1. Weltbürgertum und Globalisierung

Heute fragte mich ein ungarischer Freund, ob ich nicht auch Weltbürger sei? Sein Sohn war zu Gast, nebst Familie. Die lebt nun in Spanien, hatte zuvor lange Jahre in der Schweiz gewohnt. Die Enkeltochter, um die 12 Jahre, mit der ich ein paar Worte sprechen konnte – auf Deutsch – nannte Englisch ihre bevorzugte Sprache. Die Muttersprache beider Eltern ist freilich Ungarisch, in Zürich lernte sie Deutsch als Umgangssprache und Schweizerisch als Lebensgefühl, und nun erlernt sie an einer englischen Schule in Spanien auch Französisch. Und Spanisch nebenbei auf der Straße.

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Mitteldeutsche Begegnungen

Den Sommer nutzen wir seit Jahren, um ein paar deutsche Kraftorte zu besuchen. Meist ist Weimar dabei, es kann aber auch Dresden sein, Eisenach, Naumburg, Freyburg, Querfurt …,  irgendwas mit -furt, -hausen oder -burg am Ende und meist im thüringischen oder anhaltinischen Bereich gelegen. Es ist fast egal, welchen Ort man besucht, die lange deutsche Geschichte wird dort in dieser oder jener Form greifbar werden, man wird gerade in dieser Jahreszeit von Sonne und Sommer förmlich vereinnahmt, überall riecht es nach Erde, nach Ernte, nach Reife und fast überall steht man unter einem weiten, blauen Himmel und schaut aufs Land und empfängt die Erfahrung der Größe.

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Neues aus Weimar

Weimarer Impressionen

O Weimar! dir fiel ein besonder Los!
Wie Bethlehem in Juda, klein und groß.
Bald wegen Geist und Witz beruft dich weit
Europens Mund, bald wegen Albernheit.
Der stille Weise schaut und sieht geschwind,
Wie zwei Extreme nah verschwistert sind. Goethe

Die Stadt ist und bleibt ein Kraftort!

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Die Philosophie der Ahmadiyya

Im Herbst 2015 kam es in Weimar zu einem unverhofften und intensiven Gespräch mit Suleman Malik, dem Vorsitzenden der Erfurter Ahmadiyya-Gemeinde und im darauffolgenden Frühjahr konnte ich mit Said A. Arif, dem Imam der Berliner Moschee, sprechen und einen kurzen Mailwechsel führen. In den Beiträgen „Der friedliche Islam“ und „Friede und Islam in Sachsen?“ wurde über diese Begegnungen berichtet und die Zugriffszahlen beweisen, daß es ein Bedürfnis sowohl nach Aufklärung über den Islam als auch nach einer friedlichen Auslegung gibt. Beide empfahlen ein viel angepriesenen Buch, das Hauptwerk des Gründers dieser Glaubensrichtung – Mirza Ghulam Ahmad –  mit dem anspruchsvollen Titel: „Die Philosophie der Lehren des Islam“. Hier soll es auf Herz und Nieren geprüft werden; hält es einer kritischen Prüfung stand?

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Weimar grüßt Damaskus

Weimarer Impressionen

Die falsche Tür führt ins Glück. Wir wollen die Anna-Amalia-Bibliothek besuchen und landen stattdessen im Studienzentrum. Eine moderne Bibliothek. Man klärt uns über den Irrtum auf, aber die hohen Bücherwände lassen uns um Eintritt bitten, den man gern gewährt.

StudienzentrumEhrfürchtig und leise flüsternd – wie immer wenn man zum ersten Mal eine große Bibliothek betritt – durchschreiten wir den hellen Turm, durchwandeln die ebenfalls mit Bücherregalen ausgestatteten Seitengänge. Das zehnbändige Lexikon des Islam von Khoury fällt mir ins Auge. Ich schaue eines der Wunder nach – Koran 21:31: „Und feste Berge haben Wir in der Erde gemacht, auf daß sie nicht mit ihnen wanke.“ –, wonach Mohammed die Stabilisierungskräfte der Berge beschreibe (wie Hussain mir einreden wollte), aber Khoury, die ernsthafte Islamwissenschaft, will davon nichts wissen. Vielmehr wird auf die Bibel verwiesen. Daneben die „Oxford Encyclopedia of the Islamic world“ in sechs Bänden … auch dort nichts.

Erwartungsvoll steigen wir die Treppen hinauf. Die erste Etage, so wurde am Eingang gesagt, sei der Philosophie gewidmet. Gleich links die Klassiker ab Kant aufwärts. Fichte, Dilthey komplett. Nietzsche Gesamtausgabe im Großoktav. Ich gehe weiter: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche, 30 Meter lang und 3 Meter hoch ein Nietzsche-Buch neben dem anderen. Hier könnte man sein ganzes Leben lang nur über Nietzsche lesen und doch nicht fertig werden.

Die Zeit drängt, ich gehe weiter, lasse Adorno und Horkheimer links liegen, prüfe zum ersten Mal die Nachlaßschriften Wolfgang Harichs (auf die ich große Lust habe!), bestaune die Ludwig-Klages-Gesamtausgabe, stehe andächtig vor den prachtvoll grünen Bänden des kompletten Cassirer. Und gleich darüber, wie passend: Heidegger! Weimar 2016 grüßt Davos 1929.

Die Gesamtausgabe vollzählig, gebunden, alle 100 Bücher. Ich ziehe die „Schwarzen Hefte“ heraus, schlage eine Seite auf und lese eine Notiz aus dem Jahre 1932, in der er angewidert vom „Vulgärnationalsozialismus“ spricht. „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen.“

Nur noch ein flüchtiger Blick auf Sloterdijk, der auch quantitativ Habermas überragt, aber dort sehe ich nichts Neues: da bin ich besser bestückt, und weiter geht der Aufstieg. Welche Fülle, welch ein Reichtum!

Wenigstens Goethe noch, und die Skandinavistik mal schnell überblicken. Aber dazu kommt es nicht. Ich lese mich fest. Schaue die Faksimileausgabe der Divan-Gedichte durch und recherchiere im Computer, mache einen wichtigen Fund … und bemerke plötzlich die fortgeschrittene Zeit. Hamsun und Falkberget müssen warten – ich komme wieder, versprochen.

Am Abend lese ich eine moderne Reisebeschreibung Syriens. Darin über einen Buchbasar in Damaskus: „An den Sockeln haben Buchhändler ihre Auslagen gereiht und gestapelt, überwiegend religiöse Schriften, viele Koranausgaben.“

Angst vorm Minarettchen

Mit diesen schnippischen Worten betitelt AfD-Versteher Lenz Jacobsen von der „Zeit“ seinen Versuch, die Ängste der Erfurter und Thüringer vor einem Zehnmeterturm  muslimischer Bauart zu ridikülisieren. Bauen will die Ahmadiyya-Gemeinde, vertreten durch Sulaiman Malik, eben jenem Missionar, mit dem ich im November in Weimar diskutierte. Die Frage „Was wollen die Ahmadiyya?“ wurde seither in mehreren Anläufen auf dieser Seite besprochen. Daß es intrinsische Gründe für Einspruch geben kann, sollte daraus deutlich geworden sein. Daß die Ahmadiyya andererseits eine der wünschenswerteren Formen des Islams vertreten – wenn es denn schon sein muß – ebenfalls.

Wir kennen die Argumente der AfD, wir sehen das Ringen und den vielfältigen Umgang von Höcke bis Meuthen, von Weidel bis Petry, und jeder kann sich dazu verhalten, wie ihm es für richtig erscheint. Ein Argument ist in der ganzen Diskussion freilich überhaupt noch nicht erörtert worden: die Frage der Sicherheit!

Wiederholen wir und schauen wir in die Geschichte. Der wesentliche Unterschied der Ahmadiyya zu sunnitischen und schiitischen Auffassungen ist die Annahme eines Mahdi. Es gibt im Islam sieben anerkannte Hauptpropheten („Rasul“; insgesamt gibt es 25): Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den Mahdi. Die ersten fünf sind biblischen Herkommens, also eine ausbaufähige Gemeinsamkeit mit der christlich geprägten Kultur, Mohammed ist der Prophet des Islam und zugleich das „Siegel der Propheten“, also der letzte – in der gegenwärtigen Zeit. Der Mahdi hingegen – es gibt hier ganz unterschiedliche Interpretationen, man muß abstrahieren – ist der Endzeitprophet, den vor allem die Schiiten sehnsüchtig erwarten, der allerdings auch von den meisten Sunniten anerkannt wird. Ähnlich dem Christentum, gibt es also ein Parusie-Problem. Wer ist der Erlöser? Wann kommt er?

Die Geschichte kennt im islamischen Kontext viele verschiedene Versuche, einen Erlöser zu installieren. Es ist aufschlußreich, sich die theologisch drei bedeutendsten anzuschauen.

Zwar sind die Jesiden im engsten Sinne keine Muslime – ihre Religion speist sich aus zoroastrischen, paganen, islamischen, nestorianischen und anderen Quellen – aber ihr Gründer, Scheich Adi, führt sich auf den omayyadischen Kalifen Marwan I. zurück. Die streng abgeschlossenen Jesiden – man kann nicht konvertieren und auch Heirat ist nur innerhalb der Gemeinde möglich – waren seit je ein Haßobjekt für Muslime. Aus zwei Gründen: die Religion kennt kein Heiliges Buch und der Koran unterscheidet streng zwischen Buchreligionen und Heiden, und sie haben mit Scheich Adi einen Mahdi-ähnlichen neuen Prophet. Daher werden gerade, schariakonform, männliche Jesiden vom IS in der Regel ermordet, weibliche als Sexsklaven mißbraucht.

Die Bahai anerkennen alle Heiligen Bücher und versuchen, vergleichbar den Ahmadiyya, eine ausgleichende, friedliche Interpretation. Früher sah man sie im Westen als „Sekte der Mohammedaner“ (Helfritz).  Ihr Gründer Mirza Ali Muhammed verstand sich ebenfalls als Empfänger göttlicher Offenbarungen und als Mahdi. Diese Gotteslästerung löste empörte und gewaltsame Ausbrüche der schiitischen Bevölkerung aus – der Bab wurde 1850 hingerichtet. Seither sind die Bahai in weiten Teilen der östlichen Welt – Iran, Indien, Pakistan – Verfolgung und Bedrohung ausgesetzt, viele wurden ermordet.

Das dritte historische Beispiel sind die Ahmadiyya selbst. Auch hier hat die Proklamierung eines Mahdi zu Gewalt, Unterdrückung und Totschlag geführt, vor allem in Pakistan, wo 97% der Bevölkerung Muslime sind.

Man sollte zur Kenntnis nehmen: der Mahdi-Gedanke löst bei den meisten Muslimen sofort Skepsis und starke Aversionen aus. Einige von ihnen werden bereit sein, Vertreter dieses Konzeptes auch zu bekämpfen. Noch sind die Ahmadiyya mit ca. 15 Mio Gläubigen in der Welt und 40 000 Bekennenden in Deutschland eine verschwindende Minderheit (unter 1%). Aber sie sind bei exponentiellem Wachstum nicht nur die am schnellsten wachsende Gemeinde, sondern sie praktizieren auch eine sehr intensive Missionsarbeit weltweit und sie erheben den Anspruch, den einzig wahren Islam zu lehren, der sie in historisch absehbarer Zeit zur einzigen und letzten Religion auf dem gesamten Erdball werden läßt (kolportiert werden 300 Jahre, von denen die ersten 120 vorbei sind). Ihr globaler Versuch der Missionierung ist augenfällig, die Osterweiterung in Deutschland folgt einem konzisen Plan, die gebetsmühlenartigen Formulierungen ihrer Vertreter weißen auf eine zentralistische Organisation hin, die Anweisungen von oben nach unten durchsetzt.

Die Hypothese: Sobald sie eine kritische Masse erreicht haben werden, sobald der Mainstream-Islam auf sie aufmerksam geworden ist, sobald er sich bedroht fühlt und sie ernst nimmt, werden sich radikale Kräfte finden, Personen und Einrichtungen physisch zu bekämpfen. Wer, bei aller Friedfertigkeit der Ahmadiyya, eine Verbreitung der Religion unterstützt, könnte innerislamische Machtkämpfe provozieren helfen – von den antiislamischen Impulsen in Teilen der deutschen Bevölkerung ganz zu schweigen.

Auch wenn die Einwohner von Erfurt-Marbach diese mögliche Gefahr noch gar nicht zu sehen scheinen, so zeigen sie doch einen gesunden Skeptizismus und Egoismus, den man nicht lächerlich machen, den man stattdessen ernst nehmen sollte.

Antikes im Neuen

Weimarer Impressionen

Kurz vor der Abfahrt schnell noch den kleinen Antikladen besucht. Ein älterer Herr sitzt im barocken Lehnstuhl in der Ecke, Anzug mit Fliege und Einstecktuch, und begrüßt uns mit den Worten: „Womit kann ich Sie glücklich machen?“ Eine große Frage, die mich zumindest vorerst lähmt. Ich lausche dem Wortgeplänkel der anderen, schaue mir derweilen die Goethe-Devotionalien an.

Ein schöner gerahmter Stich – dafür würde sich zu Hause sicher noch ein Platz finden. „Was kostet der?“, lautet mein Einstieg ins Gespräch. Behäbig nimmt er das Bildchen von der Wand und schaut auf die Rückseite. Dort steht eine astronomische Zahl, die er durch vier teilt. Es ist noch immer das 15-fache meiner Schmerzgrenze. „Ich überlege es mir“. „Aber was wollen Sie mit so einem Goethe?“, fragt er mich. „Nehmen Sie besser den hier. So sah Goethe aus, fett, satt, ein Schwerenöter, Schürzenjäger und Schlaumeier.“ – „Man kann aus Goethe alles machen“, erwidere ich, „und ich bevorzuge lieber die Illusion.“

Und so kommen wir ins Gespräch. Der Mann hat sich auf Spazierstöcke spezialisiert und betreibt das kleine Krawattengeschäft gegenüber noch dazu. Tritt drüben jemand ein, dann wechselt er das Geschäft über den Hof. Während der nächsten 60 Minuten betritt weder hüben noch drüben ein Kunde den Laden. Er sei einer der letzten acht überlebenden Antikhändler in der Stadt. Der neunte wurde gerade zu Grabe getragen. Keiner seiner Kollegen lebe davon, man müsse es sich schon leisten können. …

Da ist die Politik nicht weit. Er sieht die Einwanderung als große und einzige Chance. Wir fragen nach. Ich erzähle von meinen Deutschstunden. Als ich von den Syrern spreche, unterbricht er: „Die sind alle mindestens dreisprachig, nicht wahr?“

Alles ginge ja den Bach runter in Deutschland und jetzt sei die Chance, uns zu verjüngen, frisches Blut und neue Gedanken. Und wie viele von den Neubürgern werden seine Krawatten kaufen oder diesen Antik-Laden beleben? Er will flexibel bleiben. Den Antik-Laden gebe er sowieso bald auf. Ein Käufer in Schanghai würde den gesamten Bestand übernehmen. In China ist deutsche Kulturgeschichte gefragt. Aber in Seide wolle er weiter machen, und wenn keine Krawatten für distinguierte Männer, dann eben Shawls für muslimische Frauen.

Evolutionsabbruch – die rote Frau

Weimarer Impressionen

Über alles hätte ich frei diskutiert: den Demokratieabbruch, den Aufklärungsabbruch, den Nationalabbruch, den Rationalabbruch, den Zivilisationsabbruch …, aber „Die Linke“ – so gesehen im Weimarer Büro – treibt es noch weiter.

fünf schwarze Männer hinter einer roten Frau

fünf schwarze Männer hinter einer roten Frau

Die rote Amazone, die rote, selbstbestimmte Frau im Rock und Marschschritt als Krönung der Schöpfung – nun, daraus droht vorerst nichts zu werden. Evolutio interrupta?

Konditionierungen – Heidegger

Weimarer Impressionen

„Nietzsche ist der erste Denker, der im Hinblick auf die zum ersten Male heraufkommende Weltgeschichte die entscheidende Frage stellt und sie in ihrer metaphysischen Tragweite durchdenkt. Die Frage lautet: Ist der Mensch als Mensch in seinem bisherigen Wesen für die Übernahme der Erdherrschaft vorbereitet?“
Martin Heidegger

Höhepunkt unseres Besuches, der diesmal Nietzsche gewidmet war (Goethe, Schiller und Steiner sind bereits „abgearbeitete“ Fälle), ist der Besuch des Nietzsche-Archives gewesen. Ein großartiger Bau, ein ähnlich mystischer Ort wie das Nietzsche-Haus in Naumburg. Wenn man Glück hat und ein wenig allein ist, dann kann es passieren, daß der genius loci zu einem spricht. In diesem Falle ist es eher der Geist van de Veldes, denn Nietzsche dämmerte seine letzten drei Lebensjahre wohl nur noch vor sich hin. Das Eingangsportal und das Bibliothekszimmer sind eine Augenweide. Da stimmt einfach alles. Henry van de Velde hatte die Innenausstattung übernommen, auf Anraten Harry Graf Kesslers, der Elisabeth Förster-Nietzsche davon überzeugen konnte, das von ihr mit allerlei kunterbuntem Nippes zugestellte Haus dem Obermieter würdig und stilvoll zu gestalten. Aber das ist eine andere Geschichte …

Van de Velde zieht jedenfalls auch holländisches und flämisches Publikum an. Ein solches Paar stolzierte selbstsicher durch die Ausstellungsräume, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hin und wieder die Brille aus der Jack-Wolfskin-Innentasche zückend, immer dann, wenn das Gesicht einer Persönlichkeit unbekannt war: Spengler, Burckhardt, Rietschel, Kessler … alle unbekannt. Aber da: ein bekanntes Gesicht! Heidegger! Sofort beginnt der Herr zu dozieren und zwar ein einziges Wort: Nationalsozialismus!

Da war sie wieder, die tief verinnerlichte Konditionierung. Blaues Licht = Speichelfluß, Heidegger = Hitler. Losgetreten von der Primärgröße Lukács, gern aufgenommen von Habermas und Frankfurtern, vertieft von Farias, Faye und zahllosen anderen Tertiärgrößen, verbreitet von skandalisierenden und in der Regel wenig differenzierenden Medien und endgültig ins allgemeine Bewußtsein gehämmert mit der großen PR-Maschine nach dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ – ein hundertbändiges, noch längst nicht ausgeschöpftes Werk, auch eine bahnbrechende Nietzsche-Interpretation, auf ein einziges Wort zusammengestampft.

Dagegen hilft nur eines: Heidegger lesen! Von mir aus auch gerne mit dem Willen, die faschistischen Denkfiguren in der Philosophie aufzufinden. Hauptsache lesen! Und wer dann mit Vollmacht die alte Rechnung sich noch aufzumachen wagt, dem höre ich gerne zu.

Who wants to be a refugee?

Weimarer Impressionen

Die Stadt ist eine Augenweide. Aber es gibt auch Schandflecken: der realsozialistische Wohnblock gegenüber dem idyllischen Jakobsplan, das realkapitalistische „Atrium“ und – dieses hier:

Refs welcome

Die linksalternative Szene hat es mal wieder geschafft und sich aller Renovierungswut widersetzt. Entweder wurde das sympathische Haus in diesem Zustand übernommen und erhalten oder aber zugrunde gerichtet. Allein, Flüchtlinge sind willkommen!

Die Subbotschaft lautet: Fühlt euch wie zu Hause, wie in Homs, Aleppo, Kobane oder Tripolis. Dabei hätten wohl der Arbeitsaufwand und die finanziellen Ausgaben für die Sprühfarbenbilder schon genügt, um das Haus zu renovieren und für eine Runde Freibier für alle hätte es auch noch gereicht.

Refugees! Is that what you were looking for?

Refs welcome2

Klassischer Widerspruch

Weimarer Impressionen

„Man kann Ideen mit den Augen sehen. Allerdings gehört dazu der Weimarer Blick‘“
(Herbert Fritsche: Der Erstgeborene)

Weimar ist eine Stadt der Monumente, Büsten, Stelen: Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Falk, Hummel, Puschkin, Mickiewicz, Liszt … Klassiker, sie alle lebten oder arbeiteten hier. Doch im Norden steht einer, übermannshoch, im eigenen Hain, der ein eher negatives Verhältnis zur Stadt hat und ausdrückt, als Gegner der Weimarer Republik und als Gefangener des nahen Konzentrationslagers Buchenwald:

Thälmann mit Hain

Thälmann mit eigenem Hain

Thälmann in Weimar

Faust in Weimar

Gerne erinnere ich mich an ein Seminar, während der Wendezeit, im Fach „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“. Dort schafften wir es – drei Theorieinteressierte mit zweimonatigem Lesevorsprung – einer jungen Lehrkraft den Stöpsel zu ziehen. Wie ein zerstochener Wasserball lag die junge Frau auf dem Pult und heulte. Wir hatten gerade ihr Thälmann-Bild und damit ihr Weltbild (und unseres) zerstört. Da stand er, der Kaiser ohne Kleider, all der Legenden entkleidet. Das Proletarierkind, das seine Wurstsemmel dem hungernden Nachbar schenkt, der Held, der eine von Nazis geworfene Handgranate entschärfte, der warmherzige Internationalist, der Hafenarbeiter, der tapfere Kämpfer gegen Unterdrückung und für Frieden … alles ging in Rauch auf. Die Bühne betrat der intellektuell eher minderbemittelte, stalinhörige Machtmensch, der Widerstand mit eiserner Faust – oh, diese Faust! – niederrang, der alle interne Opposition (Fischer, Thalheimer, Brandler …) beseitigte, der schlechte Redner und schwache Denker, der für den Sieg Hitlers Mitverantwortliche (Sozialdemokraten infolge der Sozialfaschismusthese als Hauptfeind), der Befehlsempfänger Moskaus, der den Zentralismus („Partei neuen Typs“) durchsetzte, der damit letztlich der KPD den giftigen Wurm ans Herz legte, an dem sie in der Perestroika endgültig verstarb …
Im innersten Grunde drehte sich alle Diskussion um die Frage: Gibt es antagonistische Widersprüche im Sozialismus? Und Thälmann war ein Symbol.

Noch heute werden antagonistische Widersprüche symbolisch erzeugt und bekämpft. 200 Meter vom realsozialistischen Relikt entfernt, findet man am Eingang des Amtsgerichts diese Plakette:

Schuld und Opfer schließen sich aus?

Schuld und Opfer ein Widerspruch?

Wiedergutmachung? Ausgleich?
Thälmann steht nicht wegen seiner Verdienste und nicht als Klassiker in Weimar und stört die illustre Runde der großen Geister, sondern aus schlechtem Gewissen. Er steht in der logischen Fortsetzung des deutschen Alphabets des Grauens dort: A wie Auschwitz, B wie Buchenwald, C wie Columbia-Haus, D wie Dachau … Er steht als Opfer des Nationalsozialismus, und damit unantastbar, da. Als Mahnung, als Botschaft, als Dauerdrill.

Unverhofft – Der friedliche Islam

Weimarer Impressionen I

Kurz vor der Rückfahrt fiel uns ein islamischer Infostand, der eine Liebesbotschaft verkündete, auf. Nichts wie hin! Wir wurden von einem sehr kultivierten Herrn angesprochen, dem man die indische Herkunft schon auf den ersten Blick ansah. Das Gespräch – es sollte eine intensive halbe Stunde werden – drehte sich sofort um die Zentralfragen dieser Religion: Scharia, Friedfertigkeit, Rolle des Propheten, Eroberungs- oder Verkündungsreligion, Trinität vs. sich-selbst-immunisierender Monotheismus usw. Herr Malik (Bild rechts), seit 20 Jahren in Erfurt lebend, vertritt die islamische Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat. Ihr Gründer Mirza Ghulam Ahmad verstand sich selbst als der Mahdi, als der von Mohammed angekündigte zweite Prophet, eine quasi-apokalyptische Gestalt, die die Endzeit/Offenbarungszeit einleite. Auch wenn er damit Anfangs in den bürgerlichen Schichten Erfolge feiern konnte, so dürfte er den meisten Muslimen als Ketzer, als Ungläubiger als kafir gelten. Die Gemeinde ist nichtsdestotrotz weltweit präsent und hat im pakistanisch-indischen Raum auch bedeutende Persönlichkeiten als Anhänger vorzuweisen. Wie auch immer: die Ahmadiyya sind ein lebender Beweis für die religiöse und ethnische Vielfalt des Islam – den Islam gibt es eben nicht.

Ahmadiyya

©seidwalk Die Ahmadiyya – Leben für alle. Haß für keinen.

Einig wurden wir uns dennoch nicht. Herr Malik versuchte nämlich, die historisch nicht wegzudiskutierenden Grausamkeiten der islamischen Bewegung vom mohammedanischen Beginn an, zu relativieren, und zwar mit dem Selbstverteidigungsargument. Daß Mohammed in seiner späten Phase auch ein Angriffskrieger war, wurde nicht recht akzeptiert. Auch mein Argument, daß sowohl die christliche als auch die buddhistische Lehre – und in letzterem Falle auch die Praxis – bei Angriffen das Ertragen und Überwinden des Gegners durch Sanftmut predigten, stieß auf kein Verständnis. Hamed Abdel-Samads Position erregte bei ihm nur Mitleid, obgleich beide Ansätze doch – wie ich betonte – zusammenarbeiten sollten, denn zumindest den gemeinsamen Gegner (den den gesamten Islam diskreditierenden Fundamentalismus und Extremismus) hat man doch.
Aber wir haben zumindest miteinander gesprochen, und zwar ruhig, kultiviert und argumentativ. Niemand wollte den anderen belehren oder überwinden. Niemand mußte sich verteidigen oder rechtfertigen. Diese erfreuliche Begegnung hat gezeigt, daß man auch bei gegenteiligen Positionen in Wesensfragen friedlich koexistieren, die Meinung des anderen einfach gelten lassen kann! Herrn Maliks aufopferungsreiche Arbeit – das Interesse der Weimarer Bürger hielt sich in Grenzen, das der Polizei hingegen war groß – ist aller Achtung wert und sollte unbedingt unterstützt werden.
Zum Abschluss schenkte er mir noch ein Buch von Mirza Ghulam Ahmad: „Die Philosophie der Lehren des Islam“, das ich zu gegebener Zeit an dieser Stelle vorstellen werde.
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