West-östlicher Divan

Ewig zieht sich der Abend hin. Wir sind eingeladen. Es wird türkisch gekocht. Dann sitzen wir am Tisch und plaudern. Wir, das sind acht Deutsche und ein Türke oder anders: drei Wessis und fünf Ossis. Ort der Handlung: Ungarn.

Seit Stunden werden Belanglosigkeiten ausgetauscht. Niemand wagt sich aus dem Häuschen. Es geht um Lehrer-Themen – sie sind die Mehrheit hier. Um Ferienzeiten, das Arbeitspensum des Rektors, diese oder jene Klasse. Es geht um Gaststätten. Dort könne man gut, da weniger gut essen. Überhaupt sei es schwer, in Ungarn was Vernünftiges zu finden. Es geht um Preise. Die Autobahnen in Tschechien und der Slowakei. Dann um Urlaubsreisen. „Warst du schon mal in Osijek? Ja? Wie ist es dort?“ – „Schön“. „Letztes Jahr war ich in Mazedonien. Da ist es auch schön.“ …

Hin und wieder versuche ich einen Haken auszuwerfen.

In der Türkei ißt man kein Blut, wird festgestellt. Ich sage: das ist im Koran so vorgeschrieben. Aber niemand beißt an.

Ein Lehrer behandelt gerade „The Giver“ im Unterricht und beschreibt die dystopische Welt als eine, in der man sich ständig bei anderen für alles mögliche rituell entschuldigen müsse. Ich sage: Das kommt mir recht vertraut vor. Niemand beißt an.

Die ungarischen Kellner seien oft unfreundlich und unmotiviert. Ich versuche ökonomische oder strukturelle Gründe ins Spiel zu bringen, erinnere an die DDR, kein Kellner – ob Ungar oder sonstwas – sei per se abweisend; dafür müsse es tiefere Ursachen geben. Und auch diesmal verschmäht man den Happen.

Resigniert setze ich mein Grinsegesicht auf und schalte ab und hoffe, daß die Zeit bald vergeht – was die dümmste aller Strategien ist. Zeitdiebe.

Einmal werde ich noch wach. Nun ist der Wochenmarkt im Wortgeklingel aufgetaucht. Er ist eine der großen Attraktionen der südungarischen Kleinstadt. Zwei Mal die Woche verkaufen Kleinhändler ihr frisch gezogenes Gemüse. Oft sind es ältere Menschen, die ihre Gärten nutzen, um die karge Rente ein wenig aufzubessern. Oder lokale Imker, Pilzzüchter, kleine Bauernhöfe … es geht nichts über frische Milch und echte tiefgelbe Butter, grüne Hühnereier oder einen weißen Trüffel … Das Gemüse ist oft klein, unförmig, noch voller Erde und mit frischem Kraut. So mickrig und dunkelgrün sieht ein Brokkoli nun mal aus, wenn er frei wächst. Jeder Apfel ein Individuum, die Petersilienwurzeln schauen aus wie Gnome, der Paprika schimmert in allen Farben.

Es gibt, was das Jahr gerade hergibt. In Deutschland würde man für Bio das X-fache bezahlen, hier ist es deutlich günstiger als die Einheitsäpfel im Aldi, Lidl oder Tesco. Für uns ein Schatz.

Die Frau des Türken – sie stammt aus Rheinland-Pfalz – nett und alles, sagt: Nein, auf den Markt gehe sie nicht gern. Das Angebot sei zu schlecht. Es gibt hier einfach keinen Rucola. Und dabei liebe sie Rucola so sehr oder Lollo Rosso. Und die Leute mit ihren kleinen Ständchen und zerschlissenen Schürzen; legen das Gemüse einfach aus – in der Türkei oder in Deutschland wird es dagegen schön zu Mustern angeordnet, in Reih und Glied … da gehe sie doch lieber zu Tesco.

Du sollst keine Vorurteile haben“ – bete ich das erste Gebot der Toleranz innerlich herunter. Längst habe ich keine Energie mehr, an den nun ausgelegten Haken anzubeißen und zu erwidern. Statt dessen setze ich mein Dauergrinsen auf und hoffe, daß die Zeit vergeht.

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2 Gedanken zu “West-östlicher Divan

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Man sollte trotzdem unverzagt weiterpieksen. Diese mehr oder weniger artistischen Vermeidungstaktiken zu beobachten ist amüsant, zudem sind sie durchaus Empfangsquittungen, und man selbst kann den feineren Mutwillen üben. Mutwillen – Inbegriff des Lebens!

    « Amusez-vous dans la vie ; il faut jouer avec elle ! Et bien que le jeu ne vaille pas la chandelle, il n’y a pas d’autre chose à faire. » (Aus einem Brief von Voltaire an einen jungen Freund)

    Der Ausdruck „Zeitdiebe“ trifft es natürlich trotzdem, insofern man selbst allenfalls Sozialpsychologisches lernt, also ab einem bestimmten Lebensalter nichts Neues mehr. Wie groß ist denn sonst der in Gesellschaft verbrachte Teil des eigenen Lebens, der einigermaßen von Nichtigkeiten frei wäre? Noch einmal nun auch für die Voltaire-Antipoden:

    הבל הבלים הכל הבל

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  2. „Dignity and solitude, the gain of my fortitude“ (Death in June) … das Hakenauslegen habe ich in meiner früheren Arbeit auch gern und viel gepflegt, und dann oft aufgegeben, wenn die Kollegin beispielsweise, erwähnte ich Linke, antwortete: „Hast du mir einen Link geschickt?“. Manchmal aber kamen so wundervolle Stichworte, daß ich aus dem Wortgeklingel leise für mich oder durch leicht ironisches Sofortkommentieren wirklich dazugelernt habe.

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