Mitteldeutsche Begegnungen

Den Sommer nutzen wir seit Jahren, um ein paar deutsche Kraftorte zu besuchen. Meist ist Weimar dabei, es kann aber auch Dresden sein, Eisenach, Naumburg, Freyburg, Querfurt …,  irgendwas mit -furt, -hausen oder -burg am Ende und meist im thüringischen oder anhaltinischen Bereich gelegen. Es ist fast egal, welchen Ort man besucht, die lange deutsche Geschichte wird dort in dieser oder jener Form greifbar werden, man wird gerade in dieser Jahreszeit von Sonne und Sommer förmlich vereinnahmt, überall riecht es nach Erde, nach Ernte, nach Reife und fast überall steht man unter einem weiten, blauen Himmel und schaut aufs Land und empfängt die Erfahrung der Größe.

Die Städte sind alle wunderschön, unglaublich ruhig und träge. Kleine enge Gassen, Fachwerk, alles saniert und mit viel Liebe hergerichtet. Hier fährt man noch Sperber oder Spatz, die Männer tragen Vokuhila, an den Kneipen kann man „Achtung! Rauchergaststätte“ lesen und die Fahrräder stehen ohne Schloß vor den Türen.

Diesmal begann unsere Reise in Bad Frankenhausen. Schon beim Nennen des Namens hüpft dem Geschichtsinteressierten das Herz in der Brust. Hier schlugen die Bauern im Deutschen Bauernkrieg ihre letzte Schlacht und Thomas Müntzer wurde an diesem Hang gefangen genommen und wenige Tage später enthauptet. Die DDR hatte ihm und den seinen ein monumentales Panoramagemälde – von Werner Tübke gemalt – gewidmet, dessen Rundbau nun die Stadt überragt.

In ihrem Rücken liegt das kleine Kyffhäuser-Gebirge, auf dessen Nordseite das bekannte Denkmal steht. Dort findet – wie der Zufall es will – gerade ein Mittelalterfest statt. In 36 Kurven schlängelt sich die Straße gen Norden entlang – die „Biker“ wissen das zu würdigen. Oben hat sich eine große Menge versammelt. Wir teilen unsere Erlebnisse mit hunderten Menschen. Die Menge frißt und säuft und rülpst und quasselt dummes Zeug. „Das also ist das deutsche Volk“, sagt meine Frau spöttisch, „für das du dich täglich hinsetzt.“ – Ja, das ist es wohl.

Der Menschenschlag ist hier durchaus sympathisch. Gelassen und doch voller Schalk. Fast immer und überall scherzt und frotzelt man und nimmt den jeweiligen Begleiter auf den Arm. Dieses Verhalten scheint den Menschen hier tief im Blute zu stecken und ich werde an frühere Jahre erinnert, als ich selbst eine Weile hier lebte.

Vom Kyffhäuser-Denkmal folgen wir einem Schauspiel für Kinder, in dessen Verlauf der feuerspeiende Drache Fangdorn einen Schatz verteidigt, der zuletzt an alle Kinder verteilt wird: es sind Pflanzensamen – und auch die „Verwachsenen“ dürfen welche haben und Frieden und Zukunft säen.

Ein Elternpaar „Verwachsener“ kämpft hingegen mit aller Macht gegen das eigene Kind. Der kleine Junge will das Spektakel sehen, aber die Eltern haben wohl keine Zeit und ziehen ihn beiseite. Er schreit wie am Spieß, weint, beißt, kratzt, macht seinen Körper steif, wirft sich auf den Boden …, aber es gibt kein Erbarmen. Sie brauchen 10 Minuten, um den Kleinen bis ans Tor zu zerren – viel länger wäre das Stück auch nicht gegangen. Am Ende haben sie ihn vielleicht „gebrochen“, so wie man früher Pferde beim Einreiten gebrochen hat. Wer weiß: vielleicht sitzt der Junge in 20 Jahren beim Psychoanalytiker und wird diesen vollkommen mißlungenen Ausflug erinnern.

Der Ausblick da oben ist dennoch grandios. Ich kann ein paar Worte mit dänischen Touristen wechseln, deren höchster Berg gerade mal 147 Meter hoch ist, und auch ungarische Stimmen höre ich, aber die Frau will gleich wieder runter, ohne sich umgesehen zu haben. „Mehetünk?[1] – fragt sie ihren Mann … und das „het“ in der Mitte des Wortes, das übe ich gerade, bedeutet: „können“: Eine kleine Freude.

Unser Hotel befindet sich direkt am Marktplatz und dennoch ist es ruhig und still. An der Rezeption frage ich, ob es ein Antiquariat gebe, aber die junge Frau kennt das Wort gar nicht. Ich sage „Bücherladen“, aber das ist es ja nicht, was ich suche. Auch auf die Frage, wie viele Einwohner die Stadt habe, kann sie nicht antworten und man merkt: es war für sie noch nie bedeutsam. „Und wie lebt es sich hier? Alle Straßen sauber, die Häuser frisch verputzt, überall Cafés und Restaurants und eine großartige Therme mit tollem Saunabereich[2] … es ist doch alles da?“

Ja, da könne man nicht klagen. Sie haben eine kleine Wohnung, Mann, Frau, Kind und bezahlen 400 Euro. Und „die haben das auch alles schön gemacht … Nur mit die Ausländer“, fängt sie ganz von selbst an und verzieht für einen kurzen Moment ihr Gesicht. Gäbe es denn Probleme? Nun, eigentlich nicht. Früher gab’s mal welche, aber jetzt sind gar nicht mehr so viele da und meistens auch ein bißchen außerhalb. Aber in Mühlhausen – die andere Müntzer-Stadt fährt es mir durch den Kopf –, wo ihre Mutter lebe, da sei es ganz schlimm. Die ginge ja abends gar nicht mehr vor die Tür, weil sie Angst habe und überall säßen die Gruppen im Zentrum herum.

Anders als in Bad Frankenhausen sieht es im nahegelegenen Sondershausen aus. Mit über 20000 Einwohnern ist die Kreisstadt doppelt so groß. Auch sie voller pittoresker Plätze, steinalter Bausubstanz, vielen kleinen Gassen und Häusern, einer gigantischen Schloßanlage und einem malerisch gelegenen Park. Aber hier pulsiert der Verkehr ganz anders und im Zentrum begegnen uns sehr viele Migranten, vornehmlich Frauen mit Kindern. Eine Frau, die Russisch spricht und Kopftuch trägt, wird von acht Kindern im Zweijahresabstand begleitet, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Breite asiatische Züge sind hier die Mehrzahl. Wenn sie nicht Russisch sprechen und vielleicht aus dem Kaukasus kommen, dann vermutlich aus dem Norden Afghanistans oder Pakistans. Vielleicht ist es auch nur Zufall, daß uns diese breiten Physiognomien begegnen.

Auf den Treppen zum Markt sitzen ein paar junge Männer, trinken Bier und essen Fastfood. Sie diskutieren angeregt in ihrem schnellen Dialekt, dem man kaum folgen kann.

Es sind Menschen von hier, einfache Männer, denen das Schicksal wohl nicht immer hold war. Würde man ihnen sagen, daß sie in der jüngeren Diskussion als „Somewheres“ gelten, sie würden einen wahrscheinlich verdutzt anschauen oder sich sogar ausgelacht vorkommen. Aber das sind sie. Sie sind Teil jener Bevölkerung, die gar nicht auf die Idee kommt, jemals an einem anderen Ort zu leben als an diesem einen, an den sie das Schicksal gestellt hat.

Sie sind zuallererst Sondershausener oder Sömmerdaer oder Heldrunger und dann vielleicht Thüringer oder Anhaltiner und dann ganz sicher Deutsche. Ihr geistiger Horizont hat die Stadtmauer selten verlassen, sie heiraten das Mädel von Gegenüber und sie gehen jeden Tag beim Sonnenaufgang durch die Tür zur Arbeit in die Fabrik, aufs Feld oder in die Werkstatt … Ihre Gespräche drehen sich immer in diesem Kreis. Und sie können nicht verstehen, daß ihre Stadt sich nun so rasant verändert, daß es plötzlich Gesichter gibt, die keiner lokalen Physiognomie zugehören, daß Menschen Sprachen sprechen, die sie nicht verstehen und daß diese Menschen sogar Forderungen stellen oder Begünstigungen bekommen.

Und diese Ortsbeständigen, die den Ort am Laufen halten, die machen 80 oder 90 Prozent der Menschen hier aus – aber in Presse und Fernsehen, sofern sie dem folgen, werden sie von Legionen von Entwurzelten, von „Anywheres“, tagtäglich belehrt, wie wichtig es doch sei, fluide, offen und global zu sein.

Es fiele mir wahrscheinlich schwer, mit diesen Menschen ausgiebig zu kommunizieren, und doch sind sie mir nah. Ja, das ist auch das Volk, für das ich mich engagiere, das ich verteidigen und geschützt sehen will.

[1] „Können wir gehen?“
[2] Die Sole-Therme hatten wir zufällig entdeckt und dort drei herrlich angenehme Stunden in sehr vielfältigen und modernen Saunen und Becken verbracht – echte Empfehlung!

siehe auch: Querfurt als Ausrede

Weimar grüßt Damaskus

Im Szeneviertel

Schöne Fassade

u.a.

Neues aus Weimar

Weimarer Impressionen

O Weimar! dir fiel ein besonder Los!
Wie Bethlehem in Juda, klein und groß.
Bald wegen Geist und Witz beruft dich weit
Europens Mund, bald wegen Albernheit.
Der stille Weise schaut und sieht geschwind,
Wie zwei Extreme nah verschwistert sind. Goethe

Die Stadt ist und bleibt ein Kraftort!

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Die Philosophie der Ahmadiyya

Im Herbst 2015 kam es in Weimar zu einem unverhofften und intensiven Gespräch mit Suleman Malik, dem Vorsitzenden der Erfurter Ahmadiyya-Gemeinde und im darauffolgenden Frühjahr konnte ich mit Said A. Arif, dem Imam der Berliner Moschee, sprechen und einen kurzen Mailwechsel führen. In den Beiträgen „Der friedliche Islam“ und „Friede und Islam in Sachsen?“ wurde über diese Begegnungen berichtet und die Zugriffszahlen beweisen, daß es ein Bedürfnis sowohl nach Aufklärung über den Islam als auch nach einer friedlichen Auslegung gibt. Beide empfahlen ein viel angepriesenen Buch, das Hauptwerk des Gründers dieser Glaubensrichtung – Mirza Ghulam Ahmad –  mit dem anspruchsvollen Titel: „Die Philosophie der Lehren des Islam“. Hier soll es auf Herz und Nieren geprüft werden; hält es einer kritischen Prüfung stand?

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Weimar grüßt Damaskus

Weimarer Impressionen

Die falsche Tür führt ins Glück. Wir wollen die Anna-Amalia-Bibliothek besuchen und landen stattdessen im Studienzentrum. Eine moderne Bibliothek. Man klärt uns über den Irrtum auf, aber die hohen Bücherwände lassen uns um Eintritt bitten, den man gern gewährt.

StudienzentrumEhrfürchtig und leise flüsternd – wie immer wenn man zum ersten Mal eine große Bibliothek betritt – durchschreiten wir den hellen Turm, durchwandeln die ebenfalls mit Bücherregalen ausgestatteten Seitengänge. Das zehnbändige Lexikon des Islam von Khoury fällt mir ins Auge. Ich schaue eines der Wunder nach – Koran 21:31: „Und feste Berge haben Wir in der Erde gemacht, auf daß sie nicht mit ihnen wanke.“ –, wonach Mohammed die Stabilisierungskräfte der Berge beschreibe (wie Hussain mir einreden wollte), aber Khoury, die ernsthafte Islamwissenschaft, will davon nichts wissen. Vielmehr wird auf die Bibel verwiesen. Daneben die „Oxford Encyclopedia of the Islamic world“ in sechs Bänden … auch dort nichts.

Erwartungsvoll steigen wir die Treppen hinauf. Die erste Etage, so wurde am Eingang gesagt, sei der Philosophie gewidmet. Gleich links die Klassiker ab Kant aufwärts. Fichte, Dilthey komplett. Nietzsche Gesamtausgabe im Großoktav. Ich gehe weiter: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche, 30 Meter lang und 3 Meter hoch ein Nietzsche-Buch neben dem anderen. Hier könnte man sein ganzes Leben lang nur über Nietzsche lesen und doch nicht fertig werden.

Die Zeit drängt, ich gehe weiter, lasse Adorno und Horkheimer links liegen, prüfe zum ersten Mal die Nachlaßschriften Wolfgang Harichs (auf die ich große Lust habe!), bestaune die Ludwig-Klages-Gesamtausgabe, stehe andächtig vor den prachtvoll grünen Bänden des kompletten Cassirer. Und gleich darüber, wie passend: Heidegger! Weimar 2016 grüßt Davos 1929.

Die Gesamtausgabe vollzählig, gebunden, alle 100 Bücher. Ich ziehe die „Schwarzen Hefte“ heraus, schlage eine Seite auf und lese eine Notiz aus dem Jahre 1932, in der er angewidert vom „Vulgärnationalsozialismus“ spricht. „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen.“

Nur noch ein flüchtiger Blick auf Sloterdijk, der auch quantitativ Habermas überragt, aber dort sehe ich nichts Neues: da bin ich besser bestückt, und weiter geht der Aufstieg. Welche Fülle, welch ein Reichtum!

Wenigstens Goethe noch, und die Skandinavistik mal schnell überblicken. Aber dazu kommt es nicht. Ich lese mich fest. Schaue die Faksimileausgabe der Divan-Gedichte durch und recherchiere im Computer, mache einen wichtigen Fund … und bemerke plötzlich die fortgeschrittene Zeit. Hamsun und Falkberget müssen warten – ich komme wieder, versprochen.

Am Abend lese ich eine moderne Reisebeschreibung Syriens. Darin über einen Buchbasar in Damaskus: „An den Sockeln haben Buchhändler ihre Auslagen gereiht und gestapelt, überwiegend religiöse Schriften, viele Koranausgaben.“

Angst vorm Minarettchen

Mit diesen schnippischen Worten betitelt AfD-Versteher Lenz Jacobsen von der „Zeit“ seinen Versuch, die Ängste der Erfurter und Thüringer vor einem Zehnmeterturm  muslimischer Bauart zu ridikülisieren. Bauen will die Ahmadiyya-Gemeinde, vertreten durch Sulaiman Malik, eben jenem Missionar, mit dem ich im November in Weimar diskutierte. Die Frage „Was wollen die Ahmadiyya?“ wurde seither in mehreren Anläufen auf dieser Seite besprochen. Daß es intrinsische Gründe für Einspruch geben kann, sollte daraus deutlich geworden sein. Daß die Ahmadiyya andererseits eine der wünschenswerteren Formen des Islams vertreten – wenn es denn schon sein muß – ebenfalls.

Wir kennen die Argumente der AfD, wir sehen das Ringen und den vielfältigen Umgang von Höcke bis Meuthen, von Weidel bis Petry, und jeder kann sich dazu verhalten, wie ihm es für richtig erscheint. Ein Argument ist in der ganzen Diskussion freilich überhaupt noch nicht erörtert worden: die Frage der Sicherheit!

Wiederholen wir und schauen wir in die Geschichte. Der wesentliche Unterschied der Ahmadiyya zu sunnitischen und schiitischen Auffassungen ist die Annahme eines Mahdi. Es gibt im Islam sieben anerkannte Hauptpropheten („Rasul“; insgesamt gibt es 25): Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den Mahdi. Die ersten fünf sind biblischen Herkommens, also eine ausbaufähige Gemeinsamkeit mit der christlich geprägten Kultur, Mohammed ist der Prophet des Islam und zugleich das „Siegel der Propheten“, also der letzte – in der gegenwärtigen Zeit. Der Mahdi hingegen – es gibt hier ganz unterschiedliche Interpretationen, man muß abstrahieren – ist der Endzeitprophet, den vor allem die Schiiten sehnsüchtig erwarten, der allerdings auch von den meisten Sunniten anerkannt wird. Ähnlich dem Christentum, gibt es also ein Parusie-Problem. Wer ist der Erlöser? Wann kommt er?

Die Geschichte kennt im islamischen Kontext viele verschiedene Versuche, einen Erlöser zu installieren. Es ist aufschlußreich, sich die theologisch drei bedeutendsten anzuschauen.

Zwar sind die Jesiden im engsten Sinne keine Muslime – ihre Religion speist sich aus zoroastrischen, paganen, islamischen, nestorianischen und anderen Quellen – aber ihr Gründer, Scheich Adi, führt sich auf den omayyadischen Kalifen Marwan I. zurück. Die streng abgeschlossenen Jesiden – man kann nicht konvertieren und auch Heirat ist nur innerhalb der Gemeinde möglich – waren seit je ein Haßobjekt für Muslime. Aus zwei Gründen: die Religion kennt kein Heiliges Buch und der Koran unterscheidet streng zwischen Buchreligionen und Heiden, und sie haben mit Scheich Adi einen Mahdi-ähnlichen neuen Prophet. Daher werden gerade, schariakonform, männliche Jesiden vom IS in der Regel ermordet, weibliche als Sexsklaven mißbraucht.

Die Bahai anerkennen alle Heiligen Bücher und versuchen, vergleichbar den Ahmadiyya, eine ausgleichende, friedliche Interpretation. Früher sah man sie im Westen als „Sekte der Mohammedaner“ (Helfritz).  Ihr Gründer Mirza Ali Muhammed verstand sich ebenfalls als Empfänger göttlicher Offenbarungen und als Mahdi. Diese Gotteslästerung löste empörte und gewaltsame Ausbrüche der schiitischen Bevölkerung aus – der Bab wurde 1850 hingerichtet. Seither sind die Bahai in weiten Teilen der östlichen Welt – Iran, Indien, Pakistan – Verfolgung und Bedrohung ausgesetzt, viele wurden ermordet.

Das dritte historische Beispiel sind die Ahmadiyya selbst. Auch hier hat die Proklamierung eines Mahdi zu Gewalt, Unterdrückung und Totschlag geführt, vor allem in Pakistan, wo 97% der Bevölkerung Muslime sind.

Man sollte zur Kenntnis nehmen: der Mahdi-Gedanke löst bei den meisten Muslimen sofort Skepsis und starke Aversionen aus. Einige von ihnen werden bereit sein, Vertreter dieses Konzeptes auch zu bekämpfen. Noch sind die Ahmadiyya mit ca. 15 Mio Gläubigen in der Welt und 40 000 Bekennenden in Deutschland eine verschwindende Minderheit (unter 1%). Aber sie sind bei exponentiellem Wachstum nicht nur die am schnellsten wachsende Gemeinde, sondern sie praktizieren auch eine sehr intensive Missionsarbeit weltweit und sie erheben den Anspruch, den einzig wahren Islam zu lehren, der sie in historisch absehbarer Zeit zur einzigen und letzten Religion auf dem gesamten Erdball werden läßt (kolportiert werden 300 Jahre, von denen die ersten 120 vorbei sind). Ihr globaler Versuch der Missionierung ist augenfällig, die Osterweiterung in Deutschland folgt einem konzisen Plan, die gebetsmühlenartigen Formulierungen ihrer Vertreter weißen auf eine zentralistische Organisation hin, die Anweisungen von oben nach unten durchsetzt.

Die Hypothese: Sobald sie eine kritische Masse erreicht haben werden, sobald der Mainstream-Islam auf sie aufmerksam geworden ist, sobald er sich bedroht fühlt und sie ernst nimmt, werden sich radikale Kräfte finden, Personen und Einrichtungen physisch zu bekämpfen. Wer, bei aller Friedfertigkeit der Ahmadiyya, eine Verbreitung der Religion unterstützt, könnte innerislamische Machtkämpfe provozieren helfen – von den antiislamischen Impulsen in Teilen der deutschen Bevölkerung ganz zu schweigen.

Auch wenn die Einwohner von Erfurt-Marbach diese mögliche Gefahr noch gar nicht zu sehen scheinen, so zeigen sie doch einen gesunden Skeptizismus und Egoismus, den man nicht lächerlich machen, den man stattdessen ernst nehmen sollte.