den Syrern abgelaufen.

Denkste! 17 Uhr klopfe ich an die Tür – keine Antwort. Gerade als ich gehen will, höre ich von drinnen nach dem großen Gott, dem noch größeren Gott rufen.

Die Jungs entschuldigen sich dann, haben das Klopfen gehört, wohl auch die Stimme erhoben, um ihre Anwesenheit kund zu tun. Tür öffnen ging gerade nicht – Gott ist größer.

Kein Problem, sage ich. Was sind schon drei Minuten Wartezeit im Angesicht des Ewigen?

Ist das Terror(ismus)?

Heute Morgen (19.4.) habe ich mir schön die Zunge verbrannt. Gerade schlürfe ich meinen Kaffee, lausche den Nachrichten, da höre ich: „Rechte Terrorzelle ausgehoben“, „GSG9-Einsatz in Freital“, „200 Polizeibeamte in konzertierter Aktion“.

alles schief an dieser Schlagzeile © Zeit

alles schief an dieser Schlagzeile © Zeit

Da kann man schon mal einen Schreck bekommen! Jetzt geht es also auf der rechten Seite auch los! Überrascht? … Aber ich traute meinen Augen kaum, als ich dann die Meldungen las: fünf Leute wurden hochgenommen, Feuerwerkskörper sichergestellt, die Typen hatten sich verschiedener Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte schuldig gemacht, Fenster eingeworfen und bedauernswerte Schutzsuchende mit Knallern in Angst und Schrecken versetzt. Eklig, verabscheuungs- und verurteilungswürdig, keine Frage!

Andererseits: Es vergeht kein Tag, an dem uns nicht Nachrichten über dutzende, manchmal hunderte Todesopfer islamistischer Terroristen erreichen.

Wir haben offensichtlich ein Definitionsproblem! Was ist Terror? Was ist Terrorismus?

Der Begriff, inflationär, wie er genutzt wird, ist wie ein leerer Behälter, in den jeder sein Privatverständnis gießen darf. Auch die Fachliteratur leidet unter dieser Unschärfe. Entweder man flüchtet sich in extrem ausdehnbare Gummibegriffe, wie Pettiford und Harding: „Terrorism can be defined as violance against (innocent) civilians“, oder man macht es wie einst Yasser Arafat, der das Motiv zum Zünglein an der Waage machte: „The difference between the revolutionary and the terrorist lies in the reason for which each fights. For whoever stands by a just cause and fights for the freedom and liberation … cannot possibly be called a terrorist.” Unklar bleibt in dieser Logik, was eine “gerechte Sache” ist.

Diese Schwierigkeit nimmt Gilles Keppel auf und interpretiert Terrorismus mithilfe der Lyotardschen Kategorie der „Großen Erzählungen“: „Weil dem Begriff ‚Terrorist‘ ein absoluter moralischer Makel anhaftet, mußten alle, die ihn im Brustton von Recht und Gerechtigkeit gebrauchten, die edelsten Werte der durch den Terror bedrohten Zivilisation verkörpern.“ Damit kommen wir der Motivlage des heutigen Begriffsgebrauchs schon sehr nahe, es ändert aber nichts an der Schwierigkeit, die Vielfalt der Erscheinungen zu überblicken. Eine interessante und sehr umfängliche Aufzählung gibt Manfred Funke und der Frage, warum der Terrorismus so schwer zu definieren ist, geht recht ausführlich Bruce Hoffman nach. Am Ende seiner Argumentation gelingt ihm immerhin ein negatives Auschlußverfahren: Man müsse Terroristen zumindest von gewöhnlichen Kriminellen und geisteskranken Attentätern unterscheiden. „Der Terrorist ist prinzipiell Altruist: er glaubt einer ‚guten‘ Sache zu dienen …“ – Arafat läßt grüßen.

Man wird der Frage nicht Herr, wenn man den empirischen Bereich nicht verläßt. Incipit philosophia. Herfried Münklers Denkweise ging in diese Richtung, als er weniger den „materiellen Schäden“, sondern mehr „dem Schrecken, der dadurch verbreitet wurde“, Aufmerksamkeit schenkte. „In diesem Sinne ist Terrorismus als eine Kommunikationsstrategie“ anzusehen. Weniger der Terrorist ist also von Interesse, sondern die Medien: „Ausschlaggebend für die Verselbständigung des Terrorismus ist vielmehr die Verbindung der Gewaltanwendung mit der Mediendichte und dem offenen Medienzugang … Fehlt eine entsprechende Mediendichte oder unterliegt die Berichterstattung einer politischen Zensur, haben terroristische Strategien nur geringe Erfolgsaussichten.“

Peter Sloterdijk blies seinerzeit noch ins gleiche Horn und erhöht die Abstraktionsebene, wenn er den Terror „seinem Verfahrensprinzip nach atmoterroristisch verfaßt“ beschreibt, als „Prinzip des Angriffs auf die Umwelt und die Immunverfassung eines Organismus oder einer Lebensform“.

All das, wohlgemerkt im Reflektieren über die Mutter des modernen Terrorismus: die Terrorattacken des 11. September 2001.

Wenn wir uns dieses Großereignis vor Augen führen und mit dem Werfen von „Polenböllern“ kontrastieren, dann wird unmittelbar evident, daß die Nutzung des Terror-Begriffs, wenn dieser überhaupt einen Sinn haben soll, ein Fehlgriff sein muß. Auch die Einführung der Kategorie der Angst hilft da nicht weiter. Ich selbst bin einst von Skinheads als „linke Zecke“ brutal zusammengeschlagen worden und habe seither Angst vor Glatzen (nicht vor Zecken – statistisch wäre das sinnvoller), aber diese rein kriminelle Tat als Terrorismus zu deklarieren, wäre absurd.

Es wurden „Justin S., 18, Rico K., 39, Maria K., 27, Sebastian W., 26, und Mike S., 26“ festgenommen, sie arbeiteten mit dem passenden Codewort „Obst“. Ein Mike scheint bei den Neonazis immer dabei zu sein – meiner hieß auch schon Mike – und ein Justin oder Kevin kommt auch nicht überraschend. Vielleicht hätte auch der Abschnittsbevollmächtigte genügt, diese Typen, diese kleinen Kriminellen festzunehmen, aber ich vermute, die GSG9 musste sein, weil man politische Handlungsfähigkeit demonstrieren und das Terrormodell spiegelbildlich nutzen wollte. Nicht nur der Terror heißt „Schreckensbotschaft“, auch der Anti-Terror nutzt die mediale Macht.

Und das scheint – bei allen Vorbehalten und nur von den bisherigen Informationen ausgehend – der wahre Sinn der Meldung zu sein. Man will uns weismachen, daß es spiegelbildlich zum islamistischen Terror, mit all seiner Potenz, seinem gigantischen ideologischen Überbau und seiner vielfältigen strukturierten Organisation, der seit 9/11 mehr als 28000 Todesopfer zu verantworten hat, allein im letzten Monat fast 800, in Europa mehr als 300 …, daß es parallel dazu einen gleichwertigen rechtsradikalen Terror gäbe. Vielleicht gibt es den auch als Möglichkeit, nur fehlen dafür sämtliche Beweise. Stattdessen schafft man eine unsägliche begriffliche Ausweitung der Kampfzone, schafft mit der Skandalisierung erst ein potentielles terroristisches Milieu, denn jetzt „hat man“ die Medien, die „Mediendichte“ und entleert einen ohnehin schon kaum noch brauchbaren Begriff zur sinnlosen Worthülse.

Die fünf Verbrecher werden nun wohl auf lange Zeit hinter Gitter gehen – vor drei Jahren wären sie vielleicht noch mit ein paar Arbeitsstunden davon gekommen.

Es bleibt zu fürchten, daß der nächste gezündete Sprengstoffgürtel oder die kommenden Maschinengewehrsalven in Menschenmengen diese dümmliche Kategorien-Verschiebung de facto wieder gerade rücken wird.

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Ergänzung 20.4.: Offensichtlich geht das einigen Schreibtischtäterjägern selber auf – deswegen präsentieren sie uns schnell diese gefährliche Bande von „Rechtsterroristen“ noch hinterdrein: Die Zeit: Reichsbürger: Ein Volk, viele Reiche, noch mehr Führer

Literatur:

Hoffman, Bruce: Terrorismus. Der unerklärte Krieg. Fischer 2002

Funke, Manfred: Terrorismus – Ermittlungsversuch zu einer Herausforderung. In: Terrorismus. Untersuchungen zur Strategie und Struktur revolutionärer Gewaltpolitik. Bundeszentrale für politische Bildung 1977

Kepel, Gilles: Die Spirale des Terrors. Piper 2008

Münkler, Herfried: Die neuen Kriege. Rowohlt 2002

Pettiford/Harding: Terrorism. The new world war. Capella 2003

Sloterdijk, Peter: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Suhrkamp 2002

Die Lessing-Legende

Der religiöse Glaube ist die private Sache jedes einzelnen Menschen, in die ihm niemand dreinzureden hat, um derentwillen er von niemandem behelligt werden darf. Aber ebendeshalb darf auch kein Mensch mit seinem religiösen Glauben andere Menschen behelligen. Der Satz, daß Religion Privatsache sei, schließt den Satz ein, daß jede Religion, sei sie nun, welche sie wolle, rücksichtslos bekämpft werden müsse, sobald sie ein Kappzaum der wissenschaftlichen Forschung, eine Waffe der sozialen Unterdrückung sein will. (Franz Mehring: Die Lessing-Legende)

Mal ganz ehrlich: Lessings „Nathan der Weise“ ist ein ziemlich miserables Stück. Wer „Minna von Barnhelm“ oder „Emilia Galotti“ kennt, der weiß, was für ein großartiger Dramatiker Lessing sein konnte. Der „Nathan“ überragt im öffentlichen Bewußtsein trotzdem alles. Gern übersieht man die dramaturgischen Schwächen des Werkes, die holzschnittartigen Figuren, die Theorielastigkeit – denn der „Nathan“ enthält die Ringparabel. Sie mußte in diesem Alterswerk nicht nur wie ein Testament erscheinen, sie paßte auch zu gut zur pseudoaufklärerischen Beschönigung der monotheistischen Religionen unter dem Totschlagwort „Toleranz“. Hätte Lessing geahnt, daß er bis heute dazu mißbraucht wird, Realität anhand seines Märchens zu verdrängen, er würde vielleicht – so viel darf man einem scharfen kritischen Geist zutrauen – das Stück nicht oder anders geschrieben haben. Nun also steht es, wird permanent aus dem Zusammenhang gerissen – ohne Kenntnis des Streites mit Pastor Goeze, dessen Verlängerung der „Nathan“ ist, ist es eigentlich gar nicht zu verstehen – und wurde als Klassik mitverantwortlich für eine Fehlsicht, insbesondere auf eine der drei Religionen. Mittlerweile meint man, Lessing habe damit den Islam als „friedliche Religion“ adeln wollen – tatsächlich war er überhaupt nicht für eine Religion, sondern nur gegen Unterdrückung: verfolgte Jesuiten verteidigte er genauso, wie er gegen Antisemitismus vorging …

Um das Stück zum Leben zu erwecken, bedarf es einiger Mühe. Mit meinen Syrern hatte ich es besprochen. Die Ringparabel war beiden längst bekannt, nicht die Lessingsche Variante, sondern eine eigene. Saladin oder Salah-ad-Din, wie sie ihn sehr respektvoll aussprechen, gilt als einer der größten Helden der muslimischen und syrischen Geschichte, obwohl er Kurde und nicht Araber war. In Damaskus steht ein riesiges Mausoleum, sein Sarg wurde von Wilhelm II., Deutscher Kaiser und Preußischer König, gestiftet.

Saladins Fama, ein mildherziger, weiser und toleranter Feldherr und Sultan gewesen zu sein, beruht auf einer Ausnahmehandlung: Anstatt nach der Eroberung Jerusalems das zeitübliche Blutbad anzurichten, ließ er tausende reiche Christen sich freikaufen, die anderen wurden keinen Kopf kleiner gemacht, sondern in die Sklaverei verkauft. Dahinter stand politisches Kalkül („Weisheit“) und die Rechnung ging auf: Kaum hatte die Nachricht dieser „Mildtätigkeit“ Europa erreicht, begann man alles Mögliche in diesen mystischen Saladin hineinzuprojizieren. Man sah in ihm, woran man – mit christlichem Gewissen belastet – selber krankte: den edlen Heiden, den ritterlichen Gegner, die morgenländische Leuchte der Toleranz. So wurde er zur Legende. Lessing nutze sie und wurde selber zur Lessing-Legende, anfangs zur bürgerlichen, als welche Mehring sie kritisierte, dann zur proletarischen, zu der Mehring sie machte, und schließlich, heute, zur tolerantistischen. Daß auch bei Lessing nur ein einziger Tempelherr das Massaker übersteht, und dies aus ganz privaten Gründen, wird heute gern übersehen.

Die lokale Presse feierte das Stück. Intendant und Fördervereinsvorsitzender schwelgten in versöhnender Hochherzigkeit. Auf der Bühne sieht man hingegen eine wenig inspirierte Vorstellung. Ein Nathan in Anzug und Krawatte kurvt mit einem Schreibtischstuhl in einer kalten Bürolandschaft herum und redet von Tempelherren, Babylon und Jerusalem, Spangen und Ohrgehenken. Routiniert und ohne wirkliches Interesse spielen die Schauspieler ihre Rolle herunter. Immer wieder gibt es Textunsicherheiten, die Abläufe sind nicht einstudiert, man stolpert über Tische, läuft sich in die Wege, die Daja muß mit Textzettel auftreten (die erste Besetzung ist erkrankt), der Patriarch ruft laut und genervt „was?“, als er den Souffleur beim ersten Mal nicht versteht. Im großen Monolog in der Ringparabel werden die entscheidenden Zeilen – „…komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf“ – der politischen Korrektheit oder der Tolerantitis geopfert.

Nathan der "Weise" © Foto: Peter Awtukowitsch/Theater Plauen-Zwickau/Freie Presse

Nathan der „Weise“ © P. Awtukowitsch/FP

Ob die Akteure selber nicht an die Botschaft glauben und sich lächerlich vorkommen oder ob sie aus anderen Gründen demotiviert sind, wissen wir nicht.

Seit zwei Jahrzehnten kämpft das Theater ums Überleben, jedes neue Jahr wird der Haushalt umstritten und letztlich doch gekürzt, man fusioniert und defusioniert, Sparten werden geschlossen, Löhne beschnitten, Personal entlassen … Und im Grunde genommen steht die tabuisierte Einsicht: Die einst boomende kleinbürgerliche sächsische Stadt mit heute proletarischer Bevölkerung, stark überaltert und mit stetigem Einwohnerschwund seit der Wende, braucht kein so großes Theater mehr. Ausverkauft werden ein paar frivole Stücke oder überteure aufgeplusterte Musicals, ansonsten bleiben die Ränge leer.

Auch heute können sie nur mit mehreren Schulklassen zum Vorzugspreis von vier Euro pro Karte halbwegs gefüllt werden. Unter den Zuschauern zwei Syrer, Eintritt frei. Sie wissen von alledem nichts und freuen sich der bunten Bilder. Als der Derwisch in gefaktem Arabisch eintritt und eine peinlich klischeebeladene Vorstellung eines „Arabers“ gibt, schaue ich mich fremdschämend heimlich um. Hussain lächelt ein schiefes Lächeln.

Pause. Gebetszeit. Nach langen Verhandlungen werden wir von einem Betreuer erwartet. Er führt uns im Eilschritt durch die Katakomben. Verwinkelte enge Gänge, viele Türen, ich habe keine Ahnung mehr, wo wir uns befinden. An der Garderobe, der Maske vorbei. Schließlich zum Ballettsaal (das Ballett gibt es nicht mehr). Daneben die Damentoilette. Hussain und Khaled ist der ganze Aufruhr unangenehm. Ein stilles Eckchen hätte doch genügt. Wir schließen die Tür hinter den beiden und unterhalten uns. Die bedauernswerte Daja – plötzlich umgekleidet – huscht auf die Toilette. Wir hören sie urinieren, während ich ein paar Fragen über „die da“ beantworten muß. Der junge Mann ist’s zufrieden. Alles geht seinen Gang. Projekt Integration geglückt, Beitrag geleistet.

Bevor wir uns wieder setzen, fragt Khaled noch: „Wer von den Männern ist denn Salah-ad-Din?“

Kulturschock: zivilisierte Syrer in sächsischer Theaterbrache

Kulturschock: zivilisierte Syrer in sächsischer Theaterbrache

siehe auch: Großes Theater

Großes Theater

Das örtliche Theater gibt „Nathan der Weise“. Man hätte darauf wetten können. Und es offeriert Freikarten für Asylbewerber. Eine Kombination, die man sich nicht entgehen lassen darf.

Erfahrungen machen klug – und manchmal wohl auch weise. Diesmal jedenfalls frage ich, ob Vorstellungszeiten und Gebetszeiten kompatibel sind für meine muslimischen Schützlinge. Sie sind es nicht. Hmm. Was tun? Nun, wenn das Theater freien Eintritt gewährt, so sollte es auch Gebetsräume zur Verfügung stellen, nicht wahr?

Der erste Anruf an der Rezeption wirkt wie eine Komödie. Die Person am anderen Ende verstummt plötzlich, verfällt dann in Schnappatmung, man spürt regelrecht, wie jemand um Fassung ringt, um dann mit zittriger Stimme vorzuschlagen: „Ich werde mich kümmern“. Der emotionale Einschlag war nicht zu verkennen, es genügen nur ein paar Andeutungen – „Ich verstehe die Situation … auch ich bin kritisch“ –, um den Redefluß der erregten Dame in Gang zu bringen: Wo solle das nur enden? Nichts gegen Flüchtlinge, aber … Wie solle das denn weitergehen etc.

Ich frage nach: „Spricht man im Theater denn nicht darüber? Immerhin werden die Neuankömmlinge gezielt beworben.“ – Ach nein, niemand spricht. Alles unter vorgehaltener Hand. Die Stimmung ist schlecht. Die eine Gruppe befürwortet, die andere lehnt ab, dazwischen gibt es nichts und sagen dürfe man ja sowieso nichts …

Tags darauf bekomme ich einen Anruf. Man werde da was organisieren. Müßten auch Gebetsteppiche gestellt werden? Ich antworte: Es muß gar nichts. Ich wollte lediglich wissen, ob es in der Pause einen ruhigen Raum gäbe, in dem meine beiden syrischen Freunde beten könnten. Fünf Minuten und alles ist vorbei.

So geht es ein paar Mal hin und her, die Anfrage scheint die Runde im ganzen Theater gemacht zu haben, es war ein kleineres Erdbeben. Vielleicht ist einigen auch erst bewußt geworden, daß es mit Freikarten eben nicht getan ist.

Davon zeugt drei Wochen später noch die Themeneinführung ins Stück. Eine Theaterangestellte versucht sich darin, die zahlreichen Verwicklungen des Stückes und die Regieentscheidungen zu erklären. Hussain und Khaled stehen bescheiden am Rand und versuchen ein paar Worte aufzuschnappen. Die Dame geht zum Moralisieren über, als wüßten wir nicht alle, warum der Intendant gerade dieses Stück ins Repertoire aufgenommen hatte. Und dann fällt der Satz: „ … wir müssen lernen, tolerant zu sein. Und uns auch an andere Gepflogenheiten gewöhnen. So haben wir auch heute zwei Muslime unter uns, die in der Pause beten wollen.“ Dabei schaut sie uns an und Khaled, der das Wort „beten“ versteht – wir hatten es mehrfach in allen Zeitformen konjugiert; er kann es jetzt im Schlaf (das Konjugieren) – sagt laut „ja“.

Nicht Selbstbewußtsein, sondern peinlich berührte Schüchternheit hatte ihn dazu veranlaßt. Kann man denn hier nicht einfach mal beten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen?

Fortsetzung: Die Lessing-Legende

Merkel-Böhmermann

Merkel gibt also dem Antrag auf Strafverfahren gegen Böhmermann statt. Innerhalb weniger Minuten explodieren die Kommentarspalten aller großen Zeitungen. Kein Thema, noch nicht einmal während der akuten Flüchtlingskrise, hat die Gemüter derart erhitzt. Sofort melden sich Politiker aller Couleur, Juristen, Promis, Kollegen, Journalisten zu Wort – wer Zugang zu den Medien hat, nutzt sie, der Rest twittert wie verrückt. Böhmermann kann es im Übrigen recht sein – ab heute ist er ein Weltstar.

Diese scheinbare Nebensächlichkeit könnte ein Meilen- und Stolperstein werden – ob zum Ab- oder Aufstieg ist noch nicht hundertprozentig entschieden. Auch wenn sich die Republik gerade empört, sollte man Merkels Wendehalsigkeit ebenso wenig unterschätzen – sie ist eine Meisterin des Lavierens und Umbiegens – wie die Demenz des deutschen Wählers.

Eine Bewertung fällt tatsächlich schwer und Eindeutigkeit ist eine Illusion. Der Anfangsimpuls ist negativ. Da hat sie sich also dem Absolutisten aus Ankara gebeugt. Erdogan regiert von nun an mit in unserem Land. Freiheit der Meinung und des künstlerischen Ausdrucks haben schweren Schaden erlitten. Kein Demokrat der Welt kann das gutheißen.

Andererseits – auch so kann man es sehen – hat sie Erdogan eine Lehrstunde in Demokratieverständnis gegeben. Nicht Staatsmänner und Regierungen entscheiden in demokratischen Staaten über Recht und Unrecht, sondern Justitia und die ist bekanntlich blind, entscheidet also ohne Ansehen.

Wiederum hatte Erdogan mit seiner privatrechtlichen Klage der Bundeskanzlerin einen Ausweg verschafft. Einerseits hatte er die Stimmung damit noch einmal mächtig angeheizt, andererseits vollendete Tatsachen geschaffen: Die Sache wäre so oder so vor Gericht gelandet, nur nicht unter jenem ominösen § 103 StGB, der die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter unter Strafe stellt und den kaum noch einer kennt – außer türkische Staats-Anwälte. Ist das der Kanzlerin nicht bewußt gewesen? Vielleicht schüttelt Erdogan noch immer den Kopf über so viel strategische Dummheit. Mit einer kleinen Provokation hat er nun den Verlust seiner wichtigsten „Partnerin“ riskiert.

Besonders amüsant und einer gelungenen Satire würdig wäre, wenn Böhmermann in einem der beiden Verfahren verurteilt und im anderen freigesprochen würde.

Nun also doch § 103 StGB, den die mächtige Frau zugleich als unzeitgemäß bis 2018 abschaffen will. Ist er aber unzeitgemäß, warum muß er dann noch einmal angewandt werden? Weil die Entscheidung eine subjektive und keine juristische ist, wird sich die Kanzlerin auch für diesen Widerspruch verantworten müssen. Da der Prozeß, wie man vernimmt, langwierig werden wird, könnte die absurde Situation entstehen, daß Böhmermann nach einem Paragraphen verurteilt werden wird, den es zum Zeitpunkt des Urteils gar nicht mehr gibt.

Die SPD, ausnahmsweise im Einvernehmen mit der mehrheitlichen Volksmeinung, war dagegen. Merkels Entscheidung ist ein Affront gegenüber dem Koalitionspartner. Daß sie den Koalitionsstreit als kleineres Übel sieht, sagt einiges über ihre Abhängigkeit von Erdogans Wohlwollen. Der Syriendeal gibt ihm ein mächtiges Pressionsmittel in die Hand und es war naiv zu glauben, er würde es nicht nutzen. Die Böhmermann-Affäre dürfte ein Testballon gewesen sein, das kindische Austesten der Grenzen. Jeder Erziehende weiß, wie schwer es ist, aus dieser Falle wieder heraus zu kommen.

Was also hätte die Kanzlerin tun sollen? Die Antwort ist: es gab keine befriedigende Lösung mehr. Ihre politische Intuition hatte sie im Stich gelassen, als es den einen Moment der Entscheidbarkeit gab. Das war unmittelbar nach Erdogans Ansinnen. Hätte sie sofort und unmißverständlich Position bezogen, wäre aus einer Lappalie wohl keine Staatsaffäre geworden. Statt die Meinungsfreiheit bedingungslos zu verteidigen und Erdogan in die vorjustitiablen, ethischen und grundwertigen Schranken zu verweisen, versuchte sie es mit einem quasi-Schuldbekenntnis, mit einer Distanzierung vom Künstler und einer Besänftigung. Damit hat sie Schwäche gezeigt und auf Beißhemmung gehofft. Unter Demokraten möglicherweise ein probates Mittel, unter Despoten und Grauen Wölfen eine Einladung zum Kill.

So ist das Fazit paradox: Merkel hat richtig, besser: korrekt gehandelt und der deutschen Demokratie schweren Schaden zugefügt. Das Problem hinter dem Problem ist der Syriendeal, ist die Flüchtlingspolitik.

Lesen Sie auch: Comedy of errors – Böhmermann

Die Satanischen Verse

Vielleicht sehen sie auch, daß die Kontroverse um die Satanischen Verse im Grunde ein Streit um die Frage war, wer die Macht über die große Erzählung, die Geschichte des Islams, ausüben soll, und um die Meinung, daß diese Macht allen Gläubigen gleichermaßen zusteht. (Salman Rushdie)
Romanfiguren werden geschaffen, damit sie auf eigene Rechnung leben. (Umberto Eco)

Ich habe die „Satanischen Verse“ gelesen, als alle sie gelesen haben – irgendwann um das Jahr 1990 herum – und außer der grandiosen Eingangsszene, dem himmlischen Sturz der beiden Protagonisten Gibreel Farishta und Saladin Chamcha und der Vorstellung pestilenzialischen Mundgeruchs, ist mir nichts geblieben. Kurz: das Buch blieb ein Rätsel, die Suche nach der Frage, weshalb nun das ganze Theater, blieb weitestgehend unbeantwortet. Und ich habe mich gequält, wahrlich gequält, die 500 Seiten zu bewältigen. Das mag auch an der Übersetzung gelegen haben, denn nun, nach der Zweitlektüre, 25 Jahre später und diesmal auf Englisch, ist mir meine damalige Reaktion unbegreiflich. Diesmal habe ich es verschlungen! – ohne es vollkommen verstanden zu haben. Aber doch ein bißchen besser …

Was dem geübten Leser sofort auffallen sollte, ist die wahre Größe dieses Meisterwerkes. Rushdie schwelgt in der Sprache und reizt die unendlichen Möglichkeiten des Englischen auf ganz phantastische Weise aus. Es ist, als läse man ein episches Gedicht, ein philosophisches Werk und einen Endloswitz zugleich. Das Grinsen will nicht aus dem Gesicht weichen ob der Millionen herrlichen Boshaftigkeiten gegen alle und alles, das Staunen findet kein Ende ob der unergründlichen Tiefen und des überbordenden Wissens, die seelische Befriedigung ist immens, ob der arabesken Schönheiten, der Sprachwunder, der kathedralen Architektur. Es ist ein Jahrhundertroman in der Tradition eines James Joyce, eines Arno Schmidt, eines Borges, eines Gogol …

Das alles darf man behaupten, auch wenn man das Ungenügen der eigenen Leserschaft begreift. Um dem Buch bis in die feinsten Kapillaren folgen zu können, müßte man nicht nur des Englischen tadellos mächtig sein, müßte man nicht nur wenigstens Grundkenntnisse der indischen und anderer Sprachen haben, man müßte auch mit der Geschichte Großbritanniens, Indiens, Pakistans, Arabiens intim vertraut sein, man müßte London und Bombay gut kennen, man müßte im Stoff verschiedenster theologischer, historischer und philosophischer Diskurse mehrerer Religionen – vor allem natürlich des Islam – stehen, man müßte die Weltliteratur überblicken. Die Einstiegshürde ist sehr hoch und schon an diesem Punkt ahnt man, daß von den Millionen aufgeregten Protestierenden in aller Welt, kaum ein einziger das Buch gelesen haben dürfte, ja, daß selbst ein Ayatollah Khomeini kaum geahnt haben dürfte, was er da verbietet und über wen er die Todesstrafe verhängte.

Nun also ist die Zeit, das Buch noch einmal zu behandeln, sich der „Rushdie-Affäre“ zu entsinnen, ihre Mechanismen aufzuzeigen, brennend aktuelle Fragen zu stellen. Denn was 1988/89 geschah, ist die Blaupause für mehrere Folgekatastrophen geworden – von denen einige noch in der Zukunft liegen.

Das Buch

Es sind drei wesentliche Erzählstränge zu unterscheiden. Zum einen die Geschichte der beiden Protagonisten, indischer Schauspieler, die nach einem Flugzeugabsturz die Identitäten des Erzengels Gabriel und des Satans annehmen. Zum zweiten die Geschichte eines mittelalterlichen arabischen Propheten namens Mahound und drittens die Geschichte einer wundersamen Pilgerwanderung eines indischen Dorfes, angeführt durch eine Heilige mit dem Namen Ayesha. Verbunden werden diese wechselnden Geschichten meist durch Träume. Das zu wissen ist wichtig, denn was viele Muslime als anstößig empfanden, sind letztlich Träume eines Geisteskranken in einem fiktionalen Werk. Schon die Namensgebung zeigt Rushdies Zielrichtung: Es war der Erzengel Gabriel, der Mohammed den heiligen Koran diktierte; die Kreuzfahrer nannten den Propheten abwertend Mahound („falscher Prophet“); Ayesha war Mohammeds Lieblingsfrau, die er als Sechsjährige heiratete und mit der er drei Jahre später die Ehe vollzogen haben soll.

Trotzdem ist es vielmehr ein modernes Buch, das die Frage des Identitätsverlustes durch Religionsverlust und Migration ebenso thematisiert wie die zunehmende Beliebigkeit des Ichs in der postmodernen Welt. Es behandelt die Frage nach dem Sein des modernen Menschen im Angesicht des Todes Gottes.

Das Problem

Hätten die Muslime das Buch verstehend gelesen, dann wäre es ihnen möglich gewesen, es auch für eigene missionarische Zwecke zu nutzen. Anscheinend war der Insult jedoch zu groß, um die proislamischen, proreligiösen Untertöne vernehmen zu können und zu begreifen, daß hier ein Suchender hätte vielleicht aufgefangen werden können.

Stattdessen arbeitete man sich an den „Beleidigungen“ ab. Derer gab es freilich mehrere. Da sind zuvörderst die sogenannten „Satanischen Verse“ – wie alles bei Rushdie hat dieser Begriff eine vielfache Bedeutung –, die auf eine koranische Episode zurückgehen. Demnach hat Mohammed – und die Historizität des Ereignisses wird allgemein anerkannt – seinen Anhängern die Anbetung dreier paganer vorislamischer weiblicher Gottheiten – Lat, Uzza, Manat – aus machtstrategischen Gründen und nach gabrielischer Offenbarung gestattet, diese Ordre später aber als vom Satan eingeflüsterte widerrufen (vgl: Sure 53 Vers 20ff.). Es gab demnach einen trinitarischen Moment im frühen Islam, von dem der tradierte Islam als strenger Monotheismus nichts wissen und auch nicht daran erinnert werden will.

Desweiteren ist die Namensgebung als solche provokativ, denn daß sich hinter Mahound Mohammed verbirgt, ist offensichtlich. Auch Mohammeds nächste Gefährten spielen eine oft unrühmliche Rolle und der Prophet selbst, so wird insinuiert (und es entspricht evtl. sogar der historischen Wahrheit), bekommt just jene Offenbarungen, die ihm in der jeweiligen politischen Situation am ehesten helfen.

Besonders anstößig mußten Muslime die berühmte Bordellszene empfinden. Dort nehmen die zwölf Huren des Freudenhauses in Jahilia (Mekkas Name in vorislamischer Zeit) die Namen der zwölf Frauen des Propheten an, um den Umsatz anzukurbeln. Die blasphemische erotische Vorstellung belebt tatsächlich das Geschäft ungemein. Rushdie wendet hier einen cleveren paradoxalen Psychotrick an, ein satirisches Grundmuster: Stelle dir jetzt keinen blauen Elefanten vor. Indem er den Huren die Namen der zwölf Frauen des Propheten gibt, zwingt er (muslimische) Leser, sich das Unvorstellbare vorzustellen: Die Vorstellung erhitzt die Gemüter vielleicht deswegen so stark, weil die eigene sexuelle Phantasie am Undenkbaren erregt wird.

Wenig Gegenliebe dürfte auch die Apostasie der Helden hervorgerufen haben, die laut Scharia die Todesstrafe zur Folge hat. So stopft sich Gibreel Farishta etwa besinnungslos mit Schweinefleisch, Speck und Schinken voll, nachdem ihm die Nichtexistenz Gottes aufgegangen ist.

Wie wenig das Buch in muslimischen Kreisen bekannt war, zeigt auch der Vortrag Ahmed Deedats. Wer den intellektuellen Zustand der islamischen Welt in weiten Kreisen begreifen will, der ist gut beraten, den weltberühmten islamischen Fernsehpredigern zu folgen, die eine immense Zuhörerschaft haben. Die graue Eminenz dieser Gilde war Ahmed Deedat; er verfaßte eine Schrift „How Rushdie fooled the West“, in der er das Werk zerstört zu haben meinte. Seine Hauptargumente zeugen vom kompletten Unverständnis für Literatur, vor ausverkauften Hallen tourte er um die Welt und zitierte unter tosendem Beifall „unerträgliche“ Schimpfwörter wie „shit“ oder Lautwörter und dergleichen. Ginge es danach, müßte die halbe Weltliteratur verboten werden, und fast die ganze restliche …

Die Fatwa

Lange vor Khomeinis Fatwa zeichneten sich Probleme mit dem Roman ab – sie müssen als Vorgeschichte verstanden werden.

Schon befreundete Lektoren warnten Rushdie vor möglichen Konsequenzen. Beim gerade eröffneten indischen Ableger des „Penguin“-Verlagshauses lehnt man die Übersetzung und Drucklegung ab. Indien steht vor einer entscheidenden Wahl und Rajiv Gandhi kann es nicht riskieren, die über 100 Millionen Muslime des Landes zu brüskieren. Zehn muslimische Länder folgen bald, in Südafrika gelingt es der muslimischen Minderheit, genügend Druck auszuüben.

Kaum ist das Buch in Großbritannien erschienen, gibt es in Leicester und Bradford – Städten mit großen muslimischen Gemeinden – Massenproteste. Es kommt zu Autodafès, Rushdie-Strohpuppen werden verbrannt. Ein lang angestauter Frust bricht sich Bahn. Wie überall wird auch hier das Buch instrumentalisiert. Gelesen hat es vermutlich kaum ein Demonstrant, die Forderungen, es zu verbieten, werden trotzdem mit aller Macht skandiert. Daraufhin ziehen erste Buchketten das Werk zurück. Die Verleihung des angesehenen Whitbread-Awards im November 1988 dürfte noch einmal Öl ins Feuer gegossen haben. Nun kommt es zu Massenprotesten und ersten Todesdrohungen – das Buch fungiert als Katalysator einer selbstbewußter werdenden muslimischen Kommune. In Pakistan gibt es derweil die ersten Toten.

Erst jetzt, im Februar 1989 schaltet sich der Iran ein. Das Ende des Iranisch-Irakischen Krieges liegt erst wenige Monate zurück und lebt in innenpolitischen Konflikten weiter, im Libanon werden britische Geiseln durch die schiitische Hisbollah gehalten, die Beziehungen zu Großbritannien sind jung und mächtig angespannt, als der Ayatollah die Fatwa, das Todesurteil gegen Rushdie und all jene, die an der Verbreitung des Buches beteiligt sind, ausspricht. Eine Geistliche Stiftung setzt eine Kopfprämie von 1 Mio. Dollar aus. Rushdie ist nun Freiwild. Die öffentliche Wirkung ist umfassend. Plötzlich steht fast die gesamte muslimische Sphäre in Flammen, Sunnis und Schiiten demonstrieren auf der ganzen Welt, Wut und Haß in unvorstellbarem Ausmaße werden gegenüber Rushdie, Großbritannien, den USA, der ganzen westlichen Welt vorgetragen und Israel sowieso. Flaggen brennen, Bücher brennen, Menschen brennen. Vereinzelte kritische Stimmen gehen in der Hysterie unter oder werden zum Verstummen gebracht. Der Westen reagiert geschockt und verschüchtert.

Wenige Tage darauf bietet der iranische Präsident Chameini dem Autor an, sich zu entschuldigen, was dieser umgehend und offensichtlich unter Schock stehend – er ist bereits unter Staatsschutz abgetaucht – auch tut. Aber erneut schaltet sich Khomeini ein, indem er die Entschuldigung zurückweist: „Es ist die Pflicht jedes Muslims, alles, was er hat, einzusetzen, sein Leben und seinen Reichtum, um Rushdie in die Hölle zu schicken.“
Nun zieht Großbritannien seinen erst seit wenigen Monaten in Teheran stationierten Botschafter zurück und bricht die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Der wiederum weitet die Fatwa auf mutige Journalisten aus. Die britische Regierung distanziert sich nun vom Buch, findet es „beleidigend“, entschuldigt sich bei den Muslimen und zieht sich auf die Meinungsfreiheit zurück. Die Geiselverhandlungen sind nun auf Eis und drohen mit der Katastrophe zu enden.

In Belgien wird das geistige Oberhaupt der muslimischen Gemeinde ermordet – er hatte sich gegen die Fatwa ausgesprochen. In England kommt es zu Straßenschlachten, Übersetzer und Herausgeber in anderen Ländern werden ermordet oder angegriffen …
Im Juni 1989 stirbt Khomeini. Niemand wagt die Fatwa aufzuheben, sie erhält damit Permanenz. Der iranische Präsident Rafsandschani bekräftigt stattdessen: „Was Ayatollah Khomeini sagte, war eine Vorschrift der Scharia und nicht seine persönliche Meinung. Es gibt niemanden im Iran, der diese Vorschrift zurücknehmen wollte oder könnte.“

Ein offensichtlich entnervter Rushdie gibt seine Konversion zum Islam bekannt, erfährt jedoch wenig Unterstützung. Selbst alte Freunde wenden sich von ihm ab. Wenig später wird er die Konversion als Fehler begreifen: „Ever since I made my compromise with the Muslim scholars I’ve been feeling sick, sick at heart and in my stomach. This isn’t me. … One of the mullahs I met with is on TV, vilifying homosexuals. One of the scholars I met with has written an article saying it is okay to slap your wife if she is disobedient. What have I done?“ …

Erst 1998 wird die Fatwa vom iranischen Staat aufgehoben. Wikipedia: „Im Februar 2016 meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars, dass vierzig staatliche iranische Medien zum Jahrestag der Fatwa das Kopfgeld für den Tod Rushdies um 600.000 Dollar – auf insgesamt mittlerweile fast 4 Million Dollar – erhöht hatten“.

Die Fragen

Man hätte sich die Ausführlichkeit sparen können, wenn das Thema nicht hochaktuell wäre. Es gibt erschreckende Parallelen zur sogenannten Mohammed-Krise, als 2005 verschiedene Karikaturen des Propheten in einer dänischen Zeitung zu weltweiten Hysterien führten. Seither wissen wir, daß der modus operandi sich jederzeit wiederholen oder, wie bei „Charlie Hebdo“, auch radikalisieren kann. Einerseits erweist sich die muslimische Welt, der „real existierende Islam“ (Rushdie), als konditionierbar und damit erpreßbar, andererseits beweist sie in weiten Teilen ihre Zivilisationsferne, sofern man Zivilisiertheit als Affektbeherrschung versteht. Einer weitestgehend buch- und buchstabengläubigen Kultur fällt es offenbar schwer, literarische und fiktionale Texte als solche zu entziffern, den Fiktionenvertrag, der am Anfang eines jeden Kunstwerkes als Selbstverständlichkeit steht, einzugehen.

Aber auch für den Westen steht viel auf dem Spiel. Er ist ebenso erpreßbar geworden. Die Angst sitzt den westlichen Ländern tief in den Knochen, eine Angst, die das höchste westliche Gut – die Meinungsfreiheit – immer öfter und oft auch im vorauseilenden Gehorsam – in Frage stellt. Verschwände das Recht auf die freie Meinungsäußerung, dann wäre das Projekt Aufklärung endgültig gescheitert und mit ihm jegliche Form der Demokratie. Würde heute – es wäre wichtiger denn je – noch jemand ein solches Buch wagen? Würde es einen Verlag finden? …

Beiden Seiten stehen schwere Lernaufgaben bevor. Der Westen muß vor allem seine Naivität und sein eklatantes Unwissen ablegen, die sich exemplarisch in Günter Grass‘ Brief an Rushdie aussprechen: „Jesus Christus liebte Provokationen; weshalb ich auch sicher bin, daß jener Mann namens Mohammed, der uns als Prophet überliefert ist, die Romane des Schriftstellers Salman Rushdie und insbesondere die Satanischen Verse mit Vergnügen gelesen hätte.“ Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns mit dem Islam allumfassend und affektfrei auseinandersetzen, denn nur nach dieser allumfassenden Auseinandersetzung wird es möglich sein, die freiheitliche Position zu verteidigen und die intrinsischen Schwierigkeiten dieser Religion zu begreifen und bewerten zu können.

Selbst gutgemeinte Verteidigungen wie die des serbischen Schriftstellers Dragan Velikic, der in den Satanischen Versen ein Buch sieht, „in dem kein vernünftiger Mensch eine Häresie finden kann“, müssen durchschaut werden, denn ob Häresie oder nicht: Es gilt, unser Recht auch auf Häresien zu verteidigen! Was, so muß man sich doch fragen, geht es meist illiterate Muslime in Pakistan an, ob Ex-Muslim Salman Rushdie in England ein Buch schreibt oder Nicht-Muslim Kurt Westergaard in Dänemark eine Karikatur zeichnet oder ob in China ein Sack Reis umfällt?

Dank der vielen Steine, die man Rushdie in den Weg legte, wurden die Satanischen Verse das, was sie verdienen: ein Best- und Longseller

Lesen Sie zum Thema auch: Comedy of errors – Parallelen zur Böhmermann-Affäre

Quellen:
Salman Rushdie: The Satanic Verses. London 1988
Carsten Colpe: Problem Islam. Frankfurt 1989
Peter Priskil: Salman Rushdie. Portrait eines Dichters. Freiburg 1990
„Redefreiheit ist das Leben“. Briefe an Salman Rushdie. München 1992

Comedy of errors – Böhmermann

A wretched soul, bruised with adversity,
We bid be quiet when we hear it cry;
But were we burdened with like weight of pain,
As much or more we should ourselves complain.                             (Shakespeare: The comedy of errors)

Deutschland leidet unter seinen Komödianten. Seit das Privatfernsehen in den 90er Jahren die aus Amerika herüberschwappende Comedy-Welle zu reiten versuchte, wurde aller Anspruch auf Niveau aufgegeben. Seither tummeln sich drittklassige Selbstentblödler tagtäglich in den Studios und überspielen Sinnleere mit eingespielten oder angeforderten Lachsalven. Die zweite Zuschauergeneration ist nun schon soweit konditioniert, daß man auch aus freien Stücken meint lachen zu müssen, sobald der Entertainer eine Sprechpause einlegt.

Seit seiner Stinkefinger-Nummer darf nun ein Männchen namens Böhmermann den Nationalclown spielen und er tut es vorsätzlich, indem er bewußt Grenzen der politischen Korrektheit ausweitet, allerdings nur dort, wo es auch politisch korrekt ist. Diesmal also hat er sich überhoben, weil er nicht mit der Humorlosigkeit eines Erdogan rechnete.

Ob sein Beitrag tatsächlich noch unter Satire fällt, steht zur Debatte. Die meisten Stimmen vernahmen nur sein Lied, das inhaltlich in der Tat an Plumpheit kaum zu überbieten ist, vergessen jedoch das Sicherheitsseil wahrzunehmen, den ironischen Rahmen, das bewußte Austesten der Satiregrenzen, das Spiel mit dem Gesetz. Das mag nicht lustig sein, ist aber immerhin noch intelligent. Die Frage, wie gelungen die Performance war, geht am Problem vorbei. Böhmermann ist nun zum Spielball, zur Marionette geworden, an der höhere politische Kräfte zerren. Daß es einem da schon mal übel werden kann und man Preisverleihungen, Interviews und Shows platzen läßt, ist nachzuvollziehen.

Böhmermanns Fehler ist jedoch nur ein kleiner. Wie in einer frühen Slapstick-Komödie tritt der türkische Präsident auf die Bananenschale und sorgt für den ersten großen Lacher.  Erst läßt er als Institution Strafantrag stellen, dann – nachdem er das Tohuwabohu in den deutschen Medien genüßlich zur Kenntnis genommen haben dürfte – erhöht er den Einsatz und stellt einen persönlichen Strafantrag hinterdrein. Daß er damit zur größten Lachnummer in Deutschland wird, kann ihm egal sein, die eigenen Landsleute, die sich am besten gleich mit angegriffen fühlen, stehen hinter ihm. Den Deutschen freilich, könnte das Lachen bald vergehen.

Doch noch haben wir die tragikomische Figur in dieser Comedy of errors nicht benannt: Angela Merkel. Aussitzen wäre so gerne einmal mehr ihre Option gewesen, besänftigen, abwiegeln, doch Erdogan ist ein Orkan, den man mit einem rituellen Kotau nicht zur Ruhe zwingen kann. Nun hat sich Merkel, die es nicht übers Herz brachte, das lächerliche Ansinnen mit starken Worten zu bedenken und die Einmischung in innere Angelegenheiten als solche zu benennen, sich zumindest postwendend in der Frage der Meinungs- und Kunstfreiheit hinter Meister B zu stellen – ganz egal, was sie von dessen Gedicht hält – nun hat sich Merkel also in eine loose-loose-Situation gebracht. Sie wird sich entweder vor Erdogan oder vor dem eigenen Volk entblößen müssen und einmal mehr wird sichtbar werden: Der Kaiser hat ja gar nichts an.

Könnte man es dabei bewenden lassen, dann wäre alles nicht schlimmer als ein verpfuschter Theaterabend. Die einfacheren Gemüter haben ein wenig gelacht und klopfen sich die Schenkel, die anspruchsvolleren streben zu ihrem Cabernet Sauvignon und genießen wenigstens den Rest des Abends. Leider erinnern die Vorgänge aber an tiefsitzende Schockereignisse: Salman Rushdie und Kurt Westergaard lassen grüßen.

Wird die Affäre nicht sensibel gelöst – wie, weiß noch kein Mensch – könnte es, wie im Karikaturenstreit, zu einem Satirestreit kommen. Die Ingredienzien sind alle da. Gerade haben aufgebrachte Türken in deutschen Städten für die Zugehörigkeit zu Deutschland – „Die Türken gehören zu Deutschland“ (wie der Islam, lautet das Unausgesprochene) – demonstriert, ohne daß im rot-weißen Fahnenmeer auch nur ein einziges gelbes oder schwarzes Fleckchen aufgetaucht wäre, und Erdogan weiß genau, daß ein einfaches Wort von ihm genügt, den Volkszorn – hier wie dort – zu entfachen. Schon muß Böhmermann – wie einst Rushdie, Westergaard, Wilders, Abdel-Samad … unter Polizeischutz gestellt werden. Die Volatilität und leichte Entflammbarkeit der Volksseelen östlich des Bosporus ist hinlänglich bekannt.

Unter diesen Vorzeichen wird endgültig deutlich, was Merkels zynischer Syriendeal wirklich wert ist und wie vor allem der Gedanke, diese Türkei könne Mitglied der EU werden, zu bewerten sei.

Die Frage, die sich die deutsche Gesellschaft endlich stellen muß, ist die Frage nach der Erpreßbarkeit. Was geht es einen ägyptischen Imam, einen Präsidenten oder Ayatollah, einen beliebigen Sittenwächter – er komme, woher er wolle, gewählt oder selbsternannt –, an, ob ein dänischer Zeichner eine Bombe in einen Turban malt, ob ein deutscher „Comedian“ „Ziegenficker“ sagt, ob eine literarische Gestalt einen feuchten Mohammed-Traum hat oder ob ganz einfach ein Irrer eine Koranseite den Klärwerkfischchen zum Fraße gibt? Solche Dinge wird man durch Verbote nicht aus den Köpfen bringen, im Gegenteil, es handelt sich um eine Eskalationslogik. So lange religiös oder weltanschaulich motivierte Sittenwächter dergestalt reagieren, solange sind derartige Provokationen notwendig. Geschmacklos mag das alles sein, aber Geschmack setzt sich als gesellschaftliche Norm durch und nicht per Gesetz. Jede Weisheitslehre kennt den Gedanken, auch die islamische Mystik: Wer provoziert wird, hat sich provozieren lassen!

Erst wenn es medial nicht mehr goutiert wird – und zwar nicht aufgrund von Zensur, sondern aufgrund von Belanglosigkeit und von Resonanzlosigkeit –, erst dann werden diese Geschmacklosigkeiten verschwinden – nicht an sich, hoffentlich, sondern in der breiten öffentlichen Wahrnehmung.

Lesen Sie zum Thema: Die Satanischen Verse

und: Merkel-Böhmermann – absurd und paradox

West Ham

Londoner Impressionen

Der 33. Spieltag der Premier League-Saison 2015/16 wird als Ereignis in die englische Fußballgeschichte eingehen. Leicester City, die Mannschaft mit der schlechtesten Paßquote dürfte mit seinem Auswärtssieg in Sunderland die Meisterschaft endgültig gesichert haben. Mit einem Spielergesamtwert von gerade einmal 127 Millionen Euro – Manchester City, Chelsea, Arsenal und ManUnited haben jeweils das Vier- bis Fünffache – hat der Aufsteigerclub die Liga förmlich überrannt und alle Fußballphilosophie über den Haufen geworfen. Trotz notorischen Mangels an Ballbesitz – oft weniger als 30% – ist es keiner einzigen Mannschaft gelungen, gegen die überfallartigen Konterangriffe mit aus der Verteidigung herausgeschlagenen langen Bällen, die jede noch so ausgeklügelte Abwehrorgansiation ad absurdum führt, ein Mittel zu finden. In der Spitze lauern pfeilschnelle und rotzfreche Angreifer, die hohen Bälle eiskalt zu verwerten. Sage und schreibe ganze drei Spiele hat Leicester bis dato verloren …

Die Quoten bei den Bookies für die Meisterschaft sollen bis zu 1:5000 gelautet haben – einige die-hard-Leicester-Fans und Spaßvögel, die 10 oder 100 Pfund gesetzt hatten und die bis zuletzt die Nerven behielten und den panischen Rückkaufangeboten standgehalten haben, dürfen sich freuen. (Mein Tipp für das nächste Jahr: Leicester steigt ab.) Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Auch für West Ham United war der 33. Spieltag geschichtsträchtig. Zum letzten Mal hat es ein London-Derby im altehrwürdigen Upton Park gegeben. Damit setzt sich ein Trend fort: alte, traditionsreiche Stadien werden neuen und moderneren Spielstätten geopfert, um noch mehr Zuschauer anzulocken. Die wirtschaftliche Entwicklung der Premier League, die Attraktion des englischen Fußballs, kennt im Zuge der Globalisierung noch lange keine Grenzen. Meist geht der Stadiontausch jedoch mit einem Verlust an Atmosphäre einher und nicht wenige alte Fans gehen verloren. Auch das ist eine Frage der Identität. Sowohl Arsenal (Highbury Emirates Stadium) als auch Manchester City (Maine RoadEtihad Stadium) haben diese Erfahrung bereits gemacht, Tottenham und Chelsea ziehen demnächst nach. Einst repräsentierten die Fußballclubs die jeweilige Stadt oder das Stadtviertel, Fußballspiele waren Revierkämpfe, besonders dann hart umkämpft, wenn große Klubs gemeinsame Reviere teilten (West Ham – Millwall, Arsenal – Tottenham, Chelsea – Fulham etc.), heute pilgern die Zuschauer aus aller Welt in die Fußballkathedralen.

Blowing Bubbles

Blowing Bubbles at Upton Park: West Ham – ManCity 2015

Nun also auch West Ham. Nach Ende der Saison zieht man ins neue Olympiastadion um. Damit meint man, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Nach der Olympiade 2012 stand die Immobilie leer und drohte eine Investruine zu werden. Die Stadt London zeigte großes Interesse und Engagement, dies zu verhindern. West Ham kann dann fast 20 000 Tickets mehr verkaufen. Der fußballerische Aufstieg der letzten Jahre und Monate unter dem neuen Trainer Slaven Bilic scheint weiterzugehen – vielleicht gelingt es The Hammers tatsächlich, sich dauerhaft mit den Magnatenklubs zu messen.

Ein weiterer Grund dürfte eine Rolle gespielt haben. Er wird sichtbar, wenn man den Upton Park besucht. Ich war im letzten Jahr Zuschauer bei der Partie gegen Manchester City und erlebte einige surreale Szenen. Das Stadion liegt inmitten eines ausgedehnten Wohnviertels mit den typisch englischen Einzel- oder Terrassenhäusern. Hier lebte einst das englische Proletariat, hier wurde Cockney gesprochen. Im Süden des Borough of Newham liegen die Londoner Docks: Industriearbeiter, Dockarbeiter, kleine Angestellte besiedelten diesen Stadtteil, der schon immer ein „tough ground“ war. Am Wochenende pilgerten sie in die Stadien.

Heute sind die Straßen um den Upton Park fest in pakistanischer Hand. Kaum noch 40% Weiße besiedeln die Viertel, in Teilen Newhams sind „ethnische Minderheiten“ längst die Mehrheit. Upton Park wirkt wie ein Marsraumschiff in dieser Gegend. Die muslimische Bevölkerung kann mit dem Klub kaum etwas anfangen, das traditionelle Publikum ist längst der Ghettoisierung gewichen. Eine endlose Schlange weißer Männer und Frauen zieht sich von der U-Bahn-Station hin zum Stadion, am Rand stehen Männer mit weißen Kaftanen, langen Bärten und Badelatschen. Selbst die Polizei kennt kaum noch englische Physiognomien. Ein riesiger asiatischer Markt bietet von exotischen Früchten über Halal-Fleisch bis zu muslimischen Friseuren eine vollkommen autarke Welt. Gäbe es den vierzehntägigen Lindwurm an singenden Fans nicht, die neupakistanische Idylle wäre fast perfekt. Bald ist es soweit.

London Baker Street 2016

London Baker Street 2016

 siehe auch: Die große Fußballmetapher

Geburtsdeutsch und Wahldeutsch

Khaleds Heiratspläne gehen mir nicht aus dem Kopf. Als Geburtsdeutscher beginnt das Hirn sofort Zukunft zu entwerfen. Ich frage ihn, ob er auch standesamtlich heiraten wolle und er bejaht. Kann er das als syrischer Staatsbürger überhaupt?

Nun fange ich zu prophezeien an: Wenn ihr nach deutschem Recht verheiratet seid, dann ist deine Frau dir gleichgestellt. Das bedeutet, daß sie sich auch scheiden lassen kann, daß sie arbeiten gehen kann, daß sie alles tun und lassen kann, was auch du tun und lassen kannst. – Ist in Syrien auch so, bekomme ich als Antwort.

Und wenn ihr Kinder bekommt, dann werden die in eine deutsche Schule gehen, sie werden die deutsche Sprache quasi als Muttersprache sprechen, sie werden mit europäischen Werten aufwachsen, sie werden vielleicht sogar an deinem Glauben zweifeln. Vor allem wird es Konflikte in der Familie geben, denn sie werden Rechte beanspruchen, von denen du jetzt noch nicht mal weißt, daß es sie gibt. Deine Kinder werden dir manchmal fremd sein und du ihnen. Sie werden vermutlich keine Syrer sein und es vielleicht auch schwer haben, sich als Deutsche zu fühlen. Vielleicht wird ihnen Syrien, das dir so viel bedeutet, gar nichts mehr bedeuten, vielleicht werden sie es sogar verachten, vielleicht aber auch umso mehr lieben. Es wird auf jeden nicht einfach werden …

Khaled lacht die ganze Zeit, findet das eher lustig und wischt dann alles mit einer Handbewegung weg: „So Allah will.“

Neue Hochzeit im globalen Dorf

Es gibt Neuigkeiten! Khaled will heiraten! (Nicht mit Mohammed verwechseln!)

Heiraten? Wie das denn?

Er hat eine Frau gefunden, will sich nächste Woche verloben, fragt, was Ringe in Deutschland kosten. Ich sage: Von 20 bis 20 000 Euro.

Und wer ist die Glückliche? – Eine junge Frau aus Daraa, Khaleds Heimatstadt. – Und wo hast du sie kennengelernt? – Über Facebook. Das soll ja kein Einzelfall sein.

Genau genommen kannte Khaled sie schon, zumindest vom Sehen. Man ist sich in früheren Zeiten im syrischen Dorf schon mal über den Weg gelaufen, hat sich gegrüßt. Jetzt hat er sie auf Facebook wiedergetroffen. Sie lebt seit sechs Monaten in Ellwangen, Baden Württemberg, zusammen mit einigen Geschwistern und der Mutter. In zwei oder drei Gruppen kam die Familie in Deutschland an, einige hat es an andere Orte verschlagen.

Sie haben sich also Mails geschrieben und nach zwei Wochen fragt Khaled, der seit einem Monat ganz allein in der Wohnung ist, ob sie ihn heiraten wolle. Sie komme aus einer respektablen Familie, erzählt er, und habe in Damaskus Geschichte studiert. Letzte Woche war er in Ellwangen – sie scheinen sich sympathisch zu sein. Das reicht offenbar für eine Heirat.

Auch ein Bild hat er, aus einer Lokalzeitung. Da sitzt sie, im bunten Kopftuch, neben anderen Frauen und lernt „Weintrauben“ bei einer regional bekannten Helferin.

Photo: © Möckel/Schwäbische.de

Photo: © Möckel/Schwäbische.de

Trotzdem, so richtig verstehe ich das nicht. Ein paar Mails und schon heiraten? Offensichtlich funktioniert das anders als bei uns: Hier liebt man sich und wagt dann vielleicht die Ehe, dort ehelicht man und hofft dann auf die Liebe.

Hussain erklärt, wie das „funktioniert“. Es liege an den unterschiedlichen Funktionen der Geschlechter. Die Frau bekommt nun mal die Kinder und sorgt sich um sie und der Mann verdient das Geld und beschützt die Familie. Wenn beide das jeweilige können … Klingt ganz einfach, irgendwie nach common sense – als Syrer darf er das (noch) sagen.

Bizarrer Seid-Effekt

Seit ich versuche ein wenig Arabisch zu lernen – was mir wohl nie gelingen wird – sehe ich überall arabische Buchstaben: an der Spritztapete, im Straßenschlamm, in den Wolken, an der gläsernen Duschwand, im dürren Baumgeäst. Plötzlich erscheint ein Lem ﻞ‎ oder ein Schin ﺶ‎ oder ein Kaf ﻚ‎, ein Mim ﻢ vor meinen Augen.

Muß man sich schon Sorgen machen? Oder sind das erste Offenbarungen des Allmächtigen? So, stay tuned!

Antikes im Neuen

Weimarer Impressionen

Kurz vor der Abfahrt schnell noch den kleinen Antikladen besucht. Ein älterer Herr sitzt im barocken Lehnstuhl in der Ecke, Anzug mit Fliege und Einstecktuch, und begrüßt uns mit den Worten: „Womit kann ich Sie glücklich machen?“ Eine große Frage, die mich zumindest vorerst lähmt. Ich lausche dem Wortgeplänkel der anderen, schaue mir derweilen die Goethe-Devotionalien an.

Ein schöner gerahmter Stich – dafür würde sich zu Hause sicher noch ein Platz finden. „Was kostet der?“, lautet mein Einstieg ins Gespräch. Behäbig nimmt er das Bildchen von der Wand und schaut auf die Rückseite. Dort steht eine astronomische Zahl, die er durch vier teilt. Es ist noch immer das 15-fache meiner Schmerzgrenze. „Ich überlege es mir“. „Aber was wollen Sie mit so einem Goethe?“, fragt er mich. „Nehmen Sie besser den hier. So sah Goethe aus, fett, satt, ein Schwerenöter, Schürzenjäger und Schlaumeier.“ – „Man kann aus Goethe alles machen“, erwidere ich, „und ich bevorzuge lieber die Illusion.“

Und so kommen wir ins Gespräch. Der Mann hat sich auf Spazierstöcke spezialisiert und betreibt das kleine Krawattengeschäft gegenüber noch dazu. Tritt drüben jemand ein, dann wechselt er das Geschäft über den Hof. Während der nächsten 60 Minuten betritt weder hüben noch drüben ein Kunde den Laden. Er sei einer der letzten acht überlebenden Antikhändler in der Stadt. Der neunte wurde gerade zu Grabe getragen. Keiner seiner Kollegen lebe davon, man müsse es sich schon leisten können. …

Da ist die Politik nicht weit. Er sieht die Einwanderung als große und einzige Chance. Wir fragen nach. Ich erzähle von meinen Deutschstunden. Als ich von den Syrern spreche, unterbricht er: „Die sind alle mindestens dreisprachig, nicht wahr?“

Alles ginge ja den Bach runter in Deutschland und jetzt sei die Chance, uns zu verjüngen, frisches Blut und neue Gedanken. Und wie viele von den Neubürgern werden seine Krawatten kaufen oder diesen Antik-Laden beleben? Er will flexibel bleiben. Den Antik-Laden gebe er sowieso bald auf. Ein Käufer in Schanghai würde den gesamten Bestand übernehmen. In China ist deutsche Kulturgeschichte gefragt. Aber in Seide wolle er weiter machen, und wenn keine Krawatten für distinguierte Männer, dann eben Shawls für muslimische Frauen.