Was bleibt von Rumänien?

Gesamt: Reise nach Siebenbürgen auf den Spuren von Albert Wass 1-4 PDF

Immer wieder stelle ich mir die Frage: Was würde Albert Wass sagen, wenn er heute seine Heimat sehen könnte? Schon in „Die Hexe von Funtinel“ beklagte er den Verlust des Geheimnisvollen und Lebendigen, den Moderne, Fortschritt, Technik vor mehr als hundert Jahren ins Tal brachten. Auch seine Märchen, die man in Ungarn als schön bebilderte Kinderbücher kaufen kann, sprechen von der Magie in Natur und Wald. Die standardisierten Gebäude, die Werbetafeln, das ununterbrochene Brausen auf der Straße, die Geschwindigkeit, die Abgase, die abgeholzten Hänge … all das würde ihn abgestoßen haben. Vielleicht war es ein Segen, daß man ihm den Heimweg auf ewig versperrt hatte.

FireShot Capture 726 - Google Maps - www.google.com

entlang dieser Straße, von Szászrégen (Reen) bis Maroshévíz (Toplița), in den angrenzenden Bergen spielen die großen Romane Albert Wass‘

Die Straße, die das ganze Tal auf 150 km Länge zerschneidet, hat das Leben hier radikal verändert. Heute sitzen die alten Männer in den Dörfern am Straßenrand und sehen vorbeisausenden Autos und zahlreichen LKW hinterher, früher mag hin und wieder eine Eselskarre dort vorbeigekommen sein. Junge Frauen pressen sich mit Kinderwagen an die Leitplanke, wenn sie ins Nachbardorf wollen. Natürlich gilt auch hier die Geschwindigkeitsbegrenzung, aber außer uns hält sich niemand daran und um den Verkehr durch lebensgefährliche Überholmanöver nicht zu gefährden, beginnen auch wir mit 70 km/h durch die Ortschaften zu brausen. Die Geschwindigkeit sagt viel über die Menschen, denn eigentlich ist es eine Respektlosigkeit und eine Gefährdung, so nahe an den Häusern und Gehwegen vorbeizurasen.

Selbst auf dem hohen Schloß der Kemény kann man der Straße nicht entkommen. Ununterbrochen rauscht unten der Verkehr. Damals, als sich die Dichter und Denker des Landes im Kastell regelmäßig trafen, dürfte Ruhe geherrscht haben, vielleicht von Pferdegetrappel unterbrochen und einem gelegentlichen Automobil. Damals erlaubte man sich auch noch den Sport, auf langen Stelzen im Maros zu staken und mit Spießen Fische zu fangen. All das gibt es nicht mehr – einmal mehr wird deutlich: die Schönheiten von heute sind nur noch karge Überbleibsel aus besseren Zeiten.

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Fische stechen im Maros – links oben das Schloß von Marosvécs

Auch im Roman „Gebt mir meine Berge zurück“, der deutlich später, nämlich in den 40er Jahren spielt, kommt der Straße große Bedeutung zu. Dort wartet der Held der Erzählung mit seinen Kumpanen, von denen man nicht weiß, ob sie Partisanen oder doch nur Räuber sind, auf die Beute. Einmal kommt ein einsames Gespann vorüber, auf dem Bock eine alte Frau, die ihren fast zu Tode geprügelten Mann ins Krankenhaus bringen will. Ein andermal warten sie stundenlang im Schneetreiben, bis ein russisches Militärfahrzeug kommt, dessen Besatzung sie töten und dessen Ladung sie plündern werden. Die Straße aber lag stundenlang ruhig. Und schließlich kommt er auf ihr noch in Vorkriegszeit zusammen mit seinem rumänischen Schwager vom Markt in Szászrégen heim, auf dem Karren neue Stiefel für das Söhnchen, träumt er von glücklicher Zukunft, blickt stolz auf das Erreichte, beglückt über die kommende Freude … und erhält just dann vom Dorfgendarmen den Einberufungsbefehl.

Heute hat Szászrégen  – eine deutsche Gründung: szász, das heißt Sachsen, deutsch: Sächsisch-Reen – 30 000 Einwohner, eine Empfehlung bekommen wir weder von Géza noch vom jungen Professor. Wenn schon, dann Marosvasárhely mit 120 000 Einwohnern, die Hälfte davon Ungarisch, aber auch diese Stadt sei, so sagt der junge Mann, durch die Autos sehr unattraktiv geworden.

Wir fügen diesen mit unserem eines hinzu. Schon einen Parkplatz zu finden, erweist sich als schwierig. Die Plätze sind da, aber alle müssen bezahlt werden. Allerdings gibt es keine Automaten, stattdessen verweist die Stadt stolz auf ein neues elektronisches System. Es dauert eine Weile, bis ich das begreife. Ich frage eine Passantin, ob sie helfen könne. Erschrocken weicht sie vor meinen englischen Worten zurück und als ich „magyarul?“ sage, erhebt sie erbost die Arme und rennt davon. Bei der zweiten ist der Effekt umgekehrt. Ihr Gesicht hellt sich auf, als ich sie auf Ungarisch anspreche, aber helfen kann sie auch nicht. Erst eine junge Frau reagiert natürlich auf das Englische und antwortet fließend, verweist mich auf ein Geschäft … das freilich geschlossen ist. So viel jedenfalls wird klar: man braucht eine App, ein Handy und so ein schwarz-weißes Wirrbild. Zu viel Aufwand für einen einfachen Parkplatz – ich hasse diese Technik, diesen neumodischen Kram, der alles Einfache verkompliziert und uns abhängig macht!

Schließlich fahren wir vor das Stadion, dort sagt uns einer in einer Art Uniform, daß wir unser Auto abstellen könnten; er sei hier der Chef und keiner könne ihm was, wischt er meine Bedenken beiseite.

Es gibt einen kleinen historischen Kern, ein paar hübsche Gebäude, keine Frage, aber tatsächlich hat man es hier vermocht, daß wirklich jede Straße voller Autoverkehr ist. Nirgendwo ein ruhiger Fleck, wir flüchten in die orthodoxe Kirche, um einen Moment Ruhe zu haben. Auch der Buchladen hält nicht, was er verspricht – ich hatte auf ein anderes als das klassische ungarische Angebot gehofft. Und überall der Geruch nach Diesel und wenn ich etwas nicht riechen kann, dann ist es Diesel. Aus jedem Hauseingang strömt er hervor, die Straßen tun ein Übriges oder ist es das rumänische Öl, das für Hitler so wichtig war, das hier aus der Erde dünstet? Dieselgeruch begleitet uns in Rumänien fast überall, vermutlich stehen in den Häusern Ölradiatoren oder Generatoren, selbst in Gézas Jagdhütte kommt man nicht drumherum. Müßte ich dem Land einen Geruch zuordnen, dann wäre es Diesel.

Deswegen biegen wir anderntags in Richtung Wald von der Straße ab. Auf geschottertem Weg fahren wir das Tal des Szalárd-Baches hinauf bis zur Sestina. In so einem hatte die kleine Nuca – da noch ein Kind – nackt gebadet. Schilder warnen vor Bären, ich suche mir einen Stock. Nach wenigen Schritten ist man in einer anderen Welt. Die Luft ist frisch und würzig, ganze Wiesen stehen hier voller wilder Minze, Johanniskraut und Sonnenhut und verleihen der Luft einen Macchia-Charakter, jedoch mit ganz anderem Duft. Unzählige Schmetterlinge in seltenen Farben umflattern uns. Im Roman entschied einer von ihnen über den Wohnort der Hexe.

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ganze Wiesen voller Sonnenhut/Sonnenrose (Echinacea?) – Napvirág im Roman

Immer wieder nehmen wir eine Blüte in die Hand, zerreiben sie und halten sie unter die Nase. Die Minze lockt Schwaden von Bienen an, der Sonnenhut die Hummeln. Wir halten inne, genießen die Ruhe: Tatsache, hier gibt es keine Zivilisationsgeräusche, endlich! Plötzlich fahren wir erschrocken zusammen: unmittelbar neben uns springt ein großes Tier auf und flieht unter lautem Getrampel in den Wald. Das Bachufer ist so dicht bewachsen, daß rein gar nichts zu sehen ist … wohl ein Hirsch, ein Reh, ein Wildschwein, aber vermutlich kein Bär.

Auf den wenigen Kilometern verändert sich der Bach zusehends und gewinnt nach unten deutlich an Breite. An einer Stelle staut sich das Wasser. Hier könnte es gewesen sein, wo das junge Mädel vor den Augen ihres rätselhaften Vaters Tóderik im Bach nackt badete. Wir tun es ihr nach, der Atem stockt, das Wasser strömt kalt und klar vorbei, wir schütteln uns. Ich lese noch einmal nach: „Sie schüttelte sich wie ein Hündchen und verhüllte sich schnell in ihrem Kleid. Ihr nasses Haar band sie mit dem roten Tuch, brach eine schöne Sonnenrose und heftete sie an ihr Hemd.“ – Napvirág, Sonnenblume oder Sonnenrose oder Sonnenhut, so nannte Wass also diese gelbe Blume.

Unten auf der Straße verkauft ein Imker frischen Honig. Er führt seine Bienenstöcke auf einem Anhänger mit. Englisch und Ungarisch helfen nicht – doch der Mann spricht gutes Deutsch, hat fünfzehn Jahre in Deutschland in der Landwirtschaft gearbeitet. Wir nehmen natürlich den Waldhonig – vielleicht waren das da oben ja seine Bienen – und ein großes Glas mit Wachs und Propolis und mit Sonnenrose.

Was bleibt, ist auch die grandiose Natur.

siehe auch: Der Gottesstuhl

Bären und Salamander

Géza der Bär

3 Gedanken zu “Was bleibt von Rumänien?

  1. Stefanie schreibt:

    Die Pflanze auf dem Bild ist ein Scheinalant (Telekia speciosa). Aber so genau muß man das nicht nehmen – gelbe Blumen gehen landläufig immer als Butterblume oder Sonnenblume durch.

    Auch von mir vielen Dank auch von mir für die plastischen Reiseimpressionnen aus Siebenbürgen.

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  2. Heinrich schreibt:

    Danke für diesen und die vorangegangenen Artikel, wie für viele andere auch.

    Er erinnerte mich an die Reisebücher von Patrick Leigh Fermor, der Mitte der 1930er Jahre zu Fuß von der Rheinmündung nach „Konstantinopel“ (wie er es nannte) gewandert ist und dabei natürlich durch Ungarn und Rumänien kam. Unterwegs kehrte er bei Bauern und Hirten, aber auch in Schlössern und Herrenhäusern ein, was er in „Between the Woods and the Water“ beschreibt. „Die Welt von gestern“ … – in jener Zwischenkriegszeit muss von Charme und Lebensart der k.u.k.-Epoche noch vieles lebendig gewesen sein, das schon wenige Jahre später unwiderbringlich verloren ging. PLF. hat einige jener Orte nach Jahrzehnten wieder aufgesucht und in einzelnen Fällen auch ehemalige Gastgeber wieder getroffen, woran ich bei Geza und seinem Schloss denken musste: Die Verwendung solcher Bauten als Anstalten für psychisch Kranke scheint demnach öfter vorgekommen zu sein.

    Auch von der Schönheit der Donau weiß PLF. viel zu sagen, und davon, dass Jahrzehnte später nur mehr ein schwacher Rest der einstigen Größe und Macht dieses Stroms geblieben ist.
    Auch wenn Sie die magische Wirkung des Flusses an anderer Stelle eindrücklich geschildert haben – ich hoffe Ihren Blog noch lange lesen zu dürfen.

    Es ist nur eine Kleinigkeit, aber mir scheint, die Pflanzen auf dem dritten Bild sind keine Echinaceen, sondern Alante. Vielleicht irre ich mich.

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    • Ich blättere den Fermor gerade durch und sehe, daß man ihn noch einmal lesen müßte, jetzt, nach den vielen Erfahrungen. Da wird manches plötzlich plastisch. Er hatte ja – vermittelt durch keinen Geringeren als „Paul“ Teleki, der hier schon eine prominente Rolle gespielt hat – ein vergleichbares Anwesen besucht und dort mit ähnlich gelagerten Menschen wie dem Grafen Kemény verkehrt. Gemeinsam bereisten sie dann Siebenbürgen und sind sogar bis Marosvasárhely gekommen, dort allerdings nach Süden abgebogen Richtung Segesvár und die Fogaras und nicht in unser Maros-Tal gen Nordost. Dennoch läßt sich vieles wiedererkennen, die leeren Straßen, die Bären, die Wölfe etwa … ich komme noch mal darauf zurück.

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