Nachdenken über Seifenblasen

Auf dem Pécser Széchenyi Tér vor der einstigen Moschee, dem sehenswerten Dzsámi, wie die Ungarn sagen, steht ein Straßenkünstler und formt riesige Seifenblasen. Sie fliegen – man kann das an der Ausrichtung des Gotteshauses kontrollieren – Richtung Mekka. Eine kleine Schar Kinder hat sich eingefunden und hascht nach den Blasen, bringt sie zum Platzen.

Der junge Mann beherrscht sein Gewerbe. Immer wieder gelingt es ihm, meterlange Blasen hervorzuzaubern und manchmal schließt er in eine große Blase kleinere ein und mit etwas Glück sogar noch eine. Sind sie hoch genug und erwischen sie einen günstigen Wind, dann können sie ungestört in die Luft steigen, zitternd, wabernd und schillernd, bis sie irgendwann auf ein unsichtbares Hindernis treffen, zu viel Feuchtigkeit verloren haben oder aus anderen Gründen platzen oder schrumpfen.

Man könnte dem Schauspiel stundenlang zusehen. Immer wieder taucht er seine beiden Stöcke, die durch eine Fadenschlaufe verbunden sind – mehr braucht es nicht –, ins Seifenwasser und läßt neue brillierende Blasen in die Luft steigen.

Noch nie habe ich so etwas zuvor gesehen und auch viele Pécser bleiben begeistert stehen. Vermutlich hat es solche Seifenblasen zuvor noch nie gegeben.

Wie kommt es, geht es mir durch den Sinn, wie kommt es, daß selbst in diesen scheinbar ganz basalen und banalen Bereichen, Menschen der Jetztzeit ihre Vorfahren haushoch überragen? Wieso können wir gerade jetzt, da Raumschiffe die Welt umkreisen, wir über Informationen aus aller Welt verfügen, von einem Ort zum anderen fahren oder fliegen, in hochtechnischen Zeiten also, auch in den gänzlich untechnischen Bereichen exzellieren?

Am Kopfende des Platzes steht eine Büste Leonardo da Vincis. Ein mächtiger Bart, aus dem zwei listige Augen funkeln. Könnten diese Augen jene Seifenblasen sehen, sie würden leuchten und sicher käme dem Genie so manche Idee, denn Leonardo war der unübertroffene Meister der technischen Erfindung aus dem Voraussetzungslosen. Bei aller Genialität seiner Maschinen, sie alle spielen mit den einfachen physischen Erscheinungen, mit dem Alltag, mit dem, was alle sehen oder wahrnehmen, aber die wenigsten mit einer Frage, geschweige denn einer technischen Anwendung belasten.

Man sollte die Seifenblase nicht unterschätzen. Sie dürfte die Menschheit seit Erfindung der Seife vor 5000 Jahren permanent begleitet haben. Anfangs wohl als seltsamer Nebeneffekt, aber dann sicher auch als gezielt herbeigeführtes kleines Wunder.

Sir John Everett Millais: Bubbles. 1886 © Wiki: Public Domain

Sie hat selbst in die Philosophie Eingang gefunden. Peter Sloterdijk beginnt sein dreibändiges Sphären-Werk just mit einer Seifenblasen-Meditation anhand eines Gemäldes, das einen Jungen verträumt einer Seifenblase nachschauen läßt.

Diese und unsere Seifenblase hat freilich einen entscheidenden Unterschied, jenseits der offensichtlichen Größendifferenz. Sloterdijks Meditation geht von einer Einhauchung der Blase aus: es ist eingeschlossener Atem des Jungen, der sich für einen Moment weigert, im Allgemeinen aufzugehen, und in dieser Einkugelung schwingt die Idee mit, daß das kleine zarte und vergängliche Ding beseelt sei. Das alte griechische Wort πνεῦμα (Pneuma), das man heute noch aus der Technik und Medizin kennt, bedeutet „Hauch“ und „Geist”. Der Mensch ist in dieser Vorstellung ein behauchtes Wesen, ein Gefäß, dem der Gott den Hauch eingeblasen hat.

Die Pécser Seifenblasen haben kein Pneuma mehr, es sei denn, man geht von einer göttlichen Omnipräsenz aus – dann könnte man das Spiel des Windes mit viel Phantasie noch als göttlichen Hauch begreifen. Die Lungen des jungen Mannes wären jedoch gar nicht groß genug, um Blasen dieser Dimension zu füllen. Er bedient sich einfacher Physik. Wie einen Sack hält er die Schlaufenenden offen, läßt Luft hinein wehen und schließt den Blasensack mit einer gekonnten Bewegung. Dann treibt dieser davon.

Gehen wir also davon aus, daß es Seifenblasen seit vielen Jahrhunderten gibt, daß Kinder damit gespielt haben, vielleicht sogar, daß einige es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht haben. Es ist nun mal so: Menschen sind Übungstiere und was sie immer und immer wieder bewußt wiederholen, darin werden sie irgendwann Meister, ob es nun Kopfrechnen ist oder Billard spielen oder Seillaufen. Dennoch glaube ich nicht, daß die Welt bis vor einigen Jahren je eine solche große und von Menschen erzeugte Seifenblase gesehen hat wie das Pécser Publikum, und unter allen Seifenblasenkünstlern mag der Pécser sogar nur ein kleiner, unbedeutender Fisch sein.

Warum also – zurück zur Frage – warum exzellieren Menschen auch in einfachen Tätigkeiten just in jener Zeit, in der wir auch in fast allen technischen, komplexen brillieren? Hoch, schnell, weit, tief, groß, klein, komplex, einfach … fast alle Weltrekorde sind modern und hypermodern und werden noch immer jeden Tag über- oder unterboten. Wir fliegen aber nicht nur so schnell wie noch nie zuvor, wir rennen – in unseren besten Exemplaren – auch in ungeahnten Geschwindigkeiten und während der erste Marathonläufer nach 42,195 km tot zusammenbrach, laufen die besten Athleten das heute zur Erwärmung und den Marathon gelaufen zu sein, gehört heutzutage fast zum guten Ton … Vom Denken abgesehen übertreffen wir – d.h. irgendjemand unter uns – die besten der Vorfahren und oftmals um ein Vielfaches, wie der Seifenblasenkünstler zeigt.

Vielleicht – das will ich nicht ausschließen, profitiert auch er vom technischen Fortschritt und der kann nur in der Chemikalie liegen, die er da verwendet. Aber egal, vermutlich würde er auch mit persischer Seife bessere Ergebnisse erzielen und warum sollte ein Johann Friedrich Böttger, wenn man ihn ein paar Jahre ins gut ausgerüstete Verließ steckte, nicht in der Lage gewesen sein, eine perfekte Seifenblasenlauge zu produzieren?

Die Beantwortung der Frage, die Frage selber, scheint albern und unsinnig zu sein. Aber das ist tatsächlich Schein. Mir scheint sie hingegen ins Herz unseres jetzigen Daseins zu leuchten und vielleicht läßt sich an ihr sogar eine Prognose für unsere Zukunft wagen?

Möglicherweise hätten mittelalterliche Menschen solche Seifenblasen nicht gemacht, weil es ihnen als Verschwendung vorgekommen wäre, einen ganzen Eimer voller Lauge zu verblasen oder sie hätten den Gaukler vom Markt vertrieben, weil sie darin keinen Nutzen gesehen hätten und er sich doch einer sinnvollen Arbeit zuwenden solle. Derartige Nebensächlichkeiten, die wir ohnehin nie wissen können, lassen wir außen vor.

Dann bleiben nach meinen bescheidenen Überlegungen eigentlich nur noch zwei Erklärungen, weshalb heute selbst die Seifenblasen größer sind als früher. Menge und Geschwindigkeit.

Die Menge betrifft die Anzahl der derzeit lebenden Menschen.

© Wikimedia

Diese ist bekanntlich mit ca. sieben Milliarden so hoch wie noch nie. Zudem erkennt man einen deutlichen „Knick“ zwischen den 50er und 70er Jahren des 20. Jahrhundert, wo der Prozeß eine neue Dimension angenommen hatte. Diese Menschen leben in der Mehrzahl heute noch. Es dauerte ab 1800 ca. 130 Jahre um die Erdbevölkerung um eine Milliarde Menschen zu vermehren, aber nur noch 40 zwischen 1930 und 1970 und danach wurde fast jedes Jahrzehnt eine Milliarde zugelegt.

© Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Mehr Menschen bedeuten – neben vielen anderen Problemen, wie z.B. mehr Wattestäbchen – auch mehr Ideen. Die Wahrscheinlichkeit, daß einer auf die Idee kommt, das Seifenblasenblasen zu revolutionieren, steigt exorbitant.

Hinzu kommt die Geschwindigkeit der Informationsübertragung. Vielleicht hat es im Mittelalter einen Till Eulenspiegel gegeben, der riesige Seifenblasen machen konnte, nur davon wissen weder wir noch bekamen seine potentiellen Konkurrenten davon zu wissen, bevor er vielleicht wegen Hexerei erschlagen wurde. Seine Kunstfertigkeit wurde nicht weitergereicht, nicht tradiert. Heute aber gibt es schwerlich noch eine öffentlich vorgetragene Innovation, die nicht Gefahr läuft, sofort weiteren Kreisen bekannt zu werden.

Vermutlich ist es auch mit den Seifenblasen so gelaufen: Jemand kam auf die Idee, die begeisterte, und über alle möglichen Kanäle wurde diese Idee verbreitet und weiterentwickelt. Wahrscheinlich gibt es Facebookgruppen, Bücher und Weltmeisterschaften im Seifenblasenmachen. In einer Zeit, in der Blasen vielerlei Bedeutung Norm geworden sind, sollte das nicht überraschen.

Auch der Pécser Student, der sich ein paar Forint verdienen wollte, hat sie vermutlich irgendwo aufgeschnappt und nicht in langen Grübelnächten erdacht, die örtliche Szene rekognosziert und eine Marktlücke gewittert. Und er hat recht behalten. Allein in den wenigen Minuten, die ich ihm zugeschaut habe, wurde er von fünf, sechs Leuten gefilmt, und wenn ich weiß, was Seifenblase auf Ungarisch heißt (Szappanbuborék), dann kann ich ihn jetzt auf Youtube oder Facebook finden.

© Peter Pusztai Facebook (drei Tage darauf gepostet – in der Blase spiegelt sich die einstige Mosschee)

Man sieht: das ist ein doppelseitiges Schwert. Masse und Geschwindigkeit fördern Kreativität auf bislang ungeahnte Art und Weise, aber sie zerstören sie auch. Es ist kein Zufall, daß wir – bis auf das Denken und das ethische Handeln – zeitgleich alle Rekorde in fast allen Bereichen brechen. Die Wortgruppe „noch nie zuvor“ wurde noch nie zuvor so oft benötigt wie jetzt.

Masse ist in der Physik = m, (Licht-) Geschwindigkeit = c. Wenn man es recht bedenkt, wenn man die Entwicklung der Seifenblase dazu heranzieht, dann bekommt „Einsteins Formel“ ganz neue Relevanz – sie verrät uns, an welchem Ort der Geschichte wir uns befinden: E=mc2

siehe auch: Warum das Ende naht

Ist Sterben noch modern?

3 Gedanken zu “Nachdenken über Seifenblasen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob es darauf ankommt, aber mit modernen Tensiden lässt sich die Oberflächenspannung exakter einstellen als mit noch dazu mittelalterlicher Seife. Wenn Seife in Wasser gelöst ist, fällt ein je nach Kalkgehalt des Wassers unterschiedlicher Teil der Fettsäurenreste als Kalkseife aus – Sie kennen den Effekt vom Badewannenrand und umgekehrt, wenn Sie einmal in den Alpen waren und mit dem dort oft wenig ionisierten Trinkwasser als Spülung die auf die Haut aufgebrachte Seife kaum loswerden konnten. Mittelalterliche Seifen könnten auch viele Kleinpartikel enthalten haben, die in der Lösung schwebten und dann in den Membranen als Störstellen wirken, welche das Wunder rasch platzen lassen. Schrumpfen können die Blasen übrigens kaum, weil der dadurch erhöhte Druck der eingeschlossenen Luft die Blase wieder wachsen ließe; der pegelt sich wohl ganz gut auf etwa den der umgebenden Luft ein. Bei jetziger WItterung wäre schon die Zubereitung einer geeigneten Lauge aus Trockenseife wegen der bei Kälte verminderten Löslichkeit schwieriger und unangenehm gewesen; so ein ärmlicher Schausteller hätte wohl kein Öfchen mit sich führen und auch noch Holzkohle finanzieren können.

    Die heutigen Rekorde im Leistungssport haben recht banale Gründe: Doping, ständige sportmedizinische Betreuung und Schmerztherapie auf der erreichten Höhe der wissenschaftlichen Medizin. Ein antik-olympischer Sportler hat vielleicht vor dem Wettbewerb symoathiezauberträchtiges Tierfleisch gegesen, aber außer einem gewissen autosuggestiven Effekt hat das dann wenig geholfen. Der namengebende Marathonläufer hatte vermutlich vor seinem Lauf auch schon mitgekämpft und er wollte um jeden Preis rechtzeitig in Athen ankommen, das treibt über Grenzen – wenn denn die Geschichte von seinem plötzlich Todes überhaupt stimmt. Auch beim Denken übertreffen wir wohl die Altvorderen, jedenfalls auf bestimmten Feldern. Vor Newton und Leibniz gab es zum Beispiele keine Infinitesimalrechnung, ohne die Vieles schlicht nicht zu berechnen wäre. Auch das Denken lässt sich jedenfalls verbessern, zum Beispiel schon durch simple Logik, deren Mühen und Desillusionierungen aber viele nicht ertragen mögen.

    Böttger konnte bei seiner Goldsuche beim Porzellan ankommen, weil er mit den passenden Ausgangsstoffen hantierte. Von unedlem Metall, Erzen oder anderen Mineralien zu Gold, das erhoffte man sich. Doch sah man damals den Übergang zwischen belebter Materie (Tierfett, also auch Seife) zu Gold vermutlich als nicht so aussichtsreich an. Die heutigen Tenside sind Produkte der organischen Chemie, deren Brücke zur Anorganischen meines Wissens erst Wöhler im 19. Jahrhundert entdeckte (Harnstoffsynthese).

    Der Materialaufwand für Seifenblasen ist gering, weil die Membranen dünn sind, da ist also wenig Verschwendung. Vermutlich sollte man den Menschen des Mittelalters auch nicht rigides Nützlichkeitshandeln unterstellen, wie es heute üblich ist. Man hat ja damals, außer in Notzeiten, in denen diese eben verhungert sind, eine große Bettlerklasse durch persönliche Almosen miternährt. Ob man das wohl auf persönlicher Basis heute noch so hielte, wenn die Zwangsredistributionsmaschine Sozialstaat wegfiele?

    Wenn es immer mehr Menschen gibt, so bedeutet das alleine noch nicht, dass es dann auch mehr Entdeckung und Forscher geben wird. Die Schulen zumindest hierzulande scheinen sich ja mehr und mehr zu verschlechtern. Für Genderforscher und ähnliche Leuchten reicht es natürlich noch – oder gerade. Wer Illustrationen braucht, Artikel vom Tage:

    http://www.danisch.de/blog/2019/01/12/brauchen-wir-eine-loeschdebatte/
    http://www.danisch.de/blog/2019/01/13/sozialgesetzbuch-14/
    https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/josef-kraus-lernen-und-bildung/aber-welchen-bildungsunterbau-braucht-eine-bundesbildungsministerin/

    Die Trottel sind oben angekommen, ob man die je wieder los wird? Sie werden sich dort jedenfalls zu verteidigen wissen, mit Unterstptzung im Publikum. Mitursache ist ein dreistes Desinteresse an Wissenschaft und den sie erst ermöglichenden Haltungen in weiten Teilen der Bevölkerung. Hierzulande kann man Achtung erringen, indem man damit prunkt, schon in der Schule nichts von Mathematik oder Naturwissenschaften verstanden zu haben. Aber was der Bundeshaushalt an Mitteln für phantastische Projekte hergeben kann und welche unsinnigen Politiken technisch realisierbar sind, das weiß man natürlich dank des eigenen Bauchgefühls trotzdem. Schließlich weiß man sie ja moralisch zu beurteilen und daraus ergibt sich dann, was schlichtweg machbar sein muss. Wie oft haben Sie beispielsweise schon sagen hören, dass man nicht durch Null dividieren dürfe [!], so als ob auch das noch eine Frage von ethischem Gebot und Verbot wäre und nicht vielmehr eine unlösbare (oder in einem Fall beliebig lösbare und deshalb im Ergebnis nicht bestimmte) Aufgabe? Der Bruch a/b ist die Lösung der Aufgabe bx = a, für b=0 und a≠0 unlösbar und für b=0 und a=0 beliebig lösbar.

    Richtig ist also, dass Verbreitung und Tradierung des Wissens eine große Rolle spielen. Ein Freund hat sich mit chinesischer Geschichte beschäftigt und berichtet, dass bei Wechsel der Dynastie oft ein Traditionsabbruch erzwungen wurde, indem man sogar die nützlichen Entdeckungen unter den Vorgängern der damnatio memoriae unterwarf.

    Der letzte Abschnitt (E=mc² usw.) kommt mir reichlich mystisch vor. Und irgendwie scheinen Sie sich von dem zarten Schwebetaumel-Wunderspiel sehr beeindrucken haben zu lassen. Das sollte man von nichts und niemandem.

    Seidwalk: Auf diese Kritik habe ich gewartet und nach drei Tagen schon gedacht, sie würde an mir vorüber gehen. Voilà – hier ist sie. Alles richtig – aber auch wahr?
    Scheiß Rationalität! 😉 (der Smiley ausnahmsweise zur Absicherung) Ich bin gegen die radikale positivistische Entzauberung der Welt.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Ich muss damals 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein. Ein Schulfreund besuchte mich zu Hause zusammen mit seiner recht frisch erworbenen Freundin und wir gingen gegen abend zusammen durch den Ort. Die zwei blieben immer wieder stehen, konfrontierten einander, lächelten sich an und umarmten und küssten sich dann. Wir gingen irgendwann gegen den Ortsrand zu nach Westen, wo hinter den letzten Häusern eben die Sonne glutrot unterging.

      Am Rande einer schon dunkelgrauen Haussilhouette funkelte ein großes weißes Lichtkreuz. Einer der beiden wies darauf hin: „Seht ihr den Stern dort? Ist das nicht wunderbar?“ Beide waren begeistert. Ich sah das Phänomen, dachte nach und äußerte dann meine Hypothese: „Die Häuser dort wurden meines Wissens erst dieses oder letztes Jahr gebaut. Ich vermute, das eine dort hat kupferne Dachrinnen, die noch nicht grünspanig sind und an denen sich das Sonnenlicht natürlich gut spiegelt.“

      Mein literarisch ungemein belesener Freund schüttelte den Kopf und meinte spöttisch, mit meiner unerschütterlichen Nüchternheit erinnere ich ihn an ein Gedicht von Heine, das er auch gleich aus dem Gedächtnis vortrug:

      ――――――――

      Das Fräulein stand am Meere
      Und seufzte lang und bang,
      Es rührte sie so sehre
      Der Sonnenuntergang.

      Mein Fräulein! sein Sie munter,
      Das ist ein altes Stück;
      Hier vorne geht sie unter
      Und kehrt von hinten zurück.

      [Heine, Das Fräulein stand am Meere]

      ――――――――

      Er hatte schon recht, ich habe ungewöhnlich wenig Romantik im Leib. Aber ich hatte auch recht, wie ich bei einem prompten Kontrollbesuch der Dachrinne am Folgetag feststellte. Ein jeglicher hat sein Geschäft, und meines ist nicht die Schwärmerei, gegen die ich im übrigen einen „politischen Verdacht“ habe wie Settembrini gegen die Musik.

      Seidwalk: Dagegen gibt es noch ein anderes Medikament, gelegentlich sehr hilfreich: Humor!

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  2. Test Bild schreibt:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Fermi-Paradoxon#Selbstauslöschung

    Diese Überlegung macht keine Hoffnung, mildert aber an regnerischen Tagen den Ärger über uns aufrechtgehende Äffchen erheblich. Zumindest an den Tagen, an denen meine Spezies einen Rekord im Staffellauf bricht, aber dafür unfähig ist, an der Kasse eine einfache Schlange zu bilden. Oder das Ventil vom günstigsten Anbieter bricht und eine Weltgegend unwiederbringlich ruiniert. Dazu ein Kurzer kann nicht schaden. Ab dem zweiten glaube ich nämlich, dass wir relativ nicht mal die doofsten im Kosmos sind. Bei Zuversicht sollte man nicht wählerisch sein. Im Zweifel einen dritten. Schönes Wochenende.

    Gefällt 1 Person

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