Was wirklich zählt

Draußen scheint die Sonne, halb sieben ist es noch hell. In wenigen Tagen ist Zeitumstellung.

Auf dem Schlehenstrauch sitzen die Bergfinken und sonnen sich und warten auf das geheime Signal zum Abflug. Auch die Erlenzeisige versammeln sich zum letzten Mal an der Futterstelle, bevor sie gen Norden fliegen. Die Stare hingegen sind seit vier Wochen da. Der Star sitzt auf dem Starenkasten, spreizt sein Gefieder, reckt den Schnabel in die Höhe, um ein Weibchen anzulocken. Das alte Lied: er könnte schon, sie ziert sich noch.

Vor einiger Zeit schon habe ich alle Brutkästen sauber gemacht. Sieben von neun sind also bebrütet worden, zwei Starenkästen, die anderen von Meisen und Sperlingen. Nur die offene Bruthöhle wird noch immer abgelehnt. In diesem Jahr bringe ich noch zwei weitere Kästen an. In den letzten Jahren waren mehr als dreißig Vogelarten Gast in unserem wild gehaltenen Garten[1]. Gebrütet haben darin oder irgendwo in der näheren Gegend: Blaumeise, Kohlmeise, Feldsperling, Hausrotschwanz, Elster, Mönchsgrasmücke und Bluthänfling und auch der Rotrückenwürger war vor ein paar Jahren regelmäßiger Gast. Im Busch leuchten die roten Bäuche der Gimpel, an der Tränke die des Rotkehlchens. Die Stieglitze laben sich an den Distelblüten und die Kleiber kommen manchmal an die Futterstelle. Der Grünspecht zerwühlt die Ameisenbauten unter der Grasnarbe und der Mittelspecht zerhackt uns im Frühjahr den Bergahorn, dessen Saft er gierig aufleckt, dabei aber böse Schäden hinterläßt. Man muß ihn vertreiben – dennoch stürzte im Herbststurm der Mittelast ab.

Und während die Nachbarn ihre Rasen vertikutieren, freue ich mich an den ersten Blumen im moosdurchwachsenen Gras. Die Winterlinge sind nun in sich zusammengefallen und auch die Schneeglöckchen halten sich nur noch in kalten Ecken. Neben dem gelben Krokus zeigen die Narzissen schon ihre gelben Köpfe, wenn auch noch geschlossen. Dahinter deuten die roten Tulpen bereits ihre Einsatzbereitschaft an: noch eine warme Woche und auch sie öffnen sich. Dann kommen sicher die ersten Wildbienen und suchen sich freie Öffnungen in den zahlreichen Holzblöcken, in denen ich Löcher aller Größen gebohrt habe. Ob sie auch an die Hyazinthen gehen werden? Immer wenn ich an diese Blumen denke, beginnt es in mir zu singen: „Det er i dag et vejr et solskinsvejr” (aus dem Højskolesangbog) und immer in der Version Kim Larsens – darin heißt es:

Nu vil jeg glemme rent, at det var vinter
Nu vil jeg gå og købe hyacinther
Og bringe dem til en som jeg har kær

Nun will ich vergessen, daß es einen Winter gab
Nun will ich Hyazinthen kaufen
Und einem bringen, den ich liebe

Jetzt stehen sie geschlossen unter der Forsythie, die noch immer nicht wagt, ihre gelbe Pracht zu entfalten. Der Zitronenfalter kommt stets zuerst und gibt schon mal die häufigste Frühlingsfarbe vor. Im Boden ist steckt weiterhin der Frost. Nur mit Mühe konnte ich die letzten Topinambur ernten und neu bedecken. Es ist eine seltsame Pflanze. Jetzt sind es kleine Knollen in der Erde, im Oktober wird sie bis zu drei Metern in die Höhe ragen, um eine klitzekleine Blüte hervorzubringen, die wie eine Parodie auf all den Aufwand wirkt.

Die Schlehenblüten werden dann die nächsten sein und ich werde sie abzupfen und den wunderbar süßen Duft mit Blausäurearoma genießen und ihn mittels Trocknung und alkoholischer Auszüge zu konservieren versuchen. Im Mai folgt dann der Weißdorn, dessen Blüten jedem Tee einen honigartigen Geschmack verleihen und ein Balsam für das Herz sind. Im Juni dann das Johanneskraut, das neben der wilden Möhre und vielen anderen Kräutern und Wildblumen auf dem nie gemähten Mittelteil wächst. Dort spinnen die Wespenspinnen ihre seltsamen Netze, die wie Geklöppeltes aussehen.

Ab morgen werden die Gänseblümchen für den Salat geerntet und die ersten Brennesseln lugen auch schon hervor. Zwei Wochen noch, dann gibt es wieder jeden Tag frische Brennessel am Salat oder als „Spinat“…

Und so geht es jetzt wieder los, die Zeit des Frühlings, des Wachsens und Blühens, der Sonne, der Düfte, der Gesänge, des Gesumms und Gebrumms und jeder Tag und jede Stunde bringt spürbare Veränderungen.

[1] Amsel (Brut), Blaumeise (Brut), Kohlmeise (Brut), Schwanzmeise, Tannenmeise, Buchfink, Grünfink, Haussperling, Feldsperling (Brut), Grünspecht, Buntspecht, Mittelspecht, Schwarzspecht, Gartenrotschwanz, Hausrotschwanz (Brut), Elster (Brut), Eichelhäher, Mönchsgrasmücke (Brut), Gimpel, Girlitz, Goldammer, Kleiber, Stieglitz, Bluthänfling (Brut), Bergfink, Erlenzeisig, , Rotrückenwürger (vermutlich Brut), Türkentaube, Ringeltaube, Rabe , Krähe, Wintergoldhähnchen, Kernbeißer, Fitis ?, Rotkehlchen, Kauz/Eule/Uhu, Turmfalke, Eisvogel (Überflug)

2 Gedanken zu “Was wirklich zählt

  1. Nordlicht schreibt:

    Danke. Ich bin gerührt, auch über das Lied, weil wir jetzt kürzlich nach DK umgezogen sind.
    In ein schönes weisses „Lønneberga-Hus“ mit viel Fläche drum herum und vermooster Fläche.

    Wir werden Kartoffeln pflanzen. Und für den nächsten Winter einen Baum fällen, der ohnehin die Vormittagssonne stört.

    Gefällt mir

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Mehr mineralische Ergänzung:

    ―――――――――――――

    Charles d’Orléans

    RONDEL.

    Le temps a laissié son manteau
    De vent, de froidure et de pluye,
    Et s’est vestu de brouderie
    De souleil luisant, cler et beau.

    Il n’y a beste, ne oyseau,
    Qu’en son jargon ne chante, ou crie:
    Le temps a laissié son manteau
    De vent, de froidure et de pluye,

    Riviere, fontaine et ruisseau
    Portent, en livrée jolie,
    Goutes d’argent d’orfaverie,
    Chascun s’abille de nouveau.

    Le temps a laissié son manteau
    De vent, de froidure et de pluye,

    ―――――――――――――

    Die Zeit hat ihren Mantel abgelegt
    Aus Wind, Kälte und Regen
    Und hat sich mit Stickwerk bekleidet
    Aus leuchtender Sonne, klar und schön.

    Es gibt kein Tier und keinen Vogel,
    Der nicht in seiner Sprache sänge oder riefe:
    Die Zeit hat ihren Mantel abgelegt
    Aus Wind, Kälte und Regen.

    Fluss, Quelle und Bach
    Tragen als hübsche Liberey
    Silbertropfen aus der Goldschmiede,
    Jeder kleidet sich neu ein.

    Die Zeit hat ihren Mantel abgelegt
    Aus Wind, Kälte und Regen.

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