Links und Rechts

Als man mir kürzlich sagte: „Du unterscheidest immer so streng in links und rechts“, da stutzte ich verdutzt einen Moment und versuchte instinktiv den Vorwurf – der darin enthalten war – abzuleugnen. Aber es genügt, auf die Titelliste zu schauen, um zu sehen, daß ins Schwarze getroffen wurde.

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Nachruf auf den Humanismus

Es macht gewisse Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Aber es kann nicht Sinn und Zweck sein, sich derartiger Dinge immer wieder nur neu zu versichern, sie zu rekapitulieren, ohne dabei noch den offenen Blick auf Anderes zu haben. Weiterlesen

Buddha, Heidegger und Hellmuth Hecker

Am 7. Januar des Jahres ist Hellmuth Hecker (geb. 1923) gestorben, leise und bescheiden, wie es sich gehört. Nur so ist der verspätete Nachruf zu erklären – ich habe es erst heute erfahren.

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Das Terror-Rhizom?

…was in Wirklichkeit nicht darstellbar ist, weil es ein Rhizom ist, eine unvorstellbare Globalität. Umberto Eco

Der französische Soziologe Gilles Kepel gilt als einer der besten Kenner des Islamismus und des islamistischen Terrors. Gerade hat er in einer Reihe von Interviews im Zusammenhang mit seinem letzten Buch die neue Qualität des Terrors zu beschreiben versucht und sich dabei auf den singulären Philosophen Gilles Deleuze berufen. Kepel will den Begriff des „Rhizoms“ in die Debatte einführen, um den Aggregatzustand der Terrorgesellschaften zu beschreiben.

Nachfolgend wird in einem ersten Durchgang versucht, den philosophischen Begriff „Rhizom“ nach Deleuze zu entwickeln und in einem zweiten zu prüfen, was dieser Begriff im Kontext des Terrors zu leisten vermag und ob Kepel ihn berechtigterweise in Anschlag bringt. Teil 1 ist demnach eine ausführliche und streng philosophische Rede, Teil 2 eine politische.

Was ist ein Rhizom?

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Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere.

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Ernst nehmen!

Es sind oft die unwesentlich scheinenden Kleinigkeiten, die uns über den Ernst der Lage in Deutschland informieren. Etwa die Meldung, daß die „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ in Greifswald nun nicht mehr so heißen möchte – was natürlich nicht stimmt, denn nur eine Mehrheit des Senats hat darüber entschieden. In einem langjährigen Prozeß, der uns gleich als „demokratisch“ verkauft wird und also zu akzeptieren sei – oder wollen Sie als undemokratisch gelten? –, hat man es sich nicht leicht gemacht.

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Dank sei Allah!

Eine feine Seele bedrückt es, sich jemandem zum Dank verpflichtet zu wissen, eine grobe, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein. (Nietzsche)

Man kann sich auf Jahre mit islamkritischen Schriften eindecken und sich so sein Islambild formen. Aber ich empfehle, sich daneben auch an die islamischen Quellen, die proislamische Literatur zu wagen. Das ist nicht immer eine angenehme Lektüre – das sprachliche und intellektuelle Niveau ist mitunter erschreckend niedrig –, schließt aber das apriorische Haßargument aus und gestattet einen ungefilterten Blick in die Köpfe der jeweiligen Muslime.

Ein Zentralwerk – im Übrigen auf hohem Niveau –, das ich jedermann wärmstens ans Herz lege, ist das „Handbuch Islam“ von Ahmad A. Reidegeld. Es wird in der muslimischen community einhellig gelobt, es vertritt den Mainstream in seiner Vielfalt und es ist umfassend: es behandelt die „Glaubens- und Rechtslehre der Muslime“ auf 800 Seiten aus allen Gesichtspunkten. Man findet dort eine Perle nach der anderen. Manches Geheimnis läßt sich dadurch lüften. Vielleicht auch das der Dankbarkeit.

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ISIS verstehen I

Was den einen der „Playboy“ ist den anderen das IS-Magazin „Dabiq“. Beide Zeitschriften haben einiges gemeinsam: Mit hoher ästhetischer Perfektion wird der Zeitgeist eines Milieus eingefangen und beide lieben Oben-Ohne-Bilder. Die einen ohne BH und die anderen ohne Kopf. Wie dem auch sei, beide Magazine lohnen die Lektüre. Zwar: kennt man eines, kennt man alle, aber eines sollte man eben kennen. Warum nicht Nummer 15 – die neue „Dabiq“ ist da!

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Wohl dem …

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Weh dem, der keine Heimat hat!

Nietzsche

Konditionierungen – Heidegger

Weimarer Impressionen

„Nietzsche ist der erste Denker, der im Hinblick auf die zum ersten Male heraufkommende Weltgeschichte die entscheidende Frage stellt und sie in ihrer metaphysischen Tragweite durchdenkt. Die Frage lautet: Ist der Mensch als Mensch in seinem bisherigen Wesen für die Übernahme der Erdherrschaft vorbereitet?“
Martin Heidegger

Höhepunkt unseres Besuches, der diesmal Nietzsche gewidmet war (Goethe, Schiller und Steiner sind bereits „abgearbeitete“ Fälle), ist der Besuch des Nietzsche-Archives gewesen. Ein großartiger Bau, ein ähnlich mystischer Ort wie das Nietzsche-Haus in Naumburg. Wenn man Glück hat und ein wenig allein ist, dann kann es passieren, daß der genius loci zu einem spricht. In diesem Falle ist es eher der Geist van de Veldes, denn Nietzsche dämmerte seine letzten drei Lebensjahre wohl nur noch vor sich hin. Das Eingangsportal und das Bibliothekszimmer sind eine Augenweide. Da stimmt einfach alles. Henry van de Velde hatte die Innenausstattung übernommen, auf Anraten Harry Graf Kesslers, der Elisabeth Förster-Nietzsche davon überzeugen konnte, das von ihr mit allerlei kunterbuntem Nippes zugestellte Haus dem Obermieter würdig und stilvoll zu gestalten. Aber das ist eine andere Geschichte …

Van de Velde zieht jedenfalls auch holländisches und flämisches Publikum an. Ein solches Paar stolzierte selbstsicher durch die Ausstellungsräume, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hin und wieder die Brille aus der Jack-Wolfskin-Innentasche zückend, immer dann, wenn das Gesicht einer Persönlichkeit unbekannt war: Spengler, Burckhardt, Rietschel, Kessler … alle unbekannt. Aber da: ein bekanntes Gesicht! Heidegger! Sofort beginnt der Herr zu dozieren und zwar ein einziges Wort: Nationalsozialismus!

Da war sie wieder, die tief verinnerlichte Konditionierung. Blaues Licht = Speichelfluß, Heidegger = Hitler. Losgetreten von der Primärgröße Lukács, gern aufgenommen von Habermas und Frankfurtern, vertieft von Farias, Faye und zahllosen anderen Tertiärgrößen, verbreitet von skandalisierenden und in der Regel wenig differenzierenden Medien und endgültig ins allgemeine Bewußtsein gehämmert mit der großen PR-Maschine nach dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ – ein hundertbändiges, noch längst nicht ausgeschöpftes Werk, auch eine bahnbrechende Nietzsche-Interpretation, auf ein einziges Wort zusammengestampft.

Dagegen hilft nur eines: Heidegger lesen! Von mir aus auch gerne mit dem Willen, die faschistischen Denkfiguren in der Philosophie aufzufinden. Hauptsache lesen! Und wer dann mit Vollmacht die alte Rechnung sich noch aufzumachen wagt, dem höre ich gerne zu.