Stoisch gehen

Literatur von Rang versorgt uns mit Fragen von Bedeutung. Mit originellen Menschen.

Der junge Gutsherr Torben Dihmer in Pontoppidans drittem großen Roman „Das Reich der Toten“ ist so eine Erscheinung. Wir lernen ihn zu Beginn als einen Oblomow-Typen kennen. Doch ist seine Faulheit, Trägheit und Körperfülle nicht einem inneren Entschluß geschuldet – auch wenn er das selber glaubt –, sondern einer Krankheit. Und diese kann plötzlich geheilt werden, denn die Wurzel des Übels ist die Schilddrüse und die moderne Wissenschaft hat nun das Mittel dagegen, in Tablettenform, verfügbar gemacht.

Die Nachricht wird ihm von seinem Freund und Arzt Asmus Hagen überbracht, der im Roman die Rolle des typischen fortschrittsaffinen Mediziners spielt. Er sieht seine Funktion darin, Leid zu vermeiden und macht daher auch rege Gebrauch von Schmerz- und Betäubungsmitteln – das ist einer der Hauptkonflikte des Buches: Sollte man Schmerz aushalten können, etwa bei der Geburt, oder ist in jedem Falle die Betäubung gerechtfertigt, weil es sie gibt? Die Menschen werden zum einen um die Ein- und Ausgangserfahrungen, um das bewußte Erleben von Geburt und Tod gebracht, aber sie leiden dafür nicht.

Dihmer nun nimmt die Medizin und tatsächlich verbessert sich sein Zustand rasant. Nach einem Kuraufenthalt in Italien, wo er Jytte wiedertrifft, wo es sogar  zur Verlobung kommt, die dann von der unsteten Frau rückgängig gemacht wird, hat er seine volle Manneskraft wiedererlangt. Um den Schmerz der gescheiterten Liebe zu verwinden, begibt er sich auf eine Weltreise.

Ausgerechnet in New York wird ihm sein starkes Verlangen, „den eigenen Boden unter den Füßen zu spüren“, „die Sonne und das wirkliche Leben“, bewußt, in den Metropolen Europas und Amerikas hatte er  immer wieder empfunden, daß er sich „an einem unterirdischen Ort der Qual befindet, wo Millionen von unruhigen Schatten auf der Jagd nach einem eingebildeten Glück umherhasten.[1]“

Er kehrt also zurück, lebt wieder zurückgezogen auf seinem Gut, genießt die Sonne und hört auf, seine Tabletten zu nehmen. Und das bedeutet den sicheren Tod. Hagen und alle anderen halten ihn für verrückt, können ihn nicht verstehen, aber er beharrt auf seiner Entscheidung und schon wenig später verfällt er wieder zum physischen Wrack.

Selbst seinem Anhänger, dem Naturarzt Doktor Gaardbo, den das Volk haßt, weil er ihnen – wenn sie leiden – keine Medizin verschreibt, sondern Lebensführungsratschäge gibt, gehen diese Ansichten zu weit. Ihm hält Dihmer einen Vortrag über den Nachteil der Hoffnung und daß das Leben den meisten von uns doch ohnehin mehr Sorgen als Freude bringe. Könnte man den Menschen abgewöhnen, sich dauernd Hoffnungen zu machen, so sagt er, dann wäre der größte Fluch von ihnen genommen.

Und so stirbt Dihmer als junger Mann scheinbar zufrieden mit sich und der Welt. Er stirbt – ohne daß das Wort fallen würde – einen wahrhaft stoischen Tod.

Als idealer Freitod galt den Stoikern das Verhungern oder das Pulsaufschneiden, denn beide Formen gäben bis zuletzt die Möglichkeit, den Entschluß im Prozeß des Sterbens, im Angesicht des nahenden Todes und diese Todesnäherfahrung mitdenkend, zurückzunehmen. Wenn es um die komplette Selbstbestimmung bis in den letzten Moment geht, dann laufen andere Suizidformen Gefahr, vollendete Tatsachen zu schaffen, die nicht wiederrufbar sind. Seine lebensrettenden Tabletten zu verweigern, ist ein weiterer Fall stoischen Sterbens. Wohlgemerkt: Dihmer ging es gut, er war vollkommen gesund, als er diesen Entschluß faßte, und er stand dazu bis zum Ende, obwohl die Medizin auf dem Tisch lag.

Das hat Größe!

Es gab in Plauen mal einen jungen Künstler, der nannte sich Andy Darby. Man darf den Namen nennen, denn seine Geschichte ist öffentlich. Er war eine Art Original. Ich sehe ihn noch immer mit wehendem Mantel und zitronengelben Schuhen durch die Stadt laufen. Er hatte eine eigene Galerie gegründet, die legendär wurde – dort unterhielt ich mich mit ihm einmal lange über moderne Kunst und – über Einwanderung. Einmal wohnte ich einer seiner vollkommen abstrusen Performances bei. Ich hielt ihn für einen jener Künstler, wie es sie zu Zigtausenden nun gibt – ohne künstlerische Relevanz, aber einen bestimmten Lebensstil pflegend.

Aber Darby war mehr. Als SPD-Stadtrat brachte er sich aktiv ins Stadtleben ein und immer wieder überraschte er mit konkreten Vorschlägen, das Bild der Stadt attraktiver zu machen. Sein Projekt der Begrünung und Beblumung der Einkaufspassagen zeugte von einer gewissen Lebensaffinität.

Als er allerdings die Diagnose Aids bekam, da verweigerte er die Behandlung. Dabei ist es heutzutage ein Leichtes, mit dieser Diagnose weiterzuleben und auch qualitativ gut weiterzuleben. Und ganz sicher war Darby voller Pläne und Projekte.

Wenn ich es recht entsinne, dann ging er nach Berlin und irgendwann später konnte man in der Zeitung lesen, daß er in einer Leipziger Klinik gestorben sei. Auch ein Bild ist mir erinnerlich, wie er im Rollstuhl sitzt und lächelnd in die Kamera schaut und ein wenig an Nietzsches letzte Photographien erinnerte. Seinen Sterbeweg wollte er dokumentiert sehen – vielleicht als eine letzte, ultimative Performance.

Ich selbst hegte noch den Gedanken, daß er sich nur eine Gelegenheit schaffen wollte, aus der Provinz zu verschwinden und im Berliner Künstlertrubel mit seinem Geburtsnamen unterzugehen – denn auch mir war dieser Entschluß rätselhaft –, aber er starb wohl tatsächlich in seinem 41. Lebensjahr. Er ging den Weg Dihmers, er starb den stoischen Tod. Es wäre interessant zu erfahren, wie er seine letzten Tage verbrachte, ob er tatsächlich heiter ging.


[1] Skal jeg sige min mening, så tror jeg snarere, at jeg hjemme på Favsingholm vil føle det, som om jeg var vendt tilbage til solen og det virkelige liv – fra en rejse i de dødes rige. Både i Europa og Amerika har jeg virkelig mangen gang haft en fornemmelse af at befinde mig på et underjordisk pinselssted, hvor millioner af hvileløse skygger halsede afsted på vild jagt efter en indbildt lykke.

siehe auch: alles über Pontoppidan

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