Zeitschriften – Reichtum für alle

Ich stehe etwas ratlos vor diesem Blatt. Es ist das erste einer angekündigten Reihe. Sibylle Berg hatte es in einem denkwürdigen Clip, mit einem gehörigem Schuß Morbidität und Melancholie angekündigt: „manchmal denke ich, es ist alles so am Arsch, daß nur noch helfen würde, alles wegzuballern und neu zu starten“.

Daraus war eine Broschüre entstanden, „schlaue Menschen“ hätten darin ihre Sicht über Revolution niedergelegt, die Berg hat es dann „in ein Heft gepackt“ und es über ihren eigenen Shop vertrieben. Neun Euro wollte sie dafür haben und ich habe überlegt, ob man das investieren sollte, aber immerhin war Dietmar Dath dabei und die Stokowski auch – die anderen „schlauen Menschen“ kannte ich nicht – und what the fuck, ich hab’s also bestellt, bekam auch gleich Post von „FRAU BERG“ und zwei Tage später lag das Ding im Briefkasten.

Nicht gleich erschrecken wegen des Kursiven hier oben – das ist nur zur Einstimmung, soll an den grundlegenden Sprachgestus der „Ausgabe 1“ gewöhnen, die ich bewußt als Besprechungsexemplar für mich bestellt hatte.

Und was hält man in der Hand? 40 Seiten Großgedrucktes. Sieht aus wie aus dem Copy-Shop oder wie Xerographie, viele Bilder drin und sogar Bastelfiguren (zwei steife Herren: Totengräber?), alles schwarz-weiß – der Textbestand beträgt dann nur noch die Hälfte der Seitenzahl. So geht Revolution heute – schnell und huschhusch. Was waren das noch für Zeiten, als Lenin dicke Bücher schrieb.

Der spielt übrigens kaum noch eine Rolle, nur bei Dietmar Dath findet er beiläufig Erwähnung. Bei Dath bin ich mir noch immer nicht sicher, ob er genial oder Scharlatan ist, zumindest kleidet er viele seiner mutmaßlich ernsten Gedanken in Gaukelei. Das kann zum einen unsägliche Verakademisierung sein – „Der Implex“ – oder utopistische/dystopische Komplexphantasien – seine Sci-Fi-Geschichten –, oder eben Kunst. So richtig weiß man bei ihm nie, was er will, außer eben Revolution, irgendwie, im Vagen, im postmodernen Leninkostüm.

Sein Beitrag ist in diesem Heft der substantiellste, auch wenn mir wieder nicht ganz klar wurde, was er will. Zwar meint er, daß es nicht reicht, Wut zu haben, sondern Perspektive her müsse, aber worin die besteht, bleibt offen oder doch sehr ungewiß: alles umkrempeln. Klassenkampf nach altem Modell funktioniert nicht mehr, wenn man „das System stürzen“ will, dann müsse man jetzt „direkt die Logistik angreifen“, etwa durch „qualitative Streiks an ,choke points‘“, das sind die Flaschenhälse des Wirtschaftssystems.

Dietmar Dahts Utopie © Reichtum für alle

Die gleichen radikalen Fragen bekam auch ein Anonymus der „Black Socialists“ vorgelegt. Das ist in der Selbstauskunft “a coalition of anticapitalist, internationalist Black Americans / New Afrikans who believe that the workers should control the means of production in a directly democratic and decentralized fashion”.

Auch hier das allgemeine Ohnmachtsgefühl angesichts der „Cyber-Lords“ und „Gig-Economy“. Dort reagiert man aber weniger theoretisch, sondern mehr romantisch. Da will man sich an der Zapatisten-Bewegung ein Vorbild nehmen und schwärmt für den Subcomandante Marcos, einem mexikanischen Aufständischen, der in einer Art Mix aus Lyriksprache, Intellektualität, Zärtlichkeit und Che-Guevara-ismus besonders linke Frauenherzen  begeisterte. Revolution soll demnach nicht nach dem Ergreifen der Macht von oben bestehen, sondern „eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse von unten“ anstreben, was sich dann „Sozialrebellion“ nennt: „Systemwechsel durch die Kultivierung direkt demokratischer sozialer, wirtschaftlicher und politischer Institutionen … freiwillig nach gemeinsamen Grundsätzen“ usw.

Da die „Black Socialists“ black sind, und wie alle anderen Beiträger emanzipatorisch, feministisch, die Interessen von Minderheiten vertreten, antikapitalistisch, antinational, antifaschistisch und diese ganze Klaviatur, werden immer wieder die Die aussortiert, etwa die Männer, die Banken, die Komplexe … oder das System. Einmal drastischer, einmal weniger. Während Ulrike Herrmann einen fast liberalen Zugang wagt, phantasiert Maximilian Reimers von den „Linken“ und „Fridays for Future“ nahezu sinnfrei über Enteignung. Die Macht jedenfalls sollen haben: „die Unterdrückten, die Unvernünftigen, die Weirdos, die Leisen, die verletzlichen und radikal Fürsorglichen, die Ausgestoßenen, die in der Peripherie, die sog. Randständigen, die Widerständigen, die Widersprüchlichen, das Chaos, die Antifa (wahlweise Fantifa, Migrantifa), die Communities, die Solidarität“.[1]

Mittelteil © Reichtum für alle

Die „Video-Artistin“ Heta Multanen oder die „Netzpolitikerin“ Lee Cockroach und mehr noch „Cointreu on Ice“ vollführen nahezu Performances und das faßt das Heft vielleicht am treffendsten zusammen – Stokowski steuert übrigens nur ein harmloses Gedichtchen bei –: es ist eine kleine Revolutions-Performance mit dem Charme eines Hooligan- oder Punk-Fanzines oder eines anarcho-underground-Transkripts aus dem letzten Jahrtausend. Sprache und Vokabular bedienen sich noch immer marxistisch-leninistischer Floskeln, dort, wo sie nicht artistisch oder schräg oder experimentell sein wollen, man liebt das Vulgäre und Drastische und signalisiert durch immer wieder eingestreute englische Passagen – auch im Slang –, daß man auf proletarische Leserschaft keinen Wert mehr legt.

Das Heft faßt zwei Dinge dennoch sehr treffend zusammen: Zum einen das erbärmliche theoretische Niveau der Linken im 21. Jahrhundert, die fast keinen Zugriff mehr auf die realen Verhältnisse hat, und zum anderen die überall faßbare Ohnmacht – die sich oft in Wut äußert –, dem „System“ gegenüber machtlos zu stehen, und die Befürchtung, schon längst in es eingespeist worden zu sein. Hier trifft man sich übrigens mit weiten Teilen der rechten Intelligenz, aber dort wird immerhin noch ernsthaft gearbeitet. Konkrete Ideen oder „Perspektiven“ findet man hingegen keine.

Das Heft ist jetzt schon museumsreif und – wer weiß – kann in ein paar Jahrzehnten vielleicht hohe Auktionspreise erzielen. Man fragt sich freilich, ob im Haldenwangschen Archiv auch ein Exemplar katalogisiert wurde.

[1] Cointreau on Ice

3 Gedanken zu “Zeitschriften – Reichtum für alle

    • Naja, ich mute mir prinzipiell alles zu, was qualitativ hochwertig, also gut ist und/oder einen wichtigen Aussagegehalt hat und meistens auch das, was diese Standards unterbietet, aber gesellschaftlich relevant ist. Die Schnittfläche zu meinen Überzeugungen spielt dabei keine dominante Rolle.

      Die Berg kannte ich aus dem Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ – den hatte ich gelesen, weil ich ihn kostenlos in der Telefonzelle fand und weil die Autorin offenbar relevant zu sein schien, zumindest wenn man dem Feuilleton glaubt. Das Buch war eine ziemliche Enttäuschung, die Sprache denkbar erbärmlich und – soweit ich mich noch entsinne – es gab keine Seite ohne das Wort „ficken“ oder dergleichen. Ich hatte es zunehmend interesselos runtergelesen und die Autorin in die Schublade „nicht weiter zu verfolgen“ abgelegt.

      Stokowski kenne ich aus dem „Spiegel“. Sie ist an sich hellwach und kann gut schreiben – Potential ist da -, aber sie nutzt es leider nicht, kommt nicht über Platituden hinaus, könnte es aber. Kategorie: „im Auge behalten, hin und wieder“ – bei ihr schaue ich bei Twitter immer mal rein.

      Dath ist anderes Kaliber. „Der Implex“ ist ein Schwergewicht. Habe ihn bis zur Hälfte (400 von 800 Seiten) gelesen und dann weggelegt, weil mir der Faden verloren ging und konnte nicht ausschließen, daß es an meinem mangelnden Verständnis gelegen hat, obwohl ich letztlich Daths Verklausulierungen dafür verantwortlich machte. Kategorie: „Vormerken und bei Gelegenheit noch mal probieren“. Ähnlich ging es mir mit seinem „Die Abschaffung der Arten“, die ich teilweise begeistert gelesen hatte ohne am Ende einen Gewinn feststellen zu können. Außerdem teile ich viele Quellen und Interessen mit ihm, neben den üblichen auch weniger bekannte wie Hans-Heinz Holz oder Wolfgang Harich.

      Bei besagtem Heft hat mir auch die Ansage der Berg „gefallen“ – sie schien mit diesem Understatement etwas Wesentliches ankündigen zu wollen. Daß es eine Mogelpackung ist, war nicht abzusehen.

      Gänzlich umsonst war es ja auch nicht, denn immerhin war zu erfahren, wie radikal im linken Mainstream über die Systemfrage „diskutiert“ oder fabuliert wird, wie groß die seelische Not dort ist, das Leiden. Wir haben es immerhin mit einer gefeierten Autorin zu tun und die sehnt sich nichts dringlicher her, als den Untergang der jetzigen Welt. Würde Kubitschek so etwas äußern, wäre der Skandal vorprogrammiert. Dort aber scheint das niemanden zu jucken.

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      • Michael B. schreibt:

        Die beiden Frauen sind mir noch aus ihren Kolumnen in SPON bekannt, kurz bevor ich dessen Lektuere vor ca. fuenf Jahren komplett eingestellt habe(). Stokowski ist mir als ausgewiesen boesartige Maennerhasserin einer bestimmten damals aktuellen Form von Feminismus unangenehm aber in zum Glueck nun ferner und schwacher Erinnerung. Was sie heute mit 64 Geschlechtern und 800 Ethnien und ihren Problemen an *appropriation etc. anstellt, das will ich mir lieber nicht vorstellen.

        (*) in diesem Zusammenhang zu „gesellschaftlich relevant“: Fuer eine bestimmte Form von Oeffentlichkeit mag das sein. Eine duenne laute Schicht, einen nennenswerten Relevanzbegriff erfuellt das aus meiner Sicht personell gesehen nicht. Aber immerhin, auch ich erinnere mich noch an Namen und Gesamteindruck.

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