Zeitungen – Junge Welt

Heute lief mein Abo der „Jungen Welt“ aus – ein Probeabo über drei Monate, das ich aufgrund eines günstigen Angebotspreises genommen hatte. Vor wenigen Tagen erhielt ich ein Schreiben mit der Bitte, doch länger zu zeichnen, es lohne sich, denn die JW schreibe „gegen den Strich“ und biete Informationen, „über die in anderen Zeitungen geschwiegen wird“. Das stimmt!

Hier mein kurzes Fazit:

Das Abo begann mit Lieferschwierigkeiten. Erstmal kam nichts, dann kamen gleich mehrere Ausgaben und einmal wurde mir statt der JW das „Neue Deutschland“ eingeworfen. Der Unterschied war frappierend, denn das ND stellte gleich eine „richtige“ Tageszeitung dar, viel praller und mehr den Großen gleichend.

Aber gerade das gefiel mir an der „Jungen Welt“ – übrigens schon zu DDR-Zeiten: man bekam ein übersichtliches Blatt, das einen nicht gleich erschlug, eines, das man am Frühstückstisch gut meistern kann. Wochentags kommt es in zwei Teilen, der erste der Tagespolitik gewidmet, der zweite den politischen und kulturellen Vertiefungen.

Sofort fiel die forsche, oft freche, mitunter auch zynische Sprache auf. Die Zeitung wird vom Verfassungsschutz als „gesichert linksextrem“ eingeschätzt und beobachtet. Man gewann schnell den Eindruck, daß man nicht nur für eine bestimmte Klientel schreibt, die die Winke und Zeichen versteht und goutiert, sondern auch mit dem Wissen, den VS als aufmerksamen Leser immer dabei zu haben. Dem ist wohl auch der tägliche Mini-Comic „Rattelschneck“ gewidmet, für dessen Humor ich leider nicht empfindsam bin.

Zudem gibt man sich jugendlich, auch wenn ein Großteil der Leser wohl aus alten Genossen besteht. Dennoch wirkt die Sprache im Kontrast zu den Hauptmedien erfrischend, zumindest am Anfang. Nach drei Monaten kann sie auch zu Ermüdungen führen. Die JW hat das kleinste Redaktionsteam aller Überregionalen und so kommt es, daß man nach einer Weile den Duktus der meisten Autoren gut kennt, auch wenn der Sound sich bei fast allen gleicht.

Nun liegt ein großer Stapel an Ausschnitten neben mir, mit besonders auffälligen oder typischen Artikeln, die ich just für diesen Moment gesammelt habe – es fehlt mir allerdings jetzt die Kraft, alles noch einmal durchzusehen. Daher nur ein kursorisches Urteil aus dem Gedächtnis.

Die „Junge Welt“ ist links in dreierlei Gestalt. Zum einen ist sie stark marxistisch orientiert, den Marxismus in seiner philosophischen, weltanschaulichen und ökonomischen Form versteht sie noch immer als wissenschaftliche Lehre, die sie zu klarerem Durchblick berechtigte. Das macht sich vor allem in den täglichen Theoriebeiträgen bemerkbar, die jeden Tag eine Doppelseite belegen und für mich oft den Höhepunkt darstellten. Allerdings kamen dort auch altstalinistische Kader aus Rußland oder Kuba zu Wort, deren Weltbild noch immer dem real-sozialistischen entsprach, mitunter bis in die Sprache und Habitus hinein. Wenn es aber um die Aufklärung ökonomischer Zusammenhänge ging, ob an den Börsen oder auf dem Arbeitsmarkt,  um historische oder um philosophische Themen, dann machte sich das denkerische Know-How oft bemerkbar. Nicht selten bestanden diese detaillierten Beiträge aus Vorabdrucken kommender Bücher.

Links ist sie auch aufgrund ihrer sozialen Schwerpunktlegung. Man wird akribisch über Arbeitskämpfe aller möglichen Art informiert, jeder Streik in irgendeinem Krankenhaus oder einem Verteilerzentrum wird breit ausgewalzt, Betroffene kommen zu Wort, Hintergründe werden beleuchtet. Über den Informationsgehalt hinaus schafft diese Art der Berichterstattung auch ein warmes Zusammengehörigkeitsgefühl, denn man sieht sich als gesellschaftliche Avantgarde, umgeben von kapitalistischer Ausbeutung und sozialer Kälte, von allgemeinem Desinteresse und weiß sich ums gemeinsame Feuer in der Blechtonne vor dem Werkstor geschart. Ich selbst muß meine innere Gefühlsleere zugeben – mich haben diese Angelegenheiten meist kalt gelassen und wenig interessiert.

Schließlich ist da noch der internationalistische Aspekt. Auch hier unterscheidet sich die JW vom Gros der anderen Medien. Wer wissen will, welche Kämpfe man in Westsahara, Mali, Kolumbien oder Laos ausficht oder wo immer die Revolution gerade noch köchelt, wo gerade gestreikt wird oder wo noch echte Kommunisten leben, der ist hier gut bedient. Die Linke – zu Hause im Wohlstand erstickt – macht sich die Sorgen der Unterdrückten und Beladenen der ganzen Welt zu eigen. Sie leidet zum einem mit, aber sie „kämpft“ auch mit und sei es nur in der Kenntnisnahme. Gerade die Titelseiten sind oft schwer mit Gewissen belastet: wer die JW liest, tritt ein in die globale Belastungsgemeinschaft, die fast immer eine Universalerklärung bereithält: den Kapitalismus in seinen zahlreichen nationalen und regionalen Ausformungen.

Das führt natürlich zu einer einseitigen Sicht auf die Dinge, wohl aber eine Einseitigkeit, die die Leserschaft teilt. Politisch entäußert sich das in einem starken Antiamerikanismus und deutlich prorussischer und prochinesischer Positionen. Letztlich ist der Ami immer schuld und Putin will nur das Beste. Kuba ist ein besonderes Steckenpferd dieser Linken. Sie halten dieses Land, dem man sehr viel Aufmerksamkeit widmet und in dem man einen eigenen Mitarbeiter hat, noch immer für sozialistisch, zumindest kommt es dem Ideal am nächsten. Vielleicht sind das die Gründe der Überwachung?

Oder ist es die geistige Nähe zur DKP? Die zumindest vermute ich, denn dem scheinbar natürlichen Verbündeten, den Linken oder gar der SPD steht man äußerst kritisch gegenüber. Erstere werden als zu opportunistisch kritisiert, letztere fast im Stile der Sozialfaschismusthese abgelehnt, wie übrigens auch die Grünen. Möglich auch, daß man beim VS vermerkt, wenn mitunter radikale Stimmen – meist in Form von Interviews – etwa aus der Antifa zu Wort kommen.

Auch wenn ich die Positionen der „Jungen Welt“ nicht teile, war es mir ein Vergnügen, einer der 25000 Leser zu sein. Sie bringt einen erfrischenden Ton in die Debatte, in der sie freilich nicht gehört wird. Es wäre bedauernswert, wenn sie aus ökonomischen oder rechtlichen Gründen verschwände. Unter allen obigen Vorbehalten empfehle ich einen Blick in dieses Blatt, ja sogar ein Abo. Immer wieder gibt es interessante Sonderangebote – eine gute Chance, Einblick in eine ganz andere Welt zu nehmen.

PS: Warum das Wort „Corona“ hier nicht auftaucht? Nun, es scheint bei der JW keine große Rolle zu spielen – was auch „anders“ ist –, zumindest kann man in dieser Zeitung nichts Bedeutendes dazu erfahren; das Thema tangiert die Macher wenig.

Sollte nun jemandes Interesse geweckt sein, dann empfehle ich eines der zahlreichen Sonderangebote. Am Kiosk kauft man am besten die Wochenend- oder die Mittwochsausgabe, die sind am ergiebigsten.

Siehe auch: Die linke Psyche

Ein Gedanke zu “Zeitungen – Junge Welt

  1. Nordlicht schreibt:

    Manches hier Beschrieben erinnert mich an die taz, die ich in meiner Westberliner Zeit 80 bis 86 häufiger las.

    Das sich gebldeter gebende linke (- und von der SED/FDJ auf Ostermärsche und Antiatomdemos in Westdeutschland gezogene) Bürgertum, der Mann gehobener Beamter und die Frau esoterisch angehaucht, die Kinder in der Waldorfschule, las damals die Frankfurter Rundschau.

    Der Tagesspiegel galt als spießbürgerlich und wirtschaftsfreundlich. Jetzt ist er mit rotgrün total gleichgeschaltet, und man ist erfreut, in der von einem ehemaligen SED-Paar gekaufte Berliner Zeitung kritische Töne gegenüber der rotrotgrünen Senatspeinlichkeit zu lesen.

    PS Rattelschneck gab´s damals auch in der taz, meine ich mich zu erinnern.

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