Über Elite und Gegenelite II

von Johannes Leitner

Wesen der Gegenelite

Gegenelite ist die Elite jener, die sich nicht solcherart als vom Volke abgegrenzt fühlen, ist die Elite des Volkes innerhalb des Volkes; Gegenelite sind jene, die sich auch bloß als Gegenelite verstehen, im Gegensatz zur und an Stelle der eigentlichen Elite und Oberschicht. Obwohl die Gegenelite nicht bedeutend weniger Anteil an jenen elitären Eigenschaften besitzt, wenigstens was die seelischen elitären Eigenschaften angeht, empfindet sie sich bei weitem nicht als so elitär wie die eigentliche Elite. Ihr fehlt das identitäre Bewusstsein, sich stark vom Volk zu unterscheiden; sie versteht sich weit eher als Vertreterin und Sprachrohr des Volkes und hebt sich damit bewusst von der Elite ab.

Als bewusste Verneinung der Elite hängt die Gegenelite identitär weit mehr von der Elite ab als umgekehrt; die Elite hingegen wäre Elite auch ohne starke Abgrenzung zum Volk und zur Gegenelite. Nicht zuletzt aus diesem Grunde ist die Gegenelite in ihrem Elitesein gefährdeter; der Gegenelite ist es nicht gelungen, wie in diesem Maße der Elite, ihr Elitedasein zu verstetigen. Sie muss immer fürchten, dass ihre Angehörigen, oder deren Kinder, überlaufen ins Elitenlager oder zurückkehren in die Masse des Volkes.

Geschichtlich waren Gegenelite Teile des Bürgertums gegenüber dem Adel, bis sie selbst Elite wurden; waren es Teile des sozialdemokratischen Proletariats gegenüber dem Bürgertum, bis sie selbst von der Elite aufgesogen wurden, waren es in katholischen Ländern Protestanten und Juden, bis sie selbst in die Elite aufstiegen, waren es schließlich die nationalistischen und sozialistischen Revolutionäre, bis sie selbst die Macht übernahmen. Gegenelite waren stets auch die Studenten, bis sie selbst einen wohlbestallten Posten erhielten und übergingen zur herrschenden Elite. Politisch stand bis ins beginnende zwanzigste Jahrhundert die Gegenelite meist auf Seiten der Linken, und die Elite auf Seiten der entschlossenen od­er der gemäßigten Rechten.

Die – identitär und politisch oft rechte – Gegenelite von heute aber, die sich der – identitär und politisch fast immer linken – Elite widersetzt, diese Gegenelite speist sich, unter anderem, aus der unteren Mittelschicht, aus dem gebildeten Kleinbürgertum und dem ehemaligen Proletariat, auch aus alten, gutbürgerlichen Familien, aus betont katholischen und evangelikalen Kreisen und ihrer Intelligenz, aus dem höchsten philosophischen Geist, aus der Gruppe der kleinen Unternehmer und Selbständigen, der Steuer- und Verwaltungsgeschundenen, der self-made-men, aus dem Heer und aus der Polizei, aus den Studentenverbindungen, aus dem Blutsadel und den ehemals regierenden und ministerialen Häusern, aus der nationalliberalen und nationalkonservativen Volksschicht, welche man in Österreich das Dritte Lager nennt, mit den beiden letzten also aus einem großteils versickerten Gewässer früherer Eliten. Die Gegenelite entstammt der Schicht von Leuten at the margin, der Schicht meist jener, die unter den neuen und sich ankündigenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die von der Elite genutzt und vorangetrieben werden, deutlich mehr zu verlieren hätten als zu gewinnen.

Aufgaben der Gegenelite

Im Unterschied zu früheren Gegeneliten ist die Gegenelite von heute Besitzstandswahrer­in. Sie wünscht sowohl ihren eigenen Besitz, ihre eigene gesellschaftliche Stellung aufrechtzuerhalten, als auch den Besitz der Gesamtgesellschaft, das gesellschaftlich Erreichte, die sozialen Errungenschaften. Sie verteidigt jene gesellschaftlichen Einrichtungen, die ihnen selbst, und dem gesamten Volk, die gesellschaftliche, wirtschaftliche und identitäre Teilhabe verbürgen. Darin, in der volkstribunischen Anwaltschaft des Volkes, sieht sie die erste und wichtigste ihrer Aufgaben (1), aus der die andern sämtlich folgen. Die Gegenelite soll gleichsam das tribunische Vetorecht besitzen und behaupten gegen Maßnahmen des patrizischen Senates, der elitären Regierung, die sie als schädlich ansehen für das von ihnen mitvertretene einfache Volk der Plebejer, und für das von ihnen mitvertretene gesamte Staatsvolk der Gleichen, Populus Romanus.

Die zweite Aufgabe (2): Als ebendiese Fürsprechin des Volkes muss die Gegenelite zugleich auf das Volk einwirken, muss sie, wie dies jeder gute Anwalt für seinen Klienten tut, zugunsten und im Sinne des Volkes die Leidenschaften des Volkes mäßigen. Aus einer Spaltung der Gesellschaft und aus innergesellschaftlichem Hass und Kampf kann niemand gewinnen, am wenigsten die Schwächeren selbst. An dem Tag, da der Wiener Justizpalast brannte, dem 15. Juli 1927, versuchten führende Sozialdemokraten, die durch ein als schändlich empfundenes Geschworen­en­urteil entzündete identitäre Wut der Volksmasse zu besänftigen, damit die unbewaffnete Wache des Justizpalastes unbehelligt bliebe und es der Feuerwehr ermöglicht würde, das Feuer zu löschen. Dies gelang nicht: Die Polizei schoss in die Menge, viele Demonstranten starben. Die staatstreuen Schichten glaubten sich, da ein Staatssymbol von höchster Bedeutung zerstört, Staatsbeamte angegriffen und ermordet und das Verwaltungsgedächtnis des Staates schwer beschädigt wurden, selbst in ihrer Identität bedroht; und der Brand des Hasses zwischen den Schichten wurde auf furchtbare Weise neu geschürt.

Die dritte Aufgabe der Gegenelite (3): in ihrem Sinne die Elite und die Oberschichten zu beeinflussen, sodass die Elite wieder dem Volke sich zuwende, und schließlich die Gegenelite selbst überflüssig mache. Die Elite und die elitäre Oberschicht solle sich wieder hinreichend als Elite des Volkes fühlen und erkennen, so wie sie es, wenigstens im anzustrebenden Ideal, über weite Strecken in den beiden letzten Jahrhunderten getan hat. Die Gegenelite ist sich darüber im Klaren, oder muss es sein, dass sie einen langen Kampf gegen die Elite kaum gewinnen würde, auch dann nicht, würde sie selbst auf demokratischem oder revolutionärem Wege die politische Macht übernehmen; vor allem würde ein solcher Kampf zum Nachteil des Volkes geraten. Elite und Oberschichten müssen daher, so schwierig dies immer sein mag, durch die Gegenelite gesellschaftlich aufgeklärt und vom Richtigen überzeugt werden.

Dagegen die großteils aussichtslosen Versuche der Gegeneliten, mit den fanatisierten politisch Korrekten, mit den Ideologen und Identitätspolitikern vernünftig zu reden, sie mit sachlichen Beweisgründen, mit Gefühlsklugheit und mit identitärer Berufung auf das europäisch Gemeinsame und Einigende zu überzeugen; umso weniger erfolgversprechend, desto mehr sind diese Versuche aber zu würdigen, und desto unermüdlicher müssen sie, bei angemessenem Mitteleinsatz, unternom­men werden. Nicht die starken Fremdgläubigen können meist zu unserem Glauben bekehrt werden, sondern bloß die zuhörenden vielen Lauen und Abwartenden, die schon vorgestimmt sind, kulturell und ethnokulturell, hin auf unseren Glauben.

Die wesentlichen Grundlagen dessen, worauf diese unsere Gesellschaft baut, die Hochschätzung von Gleichheit, Freiheit und Freisinnigkeit, von Aufklärung, Menschenwürde, Altruismus- und Solidargemeinschaft, Eigentumsrecht und Eigentumspflicht, freie Bahn dem Tüchtigen und Hilfe für die Schwachen, öffentlicher Kampf dem Rechtsbrecher und Schutz dem Verfolgten, Opfermut zugunsten des Gemeinwohls, kostenstiftende Bewahrung und Pflege des so nützlichen öffentlichen Raumes und so weiter, sie alle halten große Teile des Volkes, große Teile von Eliten und Gegeneliten noch immer gemein. – Das Identitäre Rasiermesser: Meinungsverschiedenheiten über das Gute und Richtige sind meist weder der Böswilligkeit des Anderen, noch seiner Dummheit, sondern vielmehr seiner besonderen Identität geschuldet, auch seiner Sonderidentität im gleichen Großen der Gesellschaft. Kaum ein hinreichend gesund denkender, hinreichend gebildeter, sittlich nicht entarteter und ideologisch nicht verbildeter und verblendeter Europäer wird sich im Wesentlichen, aus ganzem Herzen und mit entschlossenem Verstand, dagegen wehren, diese gleichen Grundgedanken anzuerkennen, welchen Namen und welche Form er ihnen auch immer gebe.

Nur mit jenen, welche die Grundlagen an sich ablehnen, sei es tatsächlich aus Böswilligkeit, aus Krankheit und Kränkung, aus ideologischer Faszination, religiösem Eifer und mit martyriumsfreudigem Fanatismus, aus unbelehrbarer Dummheit oder aus einer tiefgreifend und wesentlich anderen Identität, einer wesentlich fremden Identität, kann es keine sachrichtige Verständigung geben darüber, wie diese Grundlagen zu verbürgen seien und was aus ihnen zu folgen habe. Ihnen muss die Tür gewiesen werden; sie haben in der Republik, die auf jenen Grundlagen baut, sie haben im Senat und auf dem Forum und zuletzt auch in der Stadt und im Staate nichts mehr zu suchen.

Alleinvertretungsanspruch der Gegenelite

Was darf die Gegenelite nicht tun? – Sie darf nicht, zum einen (1), für das von den patrizischen Oberschichten abgegrenzte plebejische einfache Volk klassenkämpferisch einen immerwährenden politischen Alleinvertretungsanspruch behaupten. Eine solche andauernde Aufgabe, die sie in einen unversöhnlichen Widerstreit zur Elite führte, kommt ihr nicht zu; dies im Gegensatz zu ihrer tatsächlich bestehenden immerwährenden Pflicht, die Volksbelange tribunisch zu schützen.

Ein bloß kurzzeitiger Alleinvertretungsanspruch für das einfache Volk als Teil des Gesamtvolkes kann jedoch gerechtfertigt sein: Es könnte geschehen, in der älteren Geschichte der ständischen Herrschaft vielleicht mehr Gewohnheit als Ausnahme, in der jüngeren Geschichte homogener Nationalstaaten mehr Ausnahme als Gewohnheit, dass zeitweise die Belange des einfachen Volkes von niemandem mehr vertreten werden als von der Gegenelite. Dann muss die Gegenelite unmittelbar in die Regierungsgeschäfte eingreifen, vom Volkswillen und Volkswohl ermächtigt, im besten Fall durch eine demokratische Volkswahl regelgerecht in den Stand gesetzt, ohne Blutvergießen und anerkannt von den Eliten.

Doch besteht zugleich, wie gesagt, eine ebenso wichtige Aufgabe der Gegenelite darin, eine solche Elite, die einstmals das Volk vertreten, sich vom einfachen Volk aber abgewandt hat, wieder auf den rechten Weg zu bringen; sie anzuspornen, abermals das ganze Volk und damit auch das einfache Volk politisch zu vertreten und seine Belange zu fördern. Indem die Gegenelite die Regierung übernimmt, muss sie versuchen, die Elite aufs Neue in die Regierung einzubinden, muss sie sich selbst zu einem Teile überflüssig machen. Oft ist eine gute Gegenelite restaurativ, nicht revolutionär. Denn die Gegen­eli­te wäre aus sich selbst nicht in der Lage, im fortwährenden Streit mit den Eliten das Beste für das einfache Volk zu vollbringen. In solchem Bürgerkampf verlieren immer beide Seiten, und verliert immer das Fußvolk mehr als die Anführer. Der Ausgleich muss gesucht und erzielt werden.

Zum andern (2), und daraus bereits folgend, darf sich die Gegenelite nicht jakobinerhaft einen dauerhaften Alleinvertretungsanspruch für das gesamte Volk zuschreiben, somit die alten Eliten von diesem Gesamtvolk ausschließen und selbst herrschende Elite werden wollen. Sie darf dies lediglich kurzzeitig tun als notwendige Antwort auf den überschießenden Elitismus der Eliten, die ihrerseits einen elitären Alleinvertretungs- und Besitzanspruch auf die Souveränität des Gesamtvolkes und seines Gemeinwesens behaupten. Versagen die Eliten, den Volkswillen zu erfüllen und die Souveränität des Volkes zu wahren, dann muss die Gegenelite wahrend und berichtigend eingreifen.

Ebensowenig wie in der alten vorrevolutionären Ständegesellschaft der dritte Stand allein sind der erste und der zweite Stand das Volk allein. Im Versuch, die alten Eliten vollständig auszutauschen, anstatt sich von einem Standpunkt hinreichender Stärke mit ihnen zu versöhnen und sich ihnen beizugesellen, zeigte sich ein furchtbarer Fehler vieler revolutionärer Gegeneliten, wie immer zum Schaden des ganzen Volkes und auch seiner Nachbarn: Quidquid delirant tribuni, plectuntur Achivi, was die Volksführer rasend verschulden, die Achaier, die Völker büßen es. La terreur était terrible, mais grande, und mein Kaiser, mein Kaiser gefangen.

Das Regierungshandeln der Gegenelite, sollte sie schicksalshaft alleinig an die Regierung kommen, wird daher nur prokuratorisch sein können, als durch den Volkswillen bevollmächtigten Stellvertreterin der eigentlichen Staatselite, die durch ihre ideologische Verblendung zeitweise daran gehindert ist, ihre Pflichten zu erfüllen. Besser, wenn die Gegeneliten gemeinsam mit den Eliten regieren können, in Regierungskoalitionen oder innerhalb der ständisch gegliederten Volksparteien, deren Aufgabe es lange Zeit gewesen ist, wohl mit einem merklichen Übergewicht der Eliten dennoch einigermaßen das Gleichgewicht beider sicherzustellen.

Identitäre Versicherung der Eliten

Insbesondere müssen die Gegeneliten sich darauf verstehen, die Eliten und Oberschichten, wenn diese eigentlich guten Willens sind, identitär zu versichern: Eliten und Oberschichten sollen mit gutem Grunde einsehn und erkennen dürfen, dass sie und ihre Stellung als Gute und Bessere nicht gefährdet seien, und dass die ihnen identitär unangenehme Regierung der Leute aus Volk und Gegeneliten bloß eine vorübergehende und ohnehin durch Elitenleute abgefederte sei. Die Eliten und Oberschichten sollen einsehen, dass das Volk und seine Gegenelite nicht beabsichtigten, sie vollends, oder auch nur zum größeren Teile, ihrer gesellschaftlichen, sittlichen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss-, Führungs- und Machtstellung zu entledigen, schon um sich selbst nicht über die Maßen mittelbar zu schaden. Denn wie gesagt, dauerhaft bedürfen Volk und Gegenelite der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geistigen Macht einer gesunden Elite. Dies müssen die Gegeneliten wissen, und die Eliten müssen wissen, dass die Gegeneliten es wissen.

In ihrem annus horribilis 2016 musste die oberschichtliche Elite des Westens erleben, dass das englische Volk für den Austritt Englands aus der Europäischen Union stimmte, das scheinbare Entwicklungsgesetz einer immer engeren, größeren und stärkeren Union widerlegend; und dass das amerikanische Volk einen Mann ins Weiße Haus wählte, den die gebildeten Oberschichten bloß als „downright moron“ (H. L. Mencken) betrachten und verachten können, als einen ihnen identitär ganz unverständlich, uneinfühlbar Fremden. Beide Male wurde dazu das Volk, in seiner identitären Not, angeleitet von den rechten Gegeneliten, die diese Not erkannten; sie bewiesen damit erstmals seit langem ihre Fähigkeit, im Großen die politische Richtung eines westlichen Staates zu ändern.

Eliten und Oberschichten verstünden die Bedeutung beider Wahlen falsch, würden sie in identitätspolitischer Fehlsichtigkeit unterstellen, dass die Mehrheit des Volkes aus Trotz, Dummheit und Boshaftigkeit so entschieden hätte, und dass es ihr, verblendet und von den Gegeneliten aufgehetzt, darum zu tun gewesen wäre, die verhassten Eliten vor den Kopf zu stoßen. Ebenso müssen die linken Eliten den rechten Gegeneliten zugestehen, dass diese nicht aus Hass, Dummheit oder persönlicher Gewinnsucht politisch handelten, sondern in ehrlichem Streben nach dem Guten. Sie müssen den Gegeneliten wenigstens den moralischen Anspruch zubilligen, das Volk mitzuvertreten, vielleicht tribunisch mitzuvertreten, anstatt dass sie deren politisches Wirken und deren Siege als Ausdruck übler und böswilliger Kräfte missverstehen, als Ergebnis einer schwer ausrottbaren Rückschrittlichkeit im Volke einerseits, und einer Hinterlist und neidigen Herzlosigkeit der Gegeneliten andererseits, der Gegeneliten des privilegierten Bösen Weißen Mannes.

Sähen die Eliten und Oberschichten aber ein, dass es sich bei jenen Wahlgewinnen der Rechten zuvörderst nicht um einen identitätspolitischen Angriff auf sie handelte, sondern vielmehr um einen Weckruf und Hilfeschrei der in beiden Ländern identitär verunsicherten und bedrohten weißen Unter- und Mittelschichten, dann müssten sie sich entscheiden: „Üben wir Solidarität und Altruismus gegenüber diesen Menschen, die anscheinend der Hilfe bedürfen und die noch dazu unsere Landsleute sind, und setzen wir uns wenigstens für eine Politik und für gesellschaftliche Verhältnisse ein, die ihnen nicht weiter schaden? – Oder fügen wir ihrem identitären Unglück, das wir entscheidend mitverursacht haben, noch den Spott hinzu, sie als aussterbende Art zu verlachen, die sie so dumm seien, irgendwelche kruden Verschwörungstheorien zu glauben und irgendwelchen Rattenfängern nachzulaufen? Verhöhnen wir sie als bildungsferne Verlierer der modernen Gesellschaft und als rückschrittliche Opfer von Globalisierung, Freihandel und freier Wanderung? Und setzen wir hemmungslos fort, jegliche Versuche eines identitären Widerstands moralistisch zu verdammen, sodass sie es fortan nicht mehr wagen sollen, sich ihrem Untergang entgegenzusetzen?“

Worauf aber ihrerseits die Gegeneliten zu achten haben: Die elitären Medien beobachten die Gegeneliten sehr viel genauer als die Eliten und beurteilen sie strenger, sie achten mehr auf ihre Fehler, weisen freudig auf ihre Widersprüche. Das mögen zu Recht die Gegeneliten als unfair empfinden, ist aber identitär verständlich, als unaufhebbarer Teil der Elitenidentität und der elitären Weltsicht, die nicht anderes kann, als dem Gesinnungsanderen misstrauen: Welcher Makel haftet an dem, der nicht eintreten will in unseren Kreis der Guten? – Die Gegeneliten müssen das Misstrauen der Eliten dankbar als Ansporn nehmen, mit weißer Weste in die Politik, ins öffentliche Leben zu gehen, und mit noch sauberer Weste ins Privatleben zurückzukehren; sie müssen sich bemühen um höchste Charakterfestigkeit, dürfen nicht einmal in den Verdacht geraten, dass sie in erster Linie nach Eigennutz strebten, nach der Befriedigung ihrer dinglichen und machtliebenden Bedürfnisse.

Moralismus der Nichteliten

Ein letztes Beispiel dafür, was von Seiten der Nichteliten zu unterlassen sei, und in welchem Sinne die rechten Gegeneliten auf diese wirken sollten, um die Eliten und Oberschichten nicht sinnlos in eine Frontstellung gegen die Nichteliten zu zwingen: Nach dem Bombenanschlag von Manchester im Mai 2017 (mittlerweile, da die einzelnen Terrorangriffe aufgrund ihrer Menge aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden, müssen wir wohl sagen, nach einem Bombenanschlag in Manchester) veröffentlichte eine Korrespondentin des deutschen Fernsehens, die über mehrere Stunden hinweg über den Anschlag berichtet hatte, in den sozialen Netzen ein Foto, das sie und ihre Mitarbeiter beim gemeinsamen Biertrinken zeigte. Diesen unschuldigen Unbedacht sollte sie leider bereuen müssen. Denn sofort entlud sich über den Köpfen dieser Journalisten ein Gewittersturm moralistischer Empörung, wie sie es denn wagen könnten, im Pub „zu feiern“, während kurz zuvor noch junge Menschen ermordet wurden.

Nun ist es zwar verständlich, dass die rechten Empörten auf jene paar Journalisten einschlugen, da sie deren Arbeitgeber, die linkselitären Staatsmedien meinten, von denen sie sich zu Recht identitär bedroht fühlen. Nicht zuletzt dieses große Bild muss man sehn; und es empfiehlt sich, auch die widerwärtigsten Äußerungen in den sozialen Medien als Anzeichen dessen zu verstehen, welche Schmerzen mittlerweile die Untern leiden an ihrer identitären Kränkung durch die selbstgerechten Oberen.

Doch war die Sache der Empörten in dem Fall nicht gerecht; denn sich abends zusammenzusetzen und gemeinsam Bier zu trinken war das beste, was die Journalisten damals tun konnten, um mit den seelisch überaus belastenden Geschehnissen zurechtzukommen. Die Sache der Empörten war untugendsam, weil sie, anstatt den Grundsatz des wohlwollenden Verstehens anzuwenden (principle of charity), willentlich das denkbar Schlechteste annahm vom identitären Feind und Widersacher, nur um ihm eins auswischen zu können. Und überdies erwies es sich als schädlich, die Gräben noch mehr zu vertiefen gegenüber der medienschaffenden Elite, die sich durch solchen moralistisch-has­sen­den Empörungssturm selbst als identitär angegriffen verstehen musste.

© Johannes Leitner (Historiker) – aus: Identität: Wie wir sind und wurden

4 Gedanken zu “Über Elite und Gegenelite II

  1. lynx schreibt:

    Ich will Ihr Statement hinnehmen, frage mich aber um so mehr, wie Sie dann Raum bieten können, für solche Aussagen:
    „Nur mit jenen, welche die Grundlagen an sich ablehnen, sei es tatsächlich aus Böswilligkeit, aus Krankheit und Kränkung, aus ideologischer Faszination, religiösem Eifer und mit martyriumsfreudigem Fanatismus, aus unbelehrbarer Dummheit oder aus einer tiefgreifend und wesentlich anderen Identität, einer wesentlich fremden Identität, kann es keine sachrichtige Verständigung geben darüber, wie diese Grundlagen zu verbürgen seien und was aus ihnen zu folgen habe. Ihnen muss die Tür gewiesen werden; sie haben in der Republik, die auf jenen Grundlagen baut, sie haben im Senat und auf dem Forum und zuletzt auch in der Stadt und im Staate nichts mehr zu suchen.“ – Herr Lübcke musste schon sterben, weil er Leuten, die unsere Grundrechte nicht anerkennen, die freiwillige Ausreise angeboten hat. Hier geht es um einen aggressiven Akt gegen Leute, die zwar sehr wahrscheinlich die Grundrechte anerkennen, nicht aber eine spezifische politische Gesinnung (die ich begründet für nationalsozialistisch halte).

    „Ein bloß kurzzeitiger Alleinvertretungsanspruch für das einfache Volk als Teil des Gesamtvolkes kann jedoch gerechtfertigt sein: Es könnte geschehen […,] dass zeitweise die Belange des einfachen Volkes von niemandem mehr vertreten werden als von der Gegenelite. Dann muss die Gegenelite unmittelbar in die Regierungsgeschäfte eingreifen, vom Volkswillen und Volkswohl ermächtigt, im besten Fall durch eine demokratische Volkswahl regelgerecht in den Stand gesetzt, ohne Blutvergießen und anerkannt von den Eliten.“ – Und was ist, wenn der „beste Fall“ nicht gegeben ist? Was ist mit dieser Andeutung gemeint? „Volkswille“ und „Volkswohl“ sind, in diesen Kontext gesetzt, eindeutig nationalsozialistische Vokabeln.

    Sie werden jetzt wieder sagen, ich hätte willkürlich aus dem Zusammenhang gepickt. Ich sage, ich habe die Kernaussagen aufgespürt, denn darauf kommt es doch an: was ist die Kernaussage? Kann sich jeder nun seinen Reim draufmachen. Für mich jedenfalls klingt Ihr Bekenntnis vor diesem Hintergrund als das verführerische Säuseln des Wolfes.

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    • Michael B. schreibt:

      Sie wollen hier gern eine Antidemokratieaussage herauslocken. Die braucht es ueberhaupt nicht. Um einmal wieder auf Paragraphen herumzureiten: § 20 GG gibt Raum, auch fuer Eliten, Gegeneliten oder sonstige Konstruktionen. Bedienen Sie sich, die Art des Widerstandes ist nicht auf gewuenschte Limitierungen vorgeblich herrschenden Zeitgeistes (der ist kein Volkswille) beschraenkt. Noch haetten dessen Schoepfer das Recht zur Delegitimierung ihnen nicht passender Aussagen, sind sie doch selbst der Elefant im Raum.

      Ich kann mit Texten wie dem Artikel nicht besonders viel anfangen. Ihre gewuenschten Provokationen durch Vulgaritaet oder Sophismen – zu welchem Zweck auch immer – sind allerdings derart durchsichtig, dass sich eigentlich weitere Kommentare dazu eruebrigen.

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      • lynx schreibt:

        Nicht einmal ein Narr wie ich glaubt ernsthaft daran, Aussagen zu bekommen, mit denen Leute sich gefährden. Dem Narren genügt es, zu sehen, wie sie um den heißen Brei herumtanzen, manchmal fast schon wie die Derwische in Trance. Sie selbst liefern wieder ein treffendes Beispiel: Warum ist ein herrschender Zeitgeist, der sich in demokratisch generierten Mehrheiten niederschlägt, kein Volkswille? Ja, leider war es 1933 auch der Volkswille, der sich seine Demokratie eigenhändig abschaffte. Dagegen haben wir heute immerhin einen verfassungsrechtlichen Riegel vorgeschoben (ob der dann noch hilft?). Doch wie kommen Sie dazu, einen „Volkswillen“ zu behaupten, der jenseits einer Mehrheit, bundesweit betrachtet vielleicht von rund 15% der Bevölkerung, womöglich bald deutlich weniger, vertreten wird? Hat die Elite oder Gegenelite den Volkswillen gepachtet? Es steht ihr natürlich frei, einen solchen zu formulieren und dann zu sehen, ob sie ihn mehrheitsfähig machen kann. Doch bis dahin ist es lediglich ein Konzept, ein Plan, eine Willensbekundung. Begriffe zu besetzen gehört freilich auch zum politischen Geschäft, aber deshalb muss man da ja nicht mitspielen. Beziehungsweise kann einfach das zur Kenntnis nehmen, was in besagtem Art. 20 GG steht.

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  2. lynx schreibt:

    Komplexe, tiefschürfende Texte. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um einzudringen, vorzudringen zum Kern. Schließlich konnte ich die ausgefeilte Codierung knacken: ich habe Elite durch Fotze ersetzt, Elitenpöbel durch Hurenfotze und Gegenelite durch Schwanz. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Oder aber mein kleinbürgerlich-unelitäres und volkstümliches Gemüt hat sich getäuscht, ist womöglich gar nicht in der Lage, solch hohe Gedanken zu erfassen. Nur: wie soll das dann überhaupt vom Volk verstanden werden? Wäre es nicht an der Zeit, endlich Klartext zu reden?

    Seidwalk: Hier wird nicht für Fotzen und Schwänze geschrieben, sondern für die anderen. Ob Sie das Elite oder Volk nennen, spielt keine Rolle. Wenn bei Ihrem Code-Kacken nicht mehr als dies hier herauskommt, warum machen Sie sich überhaupt die Mühe, komplexe Texte zu lesen?

    Sagen Sie uns doch endlich den Klartext, den wir nachzuplappern haben, um Ihr Weltbild zu sichern – ich würde es sofort als Performance, extra für Sie und Ihresgleichen, aufsagen.

    Lynx: Begriffsverwirrung: es wird nicht „für“ sondern „von“ geschrieben, das wissen Sie ja. Und wer sagt denn etwas von nachplappern? Keineswegs. Ein freimütiges, offenes Bekenntnis ist gefragt, nicht nur das stumme Summen oder Pfeifen im Walde des bekannten schlesischen Volksliedes. Das verhallt dann doch schnell ungehört.

    Seidwalk: Ich (jedenfalls) bekenne mich hiermit öffentlich und freimütig, bei vollem Bewußtsein und ohne Anleitung anderer zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, zu Vielfalt und Toleranz, zu unserem historischen Erbe, zu den Menschenrechten, zur Gewaltlosigkeit in der Konfliktlösung usw.

    PS: Da wir hier nicht für Fotzen und Schwänze schreiben, schreiben wir auch nicht von diesen, es sei denn das Thema schreibt dies Art Sprache vor. Politisch korrekt sind die Begriffe „Vulva“ und Penis“. Die „Isch-fick-disch“-Ideologie, auf die sie offenbar rekurrieren und regredieren, gehört nicht in die hiesige Sphäre.

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