Mein Kriegstagebuch VI

Trauer: Daß die Ukrainer und Russen uns näher sind, wie ich kürzlich behauptet habe, findet selbstredend seinen konkreten Ausdruck und ist keine abstrakte Behauptung. Sie sind uns nicht nur in ihrer Geschichte – die mit der unseren eng verwoben ist –, ihren Traditionen oder ihrer Verwurzelung im christlichen Erbe und damit auch in der Moralität und Begrifflichkeit nahe, sondern ihr Verhalten ist uns unmittelbar, mit nur geringen Abstrichen, verständlich. Und im Falle der Trauer, des Schmerzes und der Verzweiflung, die wir nun tagtäglich und doch nur in kleinsten Ausschnitten sehen – denn das Meiste bleibt ungefilmt – sind uns ihre Gefühle und Gedanken unmittelbar zugänglich.

Zwar ist Schmerzempfinden und Mitleid eine anthropologische Konstante, daraus aber Verallgemeinerungen zu ziehen, wäre vorschnell: es gibt deutliche kulturelle Differenzen. Das Leiden, das uns unmittelbar angeht, ist das stille Leid, das individuelle, die weinende Frau, die gebeugte Gestalt, die Schweigende oder auch wild aus sich heraus Schreiende. Trauer übersetzt sich in unserem Kulturkreis als Individuelles, ja sogar Intimes. Der Zuschauer muß sich als Voyeur selbst hinterfragen. Die Ursachen mögen verschieden sein: einerseits die Individuierung und Vereinzelung in der westlichen Welt, andererseits wohl das christliche Erbe, das auch den Atheisten durchwirkt. Christliche Moralwerte verpflichten uns zur Stille, zur Bescheidenheit, zur Besinnung. Die Ululation arabischer Frauen etwa, der schrille Zungentriller, das sich demonstrative auf-die-Brust-schlagen, das Haareraufen, das gemeinsame demonstrieren mit gen Himmel gerichteten Armen, das nach Tod und Rache rufen … und das Allahu Akbar sowieso, das man im Westen als Bedrohung empfindet, sind uns fern.  Mehr noch, diese kulturfremde Art der Trauer befremdet viele Menschen im Westen eher und stößt sie ab, steht also aktiv zwischen Ausdruck und Nachempfinden. Das ist nun kein „Rassismus“, auch wenn das Aufzeigen solcher Zusammenhänge von interessierter Seite so dargestellt werden wird, sondern schlicht und einfach menschlich. Man kann das durch Aufklärung bekämpfen, durch direktes Kennenlernen der anderen Kultur, seiner Sprache, Bräuche und Sitten oder durch rationale Überlegung, aber all das reicht kaum in den gefühligen Grund, den uns unsere Erziehung und Kultur mitgegeben hat, hinab.

All das ändert natürlich nichts am latenten Zynismus des durch Medienbilder generierten Mitleides, auf das man sich für einen Moment vielleicht einläßt, um dann umzuschalten oder doch wieder abzuschalten. Aber dieser Zynismus ist notwendig, um den Schmerz der anderen – auch der Nahen – aushalten zu können.

Putin und Trump: Beide galten in bestimmten Milieus als Heilsfiguren, beiden traute man zu den Liberalismus des Westens aufhalten zu können, und in beiden hat man sich getäuscht. Der Name Putin wird auf ewig verbrannt sein und mit ihm mag sogar sein geopolitischer Traum untergehen, Trump ist und bleibt als Mensch fraglich und man braucht schon starke Abstraktionskräfte, um in ihm nur die politische Kraft zu sehen. Was sie nun eint, ist die Unberechenbarkeit; man kann ihnen nicht trauen, man kann nicht auf sie bauen, sie lassen keine Zukunftsvorstellung zu. Müßig zu betonen, daß dies keine Adelung anderer bedeutet.

Zeichen: Soeben ein Fußballspiel gesehen. Nun stehen die Athleten also – bevor sie gegen Rassismus in die Knie gehen – einmal rot, einmal blau im Wechsel um den Mittelkreis und klatschen eine Minute für die Ukraine. Oder: wer sein Twitter- oder Facebook-Konto bisher mit weltanschaulichen Bekenntnissen schmückte, der scheint nun fast gezwungen, dem nun die ukrainischen Farben zuzugesellen. Diese Menschen müssen offenbar ständig Zeichen setzen. Es ist ein Zwang, der sich aus der Logik des Zeichens ergibt. Denn wer innerhalb der Bekenntniswelt kein Zeichen setzt, der setzt eben dieses. Wer es nicht setzt, dem wird man Verweigerung unterstellen können, der riskiert, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen. So knebeln sich diese Leute selbst, führen sich durch ihre freie Entscheidung in die Unfreiheit. Allen anderen werden sie nur zur Belästigung – nach einer Weile führt das Flagge zeigen zum Desinteresse oder gar zur Aversion, der man fast nur noch durch Lachen und Lächerlichmachen affirmativ begegnen kann. Davon bleibt der Anlaß selbst nicht unberührt. Sie schaden also nicht nur sich, sie schaden auch der Sache.

Vorbehalt: Im Zuge des russischen Angriffes auf die Ukraine ändert Dänemark seine Staatsdroktrin – auch das ein Zeichen der zahlreichen kapillaren Veränderungen. Nicht nur sollen große Summen für die Modernisierung der Verteidigung ausgegeben und endlich das 2%-Ziel (Militärausgaben pro BNP) eingehalten werden, nun steht auch der „Forsvarsforbehold“ zur Diskussion. Darüber sollen die Wähler per Volksabstimmung entscheiden – die Regierungsparteien empfehlen es ausdrücklich in einer theatralischen Bekanntgabe. Bis dato galten vier dänische „Vorbehalte“ bezüglich der EU-Zusammenarbeit, vor ihrer Wahl bekräftigte Mette Frederiksen ausdrücklich, daß die Vorbehalte das Rückgrat der dänischen EU-Politik bleiben werden: in Währungsfragen (Euro), Verteidigungsfragen, Rechtsfragen und Staatsbürgerfragen wollte Dänemark seine Kompetenzen nicht an die EU abgeben und behielt sich vor, im Eigeninteresse zu handeln. Ab Sommer könnte sich das kleine Land in militärischen Fragen der EU unterordnen und gesichert geglaubte Souveränität abgeben.

Friedensethik: Evangelischer Friedensethiker„Putin die Neutralität der Ukraine zuzusagen, wäre die halbe Miete“

17 Gedanken zu “Mein Kriegstagebuch VI

  1. Ad Nähe: Ich muss Ihnen zustimmen, die Ukrainer und Russen sind uns näher. Die kulturelle Nähe spielt sicherlich eine wichtige Rolle, aber ebenso die Geschichte und allen voran der 2. Weltkrieg. Ob es nun uns passt oder nicht, wir sind durch diesen unglaublichen Aderlass – im wahrsten Sinne des Wortes – zu Blutsbrüdern geworden. Uns trennt und eint die Geschichte auf eine Art und Weise, wie sonst keine zwei Völker. Insofern halte ich hier die Verfehlungen der deutschen Außenpolitik für absolut tragisch. Ich denke, es gab wirkliche Vermittlungsbemühungen von deutscher Seite, aber man war zu hasenfüßig. Man hätte unmissverständlich klarmachen müssen, dass man niemals einen Beitritt der Ukraine von deutsche Seite aus akzeptieren wird. Dass die Ukraine als Vermittler zwischen Ost und West eigentlich eine neue Blüte hätte bevorstehen können. Die Ukrainer, Russen und sehr bald auch die Europäer zahlen jetzt den Preis.

    Ad Unberechenbarkeit: Könnten Sie bitte erläutern, woran Sie die Unberechenbarkeit von Putin festmachen? Putin hat klare rote Linien gezogen und auf die Nadelstiche gegen diese jahrelang (größtenteils) mit Geduld und realpolitischer Diplomatie reagiert. Er hat die Konsequenzen der NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens immer wieder unmissverständlich klargemacht. Auch der Angriff Georgiens auf Südossetien hat dann Russland in der Gegenreaktion nicht disproportional gehandhabt.

    Und in Bezug auf die Ukraine, wurde die Eskalationsspirale langsam, schrittweise gesteigert. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass der Westen endlich Russland ernst nimmt und einlenkt. Stattdessen hat man im narzisstischen Westen selbst vor einigen Wochen noch geglaubt, es passiere schon nichts. Das kann ich sogar aus meinem Arbeitsumfeld nur bestätigen, wo es rund um die Uhr nur um Geopolitik geht. Und das obwohl, das russische Verteidigungsministerium sagte, es gehe bei der Ukrainefrage um nicht weniger als um Krieg und Frieden. Wie deutlich soll man es denn noch sagen? Die politische Kaste im Westen ist absolut unfähig, andere Perspektiven einzunehmen und diese entsprechend ernst zu nehmen. Und die ukrainische Regierung hat sich bereitwillig mit den US-Geldern aus dem State Department bereichert / bestechen lassen und einreden lassen, sie könnten und würden schon gegen Russland bestehen. So naiv muss man erstmal sein. Jetzt rufen sie zum Volkssturm auf und drehen die normalen Bürger gegen kriegserfahrene Berufssoldaten durch den Fleischwolf.

    Ad Russlands Zukunft: Ich sehe die Probleme auch, die auf Russland zukommen. Sie sind aber nicht isoliert. Das stimmt einfach überhaupt nicht. Ich bin sehr in der Materie und weit über 4 Milliarden Menschen leben in Ländern, die die Sanktionen nicht stützen. Und die meisten unterschätzen die Konsequenzen für Europa und vor allem für den Euro absolut massivst. Ich sehe nicht, wie das der Euro überleben will. Die Inflation wird massiv werden in Europa und der USA (10-15% locker). Es ist m.E. auch der Dominostein, der den Dollar als einzige Weltreservewährung zum Fallen bringen wird.

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    Natürlich sind die meisten Menschen weit davon entfernt „ausbalancierte Persönlichkeiten“ zu sein, also zu einer gewissen Objektivierung fähig. Sonst gäbe es nicht so viele Gescheiterte und die Psycholgen hätten keine Arbeit. Dasselbe gilt auch für Staaten. Die Subjektivierung wiederholt sich dort. Wobei es eben deutliche Unterschiede gibt: Die skandinavischen Staaten, Deutschland/Österreich, USA, China und Russland. Die aktuelle Krise zeigt mir deutlich, wie sie alle ihren „Volkscharakter“ verwirklichen. Das wäre ein längerer Artikel. Aber die extremen Reaktionen in Deutschland / Österreich, sowohl auf Corona als auch auf die EU-Russland-Krise um die Ukraine, zeigen mir, dass beide Staaten wieder in ihre alten Schemata zurückfallen: Dämonisierung des Gegners und Ausblenden der Realität. Die Lehren aus Faschismus und Kommunismus wurden nur oberflächlich gezogen. Verdrängung und Übersprungshandlungen überwiegen. Jetzt wo man zu den Siegern gehört, kann man (das Volk ,seine Medien, seine Politiker) wieder offen prätofaschistisch agieren, seine Ressentiments und seine Veranlagung wieder ausleben. Tut mir leid, aber so muss man die verbalen Ausfälle der Protagonisten hierzulande bezeichnen.

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  3. Michael B. schreibt:

    Und das gilt natürlich für alle Politiker, die von den politischen Automatismen nach oben gespült wurden.

    Also jeder? Oder gibt es Freiheitsgrade?

    Seidwalk: MB geht wieder angeln? Köder: Absolutbegriffe.

    Ja: alle und jeder! Zumindest als Vorbehalt. Aber ganz sicher bei jenen, die von den „politischen Automatismen nach oben gespült wurden“. Wie wäre es auch anders möglich? Wenn Sie Gegenbeispiele kennen, dann kann man darüber diskutieren.
    Und Freiheitsgrade, individuelle Differenzen gibt es immer. Hatten wir doch schon X mal.

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    • Michael B. schreibt:

      Sie hoeren auch manchmal die Floehe husten… Nein, ich gehe nicht angeln. Die Frage dahinter war: Ist Politik mittlerweile derart prinzipiell verdorben, dass kein Politiker eine solche Figur abgeben kann. Zwingend, durch systemimmanente nicht zufaellige Negativauswahl bedingt. Und zur Sicherheit zur Interpretation: „prinzipiell/systemimmanent“ darf auch 99% bedeuten.
      Dann stellt das Fragen zur Reformierbarkeit. Viele Leute beantworten diese sehr schnell („…natuerlich gibts schon lange keine mehr, nie im Leben!“), aber ziehen die gesamten Konsequenzen aus ihrer Antwort trotzdem nicht. Was passiert, wenn man die gesamte poltische Klasse herauszieht – denn das muss man dann! „Wie stellt man das an?“ noch gar nicht angesprochen.

      Das erzeugt ganz reale aktuelle Teilprobleme. Z.B. ist die Aufstellung von eigenen Kandidaten fuer die Kommunalwahlen in Sachsen durch die Freien Sachsen ein solches. Die damit ueber das Thema Corona hinausgehen, was ich prinzipiell sehr begruesse. Die obige Frage heisst: Lohnt sich so etwas noch, oder ist das zum Scheitern verurteilt und man sucht andere Wege. Oder braucht man die kleinteiligere Iteration, um nachvollziehbar zu bleiben und ueberhaupt weiter ausreichend Unterstuetzung zu erhalten. Oder verliert man mittlerweile Zeit und ein Heft zum Handeln durch solche „Umwege“. Kurz: Ist das zu lasch?

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Es ist zu lasch, aber bei jedem weniger laschen Auftreten springen gerade oben zu viele ab. Sehen Sie sich Meuthen an oder die Dediabolisierungspolitik von Mme Le Pen. Die wollen unbedingt ins Overton-Window zurück, aber dazu geben sie dann ihr ursprüngliches Anliegen auf und werden zu genau solchem täuschenden Politpöbel, wie sie ablösen wollen.

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      • @ Michael B.
        „Ist Politik mittlerweile derart prinzipiell verdorben, dass kein Politiker eine solche Figur abgeben kann“

        Man kann sogar das „mittlerweile“ in Frage stellen. Mir wurde soeben von einem frühen Fidesz-Aktivisten folgende Geschichte erzählt: Er war selbst frühes Mitglied und auf lokaler Ebene in einer Großstadt, auch leitend. Wir reden hier von den 90er, den idealistischen Jahren, als Orbán noch als Held der Freiheit galt. Da wurden in der Stadt zahlungspflichtige Parkplätze vergeben und die örtliche Politik begann, die Gelder unter sich aufzuteilen. Der Mann wollte sich an dieser einfachen Form der Korruption nicht beteiligen und wurde neben anderen auf der kommenden Mitgliederversammlung einfach ausgeschlossen. Man kann davon ausgehen, daß einige der „Figuren“, die damals das Spiel mitgemacht haben, heute auf dicken Sesseln sitzen.

        Ein Graswurzelbeispiel dafür, daß in der Politik immer schon die Tendenz zur Korruption liegt, zum „Netzwerken“, Weghacken, Bereichern etc. Kann man institutionell sicher bekämpfen aber wohl nie beseitigen. Insofern gehe ich davon aus, daß Angekommene jeglicher Couleur derartige Entscheidungen bereits zu treffen hatten, sonst wären sie nicht angekommen.. Selbst integerer wirkende wie Wagenknecht oder Höcke – ihr Zuwachs an Integrität ergibt sich aus ihrer solitären Rolle, widerständig zu sein. Aber ich entsinne mich auch an Zeiten, in denen man eisern zu Petry, Poggenburg oder Kalbitz gehalten hat und sie dann doch fallen ließ. Diese Akteure selbst begannen sich teilweise gegen die Partei zu wenden, verleugneten also ihr Geschichte, so wie das jetzt auch Meuthen macht. … Es gibt also keinen Grund, politischen Persönlichkeiten nach politischer Inklination mehr Vertrauen zuzusprechen. Und im Übrigen sind diese Probleme, wie Pérégrinateur soeben aufzeigte (Thukydides) so alt, wie Politik selbst. Man muß mit diesen Beständen rechnen.

        Das sollte man als Grundkonstante akzeptieren, das ist „prinzipiell“, ja sogar „objektiv“, was natürlich kein Argument gegen Politik an sich ist. In ausgewogenen Systemen kann man das Problem sicher in Schach halten, sobald das System weltanschaulich kippt wird es wuchern.

        Was nun die Freien Sachsen betrifft: Wenn ich mir das Personal anschaue – aus den Augenwinkeln – dann hege ich hier keinerlei Illusionen und kann nur hoffen, daß sie nie relevant werden. …

        Dennoch, andere Wege gibt es prinzipiell nicht, das einzige was man machen kann, ist, die vorhandenen Wege so sauber wie möglich zu halten, einerseits durch Eigeninitiative (Enthusiasmus, Ethik, Strategie, Metapolitik), andererseits natürlich auch durch Kontrolle – immer der Gefahr bewußt, daß jeder dieser Faktoren selbst ein Wucherungsrisiko in sich trägt. Tatsächlich stehen im Moment die Aussichten eher schlecht, d.h. die politische Klasse ist in einem erbärmlichen Zustand. Neuanfänge sind nur durch langwierige Selbstreinigungsprozesse möglich – wie das etwa der späte Lenin versucht hatte, schon zu spät (wäre es ihm gelungen, Stalin zu verhindern und das Mitläufertum beseitigen, wäre die Geschichte dann anders verlaufen?) – oder durch abrupte Kulturabbrüche und Katastrophen.

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        • Michael B. schreibt:

          Was nun die Freien Sachsen betrifft: Wenn ich mir das Personal anschaue – aus den Augenwinkeln – dann hege ich hier keinerlei Illusionen und kann nur hoffen, daß sie nie relevant werden. …

          Man kann trotzdem registrieren, dass ihr politisches Agieren nicht ungeschickt ist und einen Stein auf den anderen baut. Nach dem Anstossen der Umzuege selbst wieder ein, zwei Schritte weiter als der westliche Protest. Und zwar praktisch, nicht im Kaminzimmer. Durchgehend dummes Personal wuerde das kaum hinbekommen.

          Dennoch, andere Wege gibt es prinzipiell nicht
          […]
          durch abrupte Kulturabbrüche und Katastrophen.

          Die Latte innerhalb der drei Punkte wird halt immer hoeher gehaengt. Zurueckhaltendste friedliche Versuche wie diese Spaziergaenge werden konsequent durchgehend angegriffen – durchgehend sowohl im Personal der vorherrschenden politischen Kaste wie auch betreffs der Forderungen selbst (es gibt keinerlei substantielles Einlenken, der Wille zur Unterdrueckung durch konkrete Bestrafung ist weiterhin und weiter ausbauend der Vorherrschende). Kanada zeigte das Muster der naechsten Art der Eskalationsstufen, immer wieder auffallend dabei der entpersoenlichte technokratische Zugang, der alle Verantwortlichkeiten versucht zu verwischen.

          Seidwalk: Freie Sachsen – von dumm war nicht die Rede, das kann ich nicht einschätzen. Ich dachte eher an Charakter und an Eifer.

          Spaziergänge – werden marginalisiert, weil sie marginal sind. Das ist freilich relativ und die Relation entscheidet sich am medialen Zugang. Man kann aus 10 Leuten, die sich anleimen, ein Riesending machen und 10000 Leute die mit Kerzen in der Gegend rumlaufen vollkommen ignorieren. Das wäre ab einer kritischen Größe nicht mehr machbar.
          Mich würde interessieren, ob die russischen Flaggen nun auch noch mitlaufen und wenn ja, ob unhinterfragt oder nicht.

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          • Michael B. schreibt:

            Spaziergänge – werden marginalisiert, weil sie marginal sind.

            Das sind sie nicht so ganz. Aus diesem Grund sie werden auch noch anders angegriffen. Und aus diesem Grund werden sie auch geschaetzt.

            Mich würde interessieren, ob die russischen Flaggen nun auch noch mitlaufen

            Ich habe den Einfdruck, Sie haetten gern einen gemeinsamen Nenner der Coronagegnerschaft und spezifischer Parteiergreifung in diesem Krieg. Gibt es auch, und der Gruende sind wieder viele. Das Misstrauen gegenueber allem was die herrschende Politik dieses Landes bevorzugt und ein dahingehender Antireflex ist darunter nicht der Irrationalste.

            Aber ich weiss es nicht, ich war jetzt zwei Wochen nicht spazieren. Sehen wir einmal, am Zwanzigsten dieses Monats wollen sich die verschiedenen Gruppen hier das erste Mal an zentraler Stelle treffen. Mal sehen, wie marginal und thematisch das dann ausfaellt.

            Seidwalk: Also hier lief immer nur eine Rußlandfahne mit – aber das war vorher. So stark scheint der Konnex nicht zu sein.

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            • Pérégrinateur schreibt:

              Der einsame Russlandfahnenträger könnte ja auf woke Anwürfe wokisch-kompatibel reagieren, indem er sagte, man könne doch Russland und seine Symbole nicht diesem bösen, bösen Machthaber überlassen, und jeder der ihn selbst deshalb kritisiere, sei ganz offenbar ein Rassist. Die Taten eines Machthabers könne man doch bekanntlich nur im Falle der Deutschen dem ganzen Volk zurechnen, weil die eben wirkliche Rassisten seien, wie man gerade eben wieder sehe.

              Das gibt dann ganz bestimmt einen Panorama-Bericht „Putin-Gegner von deutschen Rechtspopulisten mit von einer AfD-Delegation aus dem Kreml mitgebrachter Knute niedergeschlagen“.

              Dieses Land ist wirklich nur noch mit sardonischem Humor zu ertragen.

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    • Zorn Dieter schreibt:

      Wir brauchen nicht über die Mehrzahl der Politiker zu reden. Das ist nur am Rande interessant, wenn wir über den Ukraine-EU-Russland Konflikt reden. Wann sehen wir den „Weltgeist zu Pferde“ (Hegel über Napoleon). Napoleon, Stalin, Hitler, Mao, … Putin ? … sind die Emanation ihrer Zeit, die Gestalt die die Zeit annimmt, die sie gebiert, um sich zu verwirklichen. Wenn wir das göttliche Prinzip einmal beiseite lassen. Wen könnte man im Westen gegen Putin setzen? Da ist niemand! Namen wie Macron, Merkel, Scholz oder gar von der Leyen an dieser Stelle in den Mund zu nehmen, wäre absurd. In denen verwirklicht sich kein Weltgeist. Noch nicht einmal zu Pferde. Ob Putin in diese Reihe gehört, muss sich erst noch erweisen. Der Weltgeist kann auch ein Ungeist sein, wie die Beispiele oben zeigen. Positive Beispiele sind selten. Warum? Weil die großen Veränderungen immer mit Revolutionen oder Kriegen zu tun haben? Ja, ohne sie garnicht auskommen können. Riesenreiche werden über Revolutionen und Kriege geschaffen und zerstört. Was macht Putin da gerade? Wird man ihn in eine Reihe mit Peter dem Großen stellen oder mit Stalin? This is the question…

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      • Hallo, ich fühle mich gerade durchIhren interessanten Kommentar zum Antworten motiviert.

        Zuerst meinen Glückwunsch zum Verlassen des FAZ-Forums – was soll der Kampf gegen Windmühlenflügel auch. Redliche Denker sammeln sich längst anderswo, auf den oldschool Plattformen wie SPON etc. werden sie ja auch gar nicht mehr geduldet…

        Hegels Begeisterung für Napoleon kann sicherlich nicht als Beweis für eine positive Konnotation dieses „Weltgeistes“ herangezogen werden, ganz im Gegenteil. Was auch immer Napoleon gebracht hat (mit einem revolutionären Frankreich im Rücken) – es war doch zu 100% eine Katastrophe „in the making“, als er sich eben anmaßte den Weltgeist zu geben. Im Endeffekt wurden einfach massenweise Soldaten verheizt, für einen nicht erkennbaren Effekt. Die Kausalketten der Geschichte haben lassen sich möglicherweise dahingehend verbinden, daß die nationale Erweckung der Deutschen damals den Boden bereitete für das Deutsche Reich, dies wiederum in Verbindung mit dem Vergeltungsfekdzug 1871, dies wiederum als Vorbedingung für die Kraftmeierei von 1914, dies wiederum als Ausgangslage für 1933 -1945.

        Ganz gewiß gehört Putin in diese Reihe, es existieren ja im Westen eine Menge von Putin-Apologeten und – verehrern, die nicht verstehen wollen, daß auch dessen Karftmeierei nur Kosten produziert, aber keinen Nutzen. Allerdings werden neue Kausalketten in Gang gesetzt und alte fortgeschrieben (zB. die Wiederbelebung der Hegemonie aus der Sowjetära).

        Ein Stalin kommt SO nicht noch einmal. Stalin agierte als Hardcore-Kommunist, Putin agiert als Chef-Mafioso bzw. Ober-Oligarch, das ergibt sich aus der Administration Rußlands als Oligarchie an sich.

        Meiner Ansicht nach ist der Vorzug Putins gegenüber dem Westen darin zu sehen, daß er sich deutlich klarer nach realpolitischen Faktoren richtet und viel besser darüber im Bilde ist, über welch‘ unschlagbare(!!) Assets Rußland verfügt – zu nennen wären zB. die endlose Weite, der nahezu einzigartige Zugriff auf Öl und Gas, aber auch die hervorragende Loyalität der „Mitte“ der Bevölkerung. Militärisch muß Rußland als unschlagbar gelten allein durch den rücksichtslosen Einsatz von Menschen“material“, als welches der Rekrut dort seit jeher gesehen wird. Die politische Infantilisierung Deutschlands kann Putin vermutlich mit keinen Verrenkungen des Denekns nachvollziehen, aber er zieht natürlich seine Schlüsse, WASbfür einen „Gegner“ er da vor sich hat…

        Diese Rücksichtslosigkeit kann sich höchstens noch China leisten, nicht aber der Westen, auch nicht zB. Japan.

        Eroberungen von Territorien sind ausschkießlich per Bodenpersonal umsetzbar, und der Westen hat da einfach keine Ressourcen, wie von Heinsohn mantraartig gepredigt. Der Wert des Individuums und die feheldne Bereitschaft, für Eroberungsziele mit toten Söhnen zu bezahlen besiegelt schon alleine den Sieg der Russen.

        Überdies zeigt die Geschichte in größter Klarheit, daß auch noch ganz anders motivierte und trainierte Armeekörper inRußland schlicht aufgerieben wurden. Wer es dennoch wieder probieren will, nun, der geht mit Luschen in einen Poker gegen den Halter von vier Assen.

        Das Wichtigste, was garantiert sein MUSS, ist die Energieversorfung, und genau diese kann ganz Westeuropa nichtbgarantieren, vor allem D nicht – der Russe lacht sich tot, wenn man ihn mit Boykott seiner Pipelines in die Enge treiben will. Die reine Logik sagt uns doch, daß dann die Russen immer noch fliegen und fahren und schießen, die NATO aber sitzenbleibt, ohne Energie.

        Die Aussicht auf horrende Preise für Strom, Gas, Treibstoffe ruiniert aus sich heraus die gesamte Kampfmoral des Westens, zu schweigen von der dadurch bedingten Deeskalationsneigung, während Putin eine veritable ESkalationsneigung hat und gekonnt vorträgt.

        Zu geostrategischen Wahrscheinlichkeiten schreibe ich noch etwas extra.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          @ Stefan Kunze

          Zu Bekannten meine ich oft: „Man kann viel über Putin sagen; jedenfalls aber jedenfalls ist er ein Erwachsener.“ Worauf sich die meisten empören, mit einer Fernpsychoanalyse beginnen (natürlich nach der beliebten Projektionsmethode), mit Gut und Böse um sich werfen wie die kleinen Kinder mit Legosteinen usw. Die meisten sind der Betrachtung von Realien so sehr entwöhnt, dass sie keine Wunderrechnung mehr auf arithmetische Stimmigkeit prüfen, keinen Begriff mehr von Interessenpolitik haben, sondern sich nur noch in basislosen Tiraden ergehen, weil sie ja wissen, wie alles sein müsste, weshalb es zumindest binnen kurzem auch so sein müsse.

          Es gibt doch das schöne Sprichwort, „Wer mit dem Teufel isst, braucht einen langen Löffel.“ Für die Deutschen müsste man noch eine Verschärfung finden, vielleicht so: „Wer außer Haus isst, sollte wenigstens keinen Plastiklöffel mit gebogenem Stiel mehr dazu brauchen.“

          Zur Fernpsychoanalyse siehe dieses wundersteile Beispiel, insbesondere nach „Triumph der Steppe über die Zivilisation“. (Zeiten emotionserregender Krisen haben zumindest den Vorteil, dass man dabei erfährt, wessen Texte man nie mehr zu lesen braucht, weil man die intellektuelle Nullität des Verfassers erkannt hat.)

          Zu „daß auch dessen Kraftmeierei nur Kosten produziert, aber keinen Nutzen“. Und wenn es keine Kraftmeierei ist sondern Kraftanwendung? Und wenn ihm und vermutlich auch einem erklecklichen Teil der russischen Staatselite die eigene Souveränität und das Glacis ums eigene Land wichtiger ist als es beim Typus des rein hedonistischen Materialisten wäre, der bei uns weithin verbreitet ist?

          Sehen Sie sich den pakistanischen Drang zur Nuklearwaffe an. Es war meines Wissens Bhutto, der gesagt hat, „Wir brauchen die Atombombe, und wenn wir deswegen auch Gras fressen müssten.“ Sollte, dass der Staat diese hatte, nicht zumindest auch mit dazu beigetragen haben, dass Pakistan nach 2001 nicht unter die amerikanische Antiterrorweltmissionswalze geriet, obgleich weite Kreise in den USA am liebsten mit diesem Staat auch noch aufgeräumt haben wollten? Dabei hatte damals und hat m. W. auch heute noch Pakistan keine interkontinentalen Trägersysteme. Aber: Reize nicht den Leu in seinem Bau. Soviel zu den „bloßen Kosten“.

          Ein Beispiel für die ganz andere, nichtmaterialistische Motivation sind natürlich die benachbarten Taliban. Das mittlere Pro-Kopf-Einkommen Afghanistans wurde durch den Krieg und das westliche Engagement aus westlichen Portemonnaies vervielfacht; da hätte man dann doch den Krieg auf geeignet niedriger Flamme weiterbetreiben müssen, um das ins Land gekommene fremde Gesindel möglichst lange abzumelken. Stattdessen wollte man es verjagen.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          @ Michael B:

          Rawls-Drawl.

          An meiner Universität (BRD) haben die Kunstgeschichtler, sicher nicht die schnellsten Adaptoren technologischer Neuerungen, spätestens ab Mitte der 1980er ihre Abschlussarbeiten an den Rechenzentren oder dann auf heimischen PCs verfasst. Lauterbach dagegen lieferte 1995 in Harvard (Massachusetts) ein Typoskript ab.

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  4. Zorn Dieter schreibt:

    Ja, die Frage ist halt, was machen wir daraus? Dass diese Personalisierung und Stigmatisierung von politischen Personen immer mehr um sich greift. Sie hat ja einen deutlichen Entlastungseffekt für die Massen. Wenn Hitler der Böse war, wenn nicht sogar das Böse in Person, dann sind die Massen ja schuldlos, ihm auf den Leim gegangen zu sein. Gleichzeitig ist Personalisierung für die Medien ein unschlagbares Verkaufsargument und für die Politik ein Instrument der Mobilisierung der Massen. Für Politik & Medien also garnicht wegzudenken aus ihrem Instrumentenkasten. Die mangelnde Allgemeinbildung der Massen wirkt dahingehend, dass sie dieses Spiel im Bermudadreieck zwischen >Volk, Medien, Politik< auf keinen Fall durchblicken, sondern sich immer und immer wieder hineinziehen lassen. Mein Zahnarzt ist Putinhasser … wie er mir heute Morgen gestand …

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  5. Zorn Dieter schreibt:

    Ich halte grundsätzlich nichts von der Dämonisierung von politischen Personen. Sie bringt nichts, weil Politik anderen Regeln folgt als das Private. Trump ist eine Geburt der massenmdedialen Gesellschaft. Er ist der Trumpf der Konservativen Amerikas im Spiel um die Macht im Staate. Derjenigen, die die totale Globalisierung ein Stückweit rückgängig machen wollen und auch die Unipolarität der amerikanischen Politik. Wobei diese Linie schon quer durch die beiden Parteien geht, wie sich zeigte. Putin ist der Trumpf derjenigen, die das totale Desaster der Niederlage der UDSSR unter Gorbatchow und Jelzin in eine neue Zukunft für Russland kanalisieren wollen. Beides sind politisch legitime Anliegen. Denen Antagonisten im politischen Raum gegenüberstehen. Der Kampf geht nicht um Putin oder Trump. Er geht um Globalisierung, Digitalisierung, Autoritarismus und eine neue multipolare Weltordnung. Die Personalisierung auf Putin und Trump hilft nur interessierten Kreisen, diesen Kampf zu verschleiern.

    Seidwalk: Da haben Sie sicher recht – deswegen taugen diese Figuren nicht als Projektionsflächen. Aber das sind sie geworden, auf einigen Kanälen quasi als Heilsbringer. Dazu taugen sie jedoch schon auf individueller Ebene nicht, geschweige denn auf politischer. d.h. auf jener, die ihre Verstrickungen und Funktionen mitdenkt. Und das gilt natürlich für alle Politiker, die von den politischen Automatismen nach oben gespült wurden.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Ich glaube, es ist ein psychologisches Gesetz, dass sehr viele Menschen nicht ohne den Glauben an einen Heilsbringer leben mögen und sich deshalb einen erwählen, selbst wenn der Augenschein gegen ihn spricht, selbst wenn die ursprüngliche Motivation bei der Wahl einer Einstellung eine bloße Ablehnung von etwa anderem war. Zu Studienzeiten bin ich unvermeidlich diesen kommunistischen Kleinpartei-Sektierern begegnet, und wenn man sich dann in selbst skeptischer Haltung mit ihnen unterhalten hat, kam oft der Verzweiflungsausruf „Aber dann wäre ja gar keine Hoffnung!“ Die hatten auch alle ihr sozialistisches Musterland. Der an meiner Universität dominierende KBW zum Beispiel war sichtlich auf dem Weg, sich dafür das „Demokratische Kampuchea“ zu erkiesen, hat aber zuletzt mit viel Glück noch Enver Hoxhas europäisches Paradies vorgezogen.

      Äußern Sie mal in einer etwas größeren Gruppe, Sie wollten ohne jede Illusion leben, und sie werden sehen, wie ein erklecklicher Teil der Anwesenden sie entsetzt anblickt, wie ihnen das Gesicht herabfällt und einige sogar offen meinen, so könne man doch nicht leben. Auch die vielen Talisman-an-den-Autospiegel-Hänger sind vom selben Schlag: Irgend etwas haben, was einem Hoffnung gibt oder die Furcht nimmt, auch wenn das noch so unsinnig ist.

      Die Polarisierung in den politischen Einstellungen wiederum rührt wohl von einem von uns Menschen evolutionär erworbenem, atavistischen Freund-Feind-„Denken“. Natürlich spielen bei jedem Alternativen-Radikalismus (Es gibt nur für X oder gegen X, als ob es nicht auch ein Y gäbe) auch oft intellektuelle Beschränkungen eine Rolle.

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