Cat Stevens und das Ende der Kunst

Menschen meiner Generation haben meist sehr angenehme Erinnerungen an Cat Stevens. „Die sensibelsten Frauen“, wie Giovanni di Lorenzo in einem Interview mit dem Künstler gestand, legten meist eine seiner Platten auf, zündeten eine Kerze an, gossen ein Glas Wein ein … der Rest ist Geschichte, sweet, sweet memory bis … „Morning has broken“.

Dabei ist der einstige Superstar ein paradigmatisches Beispiel für die unheilige Verbindung von Kunst und Islam. Es lohnt, seiner Geschichte – übrigens nicht nur aus diesem Grund – ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

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Dylan

Man sollte die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat! Aber Bob Dylan für den Nobelpreis? In Literatur? Da fällt schweigen schwer, auch wenn ich Dylan weder kenne noch mag und auch wenn, aufgrund zu vieler Täuschungen, ich es längst aufgegeben habe, die moderne Literatur zu verfolgen.

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Comedy of errors – Böhmermann

A wretched soul, bruised with adversity,
We bid be quiet when we hear it cry;
But were we burdened with like weight of pain,
As much or more we should ourselves complain.                             (Shakespeare: The comedy of errors)

Deutschland leidet unter seinen Komödianten. Seit das Privatfernsehen in den 90er Jahren die aus Amerika herüberschwappende Comedy-Welle zu reiten versuchte, wurde aller Anspruch auf Niveau aufgegeben. Seither tummeln sich drittklassige Selbstentblödler tagtäglich in den Studios und überspielen Sinnleere mit eingespielten oder angeforderten Lachsalven. Die zweite Zuschauergeneration ist nun schon soweit konditioniert, daß man auch aus freien Stücken meint lachen zu müssen, sobald der Entertainer eine Sprechpause einlegt.

Seit seiner Stinkefinger-Nummer darf nun ein Männchen namens Böhmermann den Nationalclown spielen und er tut es vorsätzlich, indem er bewußt Grenzen der politischen Korrektheit ausweitet, allerdings nur dort, wo es auch politisch korrekt ist. Diesmal also hat er sich überhoben, weil er nicht mit der Humorlosigkeit eines Erdogan rechnete.

Ob sein Beitrag tatsächlich noch unter Satire fällt, steht zur Debatte. Die meisten Stimmen vernahmen nur sein Lied, das inhaltlich in der Tat an Plumpheit kaum zu überbieten ist, vergessen jedoch das Sicherheitsseil wahrzunehmen, den ironischen Rahmen, das bewußte Austesten der Satiregrenzen, das Spiel mit dem Gesetz. Das mag nicht lustig sein, ist aber immerhin noch intelligent. Die Frage, wie gelungen die Performance war, geht am Problem vorbei. Böhmermann ist nun zum Spielball, zur Marionette geworden, an der höhere politische Kräfte zerren. Daß es einem da schon mal übel werden kann und man Preisverleihungen, Interviews und Shows platzen läßt, ist nachzuvollziehen.

Böhmermanns Fehler ist jedoch nur ein kleiner. Wie in einer frühen Slapstick-Komödie tritt der türkische Präsident auf die Bananenschale und sorgt für den ersten großen Lacher.  Erst läßt er als Institution Strafantrag stellen, dann – nachdem er das Tohuwabohu in den deutschen Medien genüßlich zur Kenntnis genommen haben dürfte – erhöht er den Einsatz und stellt einen persönlichen Strafantrag hinterdrein. Daß er damit zur größten Lachnummer in Deutschland wird, kann ihm egal sein, die eigenen Landsleute, die sich am besten gleich mit angegriffen fühlen, stehen hinter ihm. Den Deutschen freilich, könnte das Lachen bald vergehen.

Doch noch haben wir die tragikomische Figur in dieser Comedy of errors nicht benannt: Angela Merkel. Aussitzen wäre so gerne einmal mehr ihre Option gewesen, besänftigen, abwiegeln, doch Erdogan ist ein Orkan, den man mit einem rituellen Kotau nicht zur Ruhe zwingen kann. Nun hat sich Merkel, die es nicht übers Herz brachte, das lächerliche Ansinnen mit starken Worten zu bedenken und die Einmischung in innere Angelegenheiten als solche zu benennen, sich zumindest postwendend in der Frage der Meinungs- und Kunstfreiheit hinter Meister B zu stellen – ganz egal, was sie von dessen Gedicht hält – nun hat sich Merkel also in eine loose-loose-Situation gebracht. Sie wird sich entweder vor Erdogan oder vor dem eigenen Volk entblößen müssen und einmal mehr wird sichtbar werden: Der Kaiser hat ja gar nichts an.

Könnte man es dabei bewenden lassen, dann wäre alles nicht schlimmer als ein verpfuschter Theaterabend. Die einfacheren Gemüter haben ein wenig gelacht und klopfen sich die Schenkel, die anspruchsvolleren streben zu ihrem Cabernet Sauvignon und genießen wenigstens den Rest des Abends. Leider erinnern die Vorgänge aber an tiefsitzende Schockereignisse: Salman Rushdie und Kurt Westergaard lassen grüßen.

Wird die Affäre nicht sensibel gelöst – wie, weiß noch kein Mensch – könnte es, wie im Karikaturenstreit, zu einem Satirestreit kommen. Die Ingredienzien sind alle da. Gerade haben aufgebrachte Türken in deutschen Städten für die Zugehörigkeit zu Deutschland – „Die Türken gehören zu Deutschland“ (wie der Islam, lautet das Unausgesprochene) – demonstriert, ohne daß im rot-weißen Fahnenmeer auch nur ein einziges gelbes oder schwarzes Fleckchen aufgetaucht wäre, und Erdogan weiß genau, daß ein einfaches Wort von ihm genügt, den Volkszorn – hier wie dort – zu entfachen. Schon muß Böhmermann – wie einst Rushdie, Westergaard, Wilders, Abdel-Samad … unter Polizeischutz gestellt werden. Die Volatilität und leichte Entflammbarkeit der Volksseelen östlich des Bosporus ist hinlänglich bekannt.

Unter diesen Vorzeichen wird endgültig deutlich, was Merkels zynischer Syriendeal wirklich wert ist und wie vor allem der Gedanke, diese Türkei könne Mitglied der EU werden, zu bewerten sei.

Die Frage, die sich die deutsche Gesellschaft endlich stellen muß, ist die Frage nach der Erpreßbarkeit. Was geht es einen ägyptischen Imam, einen Präsidenten oder Ayatollah, einen beliebigen Sittenwächter – er komme, woher er wolle, gewählt oder selbsternannt –, an, ob ein dänischer Zeichner eine Bombe in einen Turban malt, ob ein deutscher „Comedian“ „Ziegenficker“ sagt, ob eine literarische Gestalt einen feuchten Mohammed-Traum hat oder ob ganz einfach ein Irrer eine Koranseite den Klärwerkfischchen zum Fraße gibt? Solche Dinge wird man durch Verbote nicht aus den Köpfen bringen, im Gegenteil, es handelt sich um eine Eskalationslogik. So lange religiös oder weltanschaulich motivierte Sittenwächter dergestalt reagieren, solange sind derartige Provokationen notwendig. Geschmacklos mag das alles sein, aber Geschmack setzt sich als gesellschaftliche Norm durch und nicht per Gesetz. Jede Weisheitslehre kennt den Gedanken, auch die islamische Mystik: Wer provoziert wird, hat sich provozieren lassen!

Erst wenn es medial nicht mehr goutiert wird – und zwar nicht aufgrund von Zensur, sondern aufgrund von Belanglosigkeit und von Resonanzlosigkeit –, erst dann werden diese Geschmacklosigkeiten verschwinden – nicht an sich, hoffentlich, sondern in der breiten öffentlichen Wahrnehmung.

Lesen Sie zum Thema: Die Satanischen Verse

und: Merkel-Böhmermann – absurd und paradox