Lob der Faulheit

Offenbar hatte der kleine satirische Beitrag über den Unsinn des Laubblasens einiges Unverständnis ausgelöst. Daher lege ich hier eine Grundlegung der Faulheit in zwei oder drei Teilen vor, die sich mit dem Begriff der Arbeit in der Moderne und der modernen Literatur und Philosophie beschäftigt und im weiteren Kontext mit der Frage „Was ist Kynismus“ gesehen werden sollte. Auf Grund der Länge werden die Texte auch als PDF zur Verfügung gestellt.

Lob der Faulheit PDF


Geschichte und Philosophie der Faulheit Teil 1

“What is called a man or woman of action is almost always a deformed and deficient artist who yearns to express himself or herself but, unable to express by creating, must assert by interfering. Such people are our misfortune, and there are good many of them. They cannot find satisfaction in love, friendship, conversation, the creation of contemplation of beauty, the pursuit of truth and knowledge, the gratification of their senses, or in quietly earning their daily bread: they must have power, they must impose themselves, they must interfere. They are the makers of nations and empires, and the troublers of peace … They must impose their standards and way of life. Worst of all, they drive the less clear-sighted of the potentially civilized into self-defensive action – into semi-barbarism that is to say. From these pests comes that precious doctrine, the gospel of work: as if work could ever be good in itself.” (Clive Bell)

Im Nachfolgenden sollen Verteidiger eines „Rechts auf Faulheit“ vorgestellt werden, um eine heterogene Tradition sichtbar zu machen. Diese Tradition ist lang, sie reicht in die Anfangsgründe der Überlieferungen zurück. Besonderes Interesse verdienen dabei jene Köpfe, die der Moderne zugeordnet werden, jene also, die den aufklärerischen und eschatologischen Impuls der Technisierung und des Fortschritts bewußt erlebt und erlitten haben, denn ihre Erfahrungen sind mit den unsrigen noch am ehesten vergleichbar und unter Umständen auch nutzbar. Die Auswahl muß willkürlich bleiben, versucht jedoch, durch die Vielfalt der präsentierten Ansätze, ein Abstraktum jenseits der Ideologien und Weltanschauungen anzudeuten, denn wir arbeiten mit dem Verdacht, uns auf anthropologischer Ebene zu bewegen.

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Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere.

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Artenschutz für den „Asylanten“!

Eine Zensur findet nicht statt §5 GG

Am Dienstag, dem 13.10.2015, erschien dieser Artikel in der „Freien Presse“

FP 13.10.15 Asylanten

Daraufhin schrieb ich einen Leserbrief folgenden Inhalts:

Artenschutz für den Asylanten!

Eine Politikerin meint, das Wort „Asylant“ sei nicht statthaft, da politisch nicht korrekt. Die Leiterin der Agentur für Arbeit entschuldigt sich daraufhin erschrocken für den Gebrauch des „Unwortes“. Schuld soll der Suffix „-ant“ sein, der, so wird ein Sprachwissenschaftler aus der Süddeutschen Zeitung zitiert, den „Asylanten“ als „Killwort“ (sic! – was ist das für eine Sprache?) kennzeichne, dem Wort also eine negative Bedeutung verleihe.

Nun ist die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten und Jahren durch eine unüberlegte Rechtschreibreform, durch Jugend- und Straßensprache, durch Neologismen und Anglizismen, durch „gendergerechte Sprache“ usw. in ihrer Ausdrucksfähigkeit enorm beschnitten worden, denn alle Änderungen zielten auf Differenzierungsverlust. Einen Hegel oder Kant, einen Goethe oder Hölderlin, fein ziselierende Sprachakrobaten, kann es schon deswegen nicht mehr geben, weil das Hochpräzisionsinstrument Deutsche Sprache verdumpft und verstumpft wurde.

Und dazu scheut man auch Desinformation und Diffamierung nicht, wie in obigem Fall. Die Nachsilbe „-ant“ im substantivischen Gebrauch bedeutet nämlich – vollkommen wertungsfrei! –: eine Person oder eine Sache, die etwas tut. Freilich kann man, wenn man Wörter wie „Ignorant“, „Querulant“ und „Denunziant“ aneinander reiht, den Eindruck erwecken, als würden Wörter mit „-ant“ eine negative Konnotation besitzen. Aber man kann mit dieser „Methode“ auch das Gegenteil beweisen. Wie wäre es z.B. mit „Lieferant“, „Fabrikant“, „Gratulant“, „Komödiant“, „Musikant“ „Diamant“, „Laborant“, „Kombattant“, „Kommandant“, „Proviant“ „Hospitant“ oder sogar „Demonstrant“ – alles negativ? Im Gegenteil, wer sich die Mühe macht, die Gesamtzahl der in Frage kommenden Substantive durchzuzählen, der wird ein enormes Übergewicht an positiven oder neutralen Bedeutungen feststellen.

Das sich dahinter verbergende Problem ist dies: Menschen machen ihre Unwissenheit und Ignoranz zum Maßstab von Bewertungen. Nun, das begegnet uns tagtäglich. Unakzeptabel aber wird es, wenn diese Menschen Politiker und/oder öffentliche Personen sind, und unerträglich, wenn sie den Menschen vorschreiben wollen, wie sie zu sprechen haben, also eine Moral daraus ziehen, und skandalös wird es gar, wenn Journalisten, die eigentlich sprachmächtig sein sollten, diese Torheiten auch noch verbreiten!

Und: Der Begriff „Asylant“ ist aus der inneren Logik der Sprache heraus vollkommen neutral und sollte – wie so viele Wörter – unter Artenschutz gestellt werden. Seine Benutzung sagt über die Einstellung des Sprechers – wie im Artikel unterstellt – nicht das Geringste aus, seine Untersagung dagegen sehr viel!

Am Tag darauf bat mich der verantwortliche Journalist, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Es entspann sich ein sehr aufschlußreiches halbstündiges Gespräch über die „Pressefreiheit“ – ein schwieriges Thema, wie mir versichert wurde, denn auch im Haus „munkelt“ und „raunt“ man viel, könne man nicht immer alles offen aussprechen, gebe es verschiedene Grundpositionen. In der Sache wurde mir recht gegeben. Leider werde der Brief – gegen seinen ausdrücklichen Willen – stark gekürzt erscheinen. Und so sieht er aus (15.10.2015)

Leserbrief FP Asyl

Von Zensur zu sprechen, wäre falsch und wohl auch größenwahnsinnig. Die Redaktion behält sich bei Leserbriefen immer das Recht auf Kürzung vor.

Trotzdem ist die „Verschlimmbesserung“ nicht ohne Bedeutung – dahinter verbirgt sich ein ebenso wichtiges Problem. Noch nie ist es mir nämlich gelungen, in der Lokalpresse einen Artikel zu veröffentlichen, in dem nicht unabgesprochen herumgestrichen, gekürzt, umgestellt wurde und noch nie waren diese Eingriffe zum Vorteil des Beitrages. Einige Artikel – Würdigungen Sloterdijks und Heideggers etwa – wurden glattweg abgelehnt, alle anderen Beiträge – komplette und auch abgesprochene Sachartikel ebenso wie Leserbriefe, ja sogar Interviews und Besprechungen meiner Bücher durch festangestellte Journalisten – wurden ohne vorherige Absprache verändert und gekürzt. Das Argument jeweils: „Das verstehen unsere Leser nicht“, „Das trifft nicht unsere Zielgruppe“, „Die Leute lesen keine komplexeren Artikel“ , „Das ist zu hoch“ u. ä.
Wegen zu hoher Qualität abgelehnt zu werden, verwundert denn doch. Es sagt viel über das Bild aus, das sich (diese) Journalisten von ihrer Klientel machen. Und selbst wenn das stimmte, wäre es nicht Aufgabe der Medien, zu versuchen, das Niveau der Leser zu erhöhen anstatt sich dem vermeintlich niedrigen sprachlichen und kulturellen Niveau der Leserschaft anzupassen?
Anpassung nach unten, in die Mitte hinein – das ist die Crux unserer modernen Gesellschaft. Sich strecken, sich aufrichten, streben, „Vertikalspannung“ (Sloterdijk) erzeugen statt sich bücken, täte Not.