Alles muß weg!

Jacques Schuster trägt einen Namen, der wie für die Guillotine gemacht zu sein scheint. Man sollte vermuten, daß so ein Mensch besonders vorsichtig mit seinen Forderungen ist. Aber nein, in der „Welt am Sonntag“, dem konservativen (hahahaha) Blatt im rasanten Abwärtstrend posaunt er in übergroßen Lettern aus: „Weg mit Hindenburg und Thälmann!

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Die Fliege im Glas

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen)

Auf die Gefahr hin, meine Leser zu langweilen – ein Wunder muß noch sein. Nicht etwa, um meinen muslimischen Freund Hussain, der mir ans Herz gewachsen ist, lächerlich zu machen, sondern um den erbärmlichen Zustand des Argumentationsniveaus aufzuzeigen, in dem sich ein Teil der muslimischen Gedankenwelt bewegt. Und Hussain ist der mit Abstand intelligenteste und kritischste Kopf, den ich aus diesem Universum kenne.

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Linkes Raunen

Wir wollen schon hier anmerken, daß konservativ ist, in Gesetzmäßigkeiten zu denken, die sich immer wieder herstellen, während fortschrittlich zu sein scheint, sich mit Erwartungen zu beschäftigen, die sich niemals erfüllen. (Moeller van den Bruck)

„Raunen“ ist so ein Wort, das der linke Diskurs besonders gern nutzt, wenn es um „konservatives Denken“, um nicht-linkes Denken geht und insbesondere dann, wenn der zu diskreditierende Denker gewisse geistige Anforderungen stellt, die bereits sprachlich einen „Elitismus“, eine Trennung von Spreu und Weizen anstreben. Hegel war schon so einer, aber Heidegger ist der Paradefall, ein „dunkler Rauner“ durch und durch, den man von Adorno und Popper her schon deswegen ablehnt und alle revolutionäre und analytische Philosophie (Habermas, Hösle u.a.) nehmen das „Raunen“ gern als Anlaß, Heidegger gar nicht erst (unvoreingenommen) zu lesen.

Evola ist auch so ein Rauner oder Stefan George oder Moeller van den Bruck … und im jetzigen Kulturkampf werden auch Sloterdijk oder Botho Strauß gern als solche oder gar als „Schwurbler“ ermittelt.

In einem ansonsten kaum lesenswerten Artikel über das Kulturverständnis und die ärgerliche Kulturliebe der „Rechten“ (AfD und Hintermänner), zeigt uns Thomas Assheuer – Habermas-Schüler und Missionar –, daß er die Kunst des Raunens auch sehr gut beherrscht, wenn es „der Sache nützt“. Man muß den Aufsatz nicht lesen, um meiner Argumentation folgen zu können, es genügen die letzten Zeilen:

„Nach Wahlverwandtschaften mit konservativen Intellektuellen aus der Weimarer Republik muß man hier nicht lange suchen. Auch damals wurde zwischen Kunst und Kultur nicht groß unterschieden, auch damals sollte die tragische deutsche Kunst in Konkurrenz zur Verfassung treten; sie sollte Gewißheit erzeugen und Gottvertrauen in die nationale Stärke. Darüber hinaus sollte sie die Religion überflüssig machen, die ungeliebte Erfinderin von Gleichheit und Menschenrechten: Deutsche Kunst ,erfüllt jeden wahrhaft modernen Menschen mit derselben Sicherheit ums Weltall, die sonst nur das Vertrauen auf Gott geben konnte‘. Der Autor dieser Zeilen war der konservative Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck. Das Buch, das ihn 1923 schlagartig berühmt machte, hieß: Das Dritte Reich.“

Wie man sieht, wird nicht nur Unsinn erzählt – z.B. Gottvertrauen ja, Religion nein –, es wird auch geraunt und angedeutet und insinuiert. Das abschließende Zitat, der letzte Satz, von einem Lieblingsrauner, effektvoll ins Offene gestellt, was soll er anderes bedeuten, als daß die „konservative Revolution“ und damit die „Neue Rechte“ und damit die AfD … einen direkten historischen Draht zum „Dritten Reich“, zum Nationalsozialismus hat?

Dabei weiß Assheuer als gebildeter Mensch sehr wohl, daß die Idee des „Dritten Reiches“ oder des „Tausendjährigen Reiches“ in den alttestamentarischen Prophetenschriften wurzelt, daß sie durch die christliche Trinitätslehre (Offenbarung, Paulus) noch einmal beschleunigt wurde und letztlich durch den mittelalterlichen Theologen Joachim di Fiore endgültig scharf gemacht und von Franziskus von Assisi gelebt wurde, daß die Idee des kommenden Endreiches seither vor allem der Linken ihre kinetische Energie verlieh. Er hat das von Ernst Bloch etwa gelernt, dessen Utopie nichts anderes ist und der sich sehr ausführlich mit Joachims Meisterschüler Thomas Müntzer beschäftigt hatte. Er konnte das bei Lessing ebenso wie bei Hegel verfolgen und all sein Marxstudium wäre umsonst gewesen, wenn Assheuer just entgangen sein sollte, daß Marx und seine Vorläufer – von Robespierre und Bakunin bis Owen – vom „Dritten Reich“ durchglüht waren und selbst die späten postmarxistischen Apokalyptiker, wie Rudolf Bahro, waren Fioristen bis in die Haarspitzen. Auch Habermas, Assheuers Lehrer, gehört mit seinem Wunschbild des „herrschaftsfreien Diskurses“ dazu …

Die Nationalsozialisten – das darf man nicht vergessen – verstanden sich als Sozialisten; sie haben der linken Denktradition viel mehr entnommen, als heutigen „Antifaschisten“ lieb sein kann.

Assheuer will uns anderes einreden. Er rekurriert auf den Topos des „Reiches“ im NS und verbindet den konservativen Klassiker van den Bruck – der schon 1925 starb und das Bild, als Übersetzer Dostojewskis, im Übrigen von dem großen Russen übernahm –, von dessen Lehre Hitler sich ausdrücklich distanzierte, unausgesprochen, im raunenden, andeutenden Gestus, mit den Verbrechen des NS. Er hätte auch Friedrich Hielschers „Das Reich“ nennen können oder Stefan Georges „Neues Reich“ … und damit nur bewiesen, wie virulent der Begriff in der Weimarer Republik war.

Aber Information war von Anfang an nicht sein Ansinnen.

Der schwarze Schwan

Noch sind die Informationen mit Vorsicht zu genießen, doch scheint es sich zu bestätigen: Mindestens einer der Pariser Attentäter ist als Flüchtling getarnt, mit gefälschtem Paß, über Griechenland nach Europa eingereist. Am 3.10. diesen Jahres. Ein brisantes Datum, denn just am Vortage wurde aus allen Rohren in die Ohren geblasen: keine erhöhte Terrorgefahr gehe von den Flüchtlingen aus. Zumindest habe man keine nachrichtendienstlichen Hinweise darauf. Innenminister de Maizière höchstpersönlich stellte sich mit der Frohen Botschaft vor die Presse.

Gipfelpunkt der Narretei waren dann „argumentative“ Artikel wie dieser, von denen es freilich in verschiedenen Gazetten mehrere Beispiele gab, die in den Wirren des Netzes leider nicht mehr auffindbar sind. Einige davon hatten bis zu einem halben Dutzend verantwortliche Autoren, vermutlich um sich vor der Verantwortung zu drücken, denn daß es sich um eine Lotterie, mehr noch um eine Wette, um ein reines Hoffen handeln mußte, dürfte auch der größten Blockflöte bewußt gewesen sein.

Damit schien ein medialer Dauerbeschuß seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Aus einer perversen Konsequenz heraus waren die Aktionen durchaus verständlich, gerade weil sie jedweder Logik entbehrten. Je mehr Menschen unregistriert das Land erreichten, umso größer wurden konsequenterweise Sorge und Angst unter der Bevölkerung und umso umfänglicherer Propagandaaufwand mußte betrieben werden.

Den wahren Irrsinn dieser Argumentationskette zeigen sowohl Geschichte (1) als auch Logik (2) der „Debatte“.

(1) Verfolgt man nämlich das Argument zurück, dann fallen bis in den Hochsommer hinein ganz andere Töne auf. Damals wagte der Innenminister noch, sich vor Terroristen unter den Flüchtlingen zu fürchten, und auch die Journaille schrieb das zu Erwartende: Der IS drängt nach Europa, Europa gar als nächstes Schlachtfeld und dergleichen.

Solche Stimmen der Vernunft verstummten urplötzlich, nachdem die Kanzlerin die totale Einwanderung verkündet hatte, nachdem im apodiktischen, aber emotional verbrämten Ton eine Obergrenze alternativ- und diskussionslos verunmöglicht wurde, nachdem Ungarn als Unrechtsstaat aller aufgestauten Flüchtlinge befreit, nachdem allen Syrern – und damit allen, die sich für solche halten wollten – freies Durchwinken angeboten, nachdem die „Willkommenskultur“ quasi per Dekret zur neuen Leitkultur gekürt und Kritiker aller Couleur über einen Kamm geschoren und rechts in die braune Kloake abgeschüttelt wurden. Da hatten dann plötzlich Salafisten keinen Erfolg mehr unter den Flüchtlingen, da meldeten sich mit einem Male Chargen, Schergen, Ministerien, Publizisten und Blätter unisono mit der Entwarnung: Non abbiate paura – fürchtet euch nicht, es gibt weder Hinweise, noch auf Terroristen, noch unter den Flüchtlingen, noch sonst „irgendwie“.

Und wem das die wohlverdiente Nachtruhe noch nicht bescherte, der durfte in die treuen Augen der Frau Führer schauen und an ihren Lippen hängen: „Wir schaffen das“, „Ich habe einen Plan“, „Ich habe das im Griff“, „Ich bin überzeugt“, „Ich bin bei euch, alle Tage“ und was man noch so aus pseudoreligiösen Zeiten diverser Generalissimi kennt.

Leider, leider gibt es so etwas wie die Realität. Und Logik.

(2) Denn gerade logisch überrascht diese Argumentation … Neben Habermas dürfte es vor allem ein Denker sein, der mit seinem ikonischen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das ideologische Fundament der westlichen Demokratien begründete. Es ist – aber das bleibt unter uns – das deutlich schwächere seiner beiden Hauptwerke. In „Logik der Forschung“ entwarf Sir Karl Popper ein tatsächlich machtvolles Instrument, das der Falsifikation. Allereinfachst dargestellt, besagt es, daß man ein Argument nicht durch Verifikation, also Bewahrheitung, letztgültig beweisen könne – aus der Tatsache, tausend weiße Schwäne zu sehen, kann ich nicht schließen, daß alle Schwäne weiß seien, es mithin keine schwarzen (oder grünen) gebe –, sondern durch eine Art negativer Beweisführung, der Falsifikation (Widerlegung) müsse man aktiv nach Gegenbeispielen suchen und nur solange ich kein Gegenbeispiel habe, nur so lange könne meine Prämisse (und auch nur unter Vorbehalt) gelten. Wahr ist sie deswegen noch lange nicht. Und daß es nicht wahr sein mußte, nicht wahr sein konnte, daß es keine potentiellen Terroristen unter den Flüchtlingen gibt – man könnte auch eine Flashmob-Party ins weit geöffnete Haus mit offenem Tresor einladen und vermuten, es gebe keine Diebe darunter –, das, mit Verlaub, hätte jedem Menschen bei Troste zumindest dämmern müssen.

Selbst wenn der Pariser Mörder kein Flüchtling gewesen sein sollte: ich setze bei dieser Wette all mein Vermögen auf den schwarzen Schwan!