Sagen, was man denkt?

Markus Lanz gehört eigentlich nicht zu meinem Pensum – als miserabler Schauspieler gelingt es ihm zu selten, genuines Interesse überzeugend zu heucheln.

Nun bin ich auf eine Sendung zum Thema Trump aufmerksam gemacht worden, die ich mir – um Himmelswillen! – nicht von Anfang bis Ende angeschaut habe, wohl aber einen kurzen Mittelteil … und der spricht Bände. 23.40 min – 30 min

„Postfaktisch ist ja immer so das neue Modewort“, beginnt ML. „All diese Fakten sind bekannt … und trotzdem kommt da einer durch mit dem, was er sagt“. Der „Eine“ ist natürlich Trump in Person und Lanz hat mit dieser Einleitung bereits den Ton gesetzt: Wir werden jetzt beweisen, daß Trump ein Lügner ist.

Bewiesen wird freilich etwas anderes: Lanz ist ein Lügner und Lanz steht hier für die Medien-Variable X.

Ironisch – die Grenze zum Zynismus ist fließend – spricht er dann von drei Trilliarden Besuchern der Trump-Inauguration und fragt den Ökonomen Prof. Max Otte – der naiv genug war, sich hinter der Front als Trumpianer zu erkennen zu geben – um Aufklärung, bietet zugleich aber jenes Luftbild mit leeren Rängen, das längst als gefälscht, als „postfaktisch“ enttarnt wurde. Lanz hätte das wissen müssen und lügt also, verheimlicht nicht nur, irrt sich nicht nur, vergißt nicht nur, sondern täuscht bewußt und das mit scheinheilig besorgter Geste.

Dann passiert das Unerhörte: Ranga Yogeshwar, sicher kein Trump-Fan, aber im Rahmen seiner Möglichkeiten ein Wahrheitsfreund, nimmt die beiden Photographien auseinander und zeigt die Manipulation auf. Otte legt nach und sagt „da ist das Postfaktische gegen Trump ins Feld geführt worden.“

Lanz wurde ertappt! Entschuldigt er sich? Wird er wenigstens rot? Fühlt er sich erwischt? Wir wissen es nicht, denn von links springt ihm ein Diskutant bei (dessen Namen ich mir gar nicht erst merken möchte) und würgt die ganze Diskussion mit einer vollkommen anderen Frage ab: man nennt das neuerdings: „Derailing“, das Gespräch auf ein anderes Gleis leiten. Selten hört man es in solch plumper Form:

„Was war denn eigentlich, Herr Professor, waren Sie glücklich, daß Sie bis auf 60 m an diesen Frauenverächter und Rassisten herankamen?“ Beifall für diese unqualifizierte Meinung, die m.E. Grund genug gewesen wäre, das Gespräch zu beenden, zumindest aber den Troll zu demaskieren.

Max Otte versucht in seiner phlegmatischen Art sein bestes und relativiert die Aussage. Damit hat er schon verloren. Inzwischen hat sich Lanz wieder gefangen und kann die alte Schiene auf dem neuen Gleis weiter fahren: „Herr Otte, jetzt sind wir aber wieder postfaktisch unterwegs. Donald Trump ist nicht rassistisch?“ Wieder Applaus. Das Zusammenspiel von Meinungsmachern und Publikum wäre eine eigene Analyse wert. Spätestens hier wird deutlich: Lanz will von Otte nichts wissen, er will ihn als Trump-Freak vorführen.

Lanz: „Mexikaner sind Vergewaltiger und keine Ahnung was, die anderen will ich gar nicht zitieren.“ Hier lügt Lanz erneut, denn Trump hat – soweit zu eruieren ist – nie behauptet, Mexikaner – im Sinne von allen Mexikanern – seien Kriminelle, Kriminelle also aufgrund ihres Mexikanischseins. Die Originalaussage befindet sich hier:

Trump spricht dort darüber, daß Mexiko nicht gerade seine Spitzenleute über die Grenze bringe, sondern Leute mit „lots of problems“ und diese Leute, die aus Mexiko stammenden Menschen mit den Problemen, bringen diese Probleme mit: „Sie bringen Drogen, sie bringen Kriminalität, sie sind Vergewaltiger und einige sind, wie ich annehme, gute Leute“. Die Aussage „Sie sind Vergewaltiger“, so unglücklich sie auch ausgedrückt ist – aber Trump ist nun mal kein Cicero (was ich bedauere) –, ist in den Erzählstrang „sie bringen“ und unter „people with lots of problems“ einzuordnen, wird also ausreichend relativiert: sie bringen auch sexuelle Gewalt mit.

Über diese Äußerung kann man einiges anmerken – aber Trump ist hier nicht das Thema.

Otte will erklären, scheitert jedoch an der Angst, die Politische Korrektheit zu verletzen. Er sagt, man habe die Kriminalitätsstatistiken von Aussagen über Herkunft und Rasse bereinigt, „weil wir die Fakten nicht mehr sehen wollen … weil in den Innenstädten (er meint die zumeist von Farbigen bewohnten inner cities in den USA)  die  Kriminalitätsrat höher ist“. Fakt!

Wieder wird das Gespräch umgebogen, wenn es heikel wird, diesmal von Lanz, der seine Unwahrheit in aller Deutlichkeit wiederholt: „Stopp, aber es ist doch extrem unpräzise und unfaktisch, ganz verallgemeinernd zu sagen, alle Mexikaner sind einfach mal per se Vergewaltiger. Das ist doch absurd“. Jetzt hat er Otte endlich an die Wand gespielt: dem fällt in der Hitze der Scheinwerfer das einzige valide Argument nicht mehr ein: Trump hat das nie gesagt – denn es wäre tatsächlich absurd. Die Falschaussage wurde dem Publikum endgültig ins Gehirn geblasen! Trump hat das, was er nicht gesagt hat, gesagt.

So wird es weiterleben – so leben Petrys an der Grenze erschossene Kinder weiter oder Höckes Holocaustmahnmal als Schande oder Gaulands Boateng, die „Neonaziparole“ oder die „nützlichen Idioten“ … alles feine, kleine Mißverständnisse, Uminterpretationen, Unterstellungen, die dann als fait accompli weiterleben – die verbalen Ungeschicktheiten besagter Personen sind freilich ihre eigene Kritik wert.

Lanz gibt sich mit diesem hinterfotzigen Sieg nicht zufrieden, will noch mal Salz in die Wunde reiben und kommt auf den „locker room talk“, also das heimlich abgehörte „Männergespräch“ über das „pussy grabbing“ zu sprechen. „Ich möchte nicht mit Männern verkehren, die so über Frauen sprechen“ – erhöht er sich selbst moralisch (und sprachlich etwas ungelenk).

Offensichtlich hat bisher noch niemand die ethische Fragwürdigkeit, derartige Privatgespräche zu veröffentlichen, angesprochen. Ich halte das für bedenklicher als Trumps Aussage, solange sie ausschließlich „unter Männern“ getätigt wird. Man muß nicht oft mit Sportfreunden unter der Dusche stehen oder mit Kumpels am Tresen …, um ähnliche Dinge zu hören. Selbst unter Eliteschülern, und besonders dort, wenn sie unter sich sind, ist das normal. Männer unter sich, sprechen nun mal – sofern sie sich ein wenig kennen – über Frauen und Frauen tun das umgekehrte wohl auch. Ein studierter Freund antwortete mir einmal auf die Frage: „Hast du dir schon mal vorgestellt, mit der zu schlafen? – Das stelle ich mir bei jeder Frau vor.“ Nun, liebe männliche Leser, gehen Sie in sich!

Es kommt einem vor wie jene Lüge über die Lüge. Wir wissen demnach, „wissenschaftlich bewiesen“, daß jeder Mensch im Durchschnitt bis zu 200 Mal am Tag lügt (präfaktisch!) und empören uns doch darüber.

Aus einem schweinischen Männerwitz – und sei er am lebenden Objekt, ähm Subjekt – eine Misogynie abzuleiten, ist heuchlerisch im Quadrat. Moralische Überhöhung in Lanzens Position ist Harakiri: Warten wir auf den Moment, wenn die erste Schöne ihn wegen sexueller Übergriffe angreift.

Nicht der Witz unter Männern ist das Problem, sondern die scheinheilige Empörung darüber!

Es geht mir hierbei nicht um Trump, zu dem ich mir eine eigene Meinung gerade zu bilden versuche, mich aber aufgrund mangelnder und immer wieder verzerrter Darstellung bewußt zurückhalte. Wir haben uns um uns und unsere Medien zu kümmern …

Immerhin kann man einen wesentlichen Unterschied zwischen Trump und den europäischen und deutschen Politikern feststellen.

Nicht in der Lüge unterscheiden sie sich, sondern in der Frage der Wahrheit. Gelogen wird diesseits und jenseits des Atlantik am laufenden Band, das gehört zur Politik, wie das Wasser zum Eis, aber Trump hat immerhin den Mumm oder die Unverfrorenheit, hin und wieder unbequeme Wahrheiten zu sagen.

Deshalb muß man sich Wolf von Lojewskis selbstdemaskierende Empörung wirklich auf der Zunge zergehen lassen (29.40): „Da ist plötzlich einer, was völlig verrückt ist in der Politik, der sagt einfach, was er denkt.“

Verrückt!

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3 Gedanken zu “Sagen, was man denkt?

  1. Leonore schreibt:

    „Die erzeugten Fakten stehen danach unumgehbar in der Wirklichkeit, es sind keine falschen Ansichten in fremden Köpfen.“

    Ist eine falsche Ansicht denn keine Tatsache , die „unumgehbar in der Wirklichkeit“ steht? Zumindest solange, bis sie revidiert wurde? (Obwohl – steht sie dann nicht noch immer als Tatsache in der Wirklichkeit – nur eben in der vergangenen? Ist die denn nicht wirklich?)

    Aber ich bin kein Philosoph; ich kann nur fragen, meine Fragen aber nicht selbst beantworten.

    Seidwalk: Das sind schwere philosophische Fragen … denen ich mit einem alten und bewährten Akademikertrick aus dem Wege gehe: „Lesen Sie mal Husserl“ (Totschlagen durch Autoritätsverweis) …. Bis dahin muß die Antwort genügen: Ja, natürlich aber auch: Nein, eben nicht.

    Daß es im Übrigen viel einfacher ist, falsch zu denken, zeigt diese beeindruckende Liste:http://rationalwiki.org/wiki/Logical_fallacy … eigentlich sollte man schweigen und nicht jeden Tag einen „Beitrag liefern“.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Das « fait accompli » schreibt sich ohne e und passt hier ohnehin nicht; gemeint ist mit dem Ausdruck, dreist und ohne jemanden zu fragen einfach etwas zu tun, also Tatsachen zu schaffen. Die erzeugten Fakten stehen danach unumgehbar in der Wirklichkeit, es sind keine falschen Ansichten in fremden Köpfen.

    An die 200 Lügen am Tage glaube ich nicht. Jeder Tag hat 24 × 60 = 1440 Minuten, das wäre alle 7,2 Minuten eine Lüge. Das schaffen wohl allenfalls Menschen, die „etwas [viel] mit Menschen“ arbeiten – welche wohlin der Regel im Lügen durchaus kundiger sind, das will ich neidlos zugestehen.

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