Maß und Takt in der Erziehung

Denkanstöße – Herman Nohl

Schiller ist der erste gewesen, der diese polare Erfahrung formulierte: Leben und Form, Neigung und Gesetz, Hingabe an die freie Mannigfaltigkeit und Gestaltwillen – sie sind untrennbar voneinander und jede einseitige Entscheidung bedeutet eine Abstraktion. …

Das souveräne Wissen um die Polarität aller unserer Aufgaben, insbesondere aller pädagogischen Aufgaben und die Freiheit, die daraus entsteht, das ist das erste Geheimnis aller Bildung des Erziehers. Eine solche Grundantinomie unseres pädagogischen Lebens ist, daß wir uns selbst leben, jede Seele für sich, und zugleich den objektiven Werten und Gemeinschaften verbunden sind, daß wir unsere Gegenwart genießen wollen und doch zugleich für die Zukunft arbeiten, daß wir Gehorsam verlangen, zugleich aber zur Freiheit erziehen, daß wir die Vergangenheit tradieren und zugleich an einer neuen Welt bauen, daß wir in dieser Welt und ihren säkularen Aufgaben leben und doch immer um eine Transzendenz wissen, aus der uns die Ehrfurcht für unser ganzes Dasein kommt. …

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