Über Elite und Gegenelite I

von Johannes Leitner

Regierung der Elite

In den meisten Gemeinwesen wird eine Elite regieren und verwalten müssen. Wer sonst sollte dies tun? – Bloß regieren könnte anstatt der oligarchischen Elite ein Tyrann, ein Revolutionär, Volksführer und Demagoge, ein Mann der volklichen Gegenelite, gestützt durch die Liebe des Volkes und erhalten durch sein Charisma und seine scheints immerwährenden Erfolge:[1] Thomas Müntzer, Oliver Cromwell, Robespierre, Napoleon Bonaparte, Andreas Hofer, die römischen Soldatenkaiser. Sollte es diesem als Kind des Glücks gelingen, seine Herrschaft zu verstetigen, dann aber wird er wieder der Elite bedürfen, um das Volk zu verwalten und zu besteuern.

Von der Verwaltung wird diese Elite bald erneut in die Regierung gelangen, wird sich langsam auch die Gegenelite zur Elite wandeln. Das lehrt die Geschichte europäischer absolutistischer Fürstenherrschaft, das enthält bereits das Eherne Gesetz der Oligarchie: Verwaltung wird Bürokratie, Bürokratie wird Herrschaft, Herrschaft wird Glaube und Gesetz. Die Hausmeier, Kanzler, Minister, Lordsiegelbewahrer, Räte, Schogune erwachsen von Dienern zu Herren, die sich, kaum zu seinem Unglück und kaum zum Unglück des Landes, des Fürsten als einer nützlichen Marionette bedienen.

Nicht nur von der Regierung, sondern auch von der Verwaltung ausgeschaltet wäre die Elite in der reinen Bauerndemokratie. Die Bauerndemokratie gelingt, wenn überhaupt, dann im Bauerndorf, oder höchstens auf Bezirks- und Kantonsebene – eben in der Schweiz –, eine sehr einheitliche Bevölkerung vorausgesetzt, und strenge Regeln, die verhindern sollen, dass Eliten sich bilden und institutionell verstetigen. Doch selbst in diesen kleinen Räumen droht der mob-rule, wenn es keine verantwortungsvolle Elite gibt, welche die Leidenschaften mäßigt. Im massendemokratischen, elitär geleiteten Großstaat ist der mob-rule, die unvermittelte Herrschaft der Feigen und der Dummen, zwar ein seltenes, jedoch umso gefährlicheres Ereignis. Nur aus einem tiefgehenden Versagen der Eliten kann er hier als Sumpfblüte sprießen. Dies lehrt uns zuerst die Revolution in Frankreich; dies lehrte sie die so übermütigen alten Eliten, als sie sie aus dem Lande jagte oder zur Guillotine führte, oder noch Entsetzlicheres mit ihnen trieb.

Gewöhnlich ist es nötig, dass eine Elite das Volk verwalte und regiere, und immer ist es ihr geboten, für das Volk zu verwalten und zu regieren. Sie muss dies mehr für die unteren Schichten des Volkes tun als für die oberen, weil die unteren mehr der Hilfe bedürfen, neben der vorbildgebenden vor allem der ordnenden und schützenden Hilfe. Die unteren Schichten haben ethnokulturell die schlechteren Karten gezogen; mittelfristig werden sie diese Karten bei sich halten müssen, mittelfristig werden sie den Oberschichten in der Gesellschaft nicht gleichkommen. Aus Eigenem sind die Unterschichten nicht imstande, jene öffentliche Ordnung herzustellen, die ihnen innerhalb des Gemeinwesens, und somit zu einem großen Teil auf das Private wirkend, ihre pursuit of happiness erleichterte und ermöglichte, ihr zielhaftes Streben nach irdischer Glückseligkeit. Die Ordnung, die es ihnen erleichtert und ermöglicht, den Sinn des Lebens zu finden: in ihrer Familie, in ihrer Großgemeinschaft, in ihrem Glauben, in ihrer Berufung, in ihrem kulturell fortlebenden Wirken und auch in ihnen selbst als sittliche und freie Individuen.

Danach strebend, das Leben der unteren Schichten zu ordnen, darf die Elite jedoch nicht so weit gehen, darüber die Gesamtgesellschaft und ihr Gemeinwohl zu gefährden; sie muss aufmerksamer, dauerhafter und nachhaltiger denken als die unteren Schichten. Der alten Sozialdemokratie ist vorzuwerfen, derartiges letztlich versäumt zu haben: Ihr guter Wille und auch ihre guten Taten zugunsten des einfachen Volkes genügte nicht, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fehler, die aus einer falschen Theorie erwuchsen, wettzumachen. – Dass sie abgeklärt und nachhaltig denke, das kann man von der Elite erwarten; dafür taugt sie ethnokulturell, dazu wäre sie geneigt. Umso größer aber der Skandal, wenn heute Teile der Elite sowohl die unteren Schichten als auch die Gesamtgesellschaft aufgegeben haben und, teils mit den von ihr ins Land eingelassenen und eingeholten Fremden verbündet, gegen das Gemeinwohl, gegen Volk und Land regieren.

Elite als Gouvernante

Die gegenwärtigen Eliten werfen sich in eine geschichtlich nie gekannte Pose als Erzieher der Unterschichten. Nicht die Rolle des wohlwollenden Lehrers nehmen sie ein, wie sie es früher taten, wenigstens im guten Ziel und Ideal, vor allem nicht die des autoritären Lehrers und Erziehers hin zur Demokratie, der die Fähigkeit des Volkes zur Demokratie und die Freude an ihr mehrt.[2] – Ihre neugefundene Rolle vielmehr ist die der Gouvernante, der gebieterischen und dabei lieblosen, gefühllosen, missgünstigen und verachtenden Gouvernante. Überall heißt es: Ihr dürft nicht. Ihr dürft nicht pauschalisieren, nicht relativieren, nicht diskriminieren, nicht rassistisch, sexistisch, antifeministisch oder irgendwie phob euch äußern, nicht Komplexität reduzieren, nicht die eigene Kultur überhöhen, nicht Mikroaggression begehen, nicht schimpfen, nicht lügen, nicht hassen, nicht mit Waffen spielen, nicht stolz auf euch sein, nicht euch wehren, nicht eure Geschwister und Freunde verteidigen, nicht Vater und Mutter und die Großeltern ehren und nicht die verletzende Wahrheit des Kindermundes sagen.

Voll selbstgerechtem Zorn und Eifer hat die elitäre Gouvernante ein Tugendsystem errichtet, das den vereinzelten Einzelnen in Zucht und Zügeln hält. Ein selbsterhaltendes und selbstverstärkendes System: Je härter einer bestraft wird, der vom Pfad der tugendsamen Meinung abzuweichen scheint, desto mehr Leute achten darauf, dass niemand anderer abweiche, nicht nur sie selbst, und desto strenger tun sie es. Duldeten sie nämlich, dass ihre Nächsten sich sündhaft verhielten, dann setzten sie sich zum einen (1) dem Verdacht anderer aus, dem Guten nur mit sträflicher Lauheit gegenüberzustehen, oder gar selbst mit dem Bösen im Bunde zu sein. Die überaus wichtige Handhabe der staatlichen und der religiösen Obrigkeit in einer gemeinschaftlichen Gesellschaft, die hochvertrauend und beziehungsreich verbunden ist, mit mächtigem sozialem Kapital: Bestrafe einen, und erziehe hundert; erziehe hundert, zehntausend strafend zu erziehn!

Puritanismus und Tugendsystem

Dieser extrinsischen Tugendmotivation steht, zum andern (2), die intrinsische gegenüber. Ich kann und will nicht das Untugendsame dulden, weil es mir selbst Unlust bereitet, das Untugendsame hinnehmend erleben zu müssen, und große Lust, es verachten und strafen zu können. Und Verachtung und Strafe, insbesondere solche, die gemeinschaftlich geübt werden, im mimetischen und selbstverstärkenden Hass der Leute, bestätigen mein Recht, mich zusammen mit der Gemeinschaft sittlich besser zu fühlen als die Verworfenen und Ausgeschlossenen.

Jeder Puritanismus – wie immer eine Entartung dessen, was gut in uns Europäern – stellt so auch eine Lustordnung dar; er gründet auf der großen Lust der Puritaner, die gemeinschaftsböse Lust der Anderen zu strafen und zu tilgen, und ihrer quälenden Angst, ihr als Opfer oder Schwacher ohnmächtig gegenüberzustehn, oder als Opfer dieser bösen Lust gar die Gemeinschaft selbst erblicken zu müssen (Mencken: The haunting fear, that someone, somewhere, may be happy). Der Puritanismus entstammt, wie auch jede andere fortschrittliche politische Korrektheit – wie Prohibitionismus, Pietismus, Abolitionismus, Veganismus, Feminismus, Antisexismus und Antirassismus, wie die Temperanz- und Lebensreformbewegung, die anti-weiße Identitätspolitik, der Antisemitismus, der Gedanke eugenischer, völkischer und rassischer Reinheit, der Umwelt- und Tierschutzgedanke –, als ethnokulturelle Frucht und Auswuchs der guten Verfasstheit und Ordnung des europäischen Menschen, seiner Ordnung hin zu jener Großgemeinschaftlichkeit, die grundlegend baut auf der für alle Leute verpflichtenden reinen Gesinnung und Gesittung.

Die elitäre Gouvernante, der es gelungen ist, ein Tugendsystem zu errichten, gleich auf welcher ideellen Grundlage, braucht bloß den Inhalt dessen vorzugeben, was als unanständig und schändlich zu gelten habe. Mit großer Zähigkeit gelingt es ihr, immer neuen Dingen den Ruch des Verwerflichen anzuhängen; alles Weitere kann sie den Kräften der moralistischen Gruppenzwänge überlassen, nicht ohne dass diese Kräfte von ihr erheblich unterstützt würden. Die in der Sprache bekannte Euphemismus-Tretmühle, anstatt dass sie Anlass für Peinlichkeit böte ob der Willkür der verordnet guten und bösen Begriffe, wirkt so als ein sich ständig erneuernder Filter, der die Gemeinschaftstauglichen von den Gemeinschaftsuntauglichen trennt, die Guten von den Bösen.

Gegen den vorgeblichen Handlungszweck der elitären Gouvernante, die Tugendordnung, wäre zunächst nichts einzuwenden, wäre sie nicht eine in ihren Zielen falsche, willkürliche, widersinnige und schädliche Tugendordnung; würden nicht als eine Folge die freie Meinung und die schöpferische Zerstörung des Unzukömmlichen auf der Strecke bleiben; und wären nicht auch die Mittel, die Tugendordnung herzustellen, solche, die nicht auf der freien Einsicht des Einzelnen in den Tugendsinn gründeten, sondern auf den Kosten und dem Schrecken für den, der sich dem Tugendsystem zu widersetzen wagt.

Wesen der Elite

Zur Elite gehört, wer sich als Elite fühlt und hinreichenden Grund dazu hat, und wer gewöhnlich und auf gleicher Ebene mit Leuten umgeht, die sich berechtigt als Elite fühlen. Als Elite und Oberschicht fühlt sich zunächst, wer, gegenüber der Masse des Volkes, sich als besser versteht; als intelligenter, gebildeter, einfühlender, moralischer und empfindungsreicher; als fortschrittlicher, überlegter, arbeitsamer und leistungsfähiger; als aufgeschlossener, beziehungsreicher, mutiger, urbaner und internationaler; als kulturell höherstehend und identitär sicherer. Gemeinhin wird er es nicht zu Unrecht tun, wie die Sozialgeschichte und wie überhaupt die kulturelle Erzählung beweist. Auch in vielen messbaren Eigenschaften wie Intelligenz, Bildungsgrad, Einkommen oder Vermögen ist der Elitenangehörige der Masse des Volkes oft deutlich überlegen.

Identitär dabei entscheidend ist das Empfinden eines umfassenden geistigen und sittlichen Gut- und Besserseins; eines Gut- und Besserseins, das nicht einfach hingenommen wird, sondern das als notwendiges und vielleicht gar hinreichendes Merkmal elitäre und oberschichtliche Identität stiftet oder stiften hilft. Und schließlich das Empfinden eines Gut- und Besserseins, das man, tatsächlich berechtigt oder nicht, als Rechtfertigung nimmt, die Zurückgebliebenen moralisch belehren, beschämen und zurechtweisen zu können.

Die elitäre Identität, und dessen Bewusstsein, entsteht einerseits (1) als Gegenidentität zum gewöhnlichen Volk, das man, und sei es nur im unbewusst Geringsten (und ohne dass es dann sittlich unbedingt vorwerfbar wäre), verachtet und verabscheut und von dem man sich nach Möglichkeit fernhält. Wer anscheinend besser ist als die Anderen, der hat zumindest den einen gemeinsamen Wunsch, die Grundlagen zu erhalten, auf denen das Gut- und Bessersein anscheinend beruht, auch in bewusster Abgrenzung zu den Anderen, den Schlechteren.

Darum meidet man, wo nicht nötig, den Verkehr mit den Einfachen, die Orte, wo sie sich aufhalten, allzu große Vertraulichkeiten mit ihnen, auch allzu­ tiefes Einfühlen in sie, allzuviel Nachdenken über sie. Vauvenargues: „Les grands ne connaissent pas le peuple, et n’ont aucune envie de le connaître. Die Großen kennen das Volk nicht und haben auch keine Lust es kennenzulernen.“[3] – Die Großen wollen nicht, zuviel Gemeinsames mit ihm annehmend und anerkennend, wieder ins gemeine Volk zurücksinken, aus dem die Vorfahren einst erstanden; dafür ist das elitäre Leben zu schön und zu angenehm, zu gut und zu sinnvoll: Hätten die Nüchternen einmal gekostet!

Andererseits hingegen (2) empfände man es als Schwäche, sich zu sehr aus der Verneinung des Minderen identitär zu bestimmen – wie wir festgestellt haben, ist dies im Grunde ohnehin nicht möglich –, und hält fest an einer selbstbewusst aus dem Eigenen gebauten Identität: Gut- und Bessersein bedeutet weniger einen Vergleich gegenüber dem Anderen – denn wer vergleicht, der mindert schon! –, sondern gilt als selbständiges Wesensmerkmal des Eigenen, das vom Andern und Fremden identitär bedroht wird. Sich abgrenzen heißt nicht, künstlich Neues zu schaffen, wo vorher nichts gewesen, sondern Schranken zu errichten, um das Eigene zu wahren.

Wesentlichen Anteil an der Elite, ohne sie geistig und identitär wirklich zu beherrschen, sondern mit ihrer bloßen Menge, nehmen die Lehrer, insbesondere die Lehrer an den höheren Schulen. Diese Lehrer, Altwarenhändler in Ideen per definitionem und par excellence – ein überaus wichtiger Beruf in der Gesellschaft, die Erhaltung des geistig und sittlich Überkommenen für die nächste Generation – denken nichts Neues, sondern denken stets das, was zu denken elitär schicklich und angebracht. Was die Lehrer denken, das denkt die große Menge der Elite, und wer die Lehrer und ihr Denken beeinflussen und durchdringen kann, der steht an der Spitze der Elite. Wer morgen Elite werden will, wer sein Denken elitär machen will, der muss schon heute die Lehrer lehren. Nicht zuletzt deswegen, heute und zu allen Zeiten, der identitätspolitische Kampf an den Universitäten und daraus überschwappend in den Medien: Quis docebit ipsos doctores?

Elitenhass und Elitenpöbel

Die elitären Oberschichten nehmen heute, in Verfolgung dieser Ziele und in ihrer Entartung, eine Sprache und Kultur an, die von den Unterschichten nicht mehr verstanden, sondern verabscheut und gehasst wird, als feindlich und identitär schädlich gehasst. Alle Sprachregeln und Sprachverbote, alle Vorschriften der Politischen Korrektheit, alle kleinlichen Übergriffe auf das alltägliche Leben der Menschen sind auch so zu verstehn, als bewusstes Vor-den-Kopf-Stoßen der verachteten Kleinbürger, épater le petit-bourgeois. Und die Oberschichten vollbringen dies aus einem Gefühl immer größerer Entfremdung: Immer weniger bekommen sie die Unterschichten zu Gesicht, auf der Straße, am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder bloß im Fernsehen. Immer niedriger achten sie die verharrende Moral der Unterschichten, während ihre gute Moral zum Besseren weit fortgeschritten sei. Und umso mehr verachten sie die Unterschichten, verabscheuen sie ihre Bräuche, vernachlässigen sie ihre Nöte, verderben sie ihre Wünsche, vergewaltigen sie ihre Identität.

Beträchtliche Teile der heutigen Elitenkultur und Elitenpolitik dienen dazu, die Unterschichten und Gegeneliten derart vor den Kopf zu stoßen, und aufs Haupt zu schlagen. Hier tobt bereits der Kulturkampf, die Fortsetzung der Elitenpolitik mit anderen Mitteln. Sollen Unterschichten und Gegeneliten gestraft und dadurch gebessert werden, so wie Eltern ihre Kinder strafen und bessern? Oder werden sie schon grundlos geprügelt, aus bloßem und reinem identitärem Hass? Noch scheinen wir uns in einem Gleichgewicht zu befinden der wohlwollend strafenden und der tatsächlich hassenden Eliten, ein sicher nicht unbewegliches Gleichgewicht. Jener Hass aber ist ein Hass, den keine wahre und selbstbewusste Elite empfinden kann, welche sich ihrer Identität noch sicher ist.

Zum größten Teil scheint der Hass auf das Volk von einem verpöbelten Teil der Elite zu kommen, oder von einem in die Elite aufgestiegenen Pöbel. Wie immer fließen auch hier die Grenzen. Der Elitenpöbel ist in einer Weise Teil der Elite, weil er sich materiell und identitär opportunistisch ihr beigesellt hat, als ihr mittelbares Werkzeug, das sich in nützlicher Idiotie für selbständig handelnd hält; in einer andern Weise stellt er jenen Teil dar der Elite, der sich ganz zu Unrecht als Elite fühlt: Obwohl von einer gewissen streberhaften Grundintelligenz, ist dennoch nicht selten der Elitenpöbel geistig und sittlich minderwert.

Ein echter Elitenmensch kann den Schwächeren nicht hassen, im Schlechten ihn bloß kühl verachten und missachten, ihm dadurch auch furchtbar schaden, nicht eigentlich zweckhaft wollend, sondern billigend in Kauf nehmend. Der Elitenpöbel aber hasst das Volk, von dem er sich gelöst hat, womöglich weil er sich, stets uneingestanden und weit von sich gewiesen, als schwächer empfindet als das Volk, vor allen Dingen vielleicht identitär als schwächer: Er neidet dem Volk seine anscheinend noch stärkere und bessere Identität, seine gutbäuerliche und gutkleinbürgerliche Herkunft, seine Familienbindung, seinen Gemeinsinn und seine Verbundenheit mit der homogenen Dorf- und Kleinstadtgemeinschaft; er neidet ihm bösneidig hassend sein festes Stehen auf seinem kleinen und großen Eigentum, auf eigenem Grund und im eigenen Land, in seiner Heimat, seiner Kultur und seinem Vaterland.

Langer Marsch des Elitenpöbels

Auf seinem langen Marsch seit 1968 dürfte der Elitenpöbel in den Neunzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts in den Institutionen angekommen sein. Erst in den Neunzigerjahren, ursächlich wohl auch verbunden mit dem Fall des Kommunismus als starker Gegenmacht, scheinen Staat, Schule, Medien und Kirche jene Ernsthaftigkeit, jene institutionellen Tugenden und auch jene Verbindung mit dem Volke abgestreift zu haben, jene hinneigende Liebe zum Volke auch, die sie bisher selbst erhalten haben und mit dem Volk verbunden. Immer mehr keimt im Volk seit damals der Verdacht, dass die staatlichen und halbstaatlichen Institutionen lediglich den Eliten und Gegeneliten verpflichtet, dem Volk und seinem Überleben aber feindlich seien. Immer öfter hört man aus diesen Institutionen Stimmen, die das Sein des Volkes selbst bestreiten, dessen seientliche und identitäre Existenz – gibt es einen schlagenderen Beweis, jemanden seiner Feindschaft, seiner Todfeindschaft zu versichern?

Als akademisches und gymnasiales Proletariat kennt man den Elitenpöbel viel länger, im Grunde schon seit dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Bis auf die Französische Revolution aber, in Deutschland bis hin zur Neuen Zeit des Nationalsozialismus, als ihm sorglos die Eliten die Tür auftaten, blieben ihm lange die Institutionen verwehrt. Damals und heute seine teuflische Kunstfertigkeit: große Teile der eigentlichen Eliten davon zu überzeugen, dass er ihnen identitär gleich und freundlich sei. Seit den letzten Jahren erst hat es der Elitenpöbel vermocht, in großer Zahl in Parlamente und Regierungen zu gelangen. Die Elitenreden der Abgeordneten und Minister – die Elitenreden gegen das Volk –, sie deuten auf einen maßlosen Hass, gemischt mit überheblicher Verachtung; immerhin wohl auf einen Hass und eine Verachtung, die als identitärer Hass, identitäre Verachtung vielen dieser Politiker im Ganzen nicht bewusst scheint. Oder ist er es etwa doch?

Fortsetzung folgt

[1] Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, I, III, 4, 1911-1920
[2] Vgl. Kelsen, Wesen und Wert der Demokratie, S. 30
[3] Luc de Vauvenargues, Nachgelassene Maximen, Maxime 464

© Johannes Leitner (Historiker) – aus: Identität: Wie wir sind und wurden

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