Kunst wird Machwerk

Die spannendste Frage hinsichtlich des neuen Borat-Filmes war, inwieweit Sascha Baron Cohens geniale Travestie- und Rollenkunst von vor einem anderthalb Jahrzehnt, heutzutage – in Zeiten der alles durchsetzenden Politischen Korrektheit, in Zeiten von BLM, in Trumps Epoche, in Corona-Zeiten etc. noch machbar ist und ob sie noch wirkt, noch wirken kann, noch wirken darf.

Um es vorweg zu nehmen: ich war nach Ansicht des Films geschockt und traurig, saß ein paar Minuten reglos vor dem Bildschirm und konnte und wollte nicht begreifen, was ich da gerade gesehen hatte. Der Film ist das Signum einer Zäsur und von daher sehenswert. Aber als Film, als Komik, als Kunst ist er nahezu komplett wertlos. Es blieb nur Desillusionierung.

Um diese zu verstehen, muß man ein paar Jahre zurückgehen und an Cohens frühe Meisterwerke erinnern. In den Kunstcharakteren Ali G. – einem vermeintlich farbigen Gangsta-Rapper –, Brüno – einem österreichischen Homosexuellen – und Borat – einem kasachischen Journalisten in Amerika und Europa – gelangen dem Künstler einige sensationelle und unvergeßliche meisterliche Miniaturen. Die Idee war so simpel wie genial: Cohen – selbst praktizierender Jude und daher antisemitismusimmun – schlüpfte in die fremden Identitäten und spielte diese so überzeugend, so identisch und authentisch, daß seine Gesprächspartner von der Authentizität vollkommen überzeugt waren und ganz ungeschützt auf die vorgetragenen Klischees und Vorurteile mit ihren eigenen, tief verwurzelten Ressentiments reagierten.

Nimmt man all seine Beiträge zusammen, so entfaltet sich ein grandioses Gesellschaft-Puzzle alltäglicher Absurditäten, das kaum eine Gruppe und Schicht ausließ und daher letztlich auch dem Kinobesucher oder Fernsehzuschauer den Spiegel vors Gesicht hielt. Die Figuren kannten keine Scham und keine Grenzen, alle möglichen Ressentiments wurden aufgespießt und dies bei vielen gesellschaftlichen Gruppen.

Damals zeigte Cohen keine Angst vor Tabuthemen. Unvergessen etwa seine Rolle als schwuler Papa eines schwarzen Leihkindes vor schwarzem amerikanischem und evangelikalem Publikum, das Treffen mit den Feministinnen als Borat, der – vermutlich authentische – Versuch, Pamela Anderson zu entführen, oder seine Rede vor einem republikanischen Komitee. Oder wie er als israelischer Offizier Dick Cheney bloßstellt oder den American Football mit Homosexualität konfrontiert und und und. Jeder kann sich durch die Clips klicken und eine Menge an hervorragendem Inhalt finden.

Und selbst 2018 hatte er noch den Mumm, Bernie Sanders auflaufen zu lassen.

Interessante Petitesse: der fast einzige, bei dem diese Strategie nicht funktionierte war Donald Trump.

Diese ganze Kunst war hochgradig subversiv und wandelte stets auf dem schmalen Grat zwischen gerade-noch-Sagbarem und schon-Unmöglichem. Genau diese Grenze und ihre Bewegungen versuchte Cohen auszuloten und deshalb war er ein systemrelevanter Künstler.

Aber weil die Grenzen sich in den letzten Jahren, ja Monaten, rasant verschoben haben und eine große Unsicherheit hinterlassen wurde, was man noch sagen könne und was nicht, stand die Frage, ob die Technik noch funktionieren könne. Mehr noch: viele der alten Klassiker müßten nach neuesten strengen Vorgaben eigentlich gelöscht und gecancelt werden.

Tatsächlich sind all diese Überlegungen obsolet gewesen – sie hingen noch einem vergangenen Paradigma an, dem Paradigma der freien Rede, dem Paradigma der grenzenlosen Satire. Sascha Baron Cohen hat sich mit seiner neuesten Produktion davon verabschiedet und im Nachhinein muß ich meine eigene Naivität hinterfragen, die tatsächlich davon ausging, daß es im Mainstream noch Mutige geben könnte.

Daß der neue Film einfach nur schlecht gemacht ist, auf einem erbärmlichen Plot basiert, daß er jegliche Intuition und Situationskomik vermissen läßt, daß die meisten Szenen sichtbar gestellt wirken, daß ihm die alte Leichtigkeit verloren gegangen ist, daß er komplett unlustig ist … das alles kann man verzeihen – das sind auch die typischen Fehler von sequels.

Aber daß sich Cohen vor den politischen Karren spannen läßt, das ist unverzeihlich und zerstört sein Lebenswerk. Vielleicht ist das sein heimliches Motiv gewesen?: Mit dem Kotau vor der „allgemeinen Meinung“ sein Opus vor dem vernichtenden Urteil der Rassismusjäger zu retten.

Dieser Film ist vollkommen einseitig, die gesellschaftliche Vielfalt fehlt – man merkt ihm die Angst vor der politischen Verfolgung durch Medien und Aktivisten regelrecht an. Ziel und Aufgabe ist es, das weiße Amerika, Trump und seine Anhänger vorzuführen, lächerlich zu machen – was vollkommen legitim ist, wenn es gegengewichtig konterkariert worden wäre. Lachen kann hier nur – mit bitter verzerrtem Mund, mit boshafter Schadenfreude – wer sich an der menschlichen Blamage des politischen Gegners und nicht mehr „des Menschen“ erfreuen kann.

Sinnbild dafür ist die ruchlose und peinliche Szene mit Rudy Guiliani, die nun im linken Spektrum abgefeiert wird. Mutig wäre es gewesen, diesen Gag bei Bill Clinton zu spielen oder wem auch immer – dies aber ist reine Anbiederei und zudem moralisch verwerflich.

Das deutsche Wort für so ein Produkt ist Machwerk.

Man muß ihm sogar unterstellen – es ist wohl nicht zufällig bei Amazon Prime erschienen –, daß es von Anfang an im politischen Auftrag geplant wurde, um die bevorstehende Wahl zu beeinflussen. Es zeigt den Schulterschluß von politischem Establishment, political correctness, Mainstreampresse und woke capital an.

Diese traurige Einsicht war es wohl, die mich minutenlang dumpf dasitzen ließ. Das Zeitalter authentischer Kunst und Komik ist wohl vorbei. Was noch kommt, kann man sich sparen, was noch authentisch ist, kommt nicht mehr durch.

Abschlußszene: Rassistisch, weil alle Leben zählen

2 Gedanken zu “Kunst wird Machwerk

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Wenn der Cousin sich gar nicht „positionierte“, sondern nur auf seinen experimentellen Befunden beharrte, wäre es eigentlich am besten. Die aus meiner Sicht beste Szene in Eias Feminismuswäsche (er hat eine kleine Waschserie) war der verständnislos-entsetzte Blick der bubiköpfigen „Wissenschaftlerin“ darüber, dass sich jemand für „so etwas“ (nämlich mögliche biologische Wurzeln) überhauot interessiert. Solches Interesse für die möglicherweise nicht der eigenen vorgefassten Meinung entsprechende Wirlkichkeit kann ja nur durch bösen Willen erklärbar sein. Ist mir selbst schon ähnlich in einer Diskussion mit einer Freundin (früher ♂, damals schon ♀ mit Neigung zu ♀) begegnet, als ich ihr entgegenhielt, die Klärung der Ursachen für Homosexualität sei biologisch sehr interessant, zumal das etwa ein Probierstein für die Evolutionstheorie sein könnte. Nein, „wenn man sich dafür interessiert, kann das doch nur aus der Absicht rühren …“ In meiner Studienzeit waren zumindest die männlichen Homosexuellen noch stolz darauf, anders, nämlich keine Spießer zu sein. Heute dagegen wollen alle ganz verschieden von den anderen und dabei doch ihnen ganz gleich und also normal sein.

    Der Autismusselbsttest teilt leider mit vielen Multiple-Choice-Tests die Ärgerlichkeit, weder eine neutrale Antwort noch das Eingeständnis der eigenen Unwissenheit zu erlauben, insbesondere bei Fragen über Vorgänge in fremden Hirnen. Willkürlich geantwortet und vielleicht also dank fehlender Empathie noch nicht autistisch.

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  2. Michael B. schreibt:

    Interessant waere nebenbei, wie sich sein Cousin heute positioniert, der in einer damals relativ viel Aufsehen erregenden feminismuskritischen norwegischen Produktion einschlaegige kritische Standpunkte einnahm. Auf diesen geht uebrigens auch ein populaerer Autismusselbsttest zurueck (score selbst dort passend in einer Gruppe der Mathematikolympiadenteilnehmer noch vor der harten Autismusgrenze im Aspergerbereich).

    Generell ist es keine gute Zeit mehr fuer jede relevante Art von Humor. Das ist deutliches Regressionsmerkmal, in seinem schieren Umfang auch fuer den Stand der Welt als Ganzes.

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