Globalizzazione

Gerade lese ich – übrigens zum dritten oder vierten Mal – Tiziano Terzanis großartiges Buch Un altro giro di giostra“. Terzani war einmal eine große Hilfe – ich las fast alles von ihm. In Italien war er ein Star und ist noch immer eine Berühmtheit, auch 16 Jahre nach seinem Ableben.

Der „Giro“, die „Runde auf dem Karussell“ ist wohl sein berühmtestes Buch – darin beschreibt er seinen Umgang mit der finalen Krankheit, die er als Geschenk begreift. Das Buch, sein gesamtes Denken, hat einen Nietzscheschen Klang: Umwertung aller Werte, Richtigstellung aller verdrehten Werte. Es ist ein großes, herzliches Lachen über den (Un)Ernst des Lebens.

2012 sind wir sogar nach Orsigna gereist und den steilen Apenninenpfad hinaufgestiegen, um jenes Anwesen im Wald zu sehen, in dem er zuletzt lebte und starb. Sein Sohn Folco war im Haus, zeigte aber kein Verlangen, mit den Deutschen zu sprechen. So sehr verehrte ich Tiziano, daß ich sogar das Buch seines Sohnes las und die seiner Frau – einer Deutschen – auch noch.

Und wenn ich jetzt sein Hauptwerk wieder lese, dann weiß ich auch warum. Als Asienexperte – als Journalist, auch für den Spiegel – lebte er viele Jahre in Indien, China, Japan, Vietnam, Kambodscha usw. und bereist nun ein letztes Mal all diese Gegenden auf der Suche nach einer Kur. Natürlich weiß er, daß es die nicht gibt, zumindest nicht dort, selbstverständlich ahnt er, daß er es oft mit Scharlatanen oder wenigstens Schamanen zu tun hat, aber nicht selten eben auch mit der unergründlichen asiatischen Weisheit. Von dieser Kombination – lachenden Auges auf dem schmalen Grat zwischen Weisheit und Wahnsinn zu wandeln – lebt dieses übersatte Buch.

Wenn es für ihn Heilung gibt, das ist dem Kultureuropäer aber auch bewußt, dann nur von der westlichen Medizin her: Chemo, Radio, OP – so körperfeindlich diese auch sein mögen.

Und so landet er in New York und dort macht er ein paar aufmerksame Beobachtungen – irgendwann Ende der 90er Jahre –, die ich für mitteilenswert erachte. Aus seinem Fenster am Central Park beobachtet er – der nun außerhalb des normalen Lebens steht – diesen „Kampfplatz aus unendlichen Schlachten“, die an des Molochs Schreibtischen oder in den Betten seiner Hochhäuser, an den Tischen seiner Restaurants, auf den Wegen seiner Parks geschlagen werden: „Kriege des Überlebens, der Macht, der Gier“.

So wesensfremd ihm diese Stadt ist, so faszinierend ist sie auch. Für einen Flaneur gibt es heutzutage wohl nichts Lohnenswerteres. „Der rationale Wahnsinn der modernen Welt war dort versammelt, auf jenen wenigen, wunderbaren, lebhaften Quadratkilometern aus Beton … Das war das steinerne Herzstück des zügellosen, desperaten Materialismus, der die ganze Menschheit veränderte; das war die Hauptstadt jenes neuen, tyrannischen Imperiums, in das wir alle getrieben werden, dessen Untertanen wir alle geworden sind und gegen das ich immer instinktiv das Empfinden gespürt habe, auf irgend eine Art und Weise widerstehen zu müssen: das Imperium der Globalisierung.“

Und ausgerechnet dort – das ist das Paradoxe – im Zentrum aller Ideologie, die seinem Wesen widerspricht, ist er gelandet, um Hilfe und Rettung zu ersuchen.

Schon bei seinen früheren Besuchen hatte er das Gefühl, daß jene Männer, die auf der Fifth Avenue oder an der Wall Street mit feinen Ledertaschen umherliefen, es waren, vor denen man sich schützen müsse, denn was darin als „Entwicklungsprojekt“ lag,  das waren die Pläne „für oft unsinnige Staudämme, Giftfabriken, Nuklearkraftwerke oder vergiftende Fernsehsender“ und es stellte sich ihm die Frage, ob nicht diese Herren die eigentlichen Terroristen seien.

Und was hat es mit der berühmten Vielfalt auf sich? Es hasten die modisch gekleideten Damen an ihm vorbei, nach Parfum duftend, in engen Rockanzügen und eine Papptasse Kaffee in der Hand, den sie im Laufen trinken. Ganz anders die alte Florentiner Welt, als man noch in die Bar „Petrarca di Porta Romana“ ging und dort nicht einen Kaffee, sondern einen „caffé alto“, „macchiato“, „in bicchiere“ oder „in tazza“, einen „cappuccino cremoso senza schiuma“ oder „con“, einen „cuore die caffé in vetro“ und vieles mehr bestellen konnte und der Kellner zudem noch die individuellen Vorlieben seiner Gäste kannte und bediente.

Hier aber war eine neue „razza“ herangewachsen, ernährt aus den Vitamin-Läden, in die Uniformen der Businessmen gezwängt, wurzellos, die die ganze Welt zu einem globalen Dorf machen würden – heute nennt man sie Anywheres.

Was ist das überhaupt für ein Land, das seit Generationen keinen Krieg auf dem eigenen Territorium mehr kannte, aber ununterbrochen Kriege auf der ganzen Welt führt? Nie im Frieden mit sich selbst, immer unruhig und unbefriedigt. Aber sind seine Menschen glücklich? Terzani zitiert eine internationale Studie über das Glück – dort betrachteten sich sie bitterarmen Bangladeschi als glückliches Volk, die Amerikaner hingegen lagen weit abgeschlagen.

Und dann die Frauen – damit will ich es bewenden lassen – und der „Kampf der Geschlechter“. Von der Chemo geschwächt sitzt er stundenlang im Central Park und schaut ihnen zu: „Die Frauen: gesund, hart, selbstsicher, roboterhaft. Sie schwitzen bei ihrem täglichen Jogging in aufreizenden Kleidungen, danach wechseln sie in ihre Bürouniformen – schwarzer Anzug, schwarze Schuhe, schwarze Computertasche. Schön und eisig, physisch arrogant und verächtlich. Alles, was meine Generation als weiblich verstanden hat, ist verschwunden, bewußt ausgemerzt von dieser perversen Idee, alle Differenzen zu eliminieren, alle gleich und aus den Frauen häßliche Kopien der Männer zu machen.“

Sie sind es, die einem zuvorkommenden Mann, der der Frau die Tür öffnet, an den Kopf werfen: „Hey, du, denkst du, ich bin nicht selber in der Lage diese fucking Tür zu öffnen?“

Andererseits so unendlich viele einsame Frauen, die Vierzig überschritten, haben keine Kinder, keinen Mann, dafür aber einen Hund, den sie im Park wie ihren Bill herumkommandieren. „Es sind die gleichen Frauen, die vor ein paar Jahren noch ihren Körper geformt, die ihre jungen Jahre einem Freiheitsideal geopfert haben“. Ganz anders die Frauen in Indien, die bis ins Alter eine eigene Würde ausstrahlen oder die Generation seiner Mutter, im Zentrum einer lebhaften Familie, einer Kommune, nie vereinsamt und nie nur auf sich selbst angewiesen.

So geht es weiter, noch mehr als 500 Seiten und immer wieder sieht Terzani hinter die Kulissen, überall.

siehe auch: Von der Sowjetunion lernen

Starke Bilder – Schwarz und Weiß

Tiziano Terzani: Un altro giro di giostra. Milano 2004. 578 Seiten
Deutsch: Noch eine Runde auf dem Karussell. Vom Leben und Sterben. 736 Seiten
Übersetzung (manchmal frei): Seidwalk

4 Gedanken zu “Globalizzazione

  1. HansCastorp schreibt:

    Obwohl ich im Ganzen zustimme und die Beliebtheit des Beispiels, welches die Zurückweisung von zuvorkommendem Verhalten von Männern gegenüber Frauen betrifft, kenne, ist es mir noch nie begegnet oder habe ich davon gehört, dass das Öffnen der Tür, Aufhalten und Vortretenlassen der Frau tatsächlich übel aufgenommen wurde. Selbst von denen nicht, von denen man es erwarten müsste. Allenfalls eine gewisse Verstocktheit ist bei gewissen Frauen in solchen Fällen zu beobachten. Wer daraus ein Theater macht, dem ist auch sonst nicht zu helfen, kann aber nicht als allgemeines Beispiel für gewisse Entwicklungen herhalten.

    Seidwalk: Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel – soeben erlebt, unter Kollegen. Ein junger Mann zeigt sich begeistert über die neue Hose einer jungen Frau und macht ein Kompliment. Kommt ein paar Tage später niedergedrückt zu ihr: „Du, sag mal, du hast jetzt seit ein paar Tagen nichts mehr gesagt. Habe ich dich verletzt?“ – „Warum?“ – „Na wegen der Hose. Das tut mir leid. Das war doch nicht sexistisch gemeint …“ Und solche Beispiele kennt nun jeder, der aufmerksam durch die Welt geht – bei dem einen ist es die Tür, beim nächsten das Kompliment usw.

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    • Michael B. schreibt:

      Und solche Beispiele kennt nun jeder, der aufmerksam durch die Welt geht – bei dem einen ist es die Tür, beim nächsten das Kompliment usw.

      Finden Sie, vielleicht doch eine Form von Blase? Mir geht es aehnlich – ich hoere davon, sehe es aber nicht persoenlich. Tueren aufgehalten bekomme ich umgekehrt auch von Frauen (schon lange, ist also nicht das Alter). Wobei, eher nicht kavaliersmaessig in dieser nicht explizit zugewandten Art, so wie ich das auch selbst handhabe.

      Seidwalk: Was Terzani vor 20 Jahren beobachtete, war scharf gesehen. Es gibt eine prinzipielle Verunsicherung im Umgang zwischen den Geschlechtern. Das ist vermutlich auch sozial abhängig. Je gebildeter umso größer die Gefahr, verunsichert zu sein. Durchaus möglich, daß das in bestimmten Milieus nicht so zum Vorschein kommt.

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      • Michael B. schreibt:

        Je gebildeter umso größer die Gefahr, verunsichert zu sein. Durchaus möglich, daß das in bestimmten Milieus nicht so zum Vorschein kommt.

        Da ist wohl etwas dran. Nach dem grossen Gleichmacher DDR – oder schon dort beginnend waehrend meines Abiturs auf der Abendschule, wo regimekritische Stroemungen und damit Intellektualismus verschiedener Form und Herkunft unter Schuelern wie auch Lehrern staerker waren – liegt ja meine Praegung doch im Universitaeren.
        Allerdings habe ich so gut wie alle Freund- und Bekanntschaften an Mitstudenten und -doktoranden verloren. Speziell diese, die entweder im Akademischen geblieben oder in Managementstellen ab einer gewissen Hoehe ‚aufgestiegen‘ sind.
        Typisches Anywheresubstrat, Soehne und Toechter auf Privatschulen, Austauschschueler, spaeter Erasmus, etc.. Gleiches Klientel wird im Gegenzug eingeladen, die Leute leben in einer inneren Welt aus doller Toleranz und koennen sich eigentlich schon in diesem Punkt allein nicht mehr vorstellen, dass es Anderes gibt. Auslaendern gegenueber wird regelmaessig Folklore und Kultur verwechselt, erstere geradezu backfischhaft (auch von Maennern) idolisiert, fuer sein Deutschsein schaemt man sich im Gegenzug. Feminismus, ‚genderfluide‘ Problemchen etc. spielen eine grosse Rolle. Und da geht es dann los bei den Kindern.

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  2. Otto schreibt:

    „Was ist das überhaupt für ein Land, das seit Generationen keinen Krieg auf dem eigenen Territorium mehr kannte, aber ununterbrochen Kriege auf der ganzen Welt führt?“

    Es ist nicht das Land, welches die Kriege führt, es sind auch nicht die Menschen, welche die Kriege führen. Es sind einige, die sie bezahlen, ein paar mehr, die sie denken, und wenige Entscheidet, die sie veranlassen. Diese drei Gruppen kann man unter „Krieg führen“ zusammenfassen. Die anderen gehorchen nur. Sie werden in den Krieg geführt.

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