Die Heimat der Ungarn

Ungarische Freunde wollen nach Griechenland reisen, es entsteht die Diskussion um die Corona-Risiken. Ich schlage ihnen vor – das war gleich als Einladung gedacht – ihre Aufmerksamkeit auch mal gen Norden zu lenken, zum Beispiel ins Vogtland. Wir haben alles, sage ich, Berge, Wald, Seen. Darauf antwortet er – und wir müssen lachen -: És Duna is van? Und eine Donau gibt es dort auch?

Abgesehen davon, daß es in Griechenland auch keine Donau gibt – das ist mir natürlich wieder erst hinterher eingefallen – konnte ich damit nicht dienen. Ich versuchte es noch mit der deutschen Donau, aber das ist nicht dasselbe, das ist nicht der 500 m breite Fluß mit 1500 km Erfahrung wie hier, im Süden Ungarns, wenige Kilometer bevor er kroatisch und serbisch wird. Zehn Tage, so sagt man, brauchen die Fluten von Passau bis hierher.

Wie viele Menschen hier unten haben die beiden ein Boot und verbringen von April bis Oktober jede freie Minute auf dem Strom; bei Hochwasser werden die vielen romantischen Nebenarme durchschippert, ist das Wasser niedrig, dann steuert man eine der zahlreichen Inseln und Sandbänke an, um sich zu sonnen oder zu baden, um zu grillen. Andere nutzen die Angelmöglichkeiten oder rudern und paddeln. Der Fluß prägt das Leben seit Jahrhunderten – auch wenn die Fischbestände durch Begradigungen und Belastungen der Moderne dramatisch geschädigt sind, spielt der Fisch eine überragende Rolle – die Bajaer Fischsuppe gilt als Hungaricum und wird sogar zu Weihnachten aufgetischt.

Der Strom spendet Leben und bringt den Tod – ein Freund der beiden starb vor kurzem auf der Donau, vom Blitz erschlagen. Ein künstlicher Seitenarm fließt mitten durch die Stadt: die Donau ist hier allen jederzeit präsent und alle Jahre wieder erinnert sie auch an ihre unberechenbare Macht. Das Eis-Hochwasser von 1956, das man bekriegen mußte, hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben.

Im Kossuth-Radio höre ich immer wieder die abendliche Kindersendung, in der den Kleinen mit Geschichten und Märchen der Weg ins Bett erleichtert und ritualisiert werden soll. Im Sommer spielen auffällig viele Geschichten am Balaton. Einmal erleben die Kinder einen Sturm, dann zaubert eine Fee oder eine Hexe just am Plattensee oder sie ringen mit einem Ungeheuer. Die meisten Märchen könnten überall stattfinden, aber sie werden an den Balaton verlegt. Damit ist schon für die Kleinen klar: Sommer in Ungarn, das heißt Balaton – das sind quasi Synonyme. Und das war schon immer so, selbst zu kommunistischen Zeiten wurde viel Brimborium in den Medien um den Balaton veranstaltet. Einige der bekanntesten Sommerhits besingen ihn …

Man könnte das als subtile Propaganda entschlüsseln, wie man Heimatliebe organisieren kann. Man kann aber auch das Mythische darin erkennen. Donau, Balaton und Theiß – letzterer widmete Petőfi eines seiner bekanntesten Gedichte – sind drei sagenhafte Gewässer im Binnenland Ungarn, deren Mythos im Empfinden der Ungarn tief verwurzelt ist und sich zugleich immer wieder, von einer Generation zur anderen, selbstverstärkend tradiert.

Und wer einmal auf der Donau war und die verklärten Blicke der Ungarn gesehen hat, wie sie den Duft des Wassers einsaugen, die Nase in den Wind halten, der versteht etwas von der Faszination. Die Donau – so empfand ich es – ist ein Fluß, in dem man zufrieden untergehen könnte.

Diese Gewässer sind vor allem eines – das ist der Nexus zwischen beiden Erlebnissen: Heimat! Mythisch aufgeladene Heimat. Was den Deutschen der Wald war – nicht zufällig verbinden wir unsere Märchen oft mit dem Wald – das sind den Ungarn Donau, Balaton und Theiß.

Ungar ist, wer das empfinden kann, wer immer wieder von Neuem ansetzt, diese Faszination zu erklären und doch nie fertig damit wird. Man kann das nicht von heute auf morgen erlernen, man muß es von der Großmutter – oder vom Kossuth-Radio – schon erzählt bekommen, so oft und so überzeugend, daß es keinen Zweifel, keine Relativierung mehr geben kann.

Die Radio-Sendung weist freilich auf die Dialektik hin. Heimatgefühl muß weitergetragen werden. Wenn erst die Griechenlandreise für die Kinder die Norm wird, wenn sie den Zauber des Eigenen nicht vermittelt bekommen, dann wird schnell die ganze Welt zur Heimat und verschwindet als solche.

siehe auch: Der Heimatbegriff der Magyaren

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