Goethe und Corona

Manfred Osten durchforstet nun schon seit Jahren das Werk Goethes nach Anknüpfungspunkten für die Jetztzeit. Am Beginn stand das Goethesche Zauberwort „alles veloziferisch“, mit dessen Hilfe er des Klassikers wenig bekannte Kritik der allgemeinen Akzeleration und seine „Entdeckung der Langsamkeit“ reaktualisiert hatte, dann wandte er Goethe an, um „Das geraubte Gedächtnis“ durch die digitale „Zerstörung der Erinnerungskultur“ offenzulegen, zuletzt diente der Meister dazu, moderne Glückstherapien zu begründen, und nun legte er einen Band über Goethes Aktualität in Pandemiezeiten vor, kundig, sachlich und pedantisch wie immer.

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Wahrheit des Krieges

Bedeutende Werke der Weltliteratur haben es an sich, ihre Aktualität, d.i. ihre Relevanz für spätere oder gar alle Zeiten immer wieder nachweisen zu können. Das gilt im Allgemeinen grundsätzlich und sehr oft auch im ganz Spezifischen. Klassiker sind Werke, die ihre Interpretation überstehen[1].

So findet man in Albert Wass‘ besten Romanen immer wieder ewiggültige Wahrheiten ausgesprochen, ganz grundsätzliche, menschliche Konflikte in archaischen Umgebungen mit klarer, allen zugänglicher Sprache und literarischen Mitteln derart aus dem „krummen Holz“ herausgeschnitzt, daß diese Bücher überzeitlich und überräumlich wirken und folglich immer wieder gelesen werden sollten.

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Erfahrung und Gleichmut

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XIX

Darüber, wie derjenige, der etwas erfahren hat, gleichmütig wird.

Hinter dem Wissen steht die Gleichmütigkeit. Wenn du etwas Wahres über das Leben lernst, wirst du ruhig und gleichmütig.

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Was wirklich zählt

Draußen scheint die Sonne, halb sieben ist es noch hell. In wenigen Tagen ist Zeitumstellung.

Auf dem Schlehenstrauch sitzen die Bergfinken und sonnen sich und warten auf das geheime Signal zum Abflug. Auch die Erlenzeisige versammeln sich zum letzten Mal an der Futterstelle, bevor sie gen Norden fliegen. Die Stare hingegen sind seit vier Wochen da. Der Star sitzt auf dem Starenkasten, spreizt sein Gefieder, reckt den Schnabel in die Höhe, um ein Weibchen anzulocken. Das alte Lied: er könnte schon, sie ziert sich noch.

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Mein Kriegstagebuch VIII

Loyalität: In der lokalen Zeitung – Freie Presse Auerbach – wird das Schicksal eines ghanaischen Flüchtlings thematisiert, das uns schlaglichtartig das Problem der Migration aufzeigt. Nicht über diesen Einzelfall ist zu urteilen, denn es mag tausend gute Gründe geben, warum der Mann so handelt, wie er es tut, aber als Verallgemeinerung taugt die Geschichte gut.

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Historie und Geschichte

Nehmen wir die Schildkröten, um den Gedanken plastisch zu machen.

Jeder kennt die Bilder der nächtlich aus dem Wasser steigenden Meeresschildkröten, bei Vollmond, wie sie dann in unendlichen Scharen sich den Strand hinaufarbeiten, mit ihren Flossen mühsam tiefe Löcher graben, um dann ein Ei nach dem anderen darin abzulegen, alles mit Sand bedecken, und wieder in der Anonymität der Weltmeere verschwinden.

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Ungarn vor der Wahl

In zwei Wochen wählen die Ungarn ein neues Parlament. Der Krieg zwischen Rußland und der Ukraine könnte auch über den Ausgang dieser Wahl entscheiden. Denn die politischen Gegner verhalten sich ganz unterschiedlich dazu, „der Wähler“ goutiert aber nur eine Position. Das wurde während der Demonstrationen zum Nationalfeiertag am 15. März überdeutlich und das bestätigen ganz überwältigend auch Meinungsumfragen.

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Widerstand und Verschwörung

Auf einer Austauschplattform übe ich gelegentlich das Fremdsprachvermögen mit Muttersprachlern. Ein junger Pole hat sich als besonders angenehm erwiesen – er spricht nicht nur beeindruckend gutes Deutsch, er spielt auch Schach auf meinem bescheidenen Niveau. Die erste Partie habe ich gewonnen, weil er in ein typisches Kombinationsmuster hineinlief, das ihm offenbar fremd, mir als Blackmar-Diemer-Aficionado aber in Fleisch und Blut übergegangen war. Ich mußte an alte Zeiten denken und plötzlich ging mir ein wichtiger Gedanke auf.

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Spritpreis-Explosion

„Tatsächlich wird es ohne einen fundamentalen Bewußtseinswandel nicht zu machen sein. Dieser muß letztlich zur Bereitschaft führen – die mit Überzeugung nicht zu erlangen ist, sondern die verinnerlicht werden müßte – seinen materiellen Grundumsatz um mindestens eine Zehnerpotenz zu verringern um dadurch an die eigenen Glücksreserven, in ‚der inneren Mitte‘, zu gelangen.“ (Bahro)

Die Tatsache, daß man auch gegen seine Interessen handeln kann, wenn man sie vertritt, wird durch die exorbitanten Spritpreise wunderbar illustriert. Man muß nur in der Lage sein, von seinen unmittelbaren individuellen Interessen zu abstrahieren.

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Kriegstagebuch VII

Wahrheit: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst – diesen Satz hört man allerorten. Doch Achtung! Wer ihn sagt, sagt mit ihm zwar die Wahrheit, daß er ihn sagt, kann aber mitunter das Vorhaben zu lügen vertuschen. Mit der Feststellung stellt man sich auf die Seite der Wahrheit und nimmt einen Wahrheitsanspruch für sich selbst in Beschlag, in dessen Schatten sich besonders gut die Unwahrheit verbreiten läßt. Muß nicht, kann aber. Der Satz entspricht exakt dem Paradoxon des Epimenides.

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Nationale Interessen

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir von nationalen oder geostrategischen Interessen sprechen, die wir einzelnen Ländern oder Verbünden zuerkennen? So liege es etwa im geopolitischen Interesse Rußlands, eine Pufferzone zu den NATO-Grenzen zu haben, oder im nationalen Interesse der Ukraine, der EU anzugehören usw.

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Mein Kriegstagebuch VI

Trauer: Daß die Ukrainer und Russen uns näher sind, wie ich kürzlich behauptet habe, findet selbstredend seinen konkreten Ausdruck und ist keine abstrakte Behauptung. Sie sind uns nicht nur in ihrer Geschichte – die mit der unseren eng verwoben ist –, ihren Traditionen oder ihrer Verwurzelung im christlichen Erbe und damit auch in der Moralität und Begrifflichkeit nahe, sondern ihr Verhalten ist uns unmittelbar, mit nur geringen Abstrichen, verständlich. Und im Falle der Trauer, des Schmerzes und der Verzweiflung, die wir nun tagtäglich und doch nur in kleinsten Ausschnitten sehen – denn das Meiste bleibt ungefilmt – sind uns ihre Gefühle und Gedanken unmittelbar zugänglich.

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Diskursabbruch

Okay, es reicht. Es bringt nichts mehr. Jedes weitere Wort ist verschwendet. Es wird mit diesem Menschen keine Übereinkunft geben, nicht in politischen Fragen. Die Schwierigkeit wird sein, das Persönliche davon unbeeinträchtigt zu lassen.

Er ist ja ein guter Mensch, wir sind bisher – auf recht oberflächlicher Basis – gut miteinander ausgekommen, haben gemeinsam gelacht, geschmaust, geschwelgt in Erinnerungen, an schöne alte Zeiten. Aber seither die Politik Thema wurde, geht das alles nicht mehr.

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Mein Kriegstagebuch V

Entgrenzung: Sollte dieser Krieg sich weiterhin als Entgrenzungsphänomen entpuppen, dann ist vielleicht auch die komplette Schleifung der russischen Bastion denkbar – zu welchen Kosten und mit welchen Folgen auch immer. Gerade weil Putin über diese enorme militärische Macht verfügt, wird seine Vernichtung wahrscheinlicher, je mehr Schreckensnachrichten die Welt erreichen. Der Angriff auf den Atommeiler Saporischschja hat der Welt nun vor Augen geführt, daß dieser Krieg bald unser aller Krieg werden kann – wenn seine Strahlkraft das Kampfgebiet übersteigt.

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Mein Kriegstagebuch IV

Willkommenskultur: Wir haben wieder Flüchtlingsströme in Europa und Refugees auch in Deutschland. Aber die Wahrnehmung ist eine ganz andere, das äußere Bild stellt sich komplett anders dar, verglichen zu damals ist die Medienabdeckung dünn – all das entlarvt die Verlogenheit der „Willkommenskultur“. Die Medienberichterstattung bleibt gedämpft, trotz zehnfach höherer Flüchtlingszahlen. Damals kamen viele junge Männer aus Kriegsgebieten in Syrien und noch mehr mischten sich darunter, die aus keinem Krieg flohen. Frauen und Kinder waren die Ausnahme und hatten unterwegs oft traumatisierende Ereignisse zu bestehen. Es kamen just jene Männer, die die Diktatoren, vor denen sie zu flohen angeben, aktiv hätten bekämpfen können und sie ließen ihre Mütter, Frauen und Kinder in der Hölle zurück, aus der sie flohen.

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Mein Kriegstagebuch III

Hintergrund: Daß ich hier schreibe: Sinnvoll ist das nur vor dem Hintergrund, daß alles andere genauso sinnlos ist!

Die Völkischen. Scholz: Putin vergeht sich am ukrainischen Volk.“ Eins muß mal klar sein! Wenn es kein deutsches Volk gibt, dann erst recht kein ukrainisches. Korrekter wäre zu sagen: Putin vergeht sich an der Bevölkerung, die in der Ukraine lebt. Übrigens schon deswegen, weil dort mehr als nur Ukrainer leben: Russen in erster Linie, aber auch Ungarn, Rumänen, Bulgaren, Juden, Weißrussen, Polen, Krimtataren und Juden, um nur einige zu nennen.

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