Vogelschiß und Pferdeapfel

Muß man sich zu Gaulands Worten positionieren? Man sollte es zumindest, weil wir eine neue Situation haben. Zum ersten Mal ist sich auch die konservative Presse einig: „Das geht gar nicht!“

Junge Freiheit, Tichys, Achse des Guten, Cicero, ja selbst Philosophia Perennis reihen sich in die Entrüstung ein und die Chefs nahmen teilweise selbst die Feder in die Hand.

Aber alle, trotz verschiedener Argumentationsmuster, fallen auf das von der Empörungspresse vorgegebene Narrativ rein und verstehen den Satz vom Vogelschiß nicht, hören ihn nicht, formulieren ihn a priori im Kopf um.

Gauland sagt nicht – auch wenn das überall insinuiert wird: „Der Holocaust ist ein Vogelschiß“ oder „Der 2. WK ist ein Vogelschiß“ und dergleichen Verbrechen mehr. Gauland sagt: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiß in über tausend Jahren deutscher Geschichte.“

Das läßt sich, wenn ich nicht irre, in zwei Lesarten dechiffrieren. Hitler und die Nazis waren beschissen oder genauer: waren Scheiße … was sich wiederum doppelt lesen läßt: sie waren schlecht als solche oder sie waren jene. Die zweite Interpretation – das „nur“ – spielt auf die Dauer ab, auf die 12 von 1000, auf die 1,2 Prozent. Ein Wimpernschlag der Geschichte, um es etwas feiner auszudrücken.

In beiden Fällen hat Gauland in der Sache recht – wobei mir die Scheiße-Frage nicht nur ästhetisch nicht gefällt, sondern auch aus humanen Gründen nicht, denn kein Mensch ist Scheiße oder sollte als solche betrachtet werden – was das Urteil über seine Taten nicht beeinträchtigt.

Was der Ausdruck – den ich im ersten Moment ganz originell fand, fast lustig, um vollkommen offen zu sein, denn er löst auf nahezu humoristische Weise eine lange und tiefe Anspannung –, was der Ausdruck also unterschlägt oder doch ausklammert, ist die historische Bedeutung dieses Wimpernschlages oder, von mir aus auch Vogelschisses. Kurze historische Momente können unendlich schwer wiegen und lange Passagen fast unbemerkt vorübergehen …

Immerhin darf man dem Historiker Gauland zugutehalten, die geschichtliche Bedeutung in seiner Herleitung durchaus betont zu haben: „Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre.“ Daran ist nun wenig Mißverständliches.

Politisch, taktisch ist die Pointe freilich eine Katastrophe für die Partei. Gauland ist im Moment ihr wertvollstes Pferd im Stall. Sollte sie es verlieren, dürften die Aussichten für einen baldigen Derby-Sieg dramatisch sinken. Er ist nicht nur der einzige wirkliche Profi, er ist eine Persönlichkeit. Wenn er sich selbst zum Pferdeapfel macht, fügt er der Partei immensen Schaden zu. Hier hat ihn seine Professionalität für einen Moment verlassen. Ein klein wenig taktische Intelligenz hätte geholfen und das Sich-Vergegenwärtigen der alten Politikregel: Wer zuerst Hitler sagt, hat die Arschkarte gezogen. Diese Regel des Politspiels ist echt scheiße, aber es ist noch immer eine eherne Regel.

Was aber am Grunde der ganzen Problematik liegt, offenbart vielleicht jene Frage, die ich – ein gewisses Vertrauen vorausgesetzt – meinen ausländischen Freunden regelmäßig stelle und die mich als Deutschen seit eh und je umtreibt. „Was meinst du: Konnte der Holocaust, also die systematische Vernichtung der Juden nach voll durchbürokratisierter, geplanter, perfektionierter, mit technischer Akkuratesse durchgeführter Methode – das allein macht ihn ja historisch unvergleichbar; setzt man hingegen Opferzahl und Bevölkerungszahl ins Verhältnis, dann nehmen die 12 Jahre „nur“ Platz neun in der Weltgeschichte des Grauens ein[1] –, konnten das nur die Deutschen vollbringen? Liegt es also in unserem Wesen?“

Die bejahende Antwort kann nicht ohne den Begriff des Volkes oder einer Äquivalenz auskommen – es muß dann etwas typisch  Deutsches geben, das auch nur uns zugeschrieben werden kann, und dann stünden wir tatsächlich über dieses Wesen, sofern es noch lebt, in einer Art historischem Zusammenhang mit diesem Urverbrechen.

Ist die Antwort allerdings negativ, skeptisch, geht sie vielleicht sogar eher von einem verallgemeinerbaren „Technischen“ oder „Modernen“ oder gar „(Un)Menschlichen“ aus, von einer aus der Technik sich ergebenden „Fabrikation von Leichen“[2], wie Heidegger es nannte und mit der Wasserstoffbombe oder „der motorisierten Ernährungsindustrie“ verglich („im Wesen das Selbe“), dann wäre die Frage nach der spezifischen Schuld der Deutschen obsolet, dann könnte man frei nach Sartre sagen[3]: „Der Nationalsozialismus ist ein Humanismus“, dann wäre die Singularität eher dem Utopismus anzurechnen – vielleicht kein Zufall, daß die stalinistische Parallelteleologie mit ihren bescheideneren Mitteln auf „schmutzige“ Art und Weise noch deutlich mehr Opfer produzierte –, dann müßten Franzosen und Engländer und Russen, von Japanern und Chinesen ganz zu schweigen, und vielleicht sogar friedliche Ureinwohner irgendeines Waldes oder einer Insel – falls es das gibt – ebenso die „Schuld“, die wesenhaft menschliche, tragen.

Darauf hat mir noch niemand antworten wollen. Nutzen wir Gaulands Sprach- oder Geschichtslapsus als Denkanstoß!

[1] Wie Steven Pinker in seinem bahnbrechenden Werk „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“, S. 298 aufzeigt.
[2] Nachzulesen im Bremer Vortrag „Einblick in das was ist“ von 1949 in: GA 79
[3] Jean-Paul Sartre: Der Existentialismus ist ein Humanismus. 1946

10 Gedanken zu “Vogelschiß und Pferdeapfel

  1. Venator schreibt:

    Es gibt wohl noch eine dritte Lesart, die mir den Kern des von Gauland Gesagten am ehesten zu treffen scheint. Nämlich die, dass, weil das Böse minderwert ist gegenüber dem Guten, die Untaten einer Gesellschaft immer minderwert sind gegenüber ihren Großtaten, und ihre Schande minderwert gegenüber ihrem Ruhm.

    So wichtig der Nationalsozialismus als geschichtliche, deutsche, europäische und menschliche Erscheinung auch ist, und so sehr sich die Beschäftigung mit ihm auch lohnt, so verblasst er dennoch angesichts dessen, was gut und schön war in der deutschen, der europäischen und der Menschheitsgeschichte. Genauso, wie der Vogelschiss weniger wert und würdig ist als der Gesang des Vogels, und wir den Vogel eher im Lichte seines Gesangs als in dem seiner Ausscheidungen betrachten und würdigen sollten – obwohl wiederum, auf andere Weise, die Ausscheidungen keineswegs unwichtig sind für das Wesen des Vogels und das Studium des Biologen sehr verdienen.

    Der Kommunismus Lenins scheint mir ein Vogelschiss gegenüber dem Sieg der Russen über Napoleon, und der Kongo-Freistaat ebenso einer gegenüber der Malerei Brueghels.

    Dass eine Religion auch ihren Satan vor seiner Verharmlosung mit Blasphemieverboten schützen will, steht auf einem andern Blatt.

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    • Also Autobahn statt Auschwitz?
      Also ar-Rahim statt Aischa?
      Also Algabal statt Nero?

      Klingt ganz gut, was Sie vorbringen, aber weder läßt sich die Prämisse halten, noch stimmen die Vergleiche – Sie scheinen mir die Bedeutungsvielfalt des Begriffes „Wert“ nicht zu würdigen. Letztlich endet das in einem Metaphernspiel ohne reale Verankerung. Jeden Tag fallen tausende Tonnen Vogelschiß zur Erde, aber nur der eine, der vor laufender Kamera auf Trumps Toupet fällt oder die Starkstromleitung kurzschließt, ist (für uns) relevant und andererseits kann die Summe aus vielen Belanglosigkeiten eine dicke Guano-Schicht sein.

      Holbein und Hitler kann man nicht vergleichen – nur als Maler. Ich enthalte mich da …
      ———————————————-
      Nein, der NS bleibt eine historische einmalige Zeit, ein partieller Zivilisationabbruch; das intensive Beschäftigen und auch das Eindenken, das Einfühlen und Mitfühlen sind eine sehr wichtige und notwendige Arbeit, die jeder intelligente Mensch an sich zu leisten hat. Um so mehr, als das historische Ereignis nur sehr kurz zurückliegt und in die heutige Zeit auch biographisch noch ausstrahlt. Gegen die Menge der Beschäftigung ist überhaupt nichts einzuwenden. Problematisch sind drei Dinge:

      Es gibt apodiktische Lehrmeinungen, die nicht mehr angezweifelt werden können – das muß weg! (Auch im Sinne der Beteiligten und Opfer)

      Das Ereignis wird in die Transzendenz erhoben und zur Staats-Religion gemacht, zu der man sich nur glaubend oder ketzerisch verhalten kann.

      Und es darf aus der rationalen, intellektuellen historischen Aufarbeitung keine Schuld Nachgeborener generiert werden, weil Schuld nur unmittelbar die Täter betrifft und auch diese ist historisch und biographisch zu relativieren, und weil sie nur nach hinten (historisch), wenn überhaupt, erklärt werden kann und nie nach vorn, in die Zukunft. Was sollte denn der Träger der Schuld sein? Der Same, das Blut, das Volk, die Genetik, das Wesen …?

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      • Venator schreibt:

        Erlauben Sie mir, meinen Gedanken noch zu verdeutlichen und auszuführen. Zunächst: Es ging mir nicht um einen Vergleich, im engeren Sinne, insbesondere nicht um einen kardinalen Vergleich. (Um wieviel waren die Azteken blutrünstiger als die Inkas? Um wieviel war ihre Hochkultur mehr wert?)

        Aber ich meine dennoch, dass wir eine Rangfolge erstellen können, eine Rangfolge in der sittlichen Betrachtung, und dass hier das kleine Gute höher stehen könnte, bedeutsamer sein könnte als das große Böse. Gott wollte Sodom verschonen, wenn er nur zehn Gerechte fände. Zehn gegenüber vielleicht Zehntausend! Christus versprach dem rechten Schächer das Paradies, bloß weil der an ihn glaubte. Warum sollte das Gericht der Weltgeschichte ungnädiger sein als das Gericht Gottes?

        Waren die Nazis, war selbst H. zur Gänze verworfen, sodass sie den Rang des leibhaftigen, absoluten, transzendenten Bösen verdienten? Wenn sie es waren, dann allerdings sündigten die Deutschen wider den Heiligen Geist, als sie den Nazis folgten. Und wir, die wir uns immer noch Deutsche nennen, tragen erblich die Schuld dieses Sündenfalls.

        Dass wir uns (um den Bogen zu Ihrem letzten Blogbeitrag zu schlagen) für unsere Vorfahren schämen, und für jene unter uns, die deren Taten „relativieren“, „verharmlosen“, ist somit ganz natürlich und verständlich. Ich glaube jenem Lennart Pfahler, dass er sich tatsächlich schämt, und dass auch seine Empörung über die Schamlosen aus echtem Fühlen stammt. Schließlich – und hier kann ich nur für mich selbst sprechen – bin auch ich nicht frei von dieser Scham, insbesondere nach gelegentlich eingehenderer Beschäftigung mit den Verbrechen, wenn ich eine Nähe von mir zu den Verbrechern fühle, und sei es nur in der deutschen Sprache. In der Überzeichnung: Nach Auschwitz ein deutsches Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, schamlos; und damit muss es folgerichtig heißen, Deutschland, die deutsche Kultur, das deutsche Gemeinwesen sollen verrecken.

        Die deutsche Rechte (Gauland, Höcke) beweist ein gutes psychologisches Gespür, wenn sie eine falsche und auch in der Menge übertriebene Vergangenheitsbewältigung tadelt. Vergangenheitsbewältigung ist Aufgabe der Historiker und Philosophen, auch der Politiker (Gaulands Aussagen zu Israel), nicht aber der Gymnasiastinnen und Journalisten. Diese sind zu einer, wie Sie schreiben, zu fordernden „rationalen, intellektuellen historischen Aufarbeitung“ gar nicht in der Lage. Jeder Psychiater, nehme ich an, wird seinem Patienten sagen, dass es ihn nicht gesunden lassen wird, wenn er bei seiner Schuld verharrt und sich nicht selbst verzeihen kann.

        Deswegen die wahrscheinliche Absicht Gaulands hinter diesen Sätzen (soweit ich mich erinnere, hat er Ähnliches schon einmal gesagt): Die ruhmreiche deutsche Geschichte im Rang erhöhen und den beschämenden Nationalsozialismus erniedrigen, ihm die Absolutheit des Bösen nehmen und so seine Macht zerstören, uns in eine Scham und Schuld zu zwingen, welche so lange währt, bis sie uns am Ende umgebracht hat.

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  2. „dürften die Aussichten für einen baldigen Derby-Sieg dramatisch sinken.“

    Um auch darauf noch einzugehen, und zwar als AFD-Mitglied:

    Es gibt auf Jahre hinaus mit ganz großer Sicherheit keinerlei „Derby-Sieg“ für die AfD. Woher sollte der kommen?? (Insofern gibt es hier auch nichts zu verpsielen.)

    Sie unterschätzen die Gehirnwäsche, der ganze Generationen im Westen unterliegen. Am ehesten Mut zur Wahrheit könnten vielleicht konservative Christen aufbringen (Trumps Stammwählerschaft u.a.) – jedoch: es gibt keine!! Im Gegenteil, auch die großen (und kleinen) Kirchen sind vollkommen gehringewaschen, in vorderster Front beim Kampf gegen die aktuellen „Nazis“, unfähig zur Realitätswahrnehmung.

    Der Prozentsatz Gebildeter, die eines eigenen Urteils fähig sind UND dem tosenden Opportunismus noch nicht erlagen, ist erschreckend gering.

    Dazu kommt: es gibt überhaupt kein Wissen mehr, auf welchen geistigen Grundlagen unsere Gesellschaft überhaupt ruht. Es ist niemand mehr da, der überhaupt vernünftig beurteilen könnte, ob das, was die AfD sagt, gut oder schlecht, falsch oder richtig ist.

    Das im gegensatz zu den USA, wo es eine konservative Gegenöffentlichkeit gibt, die noch -andere_ Wertvermittlungsquellen kennt als Unis und staatliches Fernsehen.

    Das ist hierzulande doch ausradiert.

    Bei allerhöchstens 20% Zustimmung ist für die AfD Schluß, aber damit meine ich stillschweigende Zustimmung, nicht Wahlergebnisse. Der Tenor aller Leserkommentare zum AFD-Themenkreis ist: „nun müssen wir erstmal/vorläufig die „Protestpartei“ wählen, damit unsere gute alte CDU wieder in ihr Gleis zurückfindet.“

    Was haben wir gelacht!

    Seidwalk: Das beißt sich jetzt natürlich ein wenig mit Ihrem „Volks“-Begriff (nicht dumm) von weiter unten.

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  3. Ohne die anderen Kommentare vollständig gelesen zu haben (sie hauen in die gleiche Kerbe):

    „Politisch, taktisch ist die Pointe freilich eine Katastrophe für die Partei.“

    Ach wo, mitnichten!!

    Wer zuerst „Hitler“ sagt, habe die A…karte gezogen = eine eherne Regel??

    Das kann so sein – im Diskursuniversum der Linken. Deren religiöse Gesetze und Symbole zu achten und NICHT anzugreifen, deren Tabus NICHT niederzureißen, und zwar brachial – DAS wäre der einzige Fehler.

    Es wäre doch nichts naheliegender, als vom großen Bruder USA zu lernen. WO ist die Taktik in der Kommunikation Trumps? Ist es nicht gerade das ENDLICH stattgehabte Beerdigen des taktischen Sprechens?? das ehrliche, völlig unredigierte Heraussagen des subjektiv Wahren, OHNE beim wilden Aufheulen der Priester der PolKorr auch nur zu zucken?? Stattdessen einfach noch einen draufsetzen??!

    Wie soll man denn jemals wieder zu einem freien Diskurs finden, wenn man die Tabus der Gegenseite auch nur im geringsten noch respektiert?!

    Wenn man die Kommentare der Leser abarbeitet (WELT, Tichy, etc. pp.), DANN eröffnet sich die Gedankenwelt, die zu einem sehr sehr großen Prozentsatz mit Gaulands Aussage auf einer Linie liegt. Er hat doch einfach nur vollumfänglich recht: das uns von interessierter Seite aufgehalste Joch einer „Ewigkeitsschuld“, einer „Verantwortung“ für Taten unserer Urgroßeltern – das ist rechtlich und moralisch jeweils Schwachsinn.

    Nichts Dümmeres kann es geben, als mit zunehmender historischer Entfernung diese 12 Jahre immer noch weiter zum Einzigen und Ewigen und Unvergebbaren Verhängnis zu verklären – wie wir es tun – und unsere armen Kinder damit zu penetrieren, ihnen die Vorzüge und gerne auch Schwächen unserer Volksgeschichte komplett vorzuenthalten und durch eine Bußpflicht zu ersetzen, die keine Begründung hat.

    Alle, alle sollten einhellig aufstehen und EBENFALLS diese Jahre als Vogelschiß, als historisch gesehen (1000/12) minimale Unterbrechung einer durchaus großen und großartigen Entwicklung bezeichnen. (Die absolut schwerwiegendste und folgenreichste Wirkung und Bedeutung der 12 Jahre kann ich hier nicht schreiben, schlauen Menschen müßte es aber klar sein….)

    ERST wenn dies wirklich flächendeckend geschieht, werden wir überhaupt daran denken können, als Volk nach vorne zu schauen, uns der ungerechtfertigt auferlegten Fesseln zu entledigen und mit der (von allen um uns herum schon längst angewidert betrachteten) Büßermentalität Schluß zu machen.

    JEDES andere Volk, in ähnliche Kausalketten verstrickt und mit einem Hitler „gesegnet“ wäre unmittelbar genauso auf diesen Leim gegangen – Amis wie Briten, Franzosen wie Niederländer. Ach, wie haben sie ALLE die Nazis geliebt, bewundert und hofiert, die Scheinheiligen.

    Nein, Gauland macht es perfekt, perfekt richtig. Jegliche Taktik MUSS weg, es zählt nur ungeschütztes Aussprechen der Wahrheit, der eigenen subjektiven Meinung, und das ohne vor jeglicher Moralkeule auch nur zu zucken. Siehe Donald Trump – einer, der die Eier hat(te).

    Das Volk ist NICHT dumm.

    Konservativer: Alexander Gauland äußerte sich zum Thema:

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  4. Michael B. schreibt:

    > reihen sich in die Entrüstung ein und die Chefs nahmen selbst die Feder in die Hand.

    Nicht zu uebersehen ist allerdings der deutliche Gegenwind zu den auch zahlenmaessig stark kommentierten Beitraegen von Tichy und Berger (um einmal zwei ‚Chefs‘ herauszugreifen). Da sind wir an dem Punkt, an dem Du m.E. irrst:

    > Politisch, taktisch ist die Pointe freilich eine Katastrophe für die Partei.

    Das sehe ich gar nicht, Gauland macht alles richtig. Die Kommentatoren sind hier in der Mehrheit schon bedeutend weiter als die genannten Publizisten. Neben dem ueberwiegenden o.g. Gegenwind gibt es unter ihnen eine zweite – kleinere – Gruppe. Ich nenne die einmal kurz ‚Pragmatiker‘. Sie betonen auch einen Fehlercharakter von Gaulands Aeusserung wie er im obigen Zitat nahegelegt wird. Er solle sich um praktische Politik kuemmern, keine Steilvorlagen liefern, nicht unnoetig xyz usw., usf. .

    Das ist noetig. Ich wundere mich etwas darueber, dass das jemand mit Sprachgefuehl und Wissen wie dem Betreiber dieser Seite nicht sofort aufgeht. Gauland greift ideologische Versatzstuecke und ihre sprachlichen Entsprechungen an (so wie es Sieferles ‚Holocaustmythos‘ auch tat). Die nutzen naemlich – und das praktisch ausnahmslos in pervertierter Form durch diese so gebraucht – nur als fesselnde Kampfbegriffe dem politischen und sonstigen Gegnern seiner Partei. Solange auf deren demagogischer Wiese gespielt wird, kann er nur verlieren. Deswegen muss das aufgebrochen werden. Die leicht gereizt vorgebrachte zeitliche Einbettung ist ein kluger Zug, der von den tatsaechlichen und v.a.D. potentiellen Unterstuetzern von Gaulands Partei kraeftig honoriert wird. Und das ist ganz praktische Politik, dies mit Hinblick auf die Pragmatiker.
    Die Leute interessiert das PC-Geschreibsel keine Bohne. Gerade wenn man Tichys Artikel liest, findet sich darin viel davon – unzulaessige (und von der Leserschauft ungeglaubte) Emotionalisierung zusammen mit anderen typischen Daemonisierungstechniken – die eher aus dem mainstream bekannt sind. Das spueren sie ganz genau, weil sie langsam Sensoren der Art dafuer entwickeln, die ein gelernter DDR-Buerger schon vor Jahrzehnten in Bezug auf seine Systempresse besass.

    Ordoliberal: Ich stimme zu. Sehr gut gesehen!

    Stefan Kunze: Stimme vollkommen zu. Selbst ein Tichy ist halt noch vollkommen verstrickt in die rhetorischen und ideologischen Muster der Linken…selbst der, das gibt arg zu denken. Der Westen ist m.E. zum Schwerstballast der deutschen Nation geworden, unversehens!!

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  5. Pérégrinateur schreibt:

    Es fällt schwer, im Geschrei der entrüsteten Vestalinnen etwas anderes als eine glänzende Bestätigung der spöttischen Analyse zu erkennen, der Sieferle zum Thema der Jenninger-Rede die bundesdeutsche Staatsreligion unterzog.

    Man nimmt ein Wort und findet eine Konnotation dazu, die durch den Kontext seiner Verwendung zwar ausgeschlossen ist, mit dem man aber trotzdem den Sprecher belastet. Die Heiligen Dinge dürfen nur mit rituellen Formel angesprochen werden, alles andere gilt als Profanation.

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    Zum Kommentar in der Jungen Freiheit: Dieter Stein meint offenba (und er meint schon länger so), die AfD müsse und könne die Reputierlichkeitskonkurrenz gewinnen. Gegen eine voreingenommene Presse und ein politische Konkurrenz, die völlig rücksichtslos alles Gesagte uminterpretieren und sogar fälschen, ist das aber nicht möglich.

    ――――

    Tichy möchte im Grunde seines Herzens die honorable Systempartei FDP wiederaufsteigen sehen zu ihrem EInfluss in der frühen Zeit der BRD, dazu möglichst einen ähnlich gesonnenen Erhardt, der in der Traditionspartei CDU eine dazu passende Wirtschaftspolitik betreibt. Bessere Geschäfte, aber doch bitte keine Geschichtspolitik!! (Übrigens stimmt die Assoziation von Vogelschiss auf abwaschbar, die Tichy empörungshalber beibringt, faktisch nicht Als Kind bun ich einmal im Sonntagsanzug bei den Nachbarn im Hühnerstall gestolpert;und danach zum einzigen Male von meinerr Mutter verprügelt worden. Die frischen weißgrünschwarzen Dekorationelemente konnten erst durch chemische Reinigung beseitigt werden.)

    Einige Kommentare sind ermutigend, auch wenn viele das Comme-il-faut der vertrauten Weiherede fordern.

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    Bei Achgut stammt übrigens der Kommentar nicht von Broder selbst, sondern von der zweiten oder dritten Garnitur; das genügt wohl auch, bei einem Thema mit Argumentation im üblichen Geleise. Immerhin wurde das Zitat mit Kontext vorgestellt. Dass man dort die Keule nicht rasten lassen will, wen wundert’s?

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    Bei Schwennicke in Cidero genügt es, sich den Teaser zu Gemüte zu führen:

    „Alexander Gaulands Rede vor der Jugendorganisation der AfD ist das Werk eines atemberaubend skrupellosen Politikers. Für den Erfolg geht er historisch über Leichen. Ein Scheitern ist ihm zu wünschen.“

    Wenn jemand einen Menschen totschlägt, nun gut, das kann man verstehen, aber die Sünde wider die Geheiligten Worte, die ist wirklich unverzeihlich. Offenbar meint S ganz ernst, man könne mit dem (unterstellten) Über-Leichen-Gehen hierzulande Erfolg einheimsen. Aber macht er sich selbst dann nicht zum Multiplikator, wenn er für die, welche die gewünscht-böse Absicht Gs noch nicht erkennen, den Exegeten macht? Macht er diesem Teil des Publikums dann nicht eher den Mund wässrig auf die AfD? Oder glaubt er, dass seine anhängende Predigt diese Wirkung überkompensieren könne? Vermutlich ebenso, wie bei den öffentlichen Hinrichtungen von einst die mahnenden Worte des Pfaffen dem gebannten Publikum stets so sehr zu Herzen gingen, dass bei dieser Gelegenheit niemals Taschendiebe umgingen …

    ――――

    Auch bei Philosophia Perennis äußert sich übrigens nicht der Chef, sondern eine Patrizia, und alles in allem eher unaufgeregt. (Berger selbst hat zuweilen Ausbrüche und ist kein besonderer Freund der Meiinungsfreiheit für andere,)

    ――――

    Noch eine besonders schöne Perle aus der Zeit, von Bernd Ulrich:

    https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-06/alexander-gauland-afd-provokation-nationalsozialismus

    „Die zwölf Jahre des Nationalsozialismus sollen nicht mehr bedeuten als die rechnerischen 1,2 Prozent von 1000 Jahren. Vor allem sollen sie nicht mehr als Flucht- und Ausgangspunkt dienen, ohne den all die Jahre davor und danach völlig unverstehbar sind.“

    Das heißt dann wohl: Ottos Heirat mit Theophanou – ohne die Nazijahre völlig unverstehbar. Hie Welf, hie Waibling – ohne die Nazijahre völlig unverstehbar. Luther – ohne die Nazijahre völlig unverstehbar. Der 30-jährige Krieg – ohne die Nazijahre völlig unverstehbar. DIe polnischen Teilungen – ohne die Nazijahre völlig unverstehbar. Intellektueller Schwachsinn heute – ohne die Nazijahre völlig unverstehbar und in keiner Weise zu rechtfertigen.

    ――――

    Ein Topos tritt in der Presse auch zu diesem Thema oft auf: Das für uns Wichtige muss wichtige, darf nicht bloß kontingente Ursachen haben, es darf deshalb auch nicht „kleingeredet“ werden. Man bemerkt diesen Denkfehler bei so mancher Beerdigung, wenn gegen den Tod aus belanglosen Gründen vehementer Protest erhoben wird oder mit Gewalt bedeutendere fernere Ursachen für ihn konstruiert werden. “As flies to wanton boys are we to th‘ gods. / They kill us for their sport.” – diese Vorstellung ist für viele unerträglich, da sie die metaphysische Gattungseitelkeit verletzt, die sich in den Religionen etwa darin äußert, dass der allmächige Weltenherrscher sich um das Wohlergehen dieser winzigen menschlichen Fliegschisse auf der Welt bekümmern muss. Weshalb dann auch etwa paradoxerweise gerade die obsessiven Antifaschisten dem Nationalsozialismus eine große Bedeusamkeit, Konsistenz Ahnengalerie und Fortwirkung zuschreiben müssen.Für manche Anführer ist die Hysterie bei diesem Thema wohl nur politische Taktik, für vieler andere wohl leider Folge einer unentrinnbaren seelischen Mechanik.

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    • Ordoliberal schreibt:

      Danke! Was Sie, geschätzter Peregrinateur, aber auch Seidwalk, zu diesem Thema beitragen, übertrifft an Nüchternheit, Bildung und analytischer Genauigkeit alles, was sämtliche bezahlten Schreiberlinge dieser Republik geistig zustande bringen. Journalisten sind im neuen, bunten Deutschland Menschen, die ihren Beruf verfehlt haben.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Ein kleiner Widerspruch.

        Es gibt da sicher einige Berufsschreiber, die zu einer nüchternen Darstellung des Themas fähig wären, aber sie trauen sich nicht, aus einsehbaren Gründen: ist man bei diesem Thema gebrandmarkt, bleibt man es für immer. Es war zum Beispiel in der deutschen Presse oft zu bemerken, dass man Israelkritik nicht so gern unter eigenem Namen ins Blatt stellte. Man zog dafür dann lieber einen „umgekehrten Schabbesgoy“ heran wie etwa Alfred Grosser, dessen untellektuelle Rücksichtslosigkeit man ja kannte.

        Tichy kippt zum Beispiel in seinem Artikel ab einer Stelle völlig ins Emotionale ab, ich vermute um auf der Gefühlschiene selber bessern am Tabuisierten vorbeizukommen. Schmalz taugt auch dazu, den Widerstand der eigenen intellektuellen Redlichkeit herabzumindern. Zu den Vorsichtigen hinzu gibt es dann noch viele mehr, die aus Bequemlichkeit oder aus Beschränktheit immer dasselbe Mantra singen.

        Vermutlich in seiner „Tante Jolesch“ erzählt Friedrich Torberg die folgende Anekdote übers Prager Tagblatt. Die Redakteure saßen abends nach der Arbeit noch zusammen zum Tarocken, darunter auch der Chefredakteur, der immer wieder auf die Uhr schaute und meinte, „Meine Herren, ich muss jetzt wirklich aufhören und meinen Artikel zu Ende schreiben“, aber man bekam ihn immer wieder herum, damit die Runde nicht platzte. So ging das bis tief in die Nacht, bis er endlich resolut vom Tisch aufstand. Ein anderer fragte ihn, „Was ist denn das für ein so fürchterlich wichtiger Artikel, dass Sie ihn unbedingt mitten in der Nacht noch schreiben müssen?“ – „Der Kaiser ist gestorben, morgen muss unbedingt die Würdigung ins Blatt.“

        Glauben Sie mir, bei solchen und ähnlichen heiklen Themen, wo nur die Originalität, aber nie der konventionelle Kitsch gefährlich ist, tut man zur eigenen Sicherheit gut daran, die geistige Spannkraft vor seiner Behandlung gehörig herabzusetzen. Dazu taugt auch das Kartenspielen bis in die Puppen, und es ist auch noch gesünder als die Flasche mit Hochprozentigem, die hinten im Regal steht.

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    • Bestens analysiert. Bravo.

      Eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit Andersdenkenden zeigen, daß die ideologische Verhärtung einem religiösen WAHN gleichkommt, es völlig aussichtslos und sinnlos ist, auf diese Wahnhaften noch Rücksicht zu nehmen. Nein – ganz im Gegenteil.

      Dagegen das Volk an sich, wie schon geschrieben, ist nicht dumm. Es weiß genau, wie Gauland es meint, und daß er selbstverständlich KEIN skrupelloser Nazi und Demagoge ist. DAS sind halt die anderen, die jetzt geifern.

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