Die schrecklichen Kinder

Kaum je hat man begriffen, in welchem Maß die von allen Seiten in Dienst genommene „Zukunft“ eine Deponie für die Illusionsabfälle der überforderten Gegenwart darstellt. Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk hatte in seinem Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ einem weit zurückreichenden, nun aber allgegenwärtigen und wirkmächtigen Phänomen nachgesonnen, das unsere modernen Gesellschaften wie ein geheimer Code, eine noch unentdeckte DNA durchdringt: die Bastardisierung. Das ist – vereinfacht ausgedrückt – der Effekt, daß die Generationen nicht mehr durch Erfahrungs- und Erlebenskongruenz aneinander gebunden sind: die Eltern erkennen ihre Kinder nicht wieder, konkreter: sie erkennen sich selbst in ihren Kindern nicht mehr.

Phänotypisch wird das oft als mißratenes Kind schmerzhaft erlebt. Das kann in den besten Familien vorkommen.

Henrik Pontoppidan legt uns in seinem Roman „Das Reich der Toten“ einen exemplarischen Fall vor und beweist, daß es lange vor Sloterdijk Zeigerpflanzen für diesen PH-Wert-Wechsel im Untergrund gab.

An einer Stelle spricht Frau Bertha das Problem ganz explizit aus, als sie ihren verstorbenen Ehemann in einer Klage anruft und fragt: „Oh, Hjalmar! Welche Schuld haben wir – du und ich?“

Das ist der klassische Seufzer aller liebenden Eltern, die meinen, alles gegeben zu haben, die ihr Herzblut in Kinder opferten und schließlich dennoch einsehen müssen, daß es nicht gereicht hat, daß das Kind anders wurde als erhofft, d.h., daß es unter den Hoffnungen und Erwartungen zurückgeblieben ist oder sogar darunter begraben wurde.

Es ist die späte Einsicht in ein vergebliches Ringen mit Etwas, das größer ist als sie und all ihre Liebe und Vorsorge, aber kaum jemand weiß, was es eigentlich ist.

„Hier lag sie mit dem letzten ihrer Kinder im Arm und spürte, wie auch dies gerade dabei war, ihr zu entgleiten – von dem gleichen wilden, dunklen Strom entrissen zu werden, der auch die anderen in den Tod geführt hatte.“

Die Rede ist von ihrer Tochter Jytte, die nun ins mannbare Alter gekommen war und die vor ihr liegenden Chancen, im Leben anzukommen, eine nach der anderen ausschlug. Zuvor hatte Frau Bertha schon ihre beiden Söhne verloren, nicht durch einen Krieg – was zu verkraften gewesen wäre – sondern durch Lebensuntüchtigkeit. Der eine hatte sich das Leben genommen, der andere floh Hals über Kopf als Abenteurer in die weite Welt und niemand wußte, wo er zu Tode kam, aber alle ahnten, daß er in irgendeiner feuchten, heißen, ärmlichen Weltgegend unrühmlich umgekommen war.

Dabei hatten sie und ihr Mann, der ehemalige Konsul, alles für ihre Kinder gegeben, haben ihnen alle Liebe und Fürsorge zukommen lassen, ließen sie in gesicherten und kultivierten Verhältnissen aufwachsen, haben sich für sie aufgeopfert und die besten Hoffnungen gehegt. Nun entglitt ihr also auch die Begleiterin ihrer letzten Jahre – Jytte hatte gerade das Eheangebot des Gutsherrn Dihmer abgelehnt, obwohl er ihre große heimliche Liebe war. Aber da gab es kleine Zweifel, winzige Details, die ihr nicht zusagten, und außerdem suchte sie den Seelenverwandten, suchte sie die vollkommene, perfekte Passung, das noch Bessere, kurz: das Unmögliche.

Warum aber ging diese Erziehung schief? Pontoppidan läßt einen anderen Charakter – eine insgesamt unangenehme Person – eine Erklärung liefern. Der fanatische Wanderprediger Mads Vestrup erzählt hunderte Seiten später eine kleine Geschichte von einem Verbrecher, den man an den Galgen führte und der als letzten Wunsch noch einmal seine Mutter sehen wollte. Man führt die Frau vor ihn, sie beginnen sich nahe zu kommen und zu liebkosen und da beißt er ihr, seiner Mutter, mit einem Male die Nase ab, spuckt ihr das blutige Ding vor die Füße und schreit: „Das ist mein Dank, Mutter, daß du mich nicht gezüchtigt hast, damals, als ich ein böses Kind war.“

Vestrup selbst hatte diese Historie als Kind von seiner Mutter gehört, wenn diese ihn schlug, und sie hatte enormen Eindruck auf ihn gemacht, viel mehr als die eigentlichen Schläge hatte sie sich tief in sein Wesen eingebrannt und war wohl mitverantwortlich dafür, daß der einstige Pastor nun zum Fanatiker geworden war. Glücklich ist freilich auch er nicht geworden: er stolperte über das erotische Angebot einer Frau und führte im Großen und Ganzen ein kümmerliches, verbittertes Leben.

Was Frau Bertha aber sehr viel später, als alles schon entschieden ist – Jytte hatte einen bekannten Schürzenjäger geheiratet und diese Ehe war von Beginn an zum Scheitern verurteilt –, was sie da erkannte, war die Einsicht in die zerstörerischen Kräfte der Freiheit, von zu viel Freiheit. Zuletzt hätte sie Jytte noch in die Beziehung zu Dihmer zwingen oder überreden sollen, aber das grundsätzliche Problem ihrer Erziehung war, daß sie ihre Kinder stets selbst hat entscheiden lassen, was das Beste für sie sei. Sie meinte, es genüge, eine sichere Umgebung zu gestalten, zu lieben, Angebote zu schaffen und die Kinder werden sich dann ihrer eigenen Natur gemäß entfalten. Tatsächlich sind die Kinder dieses Überflusses müde geworden – jeder auf seine Art.

Frau Bertha hatte vielleicht gute Erziehungsmethoden, sie hatte ihre Kinder wohl erkannt, aber sie stand machtlos ihrer Zeit gegenüber, einer neuen Epoche, die nach ganz anderen Regeln funktionierte als die alte Gesellschaft, in der sie selbst noch lebte.

Schmerzhaft mußte sie lernen – vielleicht ist das ein Trost für alle guten Eltern, die heute ähnliche Erfahrungen machen –, daß es keine Garantie für eine edukative Kontinuität geben kann, zumindest nicht mehr, seitdem der Deckel von jener Büchse angehoben wurde, die den Begriff der Freiheit bewahrte. Daß er frei gelassen wurde, war eine notwendige und wunderbare Befreiung in sich selbst, aber nichts kommt ohne Preis. Pontoppidan war das vor 100 Jahren schon bewußt.

Freilich, der Konflikt ist so alt wie die Kultur selbst, er hat in der Moderne nur eine neue Dimension angenommen:

„Folglich existiert der Mensch von frühen Tagen an zwischen zwei Traumata. Das erste erleidet er durch die Dressuren, die ihn zu dem machen, was er wurde. Das zweite erwächst aus der Entdeckung, daß eine andere Welt möglich ist. Nichts verletzt so tief wie die Vermutung, alles könnte auch ganz anders sein.“[1]

siehe auch: Das Reich er Toten

sowie die Pontoppidan-Artikel


[1] Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne. Frankfurt 2014, Seite 224f.

4 Gedanken zu “Die schrecklichen Kinder

  1. Willanders schreibt:

    Kontinuität und ihr Abbruch. Ich habe eine längere Zeit in China gelebt und habe dort häufig erlebt, dass Chinesen selbst im Erwachsenenalter – die jüngeren sowieso – mir oft sagten: Mein Vater hat es für mich entschieden, mein Vater sagte, ich muss es so tun. Es ging dabei um alle möglichen Lebensbereiche: Schulbildung, Studium, Beruf- und Wohnortwahl, you name it.

    Auch meine dreißigjährige Freundin weigerte sich, mich zu heiraten, weil ihre Eltern nicht wollten, dass sie einen Ausländer heiratet. Ihre Begründung: Männer, Freunde, Bekannte gibt es viele, sie alle kommen und gehen, man kann sie alle ersetzen, Eltern aber hat man nur einmal und ihnen muss man gehorchen. Es ist eine allgemein akzeptierte Haltung dort, Verstöße dagegen sind die absolute Ausnahme, auch heute noch. Damit war unsere Beziehung irgendwann zu Ende.

    Schon seit meinem ersten Aufenthalt dort vor vierzig Jahren bin ich der Meinung, dass vor allem diese Loyalität, ja Gehorsam, der Kitt des chinesischen Volkes ist. Und auch der Grund, warum es eine chinesische Kultur/Zivilisation ununterbrochen seit tausenden von Jahren gibt und sie wieder einmal aufblüht, während unsere westliche, freiheitliche, nach einem relativ kurzem Gastspiel demnächst von der Bühne abtritt, Aber auch die chinesische Gesellschaft verändert sich gerade rasant. Ihre Entwicklung bleibt spannend.

    Vielleicht läßt sich dieses Muster auch in arabischen Gesellschaften beobachten? Ich habe ähnliches unter Türken in Deutschland erfahren. Aber von diesen Geselschaften habe ich zu wenig Ahnung. Mich lehrt der Blick auf die westliche wie auf die chinesische Geschichte: Eine kulturelle und zivilisatorische Kontinuität ist mit Freiheit nicht vereinbar.

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    • Michael B. schreibt:

      @Willanders

      Interessant ist bei den Chinesen, dass die Rueckbindung anscheinend stark aber nichtreligioes (Ironie: Wortbedeutung von Religion, die Ironie wird tief, wenn man ueber die Konsequenz nachdenkt) ist. Das finde ich ist, bei der hier im Land haeufig anzutreffenden Hoffnung mit einer Wiedererweckung des Christentums den Verfall aufhalten zu koennen, eine troestliche Variante. Es geht also anders.

      Zur Freiheit – ich sehe das etwas anders. Die aus Ihrem letzen Satz ist eher Wurzellosigkeit, der Verlust von Rueckbindung. Das ist aber nicht zuviel, es ist im Gegenteil zu wenig. Kants Schritt ist einfach gar nicht vollzogen, das reale Stuetzen auf den eigenen Verstand nicht vorhanden und weiter angsteinfloessend fuer viele Leute in westlichen Gesellschaften. Sie schreiben

      dass vor allem diese Loyalität, ja Gehorsam

      Die Formulierung als Steigerung legt eine Implikation nahe, die m.E. zu eng ist. Loyalitaet kann auch ohne Gehorsam stark sein. Sie kann auch bei Freiheit des Verstandes vorhanden sein (und ist es!) . Gerade bei Gebrauch des Letzteren wird manchmal erst klar, wie und wie stark die Bindung auch im Sinn von Loyalitaet (eben dann aber erst sichtbar auch darueber hinausgehend) an verschiedenste Dinge sein kann. Ganz vorn dabei Familie, von der man sich waehrend der eigenen Entwicklung moeglicherweise geloest hat, die man i.o.g. Sinn aber auch wiederfinden kann.

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  2. Otto schreibt:

    „…war die Einsicht in die zerstörerischen Kräfte der Freiheit, von zu viel Freiheit.“ Warum bringen zuletzt auch die gutwilligsten Schriftstellern die in Freiheit selbst in Verruf? Ich wehre mich dagegen. Es gibt nicht „zu viel Freiheit!“ Abusus non tollit usum!

    Seidwalk: Es gibt nie zu wenig schöne Parolen.

    Oto: Hallo Sidewalk, sind Sie so freundlich, und nehmen das überflüssige „in“ heraus und das „n“ von Schriftsteller? Übrigens: Bei meinem lateinischen Zitat handelt es sich nicht um eine Parole, sondern um ein Rechtsprinzip.

    Danke für die Dienstleistung

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  3. Steffen Knöfler schreibt:

    In all dem Gesagten sehe ich viel zu viel Zuschreibung der Verantwortung (für eine Enttäuschung der Eltern) auf die „Kinder“; oder besser die „nachfolgende Generation“. (Auch die Zuschreibung an das Schicksal „Zeitgeist“ lasse ich nicht so gerne gelten.)

    Ist für die Gestaltung der langfristig prägenden Beziehung Erwachsener – Kleinkind – nicht ausschließlich der Erwachsene verantwortlich? Und wie viel Verwahrlosung, Ressentiment und psychische Gewalt („Double-Bind“) gibt es auch unter dem Denkmantel eines „behüteten Elternhauses“ oder innerhalb der „besten Familien“…

    Ist eine „Bastardisierung“ nicht überhaupt erst möglich, wenn Eltern (wohl mehr versucht die Mütter) ihre Kinder als ihre Werke betrachten und diese als solche gestalten wollen. Sich selbst zur Ehre und Bestätigung selbstverständlich. Sie betrachten ihre Kinder als Ihre Werke und meist (so ist es die Natur) sind diese nicht einmal Wunsch!-Kinder…

    Die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder sollte mit der Kindheit selber enden. Eine lebenslang verstandene „Kindschaft“ ist unnatürlich, aber kulturell tief verwurzelt. Für mich die Wurzel vielen Übels. Falls sich nach der „Kindschaft“ noch eine Freundschaft erhält oder entwickelt – gut; wenn nicht : Tschüss.

    „Unselig heiße ich Alle, die nur Eine Wahl haben: böse Thiere zu werden oder böse Thierbändiger: bei Solchen würde ich mir keine Hütten bauen.“ (Zarathustra)

    Seidwalk: Das Thema lautet: Kontinuitätsabbruch.

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