Bis das Ergebnis stimmt

So also geht Demokratie nach linkem Verständnis – ich nehme mir die Freiheit, die Ereignisse in Greifswald zu verallgemeinern. Dort hat man lange und intensiv um den Namenspatron der Universität gerungen. Man wollte Ernst Moritz Arndt nicht mehr. Man, das ist in diesem Falle nicht „keiner“, wie Heidegger meinte – zum ersten Mal wird er von links „widerlegt“ –, sondern das sind die Meinungsmacher, die „Institutionen“, die Gremien, die Ausschüsse  …, die so lange tagen und wieder tagen, bis das einzig akzeptable Ergebnis auch gegen den demokratischen Mehrheitswillen durchgesetzt ist. Und da behält Heidegger doch wieder recht: „Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.“[1] – Man macht das eben.

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Alles muß weg!

Jacques Schuster trägt einen Namen, der wie für die Guillotine gemacht zu sein scheint. Man sollte vermuten, daß so ein Mensch besonders vorsichtig mit seinen Forderungen ist. Aber nein, in der „Welt am Sonntag“, dem konservativen (hahahaha) Blatt im rasanten Abwärtstrend posaunt er in übergroßen Lettern aus: „Weg mit Hindenburg und Thälmann!

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Ernst nehmen!

Es sind oft die unwesentlich scheinenden Kleinigkeiten, die uns über den Ernst der Lage in Deutschland informieren. Etwa die Meldung, daß die „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ in Greifswald nun nicht mehr so heißen möchte – was natürlich nicht stimmt, denn nur eine Mehrheit des Senats hat darüber entschieden. In einem langjährigen Prozeß, der uns gleich als „demokratisch“ verkauft wird und also zu akzeptieren sei – oder wollen Sie als undemokratisch gelten? –, hat man es sich nicht leicht gemacht.

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Deutschland, deine Wege

Der Kampf um die Deutungshoheit auf unseren Straßen ist in vollem Gange. Historisch Gewachsenes, aber politisch Unkorrektes – wie z.B. eine „Mohrenstraße“ – soll in Frage gestellt werden.

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Klassischer Widerspruch

Weimarer Impressionen

„Man kann Ideen mit den Augen sehen. Allerdings gehört dazu der Weimarer Blick‘“
(Herbert Fritsche: Der Erstgeborene)

Weimar ist eine Stadt der Monumente, Büsten, Stelen: Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Falk, Hummel, Puschkin, Mickiewicz, Liszt … Klassiker, sie alle lebten oder arbeiteten hier. Doch im Norden steht einer, übermannshoch, im eigenen Hain, der ein eher negatives Verhältnis zur Stadt hat und ausdrückt, als Gegner der Weimarer Republik und als Gefangener des nahen Konzentrationslagers Buchenwald:

Thälmann mit Hain

Thälmann mit eigenem Hain

Thälmann in Weimar

Faust in Weimar

Gerne erinnere ich mich an ein Seminar, während der Wendezeit, im Fach „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“. Dort schafften wir es – drei Theorieinteressierte mit zweimonatigem Lesevorsprung – einer jungen Lehrkraft den Stöpsel zu ziehen. Wie ein zerstochener Wasserball lag die junge Frau auf dem Pult und heulte. Wir hatten gerade ihr Thälmann-Bild und damit ihr Weltbild (und unseres) zerstört. Da stand er, der Kaiser ohne Kleider, all der Legenden entkleidet. Das Proletarierkind, das seine Wurstsemmel dem hungernden Nachbar schenkt, der Held, der eine von Nazis geworfene Handgranate entschärfte, der warmherzige Internationalist, der Hafenarbeiter, der tapfere Kämpfer gegen Unterdrückung und für Frieden … alles ging in Rauch auf. Die Bühne betrat der intellektuell eher minderbemittelte, stalinhörige Machtmensch, der Widerstand mit eiserner Faust – oh, diese Faust! – niederrang, der alle interne Opposition (Fischer, Thalheimer, Brandler …) beseitigte, der schlechte Redner und schwache Denker, der für den Sieg Hitlers Mitverantwortliche (Sozialdemokraten infolge der Sozialfaschismusthese als Hauptfeind), der Befehlsempfänger Moskaus, der den Zentralismus („Partei neuen Typs“) durchsetzte, der damit letztlich der KPD den giftigen Wurm ans Herz legte, an dem sie in der Perestroika endgültig verstarb …
Im innersten Grunde drehte sich alle Diskussion um die Frage: Gibt es antagonistische Widersprüche im Sozialismus? Und Thälmann war ein Symbol.

Noch heute werden antagonistische Widersprüche symbolisch erzeugt und bekämpft. 200 Meter vom realsozialistischen Relikt entfernt, findet man am Eingang des Amtsgerichts diese Plakette:

Schuld und Opfer schließen sich aus?

Schuld und Opfer ein Widerspruch?

Wiedergutmachung? Ausgleich?
Thälmann steht nicht wegen seiner Verdienste und nicht als Klassiker in Weimar und stört die illustre Runde der großen Geister, sondern aus schlechtem Gewissen. Er steht in der logischen Fortsetzung des deutschen Alphabets des Grauens dort: A wie Auschwitz, B wie Buchenwald, C wie Columbia-Haus, D wie Dachau … Er steht als Opfer des Nationalsozialismus, und damit unantastbar, da. Als Mahnung, als Botschaft, als Dauerdrill.