Nietzsche der Zeitgemäße

… Und mitten hinein, akademisch ungeschützt, stürzt sich Julien Rochedy. Der Leser schaut in die Pistolenmündung eines comicartigen gezeichneten Nietzsche im Hawaii-Hemd vor grellgelbem Hintergrund. Wo Felsch seine Fußnoten bündeln muß, um sie nicht übermächtig werden zu lassen, da verzichtet Rochedy auf jeglichen Nachweis. Mit entschiedener Geste wischt er zweierlei ohne Begründung beiseite: alle bisherigen philosophischen Abarbeitungen an Nietzsches Werk, ganz ausdrücklich den gesamten postmodernen Diskurs, und die Frage nach der Authentizität der Texte. Was gedruckt wurde, nimmt Rochedy wortwörtlich, inklusive des umstrittenen „Der Wille zur Macht“, alles intellektuelle Feilschen habe nur vom Wesentlichen abgelenkt, hier wird der Anspruch gestellt, den eigentlichen Nietzsche wieder freizuhauen.

Nietzsche – der Zeitgemäße

Seine Herangehensweise ist ein Dreisprung. Über eine kurze persönliche Annäherung und eine etwas umfänglichere biographische Abschreitung des Lebens Nietzsches anhand deren bereits die Grundgedanken in ihrer Entwicklung vorgestellt werden, widmet er sich dem Glutkern seiner Argumentation, dem Willen zur Macht, und führt aus diesem die wichtigsten begrifflichen Fäden in die Zeitgemäßheit.

Letzteres bedeutet den Versuch, die Moderne in ihren Auswüchsen, ihrer Dekadenz, ihrer Selbstverleugnung mit Nietzsches Denkfiguren zu erschließen und begreifbar zu machen. In dieser Lesart steht er natürlich rechts, werden seine inneren Widersprüche und sein Perspektivismus weitestgehend ignoriert, wird auf Kritik verzichtet, wird er gebrauchsfertig gemacht, wieder zum Dynamit. Im heimlichen Zentrum steht das Appellative der Philosophie Nietzsches. Daraus ergibt sich auch die bevorzugte Zielgruppe – die Optik erscheint nun sinnvoll –, nämlich der junge, dynamische, wissens- und tatenhungrige Leser, der gelesene Werke nicht habituell in Bücherregale einsortiert, sondern sich noch Handlungsanweisungen aus der Literatur erhofft.

Das sollte den belesenen Nietzschekenner nicht abschrecken, denn das Buch enthält tatsächlich ganz originelle Interpretationen.

Am Anfang stand demnach der Schmerz. Die Qual seines Leibes in Lebensenergie, Kraft und Klarheit umgedeutet zu haben, beweist die Außergewöhnlichkeit des Menschen Nietzsche. Aus dieser Affirmation heraus gehen ihm die großen Bilder auf, in die Rochedy schlaglichtartig hineinleuchtet.

Die lichtvolle Einsicht – so definierte Husserl die Evidenz – in den Tod Gottes, den Nietzsche nicht will, aber begreift, läßt ihn nach alternativen Daseins- und Seinsmöglichkeiten suchen. Die Ewige Wiederkehr des Gleichen sei als Ethikum oder als Psychotrick falsch verstanden – man müsse diese Formel metaphysisch, wenn nicht gar ontologisch fassen. Der Mensch könne nur leben in der Gewissheit seiner Ewigkeit, alles andere führe in den Nihilismus, also die Verneinung des Eigenen, die Verneinung des Lebens zugunsten eines Glaubens an bessere Welten, und wenn Gott diese nicht mehr gewähren kann, dann muß der Mensch sich selbst befähigen. Amor Fati und Wiederkehr geben ihm das Rüstzeug. Die Begründung dafür findet Nietzsche im Willen zur Macht, diesem universellen Prinzip und der „Lebensenergie“ alles „lebenden Existenten“. Ihm ist nicht zu entgehen, alles ist Wille zur Macht, die „metaphysische Essenz alles Lebendigen“, auch seine Inversionen und Perversionen der Ressentiment-beladenen Klassen, die ihren Haß hinter den hehren Idealen verbergen.

Nietzsche wird hier zurechtgehämmert und der Gewinn gibt der groben Methode recht. Denn es gelingt Rochedy, nicht nur die Absurditäten einer selbstgeschwächten, woken und politisch korrekten Klasse letzter Menschen auf dem Weg in den Selbstmord Europas, in die Sklavenmoral und ihre subtilen Manöver – etwa die Vertauschung der Kategorien „böse“ und „schlecht“ – aufzuzeigen oder typische Missverständnisse oberflächlicher Nietzsche-Lektüren kenntlich zu machen, er kann auch in der Aristokratisierung, im Krieger-werden, im Übermensch-werden aktiv Wege aus der Misere zeigen, um schließlich grandios in Nietzsches berühmtem überlegenen Lachen zu enden.

Natürlich könnte der Philister tausend Haken einschlagen, die Akademie wird dieses Buch ignorieren, aber Rochedy stellt weder sich noch Nietzsche in die akademische Arena, er positioniert sich nicht exegetisch, sondern er will den Leser überhaupt erst zum Streit befähigen, ein Vorverständnis schaffen. Das ist geglückt, man muß dieses Buch begrüßen! Ein sachkundiges Lektorat hätte dennoch kleinere Fehler eliminieren können und bei Rochedys freier Wiedergabe der Texte wäre ein Quellenverzeichnis hilfreich gewesen.

Julien Rochedy: Nietzsche – der Zeitgemäße. Jungeuropa Verlag. Dresden 2022, 169 Seiten, 18 Euro

zuerst erschienen als Doppelbesprechung in: Sezession 109

siehe auch: Schlachtfeld Nietzsche

Das „Nie“ in Nietzsche

Nietzsche und Deleuze

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