Luther als Prinzip

Der Kampf ist in der Welt, ein Kampf auf Leben und Tod, der Geist ist parteiisch geworden, man schließt sich zusammen zu feindseligen Rotten: der Freie, der Unabhängige, der Abseitige wird nicht mehr geduldet. Stefan Zweig

Eine liebgewonnene Tradition, eine Marotte, ein Erbstück aus Studienzeiten. Ein Jahr meines Studierendenlebens habe ich Luther gewidmet. Zumindest fing es mit ihm an, bald waren Münzer und der wenig bekannte Andreas Karlstadt wichtiger. Geblieben ist eine Vorliebe für diese wesentliche Periode deutscher Geschichte – seither versuche ich jedes Jahr um die Zeit des Reformationstages mindestens ein Buch zum Thema zu lesen.

2016 ist ein gutes Jahr, sich Stefan Zweigs „Erasmus von Rotterdam“ zu entsinnen, so wie 2015 ideal für Friedrich Engels war.

Zweigs Büchlein ist vielerlei auf einmal. Ein Einfühlungsbuch, eine verkappte Autobiographie, eine Dialektik, eine neoplutarchische Doppelbiographie und ein – Heimat-Roman. Vor allem als solcher, als Heimat-Roman, ist die Novelle noch eine Entdeckung und weitestgehend unerkannt.

Alles andere läßt sich auf den Konflikt des Humanisten mit dem Reformator zurückführen, auf den archetypischen Kampf von „Vernunft und Leidenschaft“. Erasmus, der Gelehrte, schwächliche Konstitution, nur Latein schreibend und sprechend, eine empfindsame Seele, immer lavierend, den Konflikt vermeidend, ausgleichend, vorsichtig, dauerfröstelnd … und dagegen dieser Kraft-, Sudel- und Saumensch Luther in seiner „vollsinnlichen Vehemenz“, stolz, selbstbewußt, voller „fürchterlicher Haßkraft“, der „dämonisch getriebene dumpfer deutscher Volksgewalten“, „herrisch männlich“, „rasender Grobianismus“, „berserkersche Besessenheit“ … Zweig brilliert sprachlich in Luthers Charakteristik, schreibt sich in Ekstase – wunderbar zu lesen; aber falsch. Und dennoch berechtigt, denn der Schriftsteller will das Prinzip sichtbar machen.

Das geht auf Kosten der Person Luthers, die schillernd war, vielfältig, wandelbar. Zweig verallgemeinert den Luther der kurzen Mittelphase, sieht weder den frühen selbstquälerischen Asketen noch den späteren Reformationsverwalter. Nicht, daß Luther ein cholerisches Temperament abzusprechen wäre, aber ausleben konnte und wollte er es nur in der wirklich heißen Phase, als er ein Getriebener war – und zwar im doppelten Sinne. Zwei wunderbare, ewige Lehren.

Man kann Luthers mittlere Phase auf die Jahre zwischen 1517/19 bis 1525 bestimmen. Der Augustiner machte aus seiner Seelenqual keinen Hehl, aber man darf nicht übersehen, daß er in die Radikalität gezwungen wurde. Zum einen waren die kirchlichen und kaiserlichen Anfeindungen wie Funken auf trockenem Zunder – woraus wir lernen können, daß die Kunst des Widerstandes eine schwierige ist und nicht selten das Widerstandene, das Verbotene, das Tabuisierte stärkt, noch dazu wenn es sich im Recht fühlt – zum anderen wurde er bald von noch radikaleren Kräften überholt und mußte sich in der Verantwortung sehen, eine Lawine angestoßen zu haben, die unbeherrschbar wurde und die ganze Welt zu verdunkeln drohte. Dem hatte er nur Ohnmacht und Wut entgegenzusetzen.

Aber getrieben war er auch – und das wird in der Regel vergessen – vom Trieb, vom Eros. Nachdem Luther durch die Ehe mit Katharina von Bora 1525 seine sexuelle Energie geregelt abfließen lassen konnte, nachdem die Familie und die gesicherte Existenz ihn wohlig umgaben, wurde er, wie ein kastrierter Kater, schnell zahm, fett, träge und sanft.

Davon erfährt man bei Zweig nichts, denn er braucht Luther nur als Kontrastmittel, um die erasmischen Konturen aus Eigeninteresse noch deutlicher herauszuarbeiten, aber auch um die historischen Parallelen aufzuzeigen. Er schreibt das Buch 1934 und stellt Luther – unausgesprochen, aber unübersehbar – in die Hitler-Kontinuität, er leistet literarisch, was Lukács später philosophiehistorisch nachahmt: „Seine Person ist gleichsam der Durchbruch alles Deutschen, aller protestierenden und rebellierenden deutschen Instinkte ins Bewußtsein der Welt, und indem die Nation auf seine Ideen eingeht, geht er gleichzeitig ein in die Geschichte seiner Nation … Von Luthers Person geht Gewalt atmosphärisch aus …“

(Immerhin findet Zweig auch die geniale, nahezu seherische Formulierung vom „fast mohammedanischen Fatalismus“, als er Luthers Kraftquelle, die Prädestinationslehre, beschreibt.)

Wie aber hat man sich in solchen Zeiten zu verhalten? – das ist die intime Frage, die Zweig vor lesendem Publikum an sich selber stellt. Denn er fühlt sich als neuer Erasmus, als Europäer, als Alles-Versteher, als ausgleichende Kraft, die lieber vor der Entscheidung flieht, als Stellung bezieht, die auch hofft, daß das Unheil sich von ganz alleine auflösen wird. „Gesinnungsunduldsamkeit ist das Erbübel unserer Welt“, läßt er sein alter ego sagen.  Dabei weiß er genau: Gesinnungsduldsamkeit ist dazu das perfekte Gegenstück und: „Diese Zeit will Bekenntnis!“

Deswegen ist das Buch im Jahre 2016 vonnöten!

„Er“ – Erasmus und Zweig – „will mit keiner Partei sein: das ehrt seine innere Unabhängigkeit. Aber leider, er will es sich auch gleichzeitig mit keiner Partei verderben; dies nimmt seiner durchaus richtigen Haltung die Würde.“ Wer fühlt sich da nicht angesprochen? Wie viele von uns pflegten die wohlfeile Neutralität, die Unparteilichkeit – und werden doch gezwungen werden, in Zeiten der Weichenstellungen Position einzunehmen … oder lächerlich oder hinweggefegt zu werden.

Zweig litt unter dieser geistigen Heimatlosigkeit und wählte acht Jahre später den „Schierlingsbecher“.

Gänzlich aktuell werden „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“, wenn man endlich die Klammer bemerkt, die den Roman zusammenhält. Da wird uns der Humanist anfangs als „erster bewußter Europäer“ kredenzt, als Ideal, als Kosmopolit, Weltbürger, der nur das Esperanto der Renaissancezeit sprach, als Nomade, der nirgends und überall zu Hause sein kann, als einer, dessen Überzeugung es war, „beinahe alle Konflikte zwischen Menschen und Völkern durch gegenseitige Nachgiebigkeit gewaltlos schlichten“ zu können, als Harmonisierer und als apriorische ausgleichende Kraft, quasi als vorauseilender gehorsamer Homöopath, der mit wohl ausgedachten und nach einer komplexen Materia Medica mit fein ziselierten geistigen und immateriellen Impulsen die wilden Kaskaden der Zeit, die Köpfe der Herrscher und die materielle Gewalt der Masse, sanft lenken und führen will.

Solange die Welt den Atem anhält, wird er dafür gefeiert und darf er sogar glauben, den friedlichen Prozeß der Reformation unmerklich angestoßen zu haben. Aber als sie den angestauten Dampf in glühendem Hauch ausstößt und Land, Hütten, Burgen und Kirchen sengt – Erasmus ist da schon ein alter Mann –, da muß er sehen, daß sein Ruhm plötzlich verblaßt und daß ein Machiavelli mit eisklarem Blick und berechnendem Zynismus eine nicht zu leugnende Realität kühl analytisch beschreibt und weiter damit kommt als der Entwerfer paradiesischer Utopien.

Zuletzt schreibt der Autor die schwerwiegenden Worte, die ihn wirklich gequält haben müssen: „Eine geheimnisvolle Unruhe hat sich seiner bemächtigt, und der sein ganzes Leben als Kosmopolit, als bewußt Heimatloser verbracht, empfindet ein ängstlich liebevolles Bedürfnis nach heimischer Erde.“

Heimische Erde! Dorthin will der Sterbende zurück, nach Brabant. Dort, wo er herkam, wurzelt. Heimat. Aber es ist ihm nicht vergönnt und als er in Basel bald darauf seinen letzten Hauch ausstößt, da hören ihn die Umstehenden zum ersten und letzten Mal in seiner Muttersprache sprechen: „Lieve God!“

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. 1934 (Frankfurt 1986)

 siehe auch: Zum Reformationstag

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