Die Angst vor den Deutschen

… kann man gut verstehen. Sie scheinen eine besondere Affinität zu haben, geführt zu werden. Allzu schnell scharen sie sich um Führerfiguren und allzu selten ist eine wirkliche Führergestalt darunter.

Wenn jetzt Martin Schulz, ein Mann ohne Eigenschaften, von null auf hundert zum neuen Messias emporgejubelt wird – man beachte den frenetischen, fast erlösten Beifall des Durchschnittspublikums –, wenn dieser Mann offenen Auges und unwidersprochen in die Kamera lügen darf – „Da werden Leute in den Bundestag gewählt, die das Holocaust-Denkmal als ein Schandmahl bezeichnen“ –, wenn auch der doppelte Freudsche Fehler – die Rede von der „SPD-Propaganda“ statt der „SPD-Programmatik“ – unerforscht bleibt, vor allem: wenn die führerfromme Schlitter- und Splitterpartei SPD aufgrund ihres neuen großen Vorsitzenden plötzlich wieder Machtübernahmephantasien ausschwitzt, wenn sich die selbsternannten „demokratischen Parteien“ allein auf das „Charisma“ ihrer Führer verlassen, dann kann einem Angst und Bange werden.

Erinnerungen an dunkle demokratieparodierende Zeiten und Ereignisse werden wach. Etwa an 11-minütige Parteitags-Ovationen für eine Vorsitzende – sie hatte ein Jahr zuvor selbstherrlich die totale Einwanderung ausgerufen –, die soeben ihren Offenbarungseid abgelegt, die den Massen im Saal förmlich zugerufen hatte: Ich, die Kaiserin, bin nackt! Und keiner wollte es sehen, alle wollten bis zur Verzweiflung glauben: Führe uns, Angela. So lange du glaubst, glauben auch wir. Wir schaffen das!

Die Deutschen lieben finale Beschwörungsformeln. Die Deutschen sind Geschichtsausbildungsverweigerer. Trotz der Lehren aus der Vergangenheit: Die Deutschen sind Endsiegeiferer.

 

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2 Gedanken zu “Die Angst vor den Deutschen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Und auf den unschuldigen Ulrich fällt es dann immer zurück, dieses „Mann ohne Eigenschaften“! Obwohl er doch nur für sich überlegt – und ich finde nachvollziehbar – die Konsequenz gezogen hat, nicht in einer carrière zusammen mit den „genialen Rennpferden“ laufen zu wollen.

    Im Übrigen haben sie natürlich recht. Es ist ein Jammer, Hunderte von Jahren in Treue fest – und während der ganzen Zeit nie ein abhandengekommener Kaiser, Kurfürst, Herzog oder auch nur landesherrlicher Graf. Den deutschen fehlt das Anarchistische ganz, das zuweilen bei den Nachbarn die Sitzfläche des Throns so aufgeheizt hat, dass beim Inhaber der Groschen fiel oder er aus dem Fenster oder auf ihn eine Klinge.

    Die „Machtvertikale“ (bei uns sagt man dafür „Durchregieren“ und hält’s dann für gut) hat auch zur Folge, dass oben gar keine brauchbaren Rückmeldungen mehr eingehen und die Führung blind udn ohnehin schon überlastet ist, weil jedes Kinkerlitzchen zur „Chefsache“ wird und sodann politisch, übers Knie und regelmäßig sachungerecht entschieden wird. In den späteren Zeiten der allzu langen Amtsinhaberschaft kommt dann noch der Cäsar-Innen-Wahn hinzu oder wie derzeit sogar noch der Cäsar-Außen-Wahn, also der Glaube, allen in der Welt Lehren erteilen zu müssen. Dann bleibt dem hilflosen Beobachter nur, sich zu denken: « Moi […] je les adore / Sous la forme de macchabées ».

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    • Na gut, man hätte, um „den unschuldigen Ulrich“ zu entlasten, auch „ein Mann mit allen Eigenschaften“ schreiben können – was in diesem Kontext aufs Gleiche hinausläuft. Mir wäre auch gar nicht schwummrig zumute, wenn sich an der Spitze einer deutschen Partei ein Ulrich in all seiner Kultiviertheit, Wissensfülle, Einfühlungsgabe, Zurückhaltung und Selbstinfragestellung stünde. Aber da Ulrich nur ein „Konstrukt“ ist, darf man seine Eigenschaft der Eigenschaftslosigkeit auch „mißbrauchen“, wie mir scheint.

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