Aufklärung und Impfpflicht

Man hört dieses „Argument“ immer wieder, bis zur Versagung. Die Impfverweigerer müßten nur entsprechend aufgeklärt werden, dann würden sie den Unsinn ihrer Weigerungshaltung schon einsehen.

In diesem Beitrag sagt ein Klinikdirektor, der seine ungeimpften Mitarbeiter demnächst entlassen will: „Wir haben schon im Vorfeld der Impfungen mit einer sehr intensiven Aufklärungs- und Beratungskampagne im Klinikum begonnen, die seit mehr als einem Jahr anhält.“ In seiner Klinik seien auf diese Weise 97% aller Mitarbeiter geimpft, woraus er schließt: „Die überwältigende Mehrheit ist vom Sinn der Impfung überzeugt.“ Und schließlich ergänzt er noch – was dieses Statement klassisch und komplett macht: „Jeder kann sich melden und um ein Gespräch bitten. Mit sachlich vorgebrachten Bedenken setzen wir uns gerne auseinander.“

FireShot Capture 693 - Krankenpfleger (29) verweigert Impfung - sein Chef sagt_ Dann muss er_ - www.focus.de

@ Focus

Leider müßte dem Mann mal jemand sagen, daß seine Denkfähigkeit oder seine Bildung begrenzt sind. Oder aber er argumentiert bewußt falsch und handelt damit vorsätzlich – was noch schlimmer ist als Dummheit.

Wenn es Dummheit ist, dann liegt es wohl am falschen Verständnis des Begriffes „Aufklärung“.

Es ist kaum anzunehmen, daß seine „Aufklärung“ eine realsozialistische Zustimmungsrate von 97 % erzielt – viel wahrscheinlicher ist, daß es auch in Itzehoe um die 15-30% Zweifler gibt. Von denen dürften sich die meisten also dem Druck – und nicht der „Aufklärung“ – gebeugt haben. Innerlich dürfte es in den meisten von diesen kochen, denn sie haben sich selbst verleugnet, haben sich als Opportunisten oder Angsthasen erwiesen und müssen nun mit der brennenden Lymphe im Leib leben, zumindest eine Weile – bis es sich als unproblematisch erwiesen hat oder vergessen wird. Irgendwann freilich werden unter diesen manche an Herz- oder Blutproblemen leiden, werden Krebs bekommen oder Gürtelrose und sich dann die nicht mehr zu beantwortende Frage stellen: Warum ich? Lag es (auch) an der Impfung?

Auch seine zur Schau gestellte Toleranz – Jeder kann sich melden … mit jedem sprechen wir verständnisvoll – entpuppt sich als vergiftetes Geschenk, denn ein Gespräch, das nicht mehr ergebnisoffen ist, in dem der eine Teilnehmer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, von der der andere nur noch überzeugt werden müsse, ist eben keine tolerante oder demokratische Veranstaltung mehr.

Jetzt sind die beiden zentralen Begriffe zusammen gefallen, die am Grunde des Übels liegen. Der Herr Direktor versteht nicht mehr, was Aufklärung bedeutet – und das ist zeittypisch hoch relevant –  und verwechselt diesen zentralen Begriff unserer westlichen Freiheit mit „Überzeugung“, mehr noch mit „Überredung“ oder gar „Nötigung“, mithin mit Zwang – worauf kongenialerweise ja auch die Impfpflicht in ihrer tatsächlichen polit-medialen Durchsetzung hinausläuft, so sehr die offizielle Rabulistik auch auf der „Pflicht“ beharrt.

Wer aufklärt, bringt Licht ins Dunkel, aber er verfügt nicht darüber. Zuerst ins Dunkel seines eigenen Gehirnkastens – denn Aufklärung ist kein Resultat, sondern ein Vorgang, sie kennt kein apriorisch bereits festgestelltes Ergebnis, sondern stellt sich selbst immer und permanent in Frage. Sie weiß also, daß das Dunkel nie gänzlich verschwinden wird, sondern sie strebt danach, es nur immer heller zu machen und zwar unabschließbar und unbeendbar.

Deshalb ist Kants Diktum durchaus treffend und sollte von allen, die fahrlässig von „Aufklärung“ quasseln, auswendig gelernt und vor allem verstanden werden:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Wenn etwas das Gegenteil von Aufklärung ist, dann ist es das ständig abgeleierte Lied, „das man“ – wie Heidegger sagte –, wenn also alle das gleiche sagen und wenn es nur noch ein Ergebnis des Denkens und Zweifelns zu geben hat. Aufklärung schließt die Einsicht in die eigene Irrtumsfähigkeit ein, sie ist kein Garant für die Richtigkeit der Einsichten, weshalb ihre Erhellung auch eine zeitweise Verdunklung sein kann, aus der sie freilich wieder emporstrebt.

Insofern – im Spiegel Kants – darf man festhalten, daß der renitente Pfleger viel mehr ein Aufklärer ist als sein Dienstherr, und ich muß meine obige Diagnose des Herrn Professor konkretisieren; er ist nicht nur dumm und ungebildet (oder bösartig), sondern zudem muthlos [1]. Wie alle, die dieses „Argument“ anbringen.

[1] Was nicht heißt, daß ich es nicht auch bin – nur anders. Die Beurteilung anderer erlöst mich nicht vom Verdacht.

Anhang: IfS_Studie41 – Benedikt Kaiser: Corona und Profit

3 Gedanken zu “Aufklärung und Impfpflicht

  1. Nordlicht schreibt:

    Das Buch „Travelling Home“ hat mich interessiert, und ich las einige Selbstvorstellungen und Klappentexte dazu. Hier in goodreads.com:

    „Everywhere the far right is on the march, with nationalist and populist parties thriving on the back of popular anxieties about Islam and the Muslim presence. Hijab and minaret bans …“ et.

    Wovon redet der Mann? Wo gibt es einen Vormarsch der Rechten? Realität ist doch das Gegenteil: Der Islam ist im Vormarsch, weil es die westlichen Länder von naiven und/oder verräterischen Politikern regiert werden. „Unterwerfung“ ist das Buch der Situation.

    Wer angesichts dieser und der vorigen Bundesregierung und der Durchdringung islamistischer Parolen hin zu ernsthaften Handlungsanweisungen (- man höre die Vorstellungen des neuen GRÜNEN-Vorsitzenden über die Einführung er Scharia in Deutschland) als Muslim einen Vormarsch rechter Islamfeinde sieht, lebt wohl wirklich in eienr Parallelwelt.

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    • „Don’t judge a book by a cover“

      Ich weiß nicht, von wem der Klappentext genau stammt, denn im zweiten der insgesamt 11 Essays, aus denen sich das Buch zusammensetzt, weist Murad (aka Tim Winter) – auch unter Berücksichtigung einer großen Studie von 2018, dass der neue Nationalpopulismus eben nicht einfach als „rechts“ eingeordnet werden kann (Le Pens Slogan lautete „weder rechts noch links“), da er sich viele der heute geltenden Gesellschafts- (und Körpervorstellungen) zu eigen macht, die ja laufend angepasst werden.
      Der „Wertekonsens“ ändert sich beständig: die Liste der Dinge, die von der „neuen Mitte“ nicht toleriert werden, wird länger – konservative Positionen im Allgemeinen fallen aus diesem Konsens heraus und gelten als intolerabel.

      Kapitel 1. heißt zwar „Kann der Liberalismus den Islam tolerieren“, doch geht es tatsächlich genauso um das traditionelle Christentum bzw. darauf beruhende Wertvorstellungen. Wie Murad aufzeigt, hat der Liberalismus wie er sich heute präsentiert wenig mit Lockes Vision gemein und eher mit einer anderen europäischen historischen Tradition: Cuius Regio, euis religio.

      Staatlich protegiert wird hingegen eine spirituell entkernte Islam-Version, die man im Zuge der „in Vielfalt geeint“ voller Stolz vorzeigen kann, möglichst natürlich woke, feministisch, usw.,

      Kurz gesagt: Von Entfremdung sind Menschen mit muslimischem Background ebenfalls betroffen, der islamistische Extremismus ist ein Ausdruck davon, wobei dieser – wie John Gray uns in Erinnerung ruft – „nur ein Symptom der Krankheit ist, gegen die er sich als Heilmittel versteht.“

      Entfremdung jedoch, so Murad, „kann nur durch Echtheit geheilt werden und gewiss nicht durch eine andere Form der Entfremdung“, d.h. der Anpassung an einen Zeitgeist, der vom „antiken Dreigestirn Körper-Geist-Seele“ nur noch dem Körper frönt

      Der bereits angesprochene zweite Essay beinhaltet eine kluge Analyse und Interpretation von Houllebecqs „Unterwerfung“ , ebenso wie die eines anderen fiktiven europäischen Zukunftsszenarios: Jacques Neirynck – La siege de Bruxelles (dt. „die Belagerung von Brüssel“). Schon an anderer Stelle nannte Murad Houllebecq den wohl bedeutendsten Propheten Europas. Nur Insider wissen, dass dies aus muslimischer Sicht keine Blasphemie darstellt…

      An wen richten sich die Texte? Dazu Murad:

      „an die wachsende Schar Andersdenkender, die von materialistischen Darstellungen der menschlichen Situation nicht überzeugt sind, jedoch gleichzeitig auch vor jenen zurückschrecken, welche den Islam gerne als ein System sehen, das spalten und dichotomisieren will, anstatt als einen allumfassenden Dīn [Glaube].
      Kurz gesagt, sie sind für all die Vagabunden, Nostalgiker, Dissidenten und Derwische des Gewissens, die heutzutage von keiner globalen Infrastruktur oder einem nationalen Gemeinwesen gefördert werden. Doch betrachten die Texte eben dieses Nomadentum und diese FreuNdlosigkeit geradezu als ein Zeichen der Authentizität in fragilen und bangen Zeiten von Nationalismus und Pandemie – denn wie es im Hadith [Überlieferung] heißt: „Gesegnet seien die Fremden“.

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  2. „Wer aufklärt, bringt Licht ins Dunkel, aber er verfügt nicht darüber.“

    Normalerweise bringt Licht ins Dunkel, wer beleuchtet. Aus diesem Grund spricht man in anderen Sprachen auch nicht über den historischen Prozess der „Aufklärung“, sondern der „Erleuchtung“:

    Enlightment, lumières, ilustracion, illuminismo, prosvjetiteljstvo, etc.

    Ich halte diesen Umstand für bedeutungsvoll: Denn „Aufklärung“ verbinden wir heute im Alltag damit, dass man den Kindheitsglauben – der Storch bringe die Babies – ablegt, indem man über die menschliche Fortpflanzung aufgeklärt wird. Aufklärung verbindet man also mit nüchternen Fakten.

    Wenn wir heute an den „Prozess der Aufklärung“ denken, dann verbinden wir das mit dem Ablegen des Kindheitsglaubens – der Religion. Würden wir das „Erleuchtung“ nennen, klänge das wiederum nicht minder religiös. Steven Pinkers „Enlightment Now“ wortwörtlich zu übersetzen in „Erleuchtung jetzt“ würde bei dem ein oder anderen falsche Erwartungen wecken und eher Esoterik-Interessierte anlocken – das wäre zumindest verlagsstrategisch vielleicht gar nicht so verkehrt. Pinkers Datenbombardement erinnert sehr an die politisch-mediale Covid-„Aufklärung“: Zahlen und Grafiken haben, wie wir gesehen haben, eine magische Wirkung – insbesondere auf Leute, die sich ihrer Unmündigkeit nicht bewusst sind.

    Verstehen wir „Aufklärung“ jedoch im Sinne Kants, begeben wir uns – womöglich ohne es zu wissen – auf religiösem Terrain; zumindest wenn wir verstehen, dass das Selbsturteil womöglich das größte Geschenk der abrahamitischen Religionen ist, das mehr darstellt als einen evolutionären Schwindel. Wie verbinden wir uns also wieder mit dem Sein und mit uns selbst, in einer Zeit, in der es überall nur um identitätspolitische „Selbstverwirklichung“ geht und die Wissenschaft dabei ist, uns neu zu gestalten (Neuralink, Magnetogenetik, Human Augmentation, etc.)

    Wie Yuval Harari ins einer Rede 2018 in Davos anmerkte:

    „Die Wissenschaft ersetzt die Evolution durch natürliche Auslese durch die Evolution durch intelligentes Design. Nicht das intelligente Design eines Gottes im Himmel, sondern unser intelligentes Design. […] Wenn wir erst einmal Algorithmen haben, die mich besser verstehen als ich mich selbst, können sie meine Wünsche vorhersagen, meine Gefühle manipulieren und sogar Entscheidungen für mich treffen. Wenn wir nicht aufpassen, könnte das Ergebnis der Aufstieg digitaler Diktaturen sein. […]
    Wenn die informationstechnische Revolution mit der biotechnischen Revolution verschmilzt, erhält man die Fähigkeit, Menschen zu hacken.“ [bitte kursiv hervorheben]

    Lichtmesz jüngste Replik auf Sellners Klage, dass sich in den Reihen des Widerstands universalistische Esoteriker befänden, und das Problem des Bevölkerungsaustauschs aus dem Fokus gerätt – zeigt die Brisanz des Grundproblems (und das m.E.n. Lichtmesz im Gegensatz zu Sellner es richtig erkannt hat, auch wenn er Muslime lediglich als „Stolpersteine“, nicht jedoch als womögliche Verbündete betrachtet).

    Wie Abdal Hakim Murad in „Travelling Home“ schreibt (das ich zur Zeit übersetze):

    „Die Küsten Cornwalls, die masurischen Seen und die stille Donau sind bereits unsere Heimat, da wir ihren Autor lieben und ihren Sinn lesen. Unsere Nachbarn jedoch […] fühlen sich zunehmend als Fremde im eigenen Land; viele zählen zu jenen modernen Bürgern, die David Goodheart als „Anywheres“ bezeichnet, weil sie entwurzelt sind von ihrer angestammten Heimat, deren altehrwürdige Bedeutung ihnen genommen wurde.

    Wenn sie die kosmopolitischen Städte besuchen, erscheinen ihnen die Gesichter der Passanten besorgniserregend fremd und rufen keine Kindheitserinnerungen an eine vertraute lokale Umgebung hervor. Von außen betrachtet wirken Muslime wie Fremde und Außenseiter, obwohl sie innerlich dazugehören, weil sie sich Gott zugehörig fühlen. Ebenso äußerlich gesehen scheinen die säkularen „Einheimischen“ dazuzugehören, da sie ein genetisches Erbe tragen und weil sie die geltenden sozialen Überzeugungen akzeptieren;

    in ihrem Innersten jedoch sind sie entfremdet, denn das Heilige, der tiefe Sinn der ehemals verzauberten Landschaften, ist ihnen verhüllt worden. Vom Sinn entfremdet zu sein heißt letztlich, von allem entfremdet zu sein. So haben Gottlosigkeit und Moderne – nicht die Zuwanderung -, die Somewheres zu Anywheres gemacht“

    Die allererste britisch-muslimische Gemeinschaft im viktorianischen Liverpool war – anders als heute – kein Fremdtransplantat einer überseeischen Kultur, sondern verband die Liebe zur eigenen Heimat, Sprache und Tradition mit einer universellen Botschaft: Man sieht es an den Gedichten, Lieder und Romanen, die aus dem intellektuellen Kreis erwuchs:

    Ein Lied der lieben Mona,(1) ein Freudenlied!
    Hurra auf das kleine Volk der Manx!
    So jubelt laut und lang,
    voll Herz und voller Klang,
    Ihr Manx-Leute jeden Rangs.

    (Abdullah Quilliam, von mir aus dem englischen übersetzt)

    (1) – alter, poetischer Name für die Isle of Man

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