Weimar grüßt Damaskus

Weimarer Impressionen

Die falsche Tür führt ins Glück. Wir wollen die Anna-Amalia-Bibliothek besuchen und landen stattdessen im Studienzentrum. Eine moderne Bibliothek. Man klärt uns über den Irrtum auf, aber die hohen Bücherwände lassen uns um Eintritt bitten, den man gern gewährt.

StudienzentrumEhrfürchtig und leise flüsternd – wie immer wenn man zum ersten Mal eine große Bibliothek betritt – durchschreiten wir den hellen Turm, durchwandeln die ebenfalls mit Bücherregalen ausgestatteten Seitengänge. Das zehnbändige Lexikon des Islam von Khoury fällt mir ins Auge. Ich schaue eines der Wunder nach – Koran 21:31: „Und feste Berge haben Wir in der Erde gemacht, auf daß sie nicht mit ihnen wanke.“ –, wonach Mohammed die Stabilisierungskräfte der Berge beschreibe (wie Hussain mir einreden wollte), aber Khoury, die ernsthafte Islamwissenschaft, will davon nichts wissen. Vielmehr wird auf die Bibel verwiesen. Daneben die „Oxford Encyclopedia of the Islamic world“ in sechs Bänden … auch dort nichts.

Erwartungsvoll steigen wir die Treppen hinauf. Die erste Etage, so wurde am Eingang gesagt, sei der Philosophie gewidmet. Gleich links die Klassiker ab Kant aufwärts. Fichte, Dilthey komplett. Nietzsche Gesamtausgabe im Großoktav. Ich gehe weiter: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche, 30 Meter lang und 3 Meter hoch ein Nietzsche-Buch neben dem anderen. Hier könnte man sein ganzes Leben lang nur über Nietzsche lesen und doch nicht fertig werden.

Die Zeit drängt, ich gehe weiter, lasse Adorno und Horkheimer links liegen, prüfe zum ersten Mal die Nachlaßschriften Wolfgang Harichs (auf die ich große Lust habe!), bestaune die Ludwig-Klages-Gesamtausgabe, stehe andächtig vor den prachtvoll grünen Bänden des kompletten Cassirer. Und gleich darüber, wie passend: Heidegger! Weimar 2016 grüßt Davos 1929.

Die Gesamtausgabe vollzählig, gebunden, alle 100 Bücher. Ich ziehe die „Schwarzen Hefte“ heraus, schlage eine Seite auf und lese eine Notiz aus dem Jahre 1932, in der er angewidert vom „Vulgärnationalsozialismus“ spricht. „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen.“

Nur noch ein flüchtiger Blick auf Sloterdijk, der auch quantitativ Habermas überragt, aber dort sehe ich nichts Neues: da bin ich besser bestückt, und weiter geht der Aufstieg. Welche Fülle, welch ein Reichtum!

Wenigstens Goethe noch, und die Skandinavistik mal schnell überblicken. Aber dazu kommt es nicht. Ich lese mich fest. Schaue die Faksimileausgabe der Divan-Gedichte durch und recherchiere im Computer, mache einen wichtigen Fund … und bemerke plötzlich die fortgeschrittene Zeit. Hamsun und Falkberget müssen warten – ich komme wieder, versprochen.

Am Abend lese ich eine moderne Reisebeschreibung Syriens. Darin über einen Buchbasar in Damaskus: „An den Sockeln haben Buchhändler ihre Auslagen gereiht und gestapelt, überwiegend religiöse Schriften, viele Koranausgaben.“

Linkes Raunen

Wir wollen schon hier anmerken, daß konservativ ist, in Gesetzmäßigkeiten zu denken, die sich immer wieder herstellen, während fortschrittlich zu sein scheint, sich mit Erwartungen zu beschäftigen, die sich niemals erfüllen. (Moeller van den Bruck)

„Raunen“ ist so ein Wort, das der linke Diskurs besonders gern nutzt, wenn es um „konservatives Denken“, um nicht-linkes Denken geht und insbesondere dann, wenn der zu diskreditierende Denker gewisse geistige Anforderungen stellt, die bereits sprachlich einen „Elitismus“, eine Trennung von Spreu und Weizen anstreben. Hegel war schon so einer, aber Heidegger ist der Paradefall, ein „dunkler Rauner“ durch und durch, den man von Adorno und Popper her schon deswegen ablehnt und alle revolutionäre und analytische Philosophie (Habermas, Hösle u.a.) nehmen das „Raunen“ gern als Anlaß, Heidegger gar nicht erst (unvoreingenommen) zu lesen.

Evola ist auch so ein Rauner oder Stefan George oder Moeller van den Bruck … und im jetzigen Kulturkampf werden auch Sloterdijk oder Botho Strauß gern als solche oder gar als „Schwurbler“ ermittelt.

In einem ansonsten kaum lesenswerten Artikel über das Kulturverständnis und die ärgerliche Kulturliebe der „Rechten“ (AfD und Hintermänner), zeigt uns Thomas Assheuer – Habermas-Schüler und Missionar –, daß er die Kunst des Raunens auch sehr gut beherrscht, wenn es „der Sache nützt“. Man muß den Aufsatz nicht lesen, um meiner Argumentation folgen zu können, es genügen die letzten Zeilen:

„Nach Wahlverwandtschaften mit konservativen Intellektuellen aus der Weimarer Republik muß man hier nicht lange suchen. Auch damals wurde zwischen Kunst und Kultur nicht groß unterschieden, auch damals sollte die tragische deutsche Kunst in Konkurrenz zur Verfassung treten; sie sollte Gewißheit erzeugen und Gottvertrauen in die nationale Stärke. Darüber hinaus sollte sie die Religion überflüssig machen, die ungeliebte Erfinderin von Gleichheit und Menschenrechten: Deutsche Kunst ,erfüllt jeden wahrhaft modernen Menschen mit derselben Sicherheit ums Weltall, die sonst nur das Vertrauen auf Gott geben konnte‘. Der Autor dieser Zeilen war der konservative Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck. Das Buch, das ihn 1923 schlagartig berühmt machte, hieß: Das Dritte Reich.“

Wie man sieht, wird nicht nur Unsinn erzählt – z.B. Gottvertrauen ja, Religion nein –, es wird auch geraunt und angedeutet und insinuiert. Das abschließende Zitat, der letzte Satz, von einem Lieblingsrauner, effektvoll ins Offene gestellt, was soll er anderes bedeuten, als daß die „konservative Revolution“ und damit die „Neue Rechte“ und damit die AfD … einen direkten historischen Draht zum „Dritten Reich“, zum Nationalsozialismus hat?

Dabei weiß Assheuer als gebildeter Mensch sehr wohl, daß die Idee des „Dritten Reiches“ oder des „Tausendjährigen Reiches“ in den alttestamentarischen Prophetenschriften wurzelt, daß sie durch die christliche Trinitätslehre (Offenbarung, Paulus) noch einmal beschleunigt wurde und letztlich durch den mittelalterlichen Theologen Joachim di Fiore endgültig scharf gemacht und von Franziskus von Assisi gelebt wurde, daß die Idee des kommenden Endreiches seither vor allem der Linken ihre kinetische Energie verlieh. Er hat das von Ernst Bloch etwa gelernt, dessen Utopie nichts anderes ist und der sich sehr ausführlich mit Joachims Meisterschüler Thomas Müntzer beschäftigt hatte. Er konnte das bei Lessing ebenso wie bei Hegel verfolgen und all sein Marxstudium wäre umsonst gewesen, wenn Assheuer just entgangen sein sollte, daß Marx und seine Vorläufer – von Robespierre und Bakunin bis Owen – vom „Dritten Reich“ durchglüht waren und selbst die späten postmarxistischen Apokalyptiker, wie Rudolf Bahro, waren Fioristen bis in die Haarspitzen. Auch Habermas, Assheuers Lehrer, gehört mit seinem Wunschbild des „herrschaftsfreien Diskurses“ dazu …

Die Nationalsozialisten – das darf man nicht vergessen – verstanden sich als Sozialisten; sie haben der linken Denktradition viel mehr entnommen, als heutigen „Antifaschisten“ lieb sein kann.

Assheuer will uns anderes einreden. Er rekurriert auf den Topos des „Reiches“ im NS und verbindet den konservativen Klassiker van den Bruck – der schon 1925 starb und das Bild, als Übersetzer Dostojewskis, im Übrigen von dem großen Russen übernahm –, von dessen Lehre Hitler sich ausdrücklich distanzierte, unausgesprochen, im raunenden, andeutenden Gestus, mit den Verbrechen des NS. Er hätte auch Friedrich Hielschers „Das Reich“ nennen können oder Stefan Georges „Neues Reich“ … und damit nur bewiesen, wie virulent der Begriff in der Weimarer Republik war.

Aber Information war von Anfang an nicht sein Ansinnen.

Das rote Mehr

Jeder kennt das: Da redet man auf einen anderen ein, weiß die Lösung seines Problems und erntet nichts als Ignoranz. Irgendwann später – das Gespräch ist längst verjährt – kommt der- oder meist diejenige und präsentiert dir ein Wundermittel, das nun alle bekannten Sorgen beseitigt habe. Es ist exakt jenes einst von dir empfohlene Mittel! Und fragt man nach, bekommt man die Antwort – meist im schwärmerischen Ton – das hat mir X oder Y empfohlen, das habe ich da oder dort gelesen, das hat mir mein Heilpraktiker gegeben usw.

Wir lernen daraus: die Botschaft allein genügt nicht. Es kommt auch auf den Botschafter und auf die richtige Zeit an. Je näher sich Menschen stehen, umso weniger hören sie oft aufeinander.

Ein bißchen beschreibt das auch das Sarrazin-Dilemma. Sarrazin sagt der deutschen Gesellschaft seit sechs Jahren eine unangenehme Wahrheit nach der anderen und keiner will sie offiziell hören, denn Sarrazin argumentiere „biologisch“, sei fremdenfeindlich und arbeitet ohnehin zu viel mit Zahlen und zu wenig mit Gefühlen. Vor allem aber ist Sarrazin trotz seiner sozialdemokratischen Parteizugehörigkeit nicht rot.

Aber rot sind die Medien und genau darauf hatte er in seinem Buch „Der neue Tugendterror“ ausgiebig hingewiesen, mit zahlreichen Fakten belegt, und vergleicht man die politische Position der Journalisten mit der der Durchschnittsbevölkerung, dann muß man eine dramatische Rotverschiebung feststellen. Hören wollte das niemand, weil: von Sarrazin.

In Norwegen wurde auf den „Nordischen Medientagen“ nun ein Untersuchungsbericht vorgelegt, der aufhorchen läßt. Würden norwegische Journalisten den Storting unter sich wählen können, dann gäbe es 119 Mandate für den roten und 49 Mandate für den blauen Block. 65 Stimmen gingen an die „Arbeiterpartei“ (Sozialdemokraten), 24 Stimmen an die „Sozialistische Linkspartei“, 12 Stimmen an die noch linkeren „Roten“ und 18 an die „Umweltpartei“ (Grün). Die beiden letztgenannten sind im Moment noch nicht einmal im Parlament vertreten, decken aber 30% der journalistischen Meinung ab, die SV („Sozialistische Linkspartei“) kommt im wirklichen Leben gerade mal auf 7 Mandate.

Spiegelbildlich der blaue Block. Die „Fortschrittspartei“ (in der deutschen Presse die „Rechtspopulisten“) hat von der Wählerschaft 29 Mandate erhalten, unter der Schreiberzunft null!

Traum und Wirklichkeit

Traum und Wirklichkeit, Welt der Blätter und wirkliche Welt

Ist Norwegen ein Einzelfall? Laut ”Den korte avis” keinesfalls. Auch in Dänemark (und Schweden) zeigen sich ähnliche Verhältnisse. 2012 brachte dort eine Untersuchung vergleichbare Ergebnisse. Hätten Journalisten zu bestimmen, dann wäre die „Radikale Venstre“ (Radikale Linke) auf 30% gekommen, die „Sozialdemokraten“ auf 20% , die „Einheitsliste“ auf 17% und die „Sozialistische Volkspartei“ auf 13%. Vielen gilt die „Einheitsliste“ als wirklich linksradikal und gesinnungsethisch. Sie würde deutlich mehr Stimmen bekommen als etwa die „Venstre“ (Liberale Partei, 11%), die „Liberale Allianz“ (5%) und die „Konservativen“ (2%). Alles in allem gingen 80% der journalistischen Wählerstimmen an den roten Block! Tatsächlich wurde im letzten Jahr die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt abgewählt und Lars Løkke Rasmussen (Venstre, 19%) mit Duldung der „Rechtspopulisten“ der „Dansk Folkeparti“ (21%), die 9% zulegten, zum Ministerpräsidenten gewählt. Eine Rotverschiebung um mehr als 30%, die noch gravierender wird, wenn man die nahezu vollkommene Absenz der konservativen Stimmen im Blätterwald bedenkt – lediglich „Berlingske Tidende“ kann als linksdrallig bis ausgewogen gelten; „Politiken“, „Jyllands-Posten“, „Information“ sind alle stramm links.

Kein denkender Mensch zweifelt daran, daß in Deutschland und wahrscheinlich in ganz Europa – ich kann es gefühlt zumindest aus England und Italien bestätigen – ähnliche Verhältnisse herrschen. Und das alles wäre kein Problem, wenn man es nicht merken würde. Aber leider sind ganze Hauptmedien wie „Spiegel“, „Süddeutsche“, „Zeit“ und „Focus“ spürbar in linker und linkspopulistischer (Diez, Augstein, Assheuer etc.) oder linksliberaler (Prantl) Hand und einige Blätter, wie die „Huffington Post“ oder die „TAZ“, betreiben offen linksradikale Propaganda. Auch wenn „Welt“ und „FAZ“ immer wieder versuchen, die eine oder andere kritische Stimme zu Wort kommen zu lassen, sind sie doch noch immer stark linkslastig (geworden). CSU- und AfD-Wähler dürften augenblicklich gar kein Meinungsblatt zur Verfügung haben, große Teile der CDU- und FDP-Klientel vermutlich ebenso wenig, wohingegen die wenigen Grünen und Linken allüberall ihre Meinung bestätigt finden.

Diese Diskrepanzen – man kann das alles bei Sarrazin nachlesen – sind in höchstem Grade demokratiegefährdend und zeitigen im Übrigen einen seltsamen Effekt: je mehr die Presse nach links rückt, umso mehr wird sich die Leserschaft nach rechts bewegen, sich von den Großmedien abwenden und sich entweder gänzlich abkoppeln oder Alternativen im „rechten“ Bereich suchen. Nicht umsonst sinken alle Verkaufszahlen – allein die „Junge Freiheit“ verzeichnet zweistellige Zuwächse. Letztlich ist es eine Frage der Intelligenz. Und die wird systemisch verhindert.

Die Erklärung findet man bei Jürgen Habermas, dem sich die Journalistik direkt oder indirekt verpflichtet fühlt. Als sich immer mehr die Einsicht des Scheiterns des „Projektes der Moderne“ abzeichnete und sich viele Intellektuelle vom systemtragenden Habermasianismus abwandten, veröffentlichte dieser sein Buch „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. Es enthält zwei Grundargumentationen, die sich fast eins zu eins noch immer in der linken Presse wiederfinden: es denunziert und kategorisiert im abwertenden Gestus alle Gegenmeinungen und es vertritt die Argumentationsvolte: Wenn etwas nicht klappt, dann nur, weil wir noch nicht genug davon haben. Das Gutgemeinte verkommt zum Schlechten, also brauchen wir mehr vom Gutgemeinten …, mehr Fortschritt, mehr Diskurs, mehr Multikulti, mehr Gender …

Erst wenn Habermas auf den Scherbenhaufen der Geschichte geworfen und ins philosophiehistorische Seminar umverlegt wird, kann sich die journalistische Welt von ihrem akademischen Boden her erholen.

Je suis Erdogan!

„Wer sich solch einem Gegner ergibt, ergibt sich in Ehren.“ (Franz Fühmann: Das Nibelungenlied)

Alle auf ihn! Tyrann, Diktator, Irrer! Es kann einem wirklich angst und bange werden, wenn man die neuesten Entwicklungen in der Türkei verfolgt. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen – Böhmermann, Redaktionen geschlossen, Gefängnis für Journalisten, der Ministerpräsident abgesäbelt, Grenzen dicht für Aleppo-Flüchtlinge … Seit dem dreckigen Deal mit der Kanzlerin scheint Erdogan die zweite Luft bekommen zu haben – noch nie war er so mächtig wie heute. Hieße Erdogan Putin, so würden Wirtschaftsembargos, mindestens, gefordert werden – aber Erdogan ist ein Verbündeter und soll mal die EU beglücken. Also die altbewährte Appeasement-Politik.

Und nun auch noch das: Erdogan pfeift auf die geforderte Änderung des Anti-Terror-Gesetzes, eine jener 72 ominösen Forderungen der EU, um die Visa-Erleichterung durchzusetzen. Und was für markige, undeutsche Worte: „Wir gehen unseren Weg, geh Du Deinen Weg“, „Einige Dich, mit wem Du willst.“ Und vor allem: „Steh aufrecht, beuge dich nicht.“

Das ist ein Mann! Das sind Lektionen! Das ist Charakter! Das ist es, was Höcke mit „Männlichkeit“ meinte, die uns mangelte. Das ist der Thymos, der Stolz, den Jongen forderte, das ist die vermißte „Wehrhaftigkeit“.

Die Türken nicht vor Wien, sondern vor Berlin und Brüssel – und diesmal werden sie sich nicht vertreiben lassen. Man kann diesen Mann nur ablehnen, aber seinen Stolz muß man bewundern.

Zur Sloterdijk-Debatte III

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte II

Sloterdijk – Precht, Schami, Diez, Nassehi und Co.

Der Ertrag anderer Meinungen bleibt erschreckend dünn. Hier kann in aller Kürze nur eine repräsentative Auswahl getroffen werden.

Da ist zum einen die „Reflex-Polemik im Gewächshaus der diskutierenden Klasse“, wo „Übererregte“, wie der Korrespondent des „Tagesspiegels“ gleich in polemischer und mundtotmachender Absicht von „Stahlhelm“ und „Stacheldraht“ schwätzen, andere von „Staats- und Grenztümelei“ und dergleichen. Diesen Zeilen spürt man sowohl die vollkommene Unkenntnis des Werkes Sloterdijks an – nur so kann die Metapher der „starkwandigen Container-Gesellschaften“ eins zu eins in „Berliner Mauer“ übersetzt werden –, als sie auch durch primäre Dummheit glänzen, etwa wenn der Schreiberling im Deutschlandfunk nicht in der Lage ist, zwischen substantivischer und adjektivischer Bedeutung des Begriffes „Souverän“ bei Carl Schmitt zu unterscheiden. Diese Elaborate sind nur als historische Dokumente des „Lügenäthers“ und der „Verwahrlosung“ nennenswert.

Wenn derartige „Ungezogenheiten“ freilich von namhaften Autoren stammen, wird es schon bedeutsamer.

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Zur Sloterdijk-Debatte I

Wir haben mal wieder eine Sloterdijk-Affäre. Die dritte, wenn ich richtig mitgezählt habe. Um die Jahrtausendwende lösten die „Regeln für den Menschenpark“ die klassischen Konditionierungsmechanismen der Kulturbehavioristen aus – großer Aufschrei auf allen Kanälen, der mittlerweile auf 650 Seiten aufbereitet wurde. Immerhin auf noch 250 Seiten brachte es die Debatte um den Text „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ vor sechs Jahren. Viele, die den Vorschlag, die Steuerpflicht durch ein Recht auf Gabe zu ersetzen, nicht mitdenken wollten, zogen die Wahnsinnskarte und sprachen dem Denker den klaren Verstand ab.

Nun also gilt es, ein paar Anmerkungen zur Flüchtlingsdebatte zu verdauen, und wenig überraschend wird der Ton noch einmal verschärft: Gegenwärtig verortet man Sloterdijk in den linksdralligen Gazetten unisono rechts bis neurechts und David Precht hört sogar den Auschwitzkommandanten Höß durch. Lassen wir diese Verfehlungen der Prechts, Nassehis, Schamis und No-names vorerst links liegen und kümmern uns um die Kerndebatte zwischen Sloterdijk und Münkler. Da durchaus Typisches zum Vorschein kommen wird, sei die Ausführlichkeit entschuldigt.

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Das Habermas ist voll

Bevor der meistgelesene Beitrag der letzten beiden Monate in der Versenkung verschwindet, soll er gern noch eine Ehrenrunde drehen. Wem dieser Beitrag gefällt, der findet vielleicht auch „Der schwarze Schwan“ (Popper) und „Völker, hört die Signale“ (Althusser/Balibar) lesenswert.

Eigentlich hätte man vom emeritierten spiritus rector unserer parlamentarischen Kultur – Parlament kommt von „parlare“ – eine grundsätzliche Stellungnahme zur aktuellen Flüchtlingskrise erwarten dürfen, läuft doch genau diese Kultur durch Polarisierung der Gesellschaft aufgrund von nicht verhandelten geschaffenen und vollendeten Tatsachen Gefahr, irreparabel geschädigt zu werden. Zu mehr als zwei kurzen und verdächtig blassen Interviews Ende September im „Handelsblatt” und der „Deutschen Welle” hat es jedoch bislang noch nicht gereicht. Habermas, von dem seit Jahren nichts Substantielles mehr kommt, traf sich anläßlich der Verleihung des Kluge-Preises in der Kongreßbibliothek des Weißen Hauses mit den braven Fragern.

Daß mit Habermas nicht mehr zu rechnen ist, beweisen besagte blutleere Beiträge hinlänglich. Ich möchte nur, in aller Kürze, auf ein verräterisches Detail hinweisen: seine fast beschämte Liebeserklärung an Frau Merkel. Beide Male nutzt er die Gelegenheit auf eine berühmt-berüchtigte Aussage der Kanzlerin besonders hinzuweisen: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen, dafür, daß wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ (Originalzitat: Habermas schummelt, zitiert falsch, also grammatikalisch richtiger, wohl um die nachfolgende Argumentation erträglicher zu machen: “Wenn wir uns auch noch dafür entschuldigen müssen, daß wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.”)

Der Satz fiel am 15.9. während der Pressekonferenz anläßlich des Treffens mit Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann und war wohl, wie die Bilder und die Syntax insinuieren, spontan ausgesprochen worden. Die öffentliche Reaktion war enorm: in den Foren und Blogs löste er – soweit ich sehen kann – weitflächiges Entsetzen aus und führte dann zu einer Lawine an Häme und Spott; in den Leitmedien reagierte man hingegen weitgehend mit Anerkennung. Auch Jürgen Habermas hat sich über den Satz „so gefreut“, nicht zuletzt deswegen, weil es ihn „in gewissem Umfang bestätigt hat.“ Die Bestätigung sieht er, der Theoretiker des Kommunikativen Handelns, darin, „daß unsere Regierung endlich einmal normativ eine Perspektive öffnet und dahintersteht, daß dann eine Reaktion aus der Bevölkerung folgt, die einfach wie im Bilderbuch ist.“ Das also ist Kommunikatives Handeln á la Habermas in Vollendung. Nicht die Regierung folgt den Interessen des Volkes, sondern das Volk, oder die Bevölkerung, den normativen Vorgaben der Regierung. Man braucht schon erhebliche Erinnerungslücken, um diesen Gedanken bejubeln zu können: Die Regierung öffnet eine normative Perspektive, die Bevölkerung reagiert mit Begeisterung. Ich unterdrücke an dieser Stelle beklemmende Erinnerungsbilder in schwarz-weiß, lausche nicht den innerlich aufsteigenden verkratzten heiseren Kommandotönen und lasse auch dahingestellt, inwieweit die Bevölkerung tatsächlich mit Begeisterung reagierte und welche Rolle dabei gewisse, ja seltsamerweise eigentlich alle Medien gespielt haben … und richte mein Augenmerk nur auf den Zentralbegriff der Gespräche: „normativ“.

Wenige Augenblicke zuvor war er noch deutlicher geworden: „Das ist ein sehr starker Satz“. Stark, weil die Kanzlerin bisher eher laviert und „demoskopisch orientiert pragmatische Äußerungen“ gemacht habe. Hier wird man Habermas kaum widersprechen wollen, weder im ersten noch im zweiten Punkt. Nun aber kommt die entscheidende Aussage: „Nein, das war ein ganz entscheidender, normativer Satz“. Noch einmal: normativ (Normativität ist eine Zentralkategorie in der Theorie des Kommunikativen Handelns). Damit stilisiert Habermas eine situativ geäußerte Bemerkung, die vordergründig emotional argumentiert und zudem eine zumindest zweifelhafte innere Logik enthält und auch einen gewissen Zynismus oder eine bestimmte Abgehobenheit verrät, die noch nicht einmal in Syntax und Lexik einen normativen Impetus aufweist, zu einem normativen, also sprachlogisch und moralisch bindenden Satz (mit selbst juristischen Implikationen). Der Begriff der Normativität wird somit vollkommen ausgehöhlt, entbehrt er in dieser Lesart doch aller Vernunft.

Habermas war sich nie schade genug, den Richter zu geben, wer im Diskurs – im Sprachspiel des Kommunikativen Handelns und des herrschaftsfreien Diskurses – mitspielen darf. Mit eisernem Besen kehrte er nach eigenem Maßstab den philosophiegeschichtlichen Raum aus. Ausgeschlossen wurde alles „Irrationale“ und irrational war alles, was vermeintlich nicht-analytisch dachte. Das reicht von den antiken Kynikern über Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, Schmitt bis hin zu Ernst Nolte und verschiedenen Vertretern der sogenannten Postmoderne und zuletzt Sloterdijk. Sie alle wollten nicht teilnehmen an der Vernunftdiktatur und den Letztbegründungskapriolen, beim „Gerede“ oder aber sie sahen historische Brüche, die Habermas nicht sehen mochte. Sie alle wurden von ihm der philosophischen Akademie verwiesen.

Nun, im Alter – und ein bißchen töricht in Angela Merkel verliebt –, ereilt ihn das gleiche Schicksal. Wenn Unsinn Norm wird – und/oder die Befindlichkeiten einer Einzelperson – kann von herrschaftsfreiem Diskurs selbst als Ideal keine Rede mehr sein, wenn gut ist, was gefällt, und nicht, was sich legitimieren und begründen kann. Theorie des Kommunikativen Handelns heißt demnach: Ich disputiere mit allen, die meiner Meinung sind.

Mit dieser Aussage, den geno-typisch undurchdachten Merkelsatz als normativ zu bezeichnen, „steigt er“ – um es mit Habermas zu sagen – „(endgültig) aus der Kommunikationsgemeinschaft der Vernünftigen aus“.

Quellen:
Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne/Die neue Unübersichtlichkeit/Die Moderne – ein unvollendetes Projekt/Heidegger – Werk und Weltanschauung/Theorie des Kommunikativen Handelns
http://www.handelsblatt.com/my/politik/deutschland/interview-mit-juergen-habermas-dann-sind-wir-verloren-dann-ist-europa-kaputt/12390768.html?nlayer=News_1985586
http://www.dw.com/de/habermas-asylrechte-sind-menschenrechte/a-18752899
http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/7305128/-wenn-wir-uns-entschuldigen-muessen–ist-das-nicht-mein-land-.html

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