Das große Schlachten

Literatur vergangener Zeiten zeigt uns auch untergegangene reale Welten. So findet sich bei Pontoppidan ganz zum Schluß ein aufschlußreicher Satz. Pastor Gaardbo fährt mit dem Schiff über den Kattegat und gerade als man in den Randers-Fjord einbiegen will, bemerkt er „auf einer Sandbank eine Gruppe Seehunde, die im ersten Morgenschein ein Sonnenbad nahmen“.

Der Satz ist ganz nebensächlich und zeigt eine große Selbstverständlichkeit an. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es an den dänischen Küsten – auch in unmittelbarer Nähe zu Mensch und Stadt – offenbar noch florierende Kolonien von Seehunden. Was heute eine kleine Sensation ist, war damals noch Alltag.

Aber auch seinerzeit waren sie bereits gefährdet. Sie galten als Konkurrent um den Fisch, den man nun fast industriell fischte, und wurden in Ost- und Nordsee systematisch mithilfe von Kopfprämien bejagt. Das gibt uns eine Vorstellung über die große Zahl der Tiere. Heute wird ihr Bestand in der Ostsee auf 200 Tiere geschätzt.

Herman Melvilles „Moby Dick“ ist das berühmteste weltliterarische Zeugnis des großen Schlachtens. Man kann es aus vielerlei Perspektive deuten, aber Melville hatte sich darin auch zur Aufgabe gestellt, den Wal als Tier wissenschaftlich zu durchleuchten und zu deuten und das Geschäft des Walfanges als Phänomen zu begreifen. Psychologisch läßt sich die Hauptfrage mit Drewermann so stellen: „Was für Menschen“?[1] Wer waren diese Männer, wie mußten sie verfaßt sein, um scheinbar ohne Skrupel diese majestätischen Tiere zu jagen, ja sogar zu hassen? Ökologisch – wenn man den Begriff in diesem Zusammenhang verwenden darf – lautete die Frage: Wie viele? Und zu welchem Preis?

Zu Hunderttausenden, ja Millionen wurden Wale aller Art und Größe auf allen Meeren und mit immer ausgefeilteren Techniken bejagt. Die Industrie verlangte nach Öl, nach Tran, nach Blubber. Daß es überhaupt noch Wale gibt, haben sie – paradoxerweise – der Erdölraffination und -förderung zu verdanken, die nun wiederum – in einer Art dialektischer Spirale – zum wesentlichen Faktor der vielfältigeren Extermination des Lebens im Zeitalter des Anthropozäns wurde. Ohne das Erdöl hätte es wohl kaum noch Wale in nennenswerter Zahl gegeben, durch das Öl werden nun die Meere verunreinigt und heizen sich auf.

Die dänische Autorin Jo Jacobsen hatte in den 20er Jahren ein Pendant zu Melville geschrieben, das heute vergessen scheint. In ihrem Roman „Die Tümmlerjäger“[2] beschreibt sie das Leben einer Gemeinde, die Jahr für Jahr ungezählte Tümmler, sogenannte Marsvin“, Schweinswale jagten. Am Kleinen Belt zogen die Tiere in Scharen vorbei und hatten kaum eine Chance. Schon seit Jahrhunderten wurden sie dort getötet, aber Jacobsen schildert den Höhe- und Endpunkt der Jagd. Es ist eine unglaublich brutale Welt, in der vor allem die Armut die Menschen seelisch verhärtet hatte. Das ganze Leben dreht sich ums Töten, und wenn nicht Wale, dann eben Fische oder Schlangen. Konflikte wurden noch durch Faust und Messer geregelt.

Wenn die Wale durch den Belt zogen, dann färbte sich das Wasser rot, dann lagen die Kadaver in langen Reihen am verfärbten Strand und die einfachen, an sich guten Menschen, steigerten sich einen in Arbeitsfuror, der mit dem Töten begann. Dramatisch sinkende Bestände und das Erdöl machten dem Treiben ein natürliches Ende. Heute gibt es noch ein paar hundert Exemplare und die werden durch Umweltgifte und Windkraftanlagen gefährdet.

Oder denken wir an die sinnlose Dezimierung des amerikanischen Bisons. Aus fahrenden Zügen schossen die Männer blind in die Herden hinein, aus reiner Tötungsgier. Weil man es konnte, tat man es. Und auch, weil man damit indirekt die indianische Bevölkerung treffen wollte, der man eine Nahrungs- und Rohstoffquelle raubte.

Noch schlimmer erging es der amerikanischen Wandertaube, die ursächlich in riesigen Scharen lebte und den Himmel verdunkelt haben muß, wenn sie im Schwarm flog. Eine Milliarde Tiere soll es gegeben haben, hundert Jahre später – 1914 – starb das letzte Tier. Auch sie wurde aus reiner Mordlust bejagt, Besiedlung, Rodung und Industrialisierung nahmen ihr zudem den Lebensraum. Die Jäger standen oft knietief in toten Tieren und schossen weiter blindlings in den Schwarm hinein.

Und dieses Drama wiederholte sich überall. In Gavino Leddas großartigem Sardinien-Roman „Padre Padrone“ kann man die Menschen etwa bei der Schlangenjagd beobachten. Auch dort regierten Armut und Härte und Schläge.

Es wäre arrogant, sich aus heutiger Perspektive über diese Menschen zu erheben. Sie waren – wie wir alle – Kinder ihrer Zeit. Niemand kann einfach aus dem geistigen Korsett der Epoche ausbrechen, wir sehen die Luft, die uns umgibt, nicht.

Heute laufen wir mit anderen Scheuklappen umher, oftmals mit gegenteiligen. Im Berliner Umland etwa richtet der Waschbär – der ursächlich in Amerika beheimatet ist – große Schäden in Natur und Siedlung an. Aber gejagt werden darf er nur vom Jäger – nach komplizierten Regularien – und gegessen werden darf er auch nicht.

Die Globalisierung führte zu zahlreichen Verwirrungen in Flora und Fauna – das ist ein ganz wesentlicher Kritikpunkt gegen sie. Die langfristigen Folgen sind noch gar nicht abzusehen. Ob Katze, Maus und Ratte in Neuseeland, die Aga-Kröte in Australien und anderswo … wir sind offenbar nicht in der Lage, die Büchse der Pandora wieder zu schließen. Uns fehlt heute das, was unsere Vorfahren im Übermaß hatten: Wille und Härte.

[1] Eugen Drewermann: Moby Dick oder Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein. Melvilles Roman tiefenpsychologisch gedeutet. Düsseldorf/Zürich 2004
[2] Jo Jacobsen: Die Tümmlerjäger. Berlin 1937 (dän: Marsvinjægerne. 1928)

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