Berichtigung

„Immer schreibst du über den Islam“, flüstert Hussain mir zu, während Khaleds Ehevertrag gerade geschrieben wird. In der Wohnung sitzen circa 15 Männer, die Stühle an die Wand gerückt, so daß ein großer leerer Platz in der Mitte bleibt. Dort steht ein Tisch, darauf Süßigkeiten, Turkish delight, Bonbons und andere arabische Plombenzieher. Es wird nur geflüstert. Ein älterer Herr hatte ein Blatt Papier aus einem Block heraus gerissen und schreibt nun den Vertrag.

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Zahlenmystik

Es muß eine Verschwörung sein!  Viele Einwanderer sind am 1. Januar geboren. Drei von 12 Eritreern versicherten mir hoch und heilig, am ersten Tag des Jahres geboren worden zu sein. Ich kann an diesen Zufall nicht glauben, doch sie bestehen darauf.

Nun erfahre ich auch von einem Syrer, daß er zwei Geburtstage hat. Man feiert das Datum in Syrien nicht, trotzdem nennt er einmal September und ein anderes Mal lese ich im Ausweis den März.

Wie ist das möglich?

Aus pädagogischen Gründen ist es vorteilhaft, zu Beginn des Jahres geboren zu werden. Wenn man das Kind für begabt hält, will man es mit sechs statt sieben Jahren einschulen lassen. Also geht man zu den Behörden und läßt das Geburtsdatum des Kindes – gegen einen Bakschisch – ändern.

Andere Länder, andere Sitten.

Bildungslücken II

Wir werden unterbrochen, es klingelt an der Tür. Es klingelt überhaupt ständig bei den Syrern. Leute kommen und gehen, wechseln ein paar Worte und verschwinden wieder. Mir scheint, es ist eine Art des social groomings.

Es ist Abu Walid. Wir kennen ihn als Salim, aber Hussain nennt ihn Abu Walid, Vater des Walid. Walid ist also Salims Sohn, der uns ebenfalls manchmal besucht. Mittlerweile glaube ich nicht mehr an einen Zufall, daß Salim ausgerechnet immer dann kommt, wenn ich Hussain besuche.

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Bautzen ist überall

Die Vermutung darf man zumindest aussprechen. Denn was in Bautzen der Kornmarkt, sind in Plauen der Tunnel, der Klostermarkt und der Altmarkt …

Das Stadtbild vieler ostdeutscher Kleinstädte ähnelt sich. Zentrale Plätze wurden nach der Wende umgestaltet, nicht selten wurde alte Struktur entfernt, um Raum für den Fortschritt zu schaffen – in Form von Konsumpalästen, Einkaufspassagen, ganzen Kaufländern. In Plauen trägt das Schmuckstück den euphemistischen Namen „Stadt-Galerie“ und wird im Volksmund „UFO“ genannt.

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Bildungslücken

Nur noch wenige Tage bis zum Test für den Integrationskurs. Dort muß man Sprachkenntnisse für das Niveau B1 und aus einem Gesamtfragenkatalog von 300 Fragen 33 via multiple choice beantworten. Zufällig liegt der dicke Stapel Papier bei Hussain auf dem Tisch. In einem Prüfungstest hatte er 100% erreicht, beim Hörverständnis waren es „nur“ 40 von 45 richtig beantworteten Fragen. Man muß sich keine Sorgen machen, er wird das locker bestehen.

Doch das Problem liegt tiefer. Das wird sofort deutlich, als ich den Fragenkatalog durchblättere. Ich frage ihn Aufgabe 186: „Im Jahr 1953 gab es in der DDR einen Aufstand, an den lange Zeit in der Bundesrepublik Deutschland ein Feiertag erinnerte. Wann war das? 1. Mai, 17. Juni, 20. Juli, 9. November?“

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Der Asyl-Irrsinn

Gottes Wege sind unergründlich – das ist bekannt. Aber die Wege der deutschen Bürokratie sind es ebenfalls. Ist die deutsche Bürokratie also Gott? Nun, sie spielt diese Rolle zumindest ziemlich überzeugend. Und Hussain ist eines ihrer Opfer.

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Unsichtbar macht straffrei

Ein Artikel in der heutigen „Zeit“ weckt Erinnerungen.

Schlecht bezahlt in Schwarzarbeit

Es geht um Schwarzarbeit unter „Flüchtlingen“. Nun werde sie zu einem systemischen Problem, logisch und folgerichtig, denn viele der Männer haben Schulden und brauchen Geld, mehr als die bescheidene Rundumversorgung des deutschen Staates beschaffen kann. Und da der Arbeitsmarkt aus den bekannten vielfältigen Gründen nur sehr wenigen offen steht, strömen Teile der Menge in die Löcher und Ritzen des Systems.

Im Artikel ist von krimineller „Arbeitsvermittlungen“ meist ebenfalls migrantischer Mitarbeiter der Asylzentren o.ä. die Rede. Ich erinnere mich an eine Gesprächsrunde, bei der ein anderer Weg zur Sprache kam.

Der junge Mann hatte massive Geldsorgen. Es ging nicht nur um Altschulden in Syrien, sondern auch um vergleichsweise hohe Ausgaben hier im Lande. Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, wie er Freunde um Gaben bat. Kleine Euroscheine wechselten die Besitzer. Das sei so üblich, wurde mir berichtet, und die Ehre verlangte es, die Rückzahlung nicht zu vergessen. Fragte man nach, dann wurde schnell klar, daß es sich beim Empfänger um einen potentiellen „Vergesser“ handelte – kein Wunder, bei der unübersichtlichen Vielzahl der Darlehen. Offensichtlich fällt es Arabern trotzdem schwer, ein solches Ansinnen abzulehnen.

Jedenfalls kam er von einer Reise aus dem „Westen“ wieder und erzählte ganz ohne jegliches Schuldbewußtsein, daß er sich ein paar Euro dazuverdient habe. Ich fragte erstaunt nach dem Procedere. Der erfahrene Maurer hatte beim Hausbau geholfen. Wie das?

„Türkischmann auf Straße. Willst arbeiten? Zehn Euro.“ Zehn Euro die Stunde bot der Türke, um sein Einfamilienhaus zu renovieren und sprach dazu gezielt Asylanten auf der Straße an. Ich erläutere das Konzept „Schwarzarbeit“ und ernte erstaunte Blicke. „Illegal? Warum?“

Die Frage gibt mir die Gelegenheit zum wiederholten Male das Steuersystem zu erklären und die Arbeit von Zoll, Polizei und Bauaufsichtsbehörde. Ob es verstanden wurde, kann ich nicht sagen, daß es so nicht geht, wurde eingesehen und daß man seinen Aufenthalt riskiert oder zumindest verschlechtern kann, wohl auch. Es folgt das Versprechen, es nicht wieder zu tun.

Aber dann reibt er sich lachend die Hände – eine sehr typische arabische Geste – und sagt, daß die Behörden es gar nicht wissen konnten, denn der Türke sanierte sein Bad.

„Alles drin. Kann keiner sehen.“

Und unsichtbar macht straffrei.

Transaktionen

Viele Syrer in Deutschland haben Schulden. Im August 2015 war die „Reise“, all inclusive, von Syrien nach Europa für knapp 3000 Euro zu haben. Oft waren es die Mitglieder ausgedehnter Familien und Clans, die die Summe vorschossen. Doch Schulden müssen beglichen werden.

Wie läuft das ab? Zum Beispiel so: ein junger Mann möchte an seine Familie 1600 Euro überweisen. Der normale Bankweg ist ihm versperrt, allein schon, weil es in Syrien kaum noch arbeitende Banken gibt. Er ruft in Berlin einen „Geldkurier“, einen Vermittler an. Sie vereinbaren einen Termin an einem bestimmten Vormittag in einem bestimmten Cafè am Schumacher-Damm. Die Zugfahrt kostet ihn 40 Euro und einen ganzen Tag hin und zurück.  Im Cafè übergibt er dem Mann, den er nicht kennt, aber an einer vereinbarten Äußerlichkeit erkennt, die 1600 Euro in bar. Sein Vertrauen muß groß sein.

Am Abend, zurück in seiner Unterkunft, telefoniert er mit seiner Familie in Kafarya, einem kleinen Örtchen, nördlich von Idlib. Das Geld ist der Familie bereits ausgehändigt worden, in US-Dollar. Der örtliche Geldwechsler hatte, während unser Syrer noch im Zug saß, aus Berlin einen Anruf bekommen, der den Erhalt der Summe bestätigte. Der Geldwechsler in Kafarya kontaktiert daraufhin die Familie, die sich den Betrag sofort in bar bei ihm abholen kann. 1530 Euro, es wurden 70 Euro für die Dienste abgezogen, die sich der Geldkurier in Berlin, der Geldwechsler in Kafarya und möglicherweise noch andere Zwischenmänner teilen.

Natürlich weiß auch der junge Syrer nicht, wie das Geschäft exakt funktioniert. Die Existenz eines mitarbeitenden Geldwechslers in einem Dorf läßt auf die Existenz eines ausgedehnten Netzwerkes schließen. Im Telefon des Geldkuriers in Berlin dürften hunderte syrische Nummern gespeichert sein.

Ist sich der junge Mann darüber im Klaren, daß derartige Transaktionen nach deutschem Recht illegal sein könnten? Er reagiert erstaunt. Nein! Warum?

Was könne er denn tun? Es gibt keine Möglichkeit mehr, Geld nach Syrien zu überweisen. Das stimmt – nur noch drei Anbieter standen zuletzt überhaupt noch zur Verfügung. Die Prozedur ist langwierig, das Geld kann nur in syrischen Großstädten abgeholt werden, was längere Reisen durch potentielle Gefahrengebiete bedeuten würde, und eine Verlustversicherung gibt es auch nicht.

Eine Hand wäscht die andere. Die Macht der Banken gebrochen.

Ästhetik des Schrecklichen

Das Scheußliche darf also niemals Selbstzweck sein; es darf nicht isoliert werden; es muß durch die Notwendigkeit herausgefordert sein, die Freiheit in ihrer Totalität zu schildern, und endlich muß es ebenso idealisiert werden wie alle Erscheinung überhaupt. Franz Rosenkranz: Ästhetik des Häßlichen

Gelb scheint die helle Abendsonne in die Gesichter der Männer. Golden läßt sie die Kuppel der Moschee erglühen. Einige schirmen sich mit erhobenen Händen die Augen vor dem gleißenden Licht der schon rötlichen Sonne ab.

@ Dabiq

@ Dabiq

Sie nehmen teil am Schauspiel des Abends. Gegeben wird kein Bühnenstück – alles an diesem Drama, an diesem Theater der Grausamkeit ist echt, kein Kunstblut fließt, keine Schauspieler mimen den Tod … wir sind Zeuge einer wahrhaftigen Enthauptung.

In allen Ausgaben der „Dabiq“, dem Glanzmagazin des IS, finden sich Bilder dieser Art: extreme Grausamkeit serviert auf  hochästhetischem Tablett. Mit den raffinierten technischen Mitteln der Moderne wird eine antiquierte Glaubens- und Lebeweise in unglaublicher Präsenz kredenzt – wie dem Herodes das Haupt Johannes des Täufers auf silberner Schale.

Der Mann kniet noch, der Körper aufrecht. Vier Ströme hellen Blutes schießen aus dem Stumpf des Halses hervor. Dicke Blutstropfen hängen in der Luft wie in Eis eingefroren.

BlutSenkrecht fällt der Kopf zur Erde und schlägt in diesem Moment gerade auf – Blutspritzer am Boden bezeugen den Augenblick. Gerade eben, vor Sekundenbruchteilen, lebte jener Mensch noch, litt Todesängste und es ist nahezu unvorstellbar, daß nicht noch ein Rest Bewußtsein in diesem Körper sein soll. Das Photo fängt das Mysterium des Todes ein. Der aufrechte, kniende Körper zeigt das Leben, das Aufbäumen, Standhalten gegen das finale Ende, der mit dem Kinn aufprallende Kopf – exakt im Winkel, noch in der natürlichen Stellung – weist den Tod. Es ist präzise dieser Moment des Übergangs, den alle Menschen fürchten.

KörperAber Kunst ist nicht nur das Bild, Kunst ist auch das Handwerk des Henkers. Ein sauberer Schnitt, mit einem Hieb. Stünde das Opfer, der Kopf, so könnte man sich vorstellen, säße noch immer auf den Schultern. Scharf wie eine Rasierklinge muß das Schwert gewesen sein, an dem fast kein Blut haftet. Ein Anatom könnte mit Leichtigkeit die offengelegten Körperteile erklären – dunkel und nicht weiß sticht die Wirbelsäule hervor. Der Schlag, präzise und kraftvoll, das Werk eines Meisters. Keine Guillotine hätte  eine bessere Arbeit leisten können. Nur lange Übung kann einen Menschen zu solcher Virtuosität führen. Und doch entlädt sich die Konzentration des Scharfrichters just in diesem Zeit-Punkt in einer diabolischen Fratze.

Henker

Mit dem Photo könnte man jeden Wettbewerb gewinnen!

Seine Botschaft ist so machtvoll wie subtil, komplex wie einfach. Erst der artistische Schnappschuß  enthüllt uns die Fülle, die den Live-Betrachtern weitgehend entwischen muß. Das Bild feiert eine lebendige Nekrophilie, eine tiefe Liebe zum Toten. Aber es feiert auch das Leben, das richtige Leben. Es sind die Männer in Schwarz, die darüber entscheiden, was falsch und richtig ist.

Den westlichen Betrachter soll es einerseits schockieren und die alte Botschaft der Unbesiegbarkeit übermitteln: die Botschaft des Scaevola, die Botschaft Tamerlans, die Botschaft der Assassini. Wer zu solchen Dingen fähig ist, mit dem lege man sich besser nicht an. Sie zeigt ihm auch, daß man mit den Waffen des Feindes, den Waffen der Kunst und Ästhetik zurückschlagen kann. Alles kommt dabei auf das richtige Timing an. Dann wird Krieg und Kampf zum erhabenen, zum inneren Erlebnis.

Die eigenen Reihen soll es abhärten und schulen. Das Bild lädt zu makabrer Meditation ein. Die eingefrorene magische und zur Ruhe gekommene Zeit enthält eine seltsame Gelassenheit.

Dem Mitkämpfer suggeriert sie Überlegenheit. Wir sind die Todesengel, unser Gott gibt uns das Recht, über Sein oder Nichtsein zu entscheiden.

Anmerkung: Das Bild kann auf Seite 80 der „Dabiq“ Nr. 15 in Gänze angeschaut werden. Quelle: https://azelin.files.wordpress.com/2016/07/the-islamic-state-e2809cdacc84biq-magazine-1522.pdf
Warnung: Es ist in seiner expressiven Brutalität wahrscheinlich nicht für jedermann geeignet.

Marx und Murks

Das wäre mal ein Experiment wert: einen Mittzwanziger heutiger Zeit, Abitur und irgendein Studium vorausgesetzt, mit dem Namen Karl Marx zu konfrontieren. Wüßten alle was zu sagen? Wenigstens ein paar Stichworte, die zeitliche Einordnung, die Bedeutung? Immerhin war Marx der wohl wirkmächtigste Denker der letzten 150 Jahre und je nachdem, wie man „Wirkmächtigkeit“ versteht, vielleicht sogar der letzten 2500 Jahre. Keiner hat in so kurzer Zeit die Massen mobilisieren können, keine andere als die marxistische Theorie hat derart direkt die Geschichte umgebogen – und dabei geglaubt, sie nur verstanden zu haben und den Menschen damit das Instrument zu schenken, sie bewußt in die gesetzlich vorgegebene Richtung zu lenken. Marx dürfte ein Begriff sein von China, Vietnam und Korea, Rußland und den Ostblock über den Mittleren Osten und Afrika, Europa sowieso bis hin nach allen drei Amerika. Nichts und niemanden hat sein Denken unberührt gelassen.

Also sollte man von einem studierten Menschen erwarten können, ihn wenigstens zu kennen?

Nach zwei Wochen Urlaubspause erzähle ich ein wenig von London. Wir haben den Highgate Cemetery besucht und auch Marx‘ üppiges Grab gesehen. In den Augen meiner syrischen Gesprächspartner sehe ich kein Wiedererkennen. Beide haben studiert, Khaled sogar Fächer wie „Geschichte“, „Philosophie“ und „Staatsbürgerkunde“

„Karl Marx!“ Nein, sie kennen ihn nicht. Hussain sagt irgendwas von „schon mal irgendwie gehört“, nur Eindruck scheint er nicht hinterlassen zu haben.

Nun gut, Marx ist Deutscher gewesen und wenn ein Syrer nach Ibn Ruschd, Ibn Sina oder Al Biruni fragen würde, so müßten wohl auch die meisten Deutschen passen. Nur: das ist Mittelalter und hat kaum noch Bezug zur Gegenwart. Aber selbst die Baath-Partei hat eine marxistische Geschichte. Schon der Name Hitler machte den falschen Eindruck und nun begreife ich wieder einmal, wie langwierig die vielbeschworene „Integration“, die ja auch ein gewisses Bekenntnis zur Geschichte beinhalten müßte, werden wird.

Also sage ich ein paar Worte zu Marx und Khaled strahlt mich plötzlich an: Kommunismus und, äh, Kapitalismus, nicht wahr?

„Ich selbst bin ja als Marxist erzogen worden“, sage ich und irgendwann werde ich euch mal zu mir nach Hause einladen. Dort stehen die Sämtlichen Werke von Marx (und Engels). 42 dicke Bände, ungefähr von hier bis da.“

MEW

MEW

Khaled lacht laut auf, als er sich vorstellt, was er sich vielleicht nicht vorstellen kann. High Five!

ISIS verstehen II

Fortsetzung von: ISIS verstehen I

Die Geschichte einer finnischen Konvertitin – aufgrund des Insiderwissens wohl authentisch –, die ins Kalifat reist, wird nur an einer Stelle wirklich interessant, dort, wo sie vom Märtyrertod ihres Sohnes schreibt und dies als „blessing“ versteht. Von Trauer kein Wort. Sie nennt sich Umm Khalid al Finlandiyah, also Mutter des Khalid aus Finnland und ein schönes Bild zeigt zwei glückliche blonde spielende Kinder in Kaftan und Hijab – ob das der kleine Märtyrer war? Ansonsten ist es die übliche Geschichte der religiös Wurzellosen, die die einfache Lösung findet und nun Werbung für die Reise ins Kalifat macht.

© Dabiq - glückliche Kinder im Land des Islam

© Dabiq – glückliche Kinder im Land des Islam

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ISIS verstehen I

Was den einen der „Playboy“ ist den anderen das IS-Magazin „Dabiq“. Beide Zeitschriften haben einiges gemeinsam: Mit hoher ästhetischer Perfektion wird der Zeitgeist eines Milieus eingefangen und beide lieben Oben-Ohne-Bilder. Die einen ohne BH und die anderen ohne Kopf. Wie dem auch sei, beide Magazine lohnen die Lektüre. Zwar: kennt man eines, kennt man alle, aber eines sollte man eben kennen. Warum nicht Nummer 15 – die neue „Dabiq“ ist da!

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Hochzeitsbräuche

Plötzlich ist Khaled wieder da, mit Frau und zukünftiger Schwiegermutter. Sie teilen sich die alte Wohnung: die Frauen im großen Zimmer, er im kleinen.

Sechs Wochen verbrachte er in einem Städtchen an der Jagst. Aber anders als in Plauen, wo hunderte Wohnungen leer stehen und die Mietpreise im Keller sind, findet man dort keine Bleibe. Das Leben im Asylantenheim, zusammen mit mehreren Männern – alles zukünftige Schwäger – auf einer Bude, war ein Rückschritt in Lebensqualität und das Projekt Ehe war so auch nicht voran zu bringen.

Nun sitzen wir also überraschend wieder zusammen, nachdem ich wochenlang keinen Mucks mehr von ihm gehört hatte. Die Frauen sind schon wieder zurück gefahren, ihnen gefällt es in der neuen Stadt nicht recht. Wie befürchtet, wurde die Zeit nicht zum Lernen genutzt. Also steigen wir gleich wieder ein: Familie. „Wer ist der Bruder deiner Frau?“ – „Mein Schwager.“ …

Für Hussain ist das längst kalter Kaffee, er langweilt sich dabei. Also versuche ich es ein wenig aufzupeppen. „Wer ist der Bruder deiner Schwester?“ oder „Wer ist der Sohn des Sohnes deines Großvaters?“ Hussain kichert los, noch bevor ich die Frage beendet habe. Aber Khaled kann es nicht fassen, auch nicht auf Arabisch und nach vielen Versuchen.

Also frage ich nach Neffen und Nichten. „Wie viel Neffen hast du?“ Erneut kommt er ins Stutzen und lacht: „Ungefähr 50.“ Wie kann das sein? Ganz einfach! Khaleds Vater ist fast 90 Jahre alt geworden, ihn selbst hat er im Alter von 70 Jahren gezeugt, mit der zweiten oder dritten Frau, die freilich 40 Jahre jünger war. Die meisten von Khaleds zehn Brüdern könnten seine Väter sein und einige sind schon gestorben. Einmal lernte ich einen seiner Neffen kennen, der ebenfalls sein Vater hätte sein können.

Seine Gedanken kreisen um die Hochzeit. Ein Bluttest beider muß her, um mißglückte Kinder auszuschließen. Ring und Hochzeitskleid scheinen enorm wichtig. Männer dürfen im Islam kein Gold tragen, also muß es Silber sein, aber vor allem der Ring für die Frau soll was darstellen. Ein schönes Kleid wäre ideal, aber es darf nicht mehr als 200 Euro kosten. Ich spanne die ganze Familie ein, ein solches zu suchen, und als es einige Wochen später gelingt, will er es nicht mehr. Mehr noch: ich erfahre, daß er bereits verheiratet sei! Langsam blicke ich nicht mehr durch.

Man ist also zu einem Imam nach Stuttgart gefahren und dort ging es ohne große Schwierigkeiten über die Bühne. Daß diese Ehe vor dem deutschen Gesetz (vermutlich) bedeutungslos ist, interessiert ihn nicht. Irgendwann will er auch ins Standesamt, aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Zum Beispiel Geld. Viel Geld, vergleichsweise.

Im Islam gilt es, ein Brautgeld zu zahlen. Der Mann gibt der Frau eine fest vereinbarte Summe, über die nur sie zu verfügen hat. Ansonsten ist er verpflichtet, für ihre täglichen Bedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Hygiene etc.) zu sorgen; dafür kümmert sie sich um Kinder und Haushalt. Auch für den Fall der Scheidung muß er ihr vertraglich eine Summe zusichern, sie soll die Frau vor Härten absichern. In diesem Falle waren es jeweils 1500 Euro. Ich bin überrascht. Einerseits: wo will er so viel Geld hernehmen? Andererseits: Mit dieser Summe kommt man in Deutschland wirklich nicht weit; zwei Monatsmieten und die Versicherung ist aufgebraucht. Aber 1500 Euro ist eben die Summe, die im Süden Syriens üblich sei und daran haben sich die beiden gehalten. Es ist übrigens die Frau, die die Summe festlegt und mit dem Mann verhandelt. War sie zu nachgiebig, zu leichtgläubig?

Haben sie die Ehe nun „vollzogen“? Hussain klärt mich auf. „Juristisch“ betrachtet, wäre es nun möglich, doch die Tradition verbietet es eigentlich. Erst nach der Hochzeitsfeier ist es üblich.

Also auch das noch: Hochzeitsfeier. Wieder ein Geldfresser. Tatsächlich kommt Khaled gerade ins Schwitzen, die Feier zu organisieren. Logistisch und finanziell. Sie läuft im Groben so ab: Die Männer feiern in einem Raum und die Frauen in einem anderen. Sie bekommen sich nicht zu Gesicht. Sie essen, reden und wenn die Stimmung es hergibt, tanzen sie auch, untereinander. Khaleds syrischer Freund im Nachbarhaus hat sein ebenso kahles Zimmer schon versprochen.

Ein wenig warte und fürchte ich eine Einladung, allein der Gedanke scheint Khaled fremd zu sein. Auch gut.

Mich bewegen eher andere Sorgen: das Geld. 1500 Brautgeld plus 1500 Scheidungsgeld  plus 200 Kleid plus Ringe plus 150 Standesamt plus Feier plus wasweißich. Das ist ne Stange Geld für jemanden auf Hartz IV. Wo will er das herbekommen?

Einmal fragt er mich, ob ich ihm 200 Euro leihen könnte. Ich umschiffe das Kliff. Auch Hussain hat ihm schon 50 gegeben. Er könne nicht anders. Wenn ein Syrer den anderen fragt, dann bleibt nicht viel Wahl. Ich bin hin und her gerissen

Wo sind wir?

Hussain muß einen sogenannten Einbürgerungstest machen. Dabei werden 33 aus 300 Fragen mit je vier Auswahlantworten abgefragt. Wir sprechen über das Parteiensystem. Links und rechts, progressiv und konservativ, eigentlich alles ganz einfach, nur daß innerhalb kurzer Zeit die gesamte Mitte weggebrochen ist und plötzlich auch die CDU/CSU eher links zu verorten sind, ist schwer zu vermitteln.

Dann klingelt es und Salim tritt ein. Er hatte gerade ein Doppelstockbett für die Kinder gekauft, aber der Tochter gefiel es nicht. „Kind deutsch“ sagt er und meint: sie beginnen langsam Ansprüche  zu stellen. Das Wort des Vaters – in Syrien Gesetz – zählt nicht mehr viel.

Ich rufe für ihn, der auch nach neun Monaten nahezu sprachlos ist, beim Möbelhaus an und storniere die Bestellung. Dort erinnert man sich gut an den Kunden und meckert gleich los. Hätte er sich auch vorher überlegen können …

Wenn er schon einmal da ist, soll er gleich am Unterricht teilnehmen. Schnell ist die Landkarte ausgebreitet. „Laßt uns die Bundesländer noch einmal wiederholen. Salim, wo sind wir?“ Hussain, mit dem ich fast nur noch Deutsch rede, muß alles übersetzen. Salim schaut auf die Karte wie die Kuh ins Uhrwerk. Er hat keine Ahnung, wo Sachsen liegt, scheint nicht mal Nord und Süd einordnen zu können. Er murmelt etwas von München, aber auch das kann er nicht zeigen. Nach zwei Minuten helfe ich ihm auf die Sprünge, aber die Art und Weise, wie er auf den kleinen Punkt schaut, beweist, daß ihm das Prinzip Karte und Gebiet vollkommen fremd ist.

Die Gelder sind da

Seit neun Monaten ist Hussain nun im Land und wartet noch immer geduldig auf seine Aufenthaltserlaubnis. Er ist tatsächlich aus Syrien geflohen. Andere, die sichere Existenzen in der Türkei aufgegeben haben, um hier ein besseres Leben zu führen, sind bereits seit Monaten legal, bekommen den Hartz IV-Satz, haben freie Wohnungs- und Ortswahl, können theoretisch arbeiten – praktisch wäre nur Hussain dazu in der Lage, alle anderen stolpern über die Sprachhürde.

Von allen unterscheidet sich Hussain durch seine Geschichte, seinen immensen Lernwillen, seine Geduld und Anspruchslosigkeit.

Es kommt ein Brief aus Chemnitz. Er habe sich der Ausländerbehörde vorzustellen, diese und jene Papiere mitzubringen – alle seine syrischen Dokumente, vom Ausweis bis zum Abitur und Uni-Nachweis wurden ihm im September kopielos von der Polizei abgenommen –, habe sich früh um sieben Uhr am Bahnhof einzufinden und sich auf eine Übernachtung in Chemnitz vorzubereiten. Ein Bus holt eine Handvoll Leute ab.

Tatsächlich wird er fünf Stunden später wieder zu Hause sein.  In Chemnitz sitzt er eine viertel Stunde im Warteraum eines Büros. Niemand spricht mit ihm, niemand will etwas sehen oder wissen. Dann erscheint ein Mann und sagt: „Erledigt“.

Zusammen mit einer jungen syrischen Frau wird er in ein Taxi gesetzt und nach Hause gefahren. Laut Taxirechner dürften die Fahrkosten von Chemnitz nach Plauen zumindest nach offiziellem Tarif mindestens 150 Euro – eine Fahrt – betragen.

 

Ehrenamt – pro & contra

Ein Erklärungsversuch

Als ich im Herbst letzten Jahres angesichts der endlosen Menschenströme an Herzbeklemmung zu leiden begann – einer diffusen Angst vor der unmittelbaren Zukunft dieses Landes – tat ich zwei Dinge, den Druck abzulassen: ich suchte den Kontakt zu den neuen Menschen als auch zu den Willkommensbegeisterten und ich eröffnete dann diesen Blog – beides diente als Missio sanguinis.

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Aus den Augen, aus dem Sinn

Nein, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Je öfter es passiert, umso weniger.

Da lernt man fremde Menschen kennen, besucht sie, lernt mit ihnen, versucht ihnen zu helfen, kommt sich schließlich menschlich näher, umarmt sich, küßt sich, baut eine Art Freundschaft auf – wer der andere Mensch im Grunde genommen ist, wird freilich aufgrund der vielen Differenzen auf ewig unbekannt bleiben –, ist auch traurig, wenn er geht … und dann, mit einem Mal: nichts. Nichts mehr. Kein Wort, kein Brief, keine Mail, kein Anruf, nichts. Verschwunden, woanders, vergessen?

Ich weiß es nicht. Schnell steigt das Wort „Undankbarkeit“ auf, aber ich vermute, das trifft es nicht. Keiner weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Mir scheint, es ist die Tradition und auch die Religion. Diese Menschen leben viel mehr im Hier und Jetzt. Sie planen kaum und sie schauen auch wenig zurück. Sie leben immer in der unmittelbaren Konfrontation mit der Gegenwart und überlassen alles andere ihrem Gott. Der sorgt für alles und falls nicht, dann hat er seine Gründe dafür. Muß man akzeptieren. Vielleicht ist das sogar die bessere Sichtweise.

Aber gewöhnen werde ich mich daran wohl nicht. Man kann sich nur wappnen.

Der Niedergang der Presse

Es gab eine Zeit, in der man sich aus Überzeugung ein bestimmtes Blatt hielt. Politiker, Geschäftsleute, Intellektuelle, die einen umfassenden Blick haben wollten, lasen gleich mehrere Gazetten: den „Spiegel“, die „Zeit“, die „Welt am Sonntag“ als Wochenzeitungen und die „FAZ“, die „Süddeutsche“, die „Welt“ und vielleicht auch die „TAZ“ als Tageszeitungen. Das war durchaus sinnvoll, denn kein Blatt war wie das andere. Nicht nur unterschieden sie sich durch die politische Ausrichtung und einen eigenen Ton, nein, sie brachten auch unterschiedliche Nachrichten. Es gab investigativen Journalismus – befähigte Mitarbeiter mit fachlichen Kompetenzen und einer eigenen Feder recherchierten oft wochen- oder monatelang, um dann ein Knallbonbon zum Platzen zu bringen. Und was der eine brachte, war für den anderen Tabu. So garantierte Wettbewerb Qualität.

Spätestens nach der Machtübernahme des Internets sind diese Zeiten vorbei. Heute, so hat es den Anschein, besteht die Orientierung des Journalisten nicht mehr im Raum, sondern in der Zeit. Nicht Tiefe oder Labyrinth, sondern Schnelligkeit ist die Zentralkategorie. Man hat den Eindruck, als sitze man in den Redaktionsstuben nur noch am DPA-Ticker, um ja als erster, mit einem Vorsprung von wenigen Minuten oder Sekunden, die Nachricht in die Welt plärren zu können. Oft steht dann „Eilmeldung“ – man weiß noch nichts, aber man muß schon berichten. Alle berichten das gleiche.

Mit dem Willkommenskultursommer wurde zudem die inhaltliche Gleichschaltung evident. Zwar gab es noch immer vereinzelte charakteristische Stimmen – nur weil es sie gibt, kann Klonovsky (vom 15.7.2016) sie so trefflich parodieren –, die Botschaft, die sie auf verschiedene Weise verkündeten, wurde zunehmend ununterscheidbar, von einigen seltenen defätistischen und pseudo-legitimierenden Gastbeiträgen, die die Meinungsvielfalt vortäuschen sollten, unterbrochen. Nehmen wir nur die Spiegel-Kolumne: Jakob Augstein, Sascha Lobo, Margarete Stokowski, Sibylle Berg, Georg Diez – alle haben einen eigenen Stil, aber seit einem Jahr sind ihre Beiträge vorhersagbar wie der Sonnenuntergang und nur durch geringfügige inhaltliche Differenzen zu unterscheiden. An dieser Phalanx läßt sich die unsägliche Linkslastigkeit der Zentralmedien, die an anderer Stelle bereits analysiert wurde, wunderbar vorführen.

Nun fährt die Journaille die Ernte ein, die sie selbst gesät hat, nun kippt der Kahn, auf dem alle nach Backbord laufen. Die Verkaufszahlen brechen massiv ein. Das Volk traut seiner Presse nicht mehr und auch die Redakteure sind plötzlich gezwungen, das ungeliebte Spiel mitzuspielen.

Ich stelle mir vor: Ein Beitrag wie dieser – Linken-Politiker setzte sich für Bleiberecht von Syrer ein –, den alle Medien brachten, muß fürchterlich geschmerzt haben. Darin wird berichtet, daß die Abschiebung des späteren Selbstmordattentäters von Ansbach von einem Bundestagspolitiker der Linken verzögert wurde, damit Mohammed Daleel seine Therapie zu Ende führen darf.

Daran ist an sich nichts verwerflich und niemand konnte ahnen, wozu der Mann in der Lage sein würde. Darüber hinaus ist die Nachricht unbedeutend und vergleichsweise irrelevant. Aber der Beitrag heizt natürlich die empfindsame Stimmung an und stellt einen unausgesprochenen Zusammenhang zwischen linker Willkommenskultur und Terrorgefahr her, genau jenen Konnex also, den man bisher herzustellen mit allen Mitteln vermeiden wollte. Aber weil nicht mehr Raum, sondern Zeit das entscheidende Kriterium der Pressearbeit ist und weil man weiß, daß die Meldung ohnehin auf anderen Kanälen verbreitetet werden wird, und weil man auch weiß, daß ein Verschweigen der Meldung als Beweis für die „Lügen- oder Lückenpresse“ wird herhalten müssen, ist man gezwungen, zähneknirschend, wie ich vermute, diese Meldung so zu bringen.

Und damit fährt die Presse die Ernte jener Saat ein, die seit letztem Sommer von ihr ausgesät worden war. Die Presse schafft sich ab.

 Zur Vertiefung: Das rote Mehr

 

 

Unterschätzt

Nun, nachdem feststeht, daß auch Khaled die Stadt verläßt, stellt sich eine neue Frage. Die habe ich und die haben wohl auch viele Willkommenskulturisten unterschätzt.

Nach sieben Monaten recht intensiven Kontaktes hat sich zwangsläufig eine persönliche Nähe aufgebaut. Irgendwann, wenn die Syrer ihren Asylbescheid haben, verschwinden sie dann aus der sächsischen Provinz, ziehen in die großen Städte, zu Verwandten – man hat überhaupt keine Vorstellung, wie viele Großfamilien bereits über das ganze Land verstreut sind –, suchen sich nach erfolgtem Familiennachzug eigene Wohnungen oder finden, wie eben Khaled, eine Braut und ziehen zu ihr. Ihn wird es nach Baden Württemberg verschlagen. Dort wird er bei der Familie seiner Verlobten wohnen: Mutter, zwei Geschwister. In dem kleinen Ort Möckmühl gibt es bereits eine kleine syrische Gemeinde.

Ich fühle mich ein wenig ausgelaugt. Kann mir im Moment nicht vorstellen, all die emotionale Energie noch einmal aufzubringen. Es geht nicht um die Zeit, nicht um „Streß“, es geht einzig und allein um die Frage: wie oft kann man emotionale Beziehungen aufbauen, wie viele Trennungen kann man verkraften, ohne seelisch abzustumpfen. Und sicher geht das vielen anderen ebenfalls so.

Sollte es eine neue Welle an Asylsuchenden geben, sollten erneut ehrenamtliche Helfer gesucht werden, dann vermutlich ohne mich. Auch deswegen werden wir es nicht schaffen: der Nachschub ist potentiell endlos, die eigenen Kräfte sind es nicht.

Die Ausnahme und die Regel

Es ist immer wieder eine Freude mit Hussain, dem 21-jährigen Syrer, zu arbeiten. Und es ist sicher kein Zufall, daß wir zueinander gefunden haben. Er ist der Einzige, der instinktiv sofort begriffen hatte, welche Möglichkeit ihm der Zufall zuspielte, als ich mich im Oktober mit sechs Syrern traf. Schon die Woche darauf stand er als Dolmetscher an meiner Seite, als die neue Erstaufnahme unter chaotischen Bedingungen zum ersten Mal bezogen wurde. Damals wollte er mich als eine Art Ersatzvater haben – ich schlug ihm vor, Freunde zu sein. Diese Rechnung ging auf.

Ich gab ihm ein Versprechen: Wenn du hart an dir arbeitest, alle Termine einhältst, die Hausaufgaben machst, das ständige Gespräch suchst, dann wirst du in einem Jahr so gut Deutsch sprechen, um dich in Deutschland einleben zu können. Den empfohlenen Assimil-Sprachkurs zum Selbststudium hat er zu zwei Dritteln schon durch. Jetzt, acht Monate später, schreibt er perfekte Emails und ins Englische wechseln wir nur noch bei theologischen Diskussionen. Er ist auch der Einzige, von dem ich etwas gelernt habe, das mehr über die blanke Lebensgeschichte hinausgeht.

Im Integrationskurs etwa saß er mit dem Eritreer Adlan zusammen, meinem ersten Schüler, der nun seit zwei Jahren in Deutschland ist und noch immer kaum die Sprache spricht. Hussain wurde gerade in einen neuen Kurs gesteckt, für Fortgeschrittene, weil er die Klasse weit überragt.

Wir machen viel Konversation und Sprachdrill. Die Konjugationen laufen wie geschmiert, auch die kompliziertesten. Zum Beispiel: „Ich hatte den Imam gesprochen, als ich in die Moschee ging, und wußte, daß ich ihn zum letzten Mal gesehen haben werde.“ Ohne einen einzigen Fehler rattert Hussain die drei Zeitformen in einem Satz herunter und über den ketzerischen Inhalt lachen wir beide. Er hat einen guten Humor.

Apropos: Damit keine Unklarheiten entstehen: Alle meine Alumni, Syrer und Eritreer, wissen, daß ich über sie schreibe, befürworten das und Hussain liest nun seit einiger Zeit sogar mit!