Gegneranalyse – Politik der Gabe

Gegneranalyse I

Frank Adloff: Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben.

Nur von wenigen wahrgenommen, hatte Peter Sloterdijk sein dreibändiges „Sphären“-Werk mit der Selbstunterstellung, „eine Universalgeschichte der Großzügigkeit“ geschrieben zu haben und sich dabei auf Marcel Mauss‘ Klassiker zur Gabe zu berufen, beendet. Wenig später verschaffte sich der Großdenker mit der These Gehör, es wäre besser, die Steuerpflicht zugunsten einer Steuergabe zu ersetzen und damit die thymotische Energie der Gebenden zu stärken. Sie erfuhr wenig ernsthafte Aufmerksamkeit und wurde schnell ins Kuriositätenkabinett des Denkens delegiert.

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Kreativ und selbständig ausführen

Es sind oft die kleinen Details, die uns über einen Menschenschlag aufklären.

Gerade komme ich aus dem Schwimmbad einer kleinen ungarischen Stadt. Es hat den Charme der DDR-Volksschwimmhallen, das Wasser ist zwei, drei Grad zu kalt und an den Rohren bildet sich Rost. Sonntagmittag ist es aber fast leer und man kann ungestört seine Bahnen ziehen.

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Deutschland über Rumänien

Rumänisches Tagebuch III

Wir besuchen in Temeswar Bekannte ehefraulicherseits. Die Bekanntschaft reicht weit in die Vergangenheit, in DDR-Zeiten, zurück. Anfang der 80er Jahre wagte ein rumänisches Paar im Dacia 1300 die Tour in den Osten Deutschlands. Sie blieben auf der Straße liegen, ein Trabant-Fahrer hielt und half bei der Reparatur, so kam man sich nahe, lud sich gegenseitig ein und pflegte den Kontakt seither, wenn auch in großen Abständen. Meist in Form eines Weihnachtspaketes gen Süden und einer Weihnachtskarte nordwärts. Das berühmte Westpaket kam für die Rumänen aus dem Osten.

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Kuczynski kommt!

Genau wie Marx und Engels vorausgesehen, geht die kapitalistische Gesellschaft bei dauernd steigernder Produktivität ihrem Untergang entgegen – ganz gleich, wie lange sich der Weg in den Untergang hinzieht. (Kuczynski)

Jürgen Kuczynskis Buch „Probleme der Selbstkritik“ hat Erinnerungen geweckt, an eine Lebensphase, die heute nahezu unwirklich erscheint. Vermutlich werden die westdeutschen Leser ratlos über den folgenden Zeilen sitzen, während mancher Ostdeutscher mich vielleicht begleitet bei diesem Abstecher in eine – ja, absurde Zeit.

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Von der Sowjetunion lernen

È possibile mettersi l’animo in pace dicendosi che tutto questo è il risultato del fallimento comunista? O è forse altrettanto vero che questa tendenza della gente a voler tornare a essere solo fra simili è il frutto dell’assurdo tentativo di mischiare troppo alla svelte tutti e tutto? (Tiziano Terzani)

Als ich kürzlich ein paar starken Bildern nachsann, griff ich wieder zu einem Buch, das ich vor sieben Jahren gelesen hatte: Tiziano Terzanis „Buonanotte signor Lenin“, einer Reisebeschreibung, die in Italien nach dem Welterfolg Terzanis („Noch eine Runde auf dem Karussell“) und seinem Tod, im Zuge einer Terzani-Euphorie, in allen Buchläden auslag. Die Italiener liebten diesen weisen Mann, besonders die Jugend sah ein Idol in ihm. Plötzlich waren alle seine Arbeiten, auch die kleineren, erhältlich, Biographien und Bildbände erschienen.

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Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: heute vor 20 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

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Lenin – again

Man braucht keine Jahrestage, um sich Lenin zu nähern. Er ist und bleibt eine Zentralgestalt der jüngeren Geschichte. Ohne ihn hätte es die Russische Revolution vermutlich nicht gegeben – es wäre bei Aufständen geblieben –, keine kommunistische Partei, keinen Stalin, keine Sowjetunion, vielleicht keinen Weltkrieg, keinen Ostblock, keinen Kalten Krieg, keine deutsche Wiedervereinigung … Aber es schadet auch nicht, Jubiläen zu nutzen, sich die Geschichte präsent zu halten.

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Denkmal und Schande

Björn Höckes Satz vom “Denkmal der Schande” hat ob seiner linguistischen Mehrdeutigkeit einiges Aufsehen erregt – dankbar haben sich die Leitmedien darauf gestürzt, in der Hoffnung, Höcke und die AfD ein für alle Mal zu erledigen.

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Das Kreuz mit der Identität

Vielleicht hat Rudolf Bahro nie einen wirklichen Berg erstiegen, aber er hat einen wesentlichen Satz dazu gesagt:  Wenn du einsam eine Weile einen Gipfel erklimmst, dann fängt der Berg mit dir zu sprechen an.

Otto Barth (1876–1916), Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Otto Barth: Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Der marxistische und grüne Selbstdenker wollte das Mystische betonen, das tief verinnerlichte Gefühl, das Menschen beschleicht, wenn sie mit grandioser Natur konfrontiert sind, wenn sie sich ihrer Nichtigkeit unmittelbar bewußt werden. Es ist letztendlich eine religiöse Empfindung. Berge und Gott oder die Götter gehören seit jeher zusammen. Dort wohnen sie, dort wachen sie und dort glauben die Menschen, ihnen besonders nahe zu sein. Moses, Jesus und Mohammed stiegen mit ihren Gesetzesoffenbarungen alle von Bergen herunter.

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„Kant ist tot!“ …

Mit diesen Worten begrüßte mich heute Morgen mein (imaginierter) Nachbar. „Kant? Kant ist unsterblich“, antworte ich. „Nicht der Kant, der kleine Kant, der Hermann …“

Um ehrlich zu sein, ich hätte gar nicht sagen können, daß der noch lebte. Vor ein paar Jahren war er mir kurzzeitig lebendig, als ich zwei seiner Bücher wieder las. Seither hatte ich ihn nicht mehr verfolgt, wenngleich die autobiographischen Sachen noch im Regal stehen.

Wer in der DDR sozialisiert wurde, hat immerhin den Vorteil, das Lebensgefühl der damaligen Zeit speichern zu können, in Form von Literatur. Heute ist sie meist verpönt und verkannt und der verkannteste unter den zahlreichen Autoren von Rang war Kant, verkannt von Kant, verkannt von ihm selbst.

Denn Hermann Kants Tragik bestand darin, sein eigenes Genie nicht richtig eingeschätzt zu haben. Er war der mit Abstand begabteste unter der jüngeren Generation der Ostliteraten, ein würdiger sprachlicher Erbe Arnold Zweigs. Wie dieser steckte er alle anderen erzählerisch in die Tasche und seine seinerzeit drei großen Romane – „Die Aula“, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ – kennen an sprachlicher Finesse ohne inhaltliche Subversivität kein Gegenüber. Subtiler und subversiver waren vor allem die Frauen: Irmgard Morgner ist zuerst zu nennen, dann Brigitte Reimann und manchmal auch Christa Wolf.

Doch Kants Begnadung ging von Anfang an mit ihm durch. Bis in die 80er Jahre hinein konnte das kaum jemandem auffallen, denn die Bücher spiegelten noch immer Bereiche der realsozialistischen Realität wieder, aber spätestens seit Gorbatschow mußte ihre aufgesetzte siegessichere Ironie, der Zynismus des vermeintlichen historischen Siegers, der Hochmut der Macht sauer aufstoßen. War die „Aula“ noch ein Schenkelklopfer, so wurde das „Impressum“ schon zur Gratwanderung.

Ich will aber nicht Minister werden!“ gehört zu den genialsten Anfangssätzen der neueren deutschen Literatur – allein dieser Satz, dessen Echo im inneren Ohr des DDR-Lesers ewig nachhallte, legitimiert Kants zweiten Roman.

Doch leider hält er nicht, was das große Eingangswort verspricht. Daß Herrmann Kant ein Erzähler von Rang ist, bleibt unbestritten, gemessen an der eigenen Vorgabe, der „Aula“, die wie eine Bombe in die ostdeutsche Literatur einschlug und sie sowohl sprachlich als auch kompositorisch auf ein ganz neues Niveau hob, gemessen an diesem Anspruch muß „Das Impressum“ als not impressive gelten.

Denn Kant übertreibt es einerseits, die Fabulierkunst verliert sich zu häufig in Gerede um des Geredes willen, um nicht von Geschwätzigkeit zu sprechen, die exemplarischen ethischen und psychologischen Problemstellungen, mit denen der Leser konfrontiert wird und die ihn zur Diskussion, zur Stellungnahme zwingen sollten, sind selbst für den damaligen DDR-Alltag zu weit von der tatsächlichen Lebenswelt entfernt und im Übrigen sprachlich als auch historisch-philosophisch viel zu hoch angesetzt, um den Ottonormalbürger, den Arbeiter-und-Bauern, zu erreichen. Die Enkodierungsschwelle ist so hoch, daß man sich kaum vorstellen kann, wie ein Leser jüngerer bundesrepublikanischer Generation sie ohne ausgiebige Vorabstudien überwinden können sollte.

Zum andern unterbietet Kant sein eigenes Potential; so stellt sich eigentlich nie der Eindruck eines in sich geschlossenen Romans ein. Eher handelt es sich um eine Novellensammlung, in der autobiographische und realhistorische Situationen mit gleicher Personage wiedergegeben werden. Die individuelle Zeichnung mißlingt vielerorts: Wenn der Pförtner dieselbe elevierte Sprache spricht wie der russische General, der Katholik oder der Chefredakteur, dann verwischen sich höchst unzulässig die Konturen. Das alles stimmt auch vor der einstigen DDR-Realität schon nicht und eine Apologie des Ostens hatten andere Brachiallautoren der Bitterfelder Schule schon stimmiger vollbracht. Kant schreibt noch nicht mal einen mißlungenen Sozialistischen Realismus, sein Werk sollte als Sozialistischer Irrealismus gelten. Selbst der grandiose Eingangssatz bleibt Ornament, weil sich seine angedeutete Klammerfunktion als optische Täuschung entpuppt; weder als Widerstandsgeste noch als  Leitfaden behält er Bedeutung. …

Wie man hört, hat Kant, der auch hohe politische Ämter eingenommen hatte, es nie für nötig erachtet, sich Asche aufs Haupt zu streuen: das ehrt ihn.

Nun ist er also tot und wenn in drei, vier Jahrzehnten die letzten Überlebenden des Goldenen Zeitalters des realexistierenden Sozialismus verschwunden und die alten Literaturgeschichten in Bibliothekskellern vergilbt sein werden, dann wird kein Hahn mehr nach Kant krähen und die kommende halbasiatische Gesellschaft, sollte sie je auf eines seiner Bücher stoßen, wird ratlos davor stehen und sich wundern, auf was für seltsame Dinge Menschen kommen konnten und welch seltsame Sprachen sie sprechen können.