Presse nach Wahl

»Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr.« Peter Sloterdijk

Man kann nur darüber spekulieren, welche Bedeutung die Medienberichterstattung für das Wahlergebnis hatte. Ähnlich Sachsen-Anhalt und ein halbes Jahr nach diesem ersten Schock, kommt die AfD in Mecklenburg-Vorpommern  auf satte 20 Prozent der Wählerstimmen. Das ergibt bereits die erste Lehre: die Blockparteien haben keine Lehre gezogen, sie sind und bleiben bildungsresistent oder aber es fehlen ihnen schlicht und einfach Mittel und Ideen, den selbstaktivierten Zauberbesen wieder in die Ecke zu befördern. Im Gegenteil, sie vermehren seine Macht durch zusätzliche Spaltungen – je weiter ihnen das Wasser bis zum Halse reicht, desto hektischer, so bleibt zu fürchten, werden sie auf ihn einschlagen.

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Boris Bashing

Erster Paukenschlag der neuen britischen Premierministerin Theresa May war die Ernennung Boris Johnsons zum Außenminister des Landes. Die deutschen Medien haben sich seit Wochen auf breiter Front gegen Johnson aufgebaut – sie halten ihn für den Verantwortlichen des Brexit. Aber auch Johnson hatte nur eine Stimme und wir wissen noch nicht einmal – bei seinem Sinn für Humor – an wen die ging.

Entsprechend wird die Schußfrequenz erhöht und die Wahl skandalisiert. Genüßlich läßt man etwa den SPD-Sympathieträger Stegner granteln: „Frau May wirkt schwächer durch eine solche Personalentscheidung“ und gleich nachtreten: Johnson sei nicht als guter Diplomat bekannt, „jetzt verhandelt er den Brexit. Gute Reise!“ In dieser zynisch-beleidigten Tonlage könnte man durch verschiedene Parteien fortsetzen.

Die „Zeit“ tut es auf ihre Weise, indem sie eine Kompilation vermeintlicher diplomatischer faux pas Johnsons unter der Überschrift „Der Diplomatie-Stümper“ präsentiert. Einige Highlights: Dem „teilweise kenianischen“ Präsidenten Obama bescheinigte Johnson eine „angestammte Abneigung gegen das britische Empire“, weil dieser es gewagt hatte, „eine Büste von Winston Churchill umzustellen.“ Hillary Clinton fiel bei Johnson wegen ihres Aussehens in Ungnade. Sie erinnere ihn an eine „sadistische Krankenschwester in einer Psychiatrie“. Selbst vor Donald Trump, der vom Aussehen und dem Grad der Exzentrizität mit Johnson verwandt sein könnte, machte Johnson nicht halt: „Der einzige Grund, warum ich manche Teile von New York meiden würde, ist, daß man dort auf Donald Trump treffen könnte.“

Schließlich hat er sich gnädig über Präsident Wladimir Putin geäußert. „Auch wenn er ein wenig wie Dobby der Hauself aussieht, ist er ein rücksichtsloser und manipulativer Tyrann“.

Erdogan bekam auch sein Fett in Form eines Gedichtes weg: „There was a young fellow from Ankara / Who was a terrific wankerer / Till he sowed his wild oats / With the help of a goat / But he didn’t even stop to thankera.”

Und selbst mit mighty China legte er sich an: Bei den Schlußfeierlichkeiten der Olympischen Spiele in Peking pries er 2008 die ehrenwerten Gastgeber. Allerdings müsse man doch noch sagen dürfen, daß Tischtennis im 19. Jahrhundert an britischen Eßtischen erfunden wurde. „Das war so. Und es wurde wiff waff genannt.“

Ich kann nicht anders als mich schieflachen, wenn ich diese „Enthüllungen“ der deutschen Presse und Politik lese. Sie zeugen von einer kompletten Unkenntnis der englischen Seele und von deren begnadetem Mutterwitz. Vielleicht muß man lange im Vereinigten Königreich gelebt haben, um diesen genialen Humor genießen zu können. Niemand weiß, ob und wie Johnson diese wichtige Rolle ausfüllen wird, aber Theresa Mays Spielzug könnte der Beginn einer originellen Kombination auf dem politischen Schachbrett sein. Kombinationen sind freilich schwer bis zum Ende durchzurechnen und hängen manchmal vom Geschick des Partners/Gegners ab.

Aber eine Idee der unterschiedlichen Mentalitäten kann jeder bekommen, der sich die Zeit nimmt, Camerons letzte „Prime Ministers Questions“ im Unterhaus anzuschauen und diese humor-, esprit- und rhetorikgeladene halbe Stunde mit jeder beliebigen Bundestagssitzung zu vergleichen.

Diese scharfsinnige Schlagfertigkeit, Intelligenz und Ironie ist auch Produkt der in den deutschen Medien gern gescholtenen elitären Erziehung, die neben Politik und Wirtschaft seit Jahrhunderten auch die englische Kultur bereichert und definiert. Man wird sie kaum von einer ehemaligen FDJ-Sekretärin erwarten dürfen.

Slide Show: Best of BJ

Weiß und Schwarz

Londoner Impressionen

Hampstead Heath im Frühjahr ist eine naturbunte belebende Oase im Großstadttrubel Londons. Der riesige Park im Norden der Stadt ist mehr als eine grüne Lunge, er beherbergt auch unerwartete Schätze. Plötzlich steht man vor einem opulenten Bau im klassizistischen Stil, der wie ein verzaubertes Schloß die Gegend überragt: Kenwood House.

Der Eintritt ist frei, schnell verschluckt den Besucher eine andere Zeit, in die man unmerklich versinken könnte, wenn man das Erlebnis nicht mit hunderten aufgeregten Ausflüglern teilen müßte. Die Architektur ist überwältigend, die grandiose Bibliothek ein Schmuckstück, die Gemäldesammlung exquisit: Rembrandt, Vermeer, Frans Hals, Turner und viele unbekannte Meister. Doch ein Bild sticht hervor. Nicht nur, weil es die einzige Kopie ist, sondern weil es eine bislang ungesehene Szene zeigt. Es wirkt paradiesisch und rebellisch zugleich.

© Wikipedia public domain, zugeschrieben Johann Zoffany

© Wikipedia public domain, zugeschrieben Johann Zoffany

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Eier kraulen

„James, die Eier“ – „Hart oder weich?“ – „Kraulen!“

Ein alter Witz aus meiner Jugendzeit. Längst vergessen und heutzutage auch politisch inkorrekt, „rassistisch“, englandfeindlich. Obwohl: Anglophobie ist gerade ein wenig in

Eines möchte ich zuvor klarstellen: ich habe das Thema nicht aufgebracht mit den Eiern. Es waren unsere Qualitätsmedien, die den Bundestrainer dabei beobachteten, wie er sein bestes Stück gerade rückte. Daß Löw unter einer Oralfixierung leidet, muß jedem Beobachter seit langem klar gewesen sein, nun kommt das genitale Problem hinzu. Wir kennen ihn alle, wie er sich in der Nase bohrt und auch seine Findlinge gern mal in den Mund nimmt, sich um seinen Unterarmschweiß kümmert, daran schnuppert, am Kaugummi zerrt … und das, obwohl er sich öfter in der Anzeigetafel betrachtet, das Haar zurecht rückt, als am Spielgeschehen beteiligt zu sein. Der eigentliche Skandal ist doch, daß er danach allen die Hand gibt.

Daraufhin hat der lustige Poldi jedenfalls einen lustigen Spruch losgelassen. Man könnte meinen, eine Nation, die solche Erregungen spürt, müßte friedlich und geeint sein. „Achtzig Prozent von euch krault doch auch mal an den Eiern“, warf er einer johlenden zu achtzig Prozent männlichen Journalistenschar entgegen.

Da hat er nicht ganz unrecht. Die Geste ist urmännlich, keine Frage. Richtig bewußt wurde mir das erst im Kontakt mit den Syrern. Dort ist es eine permanent auftretende Erscheinung. Alle paar Minuten wird sich unten rumgezupft, ob im Stehen oder Sitzen, ständig scheint was nicht zu sitzen. Es ist eine andere Geste als die Löwsche oder die Jacksonsche oder der Hip-Hop-big-balls-check, es ist ein Zupfen, als klebte die Hose am Gemächt und müßte gelöst werden. Und da es alle und alle ständig machen, scheint es tief verinnerlicht zu sein. Kulturell bedingt, bei vielen Arabern. Und es hat sicher was zu bedeuten.

Nur was?