Bis das Ergebnis stimmt

So also geht Demokratie nach linkem Verständnis – ich nehme mir die Freiheit, die Ereignisse in Greifswald zu verallgemeinern. Dort hat man lange und intensiv um den Namenspatron der Universität gerungen. Man wollte Ernst Moritz Arndt nicht mehr. Man, das ist in diesem Falle nicht „keiner“, wie Heidegger meinte – zum ersten Mal wird er von links „widerlegt“ –, sondern das sind die Meinungsmacher, die „Institutionen“, die Gremien, die Ausschüsse  …, die so lange tagen und wieder tagen, bis das einzig akzeptable Ergebnis auch gegen den demokratischen Mehrheitswillen durchgesetzt ist. Und da behält Heidegger doch wieder recht: „Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.“[1] – Man macht das eben.

Mündigkeit wurde, wie Robert Spaemann aufzeigte, im Zuge der Durchsetzung der Frankfurter Schule, zum teleologischen Prozeßbegriff und emanzipatorischen Erziehungsideal, das, wie eine Utopie, nie erreicht, aber ständig durchgesetzt werden muß.

In diesem Falle hat „man“ nun also doch die Universität ihres historischen Namens beraubt, wenn auch nicht ganz. „Die Universität Greifswald hat den Schriftsteller und Freiheitskämpfer Ernst Moritz Arndt aus ihrem Namen getilgt. An diesem Freitag tritt die neue Grundordnung in Kraft, nach der die Hochschule künftig nur noch Universität Greifswald heißt.“ Der Demokratie wird freilich dennoch Rechnung getragen, indem „man“ gestattet, „den Namen ‚optional‘, etwa für Abschlußdokumente“ zu erhalten. Wir können uns denken, wie „man“ den Dozenten X von der Seite beäugen wird, der sich wagt, den Namen Arndts auf seine Dokumente zu stempeln.

Aus diesem Anlaß stelle ich noch einmal meinen Artikel „Ernst nehmen“ vom Januar 2017 ein – er scheint noch gültig zu sein, mehr denn je!

[1] Sein und Zeit § 27

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Es sind oft die unwesentlich scheinenden Kleinigkeiten, die uns über den Ernst der Lage in Deutschland informieren. Etwa die Meldung, daß die „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ in Greifswald nun nicht mehr so heißen möchte – was natürlich nicht stimmt, denn nur eine Mehrheit des Senats hat darüber entschieden. In einem langjährigen Prozeß, der uns gleich als „demokratisch“ verkauft wird und also zu akzeptieren sei – oder wollen Sie als undemokratisch gelten? –, hat man es sich nicht leicht gemacht.

Hakt man nach, entdeckt man ein seltsames Demokratieverständnis! So hatte es bereits vor sechs Jahren einen demokratischen Prozeß gegeben, in dessen Ergebnis sowohl die Studentenschaft als auch der Senat sich für den Namensgeber entschieden.

Nun, das hat den linken Flügel der Demokratiestreiter vermutlich so lange gewurmt, bis man mutmaßlich durch Bearbeitung oder Auswechselung des Personals schließlich zur wirklich „demokratischen“ Sicht gelangte und endlich eine Senatsmehrheit hatte – Stadt und renitente Studenten wurden offenbar nicht mehr zu Rate gezogen.

Nach ähnlichem „demokratischem“ Procedere kam jene düstere Kraft in Deutschland legitim an die Macht, die uns ein  – man möchte fast sagen „hingeschissenes“ – Erbe hinterließ, das wie ein Prisma alle Wahrnehmung der „Vorgeschichte“ umbiegt und dem nun auch Ernst Moritz Arndt in Greifswald zum Opfer gefallen ist.

Aber wer war nun dieser Arndt? Kaum jemand kennt den Protodemokraten, preußischen Reformator, Schriftsteller und Historiker noch und auch ich muß bei Wikipedia nachschlagen, um versunkenes Geschichtswissen aufzufrischen. Allein dieser Wikipedia-Artikel ist ein Idealbeispiel für den prismatischen Geschichtsblick, betont und überbetont er doch das „Problematische“ – Arndts „Antisemitismus“ und „Nationalismus“ – und verringert, allein anteilsmäßig, seine Verdienste und seine positive Bedeutung. Man muß kein Arndt-Experte sein, um das zu sehen.

Klar, man erschrickt ein wenig, wenn man heute – also nach dem historischen Brennglas 33/45 – liest: „Die Deutschen sind nicht durch fremde Völker verbastardet, sie sind keine Mischlinge geworden, sie sind mehr als viele andere Völker in ihrer angeborenen Reinheit geblieben und haben sich aus dieser Reinheit ihrer Art und Natur nach den stetigen Gesetzen der Zeit langsam und still entwickeln können“ (was mit den heutigen „verbastardeten“ Deutschen freilich nichts mehr zu tun hat).

Oder: „Wenn ich sage, ich hasse den französischen Leichtsinn, ich verschmähe die französische Zierlichkeit, mir mißfällt die französische Geschwätzigkeit und Flatterhaftigkeit, so spreche ich vielleicht einen Mangel aus, aber einen Mangel, der mir mit meinem ganzen Volke gemein ist.“

Dieser Aussage stimme ich übrigens vorbehaltlos zu – mir liegen die Italiener und Skandinavier auch mehr als die Franzosen in ihrer Art –, aber ich würde nicht von Haß sprechen, weil es keiner ist, sondern nur eine erfahrungsbasierte Präferenz.

Doch wäre mir immerhin bewußt, daß das Wort „Haß“ in den letzten 200 Jahren einen Deutungswandel hinter sich hat, zudem facettenreich ist, und was heute drastisch klingt, dürfte bei Arndt bedeutet haben: „Ich mag sie nicht“ – ein Gefühl im Übrigen, dem man sich als Deutscher fast weltweit immer wieder ausgesetzt sieht, und das aus vier Gründen: 1. jene 12-jährige Geschichtsepoche, 2. ihr verkrampfter und verschämter Umgang damit 3. die „typisch deutsche Arroganz“, immer besser sein zu wollen oder zu sein und damit die Welt – wenn nicht aggressiv, so doch passiv-aggressiv  oder durch organisierte Unterwürfigkeit und falsch verstandene Demut, also gewissensbelastend – 4. beherrschen zu wollen.

Zurück zum Ernst der Lage. Derartige Äußerungen gibt es also und auch nicht wenige. Daß freilich ein Mann, der sein Leben lang aktiv gegen die Franzosen kämpfen mußte, das unmittelbare Leid der napoleonischen – Napoleon, der in Frankreich übrigens ein zwar umstrittener, aber doch ein Held ist – Kriege und Okkupation erlebt hat, einen gewissen „Haß“ gegen jene hegte und hegen durfte, wird unterschlagen. Diesen „Haß“ durch das historische Prisma, das alle Spektralfarben der geschichtlichen Vielfalt und Deutung in einen weißen, grellen, „antifaschistischen“ Strahl bündelt, diesen „Haß“ ausschließlich durch jenes Prisma  sehen zu wollen, ist falsch und dumm dazu.

Und so auch  mit dem sogenannten „Antisemitismus“ Arndts. Was er hier beschreibt, sind die gängigen Vorurteile seiner Zeit, die die gesamte Literatur, die gesamte Geisteswelt als Grundkonstante durchziehen, die einerseits dem damaligen Stand der Aufklärung und die andererseits auch der tatsächlichen Erfahrung entsprachen.  Das haben nicht zuletzt die intellektuellen Köpfe des zeitgleichen Judentums, wie Moses Mendelssohn oder Meȉr Aaron Goldschmidt[1], selbst so gesehen, das wurde auch später immer wieder aufgearbeitet, etwa durch Arnold Zweig[2]; und trotzdem führten sie den wichtigen Kampf gegen diese Vorurteile – mit langsamem, aber auch lang anhaltendem Erfolg.

Die Vertreter der Politischen Korrektheit, die nun auch den historischen Raum mit eisernem Besen auskehren wollen, gehen einmal mehr von einem irrsinnigen Ideal aus: dem perfekten Menschen. Aber den gibt es nicht. Auch die linken Ahnherren der Epoche waren „Antisemiten“: Marx war „Antisemit“ (als Jude), Engels war „Antisemit“ und antislawischer Rassist – man lese nur den Briefwechsel der beiden –, und Lenin war es auch … Shakespeare schuf den Shylock und Luther gehört sowieso vergessen, aber auch Schiller notierte in den „Räubern“: „Warum sollte der Teufel so jüdisch zu Werke gehen?“ und Muslim Goethe dichtet im Nationalepos[3]: „Der Jude wird mich nicht verschonen,/ Der schafft Antizipationen,/ Die speisen Jahr um Jahr voraus./ Die Schweine kommen nicht zu Fette,/ Verpfändet ist der Pfühl im Bette,/ Und auf den Tisch kommt vorgegessen Brot.“[4] Ja selbst Paradeaufklärer Kant und sogar der achsotolerante Lessing waren nicht frei davon…

Mit dem Fallbeil des Antisemitismus kann man die ganze deutsche Geschichte enthaupten – und die französische, die russische, die englische … ja die gesamte europäische dazu und wahrscheinlich sogar die jüdische.

Zurück nach Greifswald, wo man Arndt, der an der Uni selbst studierte und lehrte, als unerwünscht erklärt, wo aber der Hamburger Stalinist und Antisemit Thälmann Namensgeber der Ringstraße ist. Mancher glaubt an linke Verschwörungen, wenn er so etwas liest. Mir scheint, die Prozesse sind weniger bewußt gemacht als geworden. Sie sind das logische Produkt jahrzehntelanger Hegemonie an Schulen, Hochschulen und in den Medien. Es werden politisch korrekte und leider oft farblose oder charakterlich fragwürdige, es werden „letzte Menschen“ herangezüchtet, die in vorgegebenen Bahnen denken, auf Knopfdruck „kritisch“ sind und schleichend – ohne daß sie sich dessen möglicherweise bewußt sind – das gesellschaftliche Klima ändern.

Es hat sich letztlich das „Narrativ“ György Lukács‘ – selbst noch ein Charakter – durchgesetzt, der in den 50er Jahren das maßgebliche Buch „Die Zerstörung der Vernunft“ geschrieben hatte und darin eine Verantwortungslinie entwarf, die direkt „von Schelling bis Hitler“, eigentlich aber von Luther bis Hitler führte, eine unmittelbare Belastung jener prähitlerischen Autoren konstruierte und seither das Studium dieser (und anderer) Denker vergiftet: Nietzsche und Heidegger als die bekanntesten Köpfe, aber für Lukács war es auch kein Problem, Ludwig Klages und Ernst Jünger etwa mit Alfred Rosenberg in einem Kapitel unterzubringen. Eine stalinistische oder maoistische Entelechie  blieb selbstredend außerhalb seines Gesichtskreises.

Kaum jemand hat das Buch gelesen und wer es gelesen hat, hat sich meist davon distanziert – subkutan hat es (und andere Arbeiten dieser Richtung) aber sein Gift langsam entlassen, im Zuge der 68er Revolution wurde das Gift schon rezeptfrei verteilt, durch Habermas und Schülerschaft dann philosophisch begründet, zum Herrschaftsdiskurs erhoben und mit der PC kann es nun jeder tintenspritzende Scharlatan als Wundermittel frei verschreiben.

Das zeigt uns die Trägheit der historischen Prozesse und sollte uns auf zweierlei vorbereiten: Sofern es keinen historischen Totalabbruch gibt, wird es Jahrzehnte dauern, den historischen Körper wieder zu entgiften. Aber gleichzeitig gilt es, aufmerksam zu sein, ob nicht schon längst ein neues Gift dabei ist, seine schleichende Wirkung zu entfalten.

Die Losung des Tages aber muß lauten: Wehret den Anfängen und Fortschritten der historischen Entwurzelung, die das deutsche Volk und erst recht die Bevölkerung zu einer geschichts- und identitätslosen Verfügungsmasse macht.

Denn: Geschichtslosigkeit ist Gesichtslosigkeit!

7.3.2017: Neue Entwicklung – Greifswalder Uni heißt weiter nach Arndt, wenn auch aus den falschen Gründen
[1] En Jøde. (1845)
[2] z. B. in „Caliban oder Politik und Leidenschaft. Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften dargetan am Antisemitismus“ oder „“Bilanz der deutschen Judenheit“ oder „Das ostjüdische Antlitz“ u.a.
[3] Faust, Der Tragödie zweiter Teil, 3. Kapitel
[4] Vgl.: Norbert Oellers: Goethe und Schiller in ihrem Verhältnis zum Judentum. In: Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum ersten Weltkrieg. Tübingen 1988. S. 108-131
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