Migrationsunterricht in Ungarn

Ein seltsames Phänomen: seit ich in Ungarn bin, muß ich mich um nichts mehr kümmern, alles kommt auf mich zu. Aus kaum erklärlichen Gründen werden mir dauernd Vorschläge gemacht, werden Anfragen gestellt und ich kann mir heraussuchen, was ich annehme und was nicht.

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Aus den Augen, aus dem Sinn

Nein, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Je öfter es passiert, umso weniger.

Da lernt man fremde Menschen kennen, besucht sie, lernt mit ihnen, versucht ihnen zu helfen, kommt sich schließlich menschlich näher, umarmt sich, küßt sich, baut eine Art Freundschaft auf – wer der andere Mensch im Grunde genommen ist, wird freilich aufgrund der vielen Differenzen auf ewig unbekannt bleiben –, ist auch traurig, wenn er geht … und dann, mit einem Mal: nichts. Nichts mehr. Kein Wort, kein Brief, keine Mail, kein Anruf, nichts. Verschwunden, woanders, vergessen?

Ich weiß es nicht. Schnell steigt das Wort „Undankbarkeit“ auf, aber ich vermute, das trifft es nicht. Keiner weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Mir scheint, es ist die Tradition und auch die Religion. Diese Menschen leben viel mehr im Hier und Jetzt. Sie planen kaum und sie schauen auch wenig zurück. Sie leben immer in der unmittelbaren Konfrontation mit der Gegenwart und überlassen alles andere ihrem Gott. Der sorgt für alles und falls nicht, dann hat er seine Gründe dafür. Muß man akzeptieren. Vielleicht ist das sogar die bessere Sichtweise.

Aber gewöhnen werde ich mich daran wohl nicht. Man kann sich nur wappnen.

Integration – Unterschiede

Seit Wochen predige ich meinen wirklich interessierten Eritreern: Schafft euch einen Fernseher an oder wenigstens ein Radio und hört und seht deutschsprachige Sendungen. Nur so, wenn ihr schon kaum Kontakt zu Deutschen habt, könnt ihr euch in die Sprache einlauschen.

Nun aber ist der Antennenanschluß im Hause tot. Also müßte eine Schüssel her – an Eigeninitiative mangelt es leider. Zwei Marokkaner, die Etage darunter, haben es auch geschafft. Ich frage Adlan, der neben Blin, Tigre und Tigrinya auch Arabisch spricht, ob er nicht fragen könne, wie die beiden das gemeistert haben? Er winkt ab: „Nicht gut“, das Verhältnis zu den Marokkanern ist schlecht, man geht sich aus dem Weg, „viel trinken“ spielt wohl auch eine Rolle.

Jetzt prangt eine neue Schüssel an der Hauswand: die Nebenwohnung, wo vier Somalier leben. Die hatte ich auch schon zum Sprachunterricht, aber sie kommen nicht regelmäßig, schaffen es nicht, den Hausflur zu überwinden. Also schaue ich dort vorbei, um mich zu erkundigen, wie die technischen Probleme gelöst wurden. Einer liegt im Bett (17 Uhr) und schläft, der andere fläzt gelangweilt auf dem Boden, ißt apathisch irgendeine unappetitliche Dose leer und schaut tatsächlich in die Röhre: Sharya TV, Arabisch. Live aus einer riesigen Moschee. Deutsche Sender? Keine …

Abends durchhallen arabische Gebetsgesänge gespenstisch das vornehmlich ex-proletarische, „prekäre“ Viertel.