Ungarn 1956

„1956 ist auch für die Nachgeborenen eine unerschöpfliche Quelle geistiger, politischer und moralischer Kraft geblieben.“ Paul Lendvai

Erst in Ungarn wird einem bewußt, was der Herbst 1956 wirklich war und was er den Ungarn bedeutet. Selten wird Engels‘ Diktum[1] von den „sich mannigfaltig durchkreuzenden“ Interessen, die stets zu einem von keinem Teilnehmer gewollten historischen Ergebnis führen, den „verschiedenen Ständen“, einer „höchst verworrenen Masse mit den verschiedenartigen, sich nach allen Richtungen, durchkreuzenden Bedürfnissen“, „bald in offenem, bald in verstecktem Kampfe“ sich befindend, so klassisch bestätigt wie in diesen verwirrenden Herbstwochen.

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Ein Wink aus der Zukunft

Wenn man sich Erdogans dreitägigen Deutschlandbesuch noch einmal vor Augen führt, nur gespeist aus den offiziellen Medienmitteilungen, dann kann es aus deutscher Sicht nur ein Wort, ein trumpeskes Wort geben: Desaster!

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Ontologie des Tötens

Daß tausende Menschen auf die Straße gehen, wenn Migranten deutsche Bürger töten, hat einen tiefen Grund, den die meisten vermutlich nicht denken und erst recht nicht ausdrücken können, den sie aber – und darauf kommt es an – tief innerlich fühlen. Und solange dieses Gefühl noch funktioniert, hat das Volk in beiderlei Gestalt – als „der Mensch“ im Plural und als historisch-soziales Gefüge –  noch eine Seele.

Wenn Heinz seine Ulla absticht, dann liegt ontologisch ein anderer Fall vor, als wenn Ulla von Hussain[1] abgestochen wird.

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Das Schweigen der Landsmänner

Wesentlich interessanter – aus einer höheren, abstrakteren Perspektive – als die Messermorde, die Messerstechereien, Vergewaltigungen, Schlägereien, Raubtaten, ja selbst als die ge- und mißglückten Terrorfälle – sofern sie nicht apokalyptische oder systemrelevante Ausmaße annehmen – sind die Geschichten, die sich dahinter verbergen und die ganz offenbar immer nur dann ans Licht kommen, wenn solch ein Fall öffentlich aufgearbeitet werden muß.

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Zur Ökonomie des Nazis

Angesichts der entlarvenden Reaktionen linker Politik und Presse auf die Feststellungen (!) Kretschmers und Maaßens, daß es keine Hetzjagden, Mobs und Pogrome in Chemnitz gegeben habe, erlaube ich mir, noch einmal den Artikel „Zur Ökonomie des Faschismus“ einzustellen, der seine Aktualität gerade wunderbar bestätigt bekommt. Die Linke braucht den Nazi, sie hängt von ihm ab, sie verteidigt ihn, sie pflegt ihn und wenn er im virtuellen Raum verschwindet, gerät sie sofort in Schnappatmung, in Panik. Ein glänzender Beweis dafür, daß am sinistren Ufer der Vernunft sich die Realität den eigenen ewigen Wahrheiten zu beugen hat.

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Nachrichten eines Tages

Das Bildungsniveau an Schulen verschlechtert sich rasant, es fehlt an Lehrern, man warnt vor dem „Bildungsnotstand“, in einer Woche kann man „Quereinsteiger“ werden, massenhafte „Integration“ erweist sich unmöglich; die Infrastruktur bröckelt – der Brückeneinsturz bringt es an den Tag -; die Bundeswehr ist wehrlos und funktionsuntüchtig, sie gleicht einem „Ersatzteillager“ und ist durch die Entmilitarisierung strukturell beschädigt; die Nationalmannschaft rutscht auf Platz 15 in der Weltrangliste; die Banken stecken in einer systemischen Krise; unsere Topmanager entpuppten sich als Raffkes und Verbrecher; die politische Stabilität im Land zerbröselt vor unseren Augen; die Gesellschaft erodiert, die Stimmung verschlechtert sich, „es fehlt der Sinn“; der Meinungskorridor des Sagbaren nimmt dramatisch ab, „Toleranz“ wird zur Zirkusnummer; der Tag, an dem Deutsche im Lande die Minderheit sein werden, läßt sich bereits berechnen; wir klagen abgeschobene Prime-Gefährder zurück ins Land; die Polizei kapituliert vor Clan-Kriminalität; kein Tag vergeht, an dem nicht Menschen Opfer werden, die sie nicht geworden wären, wenn … Aber wir nehmen Migranten auf – darunter vereinzelt Flüchtlinge – und versorgen sie komplett.

Zwanghafte Flucht

Unsere Zeit hat aufgehört zu reflektieren, zu analysieren, zu kommentieren und Fakten mit Ursachen. Gründen und dem genauen Hergang in Beziehung zu setzen. Diese Zeit lehnt Intelligenz ab und konzentriert sich stattdessen auf Leidenschaften, Pathos, Gefühle, Empfindungen und unmittelbare Eindrücke. (Michel Onfray)[1]

Es gibt Sätze, die sind so geläufig, daß man sie gar nicht mehr wahrnimmt, wenn man sie hört. Erst wenn man sie sich gezielt ins Bewußtsein ruft und darüber ein wenig nachdenkt, geht ihr wahrer Gehalt oder dessen Abwesenheit auf.

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Neue Grenzen der Zivilreligion

Vielleicht eine Petitesse, aber eine signifikante, die beim täglichen Presserundgang ins Auge fiel.

Ein beliebtes Argument der Integrationsproblemwahrnehmungsverweigerer-fraktion ist die Frage: „Und wo tangiert es dich?“, „Wie hat es denn dein Leben verändert?“, „Geht es dir etwa schlechter?“ und dergleichen. Besonders häufig hört man solches in netten, gut gemähten und getrimmten Eigenheimsiedlungen, in denen die Gardinen wackeln und die Telefondrähte glühen, wenn sich doch ein Mal ein Dunkelhäutiger dahin verläuft.

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Die Flüchtlinge

Eine kleine Dampferfahrt auf der Donau. Mit an Bord eine ungarische Schulklasse, vielleicht sechste oder siebente Klasse. Ein Mädchen, das schon durch seine fortgeschrittene Entwicklung aus der Reihe fiel, wird interessant, als sie im rheinischen Dialekt irgendwas mit „geil“ ruft.

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Demokratie – ein schönes Wort

Am 29. April 1933 schreibt Kurt Hildebrandt an Stefan George: “Ich bin gestern in ‘die‘ Partei eingetreten. Die Beamten sind in den letzten Tagen in solchen Mengen übergetreten und eingetreten, daß ein Nicht-Eintreten geradezu Widerstand und freiwillige Selbstausschaltung bedeutet. Der Universität gegenüber könnte der Eintritt eine eher positive Bedeutung haben und ich glaube, es besteht kein Grund, dieser auszuweichen.“

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Gedankensplitter

Die Geschichte der Menschheit war ein ewiger Kampf der sich widersprechenden Eigeninteressen. Sie war blutig, aber sie hat auch das Überleben garantiert. Daß wir sind, was wir sind, haben wir dieser Geschichte zuzuschreiben. Aufklärung, Befreiungskämpfe, philosophische Ideologisierung und liberale Demokratie haben in einem komplizierten Prozeß einen neuen Aggregatzustand geschaffen. Man kämpft nun für die Interessen der Anderen: Männer für Frauen, Weiße für Schwarze, Christen für Muslime, Arme für Reiche, Heterosexuelle für Homosexuelle, Deutsche für Syrer und Afghanen … Das utopische Element daran ist der Glaube, daß damit beides erreicht werden könnte: das Blutvergießen beenden und die Fortexistenz sichern. Es könnte jedoch nur funktionieren, wenn alle Teilnehmer des Weltprozesses auf gleicher altruistischer Ebene stünden. Andernfalls werden die sich selbst Verleugnenden hinweggefegt werden – blutig.

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Carossa: Rumänisches Tagebuch

Gerade mal drei Monate des Jahres 1916 umfaßt dieser schmale Band Tagebuch, Einquartierung in Frankreich, Verlegung nach Siebenbürgen, Märsche, Einquartierungen, wieder Märsche, wieder Einquartierungen, nur wenige Kampfhandlungen … Hans Carossa begleitet den Troß als Arzt, mit nahezu sezierendem Blick, scheinbar emotionslos zeichnet er das große Treiben auf, verliert den Blick für das individuelle, das menschliche Schicksal nicht, bestaunt, inmitten der herbstlich-winterlichen Kriegswirren die grandiose Natur, zeichnet akribisch eigene Träume auf, notiert am Wegesrand verwesende Leichname und zerfetzte Torsi, erinnert sich eindringlicher Poesie.
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In 20 Jahren Bürgerkrieg

Deutsches Fernsehen schaue ich schon lange nicht mehr. Dafür sehe ich mich hin und wieder im Ausland um. Im norwegischen TV lief gerade (16.3.) eine informative Sendung zum Thema Schweden: Alles nur Meinung natürlich, aber eine, die man sich anhören sollte.

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Tellkamps Gesinnungskorridor

There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all. (Oscar Wilde)

Mindestens drei Mal wurde in der Presse der Versuch unternommen, Uwe Tellkamps „deutschnationales Pathos“ (Dotzauer), seinen „mentalen Aufbaustoff“ für Neurechte (Assheuer), seine „heftige Abstoßung“ (Kämmerlings), sprich seine „rechte Verirrung“ im Gespräch mit Durs Grünbein aus seiner Werkgeschichte zu erklären. Dabei geriet sein früher Erfolgsroman „Der Eisvogel“ (2005) besonders ins Visier, der sich nun, dreizehn Jahre später, scheinbar neu deuten lassen soll. All sein rechtes Gedankengut sei dort schon, mehr oder weniger versteckt, angelegt gewesen.

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Die Geschichte der Sklaverei

Wer diese Geschichte schreibt, der betritt per se vermintes Gelände, denn er beschreibt die Geschichte des unvorstellbaren Leids, das Menschen Menschen zugefügt haben und noch immer zufügen. Schon aus diesem Grund ist es ideologisch hoch kontaminiertes Gebiet.

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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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Jesus – Zornes Sohn

Zu Heiligabend – Jesu Geburt

Als Kunstwerk betrachtet ragt „Vredens Søn“ sehr weit heraus. Tendenz und Handlung sind so innig zusammengeschmolzen, daß ein schneidendes Metall daraus entstanden ist. Tom Kristensen

Der folgende Artikel analysiert das eigenständige Jesus-Bild des klassischen dänischen Schriftstellers Hans Kirk aus seinem Roman „Vredens Søn“ (Zornes Sohn) von 1950 der die letzten Tage Jesu und die vielfältigen Haltungen zu ihm zum Thema hat.

1. Synopsis
2. Vorstellung und Interpretation
3. Theologische Aspekte
3.1. Judas
3.2. Maria
4. Politische Aspekte

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Ungarndeutsche Tragödien

Die Ungarndeutschen können bis auf den heutigen Tag eine Kultur die ihrige nennen, deren Fäden tief in das Gewebe der ungarischen Kultur eingeflochten sind. Wenn wir diese Fäden herauszögen, so würde das gesamte Gewebe zerfallen. (Viktor Orbán)[1]

Wenn wir verreisen, bitten wir eine Nachbarin, eine ältere Frau, nach Haus und Katze zu schauen. Immer wieder kommen ihr im Gespräch deutsche Sätze, Wortgruppen, Vokabeln über die Lippen, über die sie selber erstaunt zu sein scheint. Seit Jahrzehnten hat sie kein Deutsch mehr gesprochen und doch war es einst ihre Muttersprache.

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Ballaballa

Meine dänischen Freunde versorgen mich immer wieder mit dänischen Zeitschriften. Auf Heimaturlaub greifen sie nach allem, was sie kriegen können und ich bin dankbarer Abnehmer. Gerade liegt das „Ballerup Bladet“ vom 10. Oktober vor mir, ein Provinzblatt. Ballerup ist ein vergleichsweise gemütlicher Vorort Kopenhagens, halb Eigenheimsiedlung, halb proletarisch mit Plattenbauten.

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