Denkanstöße – George Steiner

Ich habe es nicht vor, die Dekonstruktion zu erklären oder die Zeit mit oftmals mörderischer Polemik zu verschwenden.

Ich möchte hier nur ein für allemal auf den häufig abstoßenden Jargon, den ausgemachten Obskurantismus und die trügerische Prätentionen auf Technizität verweisen, die die Masse poststrukturalistischer und dekonstruktiver Theorie und Praxis, insbesondere unter den akademischen Epigonen, unlesbar machen. Dieser Mißbrauch des philosophisch-literarischen Diskurses, diese Brutalisierung des Stils, sie sind symptomatisch. Sie zeugen auch von Haß und Bestürzung, die der Abwesenheit entspringen (denn der logos ist in absentia). Doch die Symptome sind gar nicht einmal so wichtig. Mir kommt es darauf an, in vollem Bewußtsein der Vielfalt der beteiligten Strömungen – der marxistischen, der freudianischen, der Heideggerschen, der absurdistischen – die theologischen und metaphysischen Absagen deutlich zu machen, die im Kern des ganzen dekonstruktiven Unternehmens stecken. Es ist der Hintergrund dieser poststrukturalistischen, dekonstruktiven Auffassung von der Illegitimität nachvollziehbaren Verständnisses, wie es in einer transzendentalen Dimension oder Kategorie verwurzelt war, vor dem ich diese Auflehnung von Theorie (genauer, von Theorie, die selbst suspekt gemacht wird) gegen die Autorität des Dichterischen betrachten will. Wie bei Hegels berühmter Eule ist es das Zwielicht, der Halbschatten des Epilogs, worin diese radikale Provokation ihre Flügel ausbreitet.

Dekonstruktion ist etwas Theoretisches. Sie ist, um genau zu sein, eine Meta-Theorie, das heißt, eine theoretische Untersuchung und Kritik aller vorhandenen Bedeutungstheorien und Verstehensmodelle. Sie zielt darauf ab, den Akt des Lesens oder der Wahrnehmung und Interpretation eines Gemäldes aus der unschuldigen oder einer Selbsttäuschung verfallenen Schale des Diskurses hervorzulocken. Es kommt ihr darauf an, die in ästhetischen Werturteilen und Sinninterpretationen implizit oder explizit enthaltenen epistemologischen Annahmen bloßzulegen und der Demontage freizugeben. Indem sie selbst eine fundamentale Kritik eben der Möglichkeiten sinnvollen Lesens und der Hermeneutik ist und ihre eigenen Mittel negativer Wertung ironisiert, gibt die Dekonstruktion den Unbequemlichkeiten des Theoretischen, des Fragmentarischen gegenüber den nicht untersuchten rhetorischen Selbstgefälligkeiten und hübschen Formalitäten, die traditioneller Poetik innewohnen, den Vorzug.

Zugleich stellt Dekonstruktion die traditionellen hierarchischen Unterscheidungen in Frage, die zwischen Theorie und Tat gelten, zwischen Kritik und sogenanntem schöpferischem Tun. Es ist nicht nur so, daß beide formal wie substantiell aus Sprache bestehen (Kunst und Musik wider-stehen dieser Gleichsetzung deutlicher). Es ist nicht nur so, daß der dekonstruktionistische Theoretiker Worte und grammatische Sequenzen benutzt und erzeugt, die denselben eigentlichen Status (oder Mangel eines solchen) haben wie die, die der Dichter, der Dramatiker, der Romanschriftsteller verwendet. Es ist eben auch so, daß „schöpferische“ Tätigkeit und die kommunikativen Wirkungen, die sie anstrebt, bewußt oder unbewußt – auch das wieder eine vereinfachende hierarchische Vertikalität, die der Ironisierung und Klarstellung bedarf – ihrerseits schon von theoretischen Präsuppositionen und Selbstrechtfertigungen durchsetzt sind. Es gibt in poiesis keine Reinheit. Metaphysische, politische, gesellschaftliche Interessen und Verschleierungen sind überall am Werk. Die Dekonstruktion zeigt eben, daß Theorie sichtbar oder geisterhaft, dynamisch oder spurenhaft die vermeintliche Unschuld der Unmittelbarkeit heimsucht.

Daraus folgt, daß die Dekonstruktion als nahezu einzige unter den kognitiv-ästhetischen Bestrebungen und Strategien der Interpretation weder irgendeinen Korpus vergangener Literatur oder Kunst den Vorzug gibt noch als Vorhut oder Advokat irgendeiner zeitgenössischen oder sich gerade bildenden Schule auftritt.

Dekonstruktion bleibt absichtlich aller Geschichte des Geschmacks und allen Manifesten der Erneuerung gegenüber marginal (ein Schlüsselausdruck). Sie schreibt keiner Bewegung, sei sie klassisch oder romantisch, symbolisch oder postmodern, irgendeine besondere Beispielhaftigkeit oder ein Gewicht der Verheißung zu. Denn eine solche Zuschreibung wäre eine rhetorische Geste, der politische, ideologische oder verschwommen opportunistische Motive zugrunde lägen. Texte, Kunstwerke transformieren lediglich andere Texte und andere Kunstwerke in ein netzartiges und spiralförmiges Kontinuum über die Zeiten hinweg. Das gestaltgebende Gewebe, das allen gemein ist, ist das des Mediums und der verfügbaren Konventionen.

Der dekonstruktive Ansatz ist von asketischer Unparteilichkeit.

Für die Dekonstruktion kann es keinen existenzstiftenden Sprechakt geben, kein Sagen, das gegen das Wider-sagen immun wäre. Das ist die Crux.

Von realer Gegenwart, München/Wien 1990, S. 154-160.

Ein Gedanke zu “Denkanstöße – George Steiner

  1. Auch Richard Sennett hält nicht hinterm Berg mit seiner Kritik am Dekonstruktivismus: „Eine Stadt [oder Welt] der Dekonstruktionen wäre angefüllt mit aggressiven Objekten.“ Wohlwissend, dass die Propheten der Dekonstruktion seinen Humanismus verspotten, hält er ihnen jedoch den Spiegel vor und betont zugleich sein humanistisches Argument: „Vielleicht ist diese [dekonstruktivistische] Sichtweise inzwischen auf eine seltsame Weise selbst allzu bequem geworden. Der Künstler oder Theoretiker kennt die Gesten, die ihm als Zeichen seines Zorns oder seiner Abneigung dienen, so gut, als handelte es sich um ein wohleinstudiertes Ballett aus lauter subversiven Gesten. Vielleicht ist in Wahrheit der Gedanke viel unbequemer, daß Unterschied, Diskontinuität und Desorientierung von einer ethischen Kraft erfüllt sein sollten, welche die Menschen in eine Beziehung zueinander setzt. So betrachtet, erinnern die Ethik des Unterschieds, der moralische Wert der Selbstpreisgabe, der kreative Akt der Desorientierung an die Erfahrung der Sympathie, die von der Aufklärung hochgehalten wurde.“ (Sennett, Richard. 2009. Civitas.)

    Diese Akzentuierung verweist darauf, dass es um eine grundsätzliche Fragestellung geht, die alle Philosophie seit jeher umkreist hat: War zuerst die Idee? Oder war zuerst der Mensch? Das ist, im Rückblick, wie mit aller Archäologie: der Ausgangspunkt wird sich nie präzise bestimmen lassen. Mit Sennett kann man aber fragen: was ist zuerst: die Idee oder der Mensch? Es gibt vielerlei Indizien, dass wir eine längere Phase des Humanismus (oder genauer: Anthropozentrismus) verlassen, um wieder „heim ins Reich“ der Ideen zu sinken, ein meist gewalttätiges Reich. Am Beispiel des antihumanistischen Konzepts des Faschismus lässt sich das schön zeigen: er ist gekennzeichnet vom Primat der Idee von Volk, Nation, Rasse, Augenfarbe usw. Menschen sind nur Funktionsträger. Für die Durchsetzung der Idee werden auch unschwer Menschenopfer dargebracht. Eine Stadt (oder Welt) des Faschismus wäre angefüllt mit Bildern und Objekten, die die Idee 24/7 repräsentieren, Orte für menschliches Leben gibt es nicht mehr.
    In der humanistischen Welt der Aufklärung bedient man sich der „Ethik des Unterschieds“ und entwickelt die Regeln des Zusammenlebens Tag für Tag tätig im Labor der Vielen. Eine Welt in ständiger Entstehung, die Raum zum Leben gibt und den Raum nicht mit Symbolen verstellt.

    Auch die Propheten des Primats der Idee (Ideologen, Prediger, Mullahs, Revolutionäre) werden jetzt diese humanistische Denkweise verspotten, das haben sie seit jeher (da kriegt der Maulwurf sein dickes Fell). Doch auch hier gilt: Ideen sind auch nur: ein Geschäftsmodell. Und um dies immer wieder herauszuarbeiten, bedarf es der: Dekonstruktion als Methode.

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