Zeitschriften – Der Freitag

Schon das Motto gibt die Richtung vor: „Wir wollen bloß die Welt verändern“. Bescheidenheit sieht anders aus und das nonchalante „bloß“ darf als zielgruppenführend interpretiert werden, denn wo man den Freitag liest und abonniert, dort geht man die Revolution am besten nebenbei und mit großer Selbstverständlichkeit an, dort trägt man Cordhosen und Leinenhemden, der durchschnittliche Freitag-Leser dürfte mehr als tausend Bücher sein Eigen nennen und das allerneueste Elektrogefährt, sei es als Veloziped oder SUV. Um dieses Ziel zu erreichen, bedürfte es Tiefe, Weite und eines Alleinstellungsmerkmals.

Tatsächlich ist das Blatt „komplex“ und meine drei Ausgaben des kostenlosen Probeabos berechtigen noch zu keinem abschließenden Urteil, sondern nur zu ein paar Hypothesen. Im Abo kosten die 28 Seiten – womit die Zeitschrift sich durch eine angenehme Schlankheit von den Branchenriesen unterscheidet – 4,29 Euro, am Kiosk 4,90 Euro. Selbst die Beilagen – die letzte widmete sich der Problematik „Grundeinkommen“ – sind aussagekräftig und machen einen konzeptuellen Eindruck. Was im „Freitag“ erscheint, das hat Hand und Fuß und kommt nicht nur als Füllmaterial daher. Werbung gibt es wenig und stets weltbildkonform, auf Anzeigen, Stellenangebote und dergleichen wird gänzlich verzichtet.

Erstaunlicherweise gehört diese Wochenschrift zu den wenigen, die – auf bescheidenem Niveau – seit Jahren steigende Auflagen nachweisen können. Jede Woche werden circa 25000 Exemplare verschickt und man darf wohl annehmen, daß das Gros nach Berlin, München und Hamburg geht und auch dort vornehmlich in bestimmten Stadtbezirken zirkuliert. Denn es ist wohl das Blatt einer saturierten Linken, die seit Wagenknechts Generalabrechnung unter dem Siegel der „Selbstgerechtigkeit“ firmiert und wirkmächtig bleibt.

Ausgabe 17/2022 — der Freitag

@ Der Freitag

Daher erklärt sich möglicherweise auch der mitunter ironische oder gar zynische Ton, mit dem man gerne sich selbst, also die eigene Klientel und ihre politischen Parteien, behandelt, vornehmlich die „Linke“, dann „Die Grünen“ und schließlich auch die „SPD“ – in dieser Reihenfolge. Auch der übergroße Kulturteil ließe sich so erklären, in dem Bücher, Ausstellungen, Vorstellungen und Filme ausgiebig besprochen werden, die nicht selten als avantgardistisch oder meinungsbildend zu gelten haben und von denen ein proletarisches Milieu – dessen Interessen man ja letztlich „irgendwie“ zu vertreten und zu verteidigen vorgibt – noch nicht mal dem Namen nach kennt. Es ist die Welt der Sessel-Revolution beim veganen Essen unter Freunden und Rotwein mit gutem Bouquet. Sie kann sich auch – ganz gegen den Strich – eine ausgewogene Besprechung[1] des neuen Tellkamp leisten.

Das sagt natürlich nichts über die analytische Güte der Artikel. Die sind meist top professionell. Man kann schreiben und man kann auch denken – innerhalb seiner Schranken natürlich. Die Beiträger gehören zur Creme jener journalistischen Klasse, die das linksgrüne Milieu seit sechs Jahrzehnten systematisch aus den Universitäten ausspeit,  gut ausgebildet und ausgerichtet. Wenn man sich von den anderen Genossen-Blättern unterscheiden will, dann nicht selten durch Kritik der anderen und durch Herabsetzung[2]. Auch am parteipolitischen Klientel arbeitet man sich mit Sekundärthemen ab, die dem Stahlwerker am Arsch vorbeigehen, die woke Klasse aber offenbar erhitzt[3].

Sichtbar verunsichert steht man dem Krieg in der Ukraine gegenüber, der das Potential hat, große Teile der eigenen Leserschaft zu vergraulen. Jakob Augsteins Leitartikel „In der Kriegsmaschine“ stellt ein Paradebeispiel dieser Angst dar, die ihren Antiamerikanismus nicht verhehlen möchte, ihre Kritik am Westen, aber dennoch an der komplexen Schuldfrage nicht vorbeikommt. Oder Marta Monevas lesenswerter Beitrag über die eminente Frage, ob man auf Filmfestivals noch russische Filme sehen dürfe[4]. Dort, wo man die Leute aber in die Provinz schickt, entstehen mitunter tiefschichtige Analysen[5]. Manchmal ragt auch ein Beitrag heraus, wie etwa Velten Schäfers Aufarbeitung des widersprüchlichen und faszinierenden Lebens seines Vaters[6] – das sind wahre journalistische Höhepunkte.

Sehr gut brauchbar ist das Blatt auch als Hilfe bei Leseempfehlungen, auch wenn es dazu wohl keines Abos bedarf. Ich habe jedenfalls gleich mehrere Neuerscheinungen entdeckt, die mir sonst verborgen geblieben wären – Besprechungen unter der Rubrik „Gegneranalyse“ folgen. Ein Interviewteil bringt längere Gespräche mit Prominenten aus dem erweiterten Milieu, zuletzt etwa mit Helmut Lethen[7] oder Nida Rümelin[8].

Wie alle linken Blätter leidet man natürlich! An den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Die Probleme von „Transfeminiziden“ in Mexiko[9] etwa sind eine ganze Seite wert, ebenso linke Tanzgruppen beim Karneval in Rio[10]. Überhaupt sind die Rechte von und gegen „Randgruppen“ überrepräsentiert. Es wird auch fleißig gegendert, aber natürlich nur unter dem Freiheitsvorbehalt – man muß nicht, aber man kann und deshalb gendert man je nach Lust und Laune mit Strichlein, Sternlein, Binnen-I, wild durcheinander, so viel Vielfalt muß sein.

Im Gegensatz zur „Jungen Welt“ kann man im „Freitag“ fast alles lesen – nur die Kulturbeiträge über sekundäre Events habe ich lediglich überflogen – und man fühlt sich nicht so stark marxistisch-leninistisch indoktriniert wie beim „Neuen Deutschland“. Gegenüber „Süddeutscher“ oder „Zeit“ unterscheidet man sich dennoch durch mehr Radikalität und Stringenz.

Kurz: „Der Freitag“ ist ein lesenswertes Blatt in einem übersatten Meinungssegment, dessen Notwendigkeit mir nicht ganz klar wurde, aber offenbar gibt es eine kleine Klientel, die sich auch dort distinguieren will. Wer weiß denn schon, welch subtilen Winke ein keck ausgelegter „Freitag“ neben der Fairtrade-Cappuccino-Tasse mit Herzmuster im Schaum gibt?

[1] Marlen Hobrack Uwe Tellkamps „Der Schlaf in den Uhren“: Geschichtsrevision in jedem Wortsinn
[2] Vgl. etwa: Michael Jäger: Was erlauben Scholz?
[3] Vgl. etwa: Vier Jahre Mobbing, Sexismus, Boshaftigkeit
[4] Rhetorik und Widerstand.
[5] Martin Leidenfrost: Transnistrien: Prorussische Separatisten zwischen Moldawien und der Ukraine
[6] Der Krieg in meines Vaters Bildern
[7] „Nicht die Zeit einer Kultur des Ausgleichs“
[8] „Die Vision für nach dem Krieg fehlt“
[9] In Mexiko gibt es mehr als Chicos und Chicas
[10] Karneval in Brasilien als politischer Stimmungstest: Samba gegen Jair Bolsonaro

siehe auch: Zeitungen – Junge Welt

Zeitschriften – Reichtum für alle

sowie weitere Besprechungen von linken und rechten Zeitschriften

4 Gedanken zu “Zeitschriften – Der Freitag

  1. FRDNKNDR schreibt:

    Der Freitag zählt zu den wenigen Blättern, in welche ich (online) ab und an noch reinschauen kann, ohne mich sofort voller Ekel abzuwenden.

    Viele Artikel stellen tatsächlich einen gewissen Gewinn dar, und sei es nur in der überraschenden Erkenntnis, dass man so etwas tatsächlich noch in einem ’seriösen‘ Medium zu lesen bekommt und nicht dafür in dunklere Gefilde abtauchen muss – so bspw. jener mir in Erinnerung gebliebene:

    https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/selenskyj-beleidigt-griechisches-parlament-und-macht-putin-unverdientes-geschenk

    Die den Artikeln nachgestellte Kommentarfunktion hat sich bis vor Kurzem ebenfalls noch durch einen relativ ausgeprägten Meinungspluralismus ausgezeichnet, was aber spätestens seit Beginn des aktuellen Ukrainekonflikts Geschichte ist, leider.

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    • Vor einem Monat schrieb ich: „Ein Interviewteil bringt längere Gespräche mit Prominenten aus dem erweiterten Milieu, zuletzt etwa mit Helmut Lethen oder Nida Rümelin“

      Meine Hochachtung! Jetzt leistet „Der Freitag“ Pionierarbeit mit einem Interview mit Ellen Kositza – sehr lesenswert!

      Gleichheit ist langweilig

      https://www.freitag.de/autoren/michael-angele/die-rechte-in-der-richte

      Das ist nicht ganz ohne, es verbergen sich gleich mehrere subtile Botschaften dahinter. So wird etwa das Lamento, die Rechte bekäme keinen Raum in den Medien „widerlegt“, andererseits aber die heiß umstrittene Frage, ob man den Rechten den öffentlichen Raum überlassen dürfe gegen die Mainstreammeinung provokativ bejaht – was zu heftigen Gegenreaktionen und Unterwerfunsgforderungen führen kann. Michael Angele beweist durchaus Mut, zumal es ihm nicht darum ging, die rechten Positionen zu „entlarven“. Es scheint ein genuines Interesse an der Position der Andersdenkenden zu geben. …

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  2. Nordlicht schreibt:

    Es ist etliche Jahre her, vor Corona, da habe ich einige Monate lang das Blatt im Internet gelesen und auch gelegentlich kommentiert.

    Als ich die Klientel und speziell den Herausgeber Jakob Augstein anlässlich eines seiner Artikel als „Salon-Linke“ charakterisierte, war es aus mit der Nonchalance und gespielten Liberalität: Das Kommentariat schlägt fix zu. Ich war auf Dauer gesperrt.

    Im seit Jahren wogenden Streit zwischen der Alten Linken, die für einen angemessenen Anteil der Arbeitenden Klase am Volksvermögen verlangen und der Neuen Linken, die sich mehr für gehinderte Transfrauen in Argentinien interessieren, sehe ich Herrn Augstein jr. durchaus bei Letzteren.

    Seidwalk: Ja, das geht dieser Tage sehr schnell. In manchen linken Foren scheinen sich auch eine Art Blogwarte eingerichtet zu haben – ob organisch oder organisiert, weiß ich nicht -, die akribisch auf die Meinungshygiene achten und sofort alles Querliegende kenntlich machen und auszusondern versuchen. Ist mir z.B. bei der FR ganz unangenehm aufgefallen.

    Aber stimmen Sie – als Leser – meiner voreiligen Einordnung zu?

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    • Nordlicht schreibt:

      Durchaus, ja. Ihrer Bewertung stimme ich zu.

      Den Freitag zu lesen ist insgesamt erfrischend, allerdings nur selektiv wirklich nützlich, weil bereichernd.

      Vor vielen Jahren, als ich noch linker (- nicht „LInker“) war, lautete meine Antwort auf verdutzte Bemerkungen wie „So etwas liest Du?“:

      „Man sollte immer wissen, was der Klassenfeind denkt.“

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