Dylan

Man sollte die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat! Aber Bob Dylan für den Nobelpreis? In Literatur? Da fällt schweigen schwer, auch wenn ich Dylan weder kenne noch mag und auch wenn, aufgrund zu vieler Täuschungen, ich es längst aufgegeben habe, die moderne Literatur zu verfolgen.

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Hitlers letzte Rache

Wir alle kennen das alte Hitler-Spiel. Wer zuerst „Hitler“ sagt, hat die Arschkarte gezogen. Es genügt auch ein beliebiges Hitlersurrogat. Legionen von Politikern und Promis haben sich ihre Karriere versaut, weil sie zur falschen Zeit das falsche Wort in den Mund nahmen, einen unliebsamen Gegner vielleicht mit Adolf H. verglichen und dergleichen. Das blame-game der deutschen Medien läuft mittlerweile so routiniert ab – wie eine gute geölte Maschine –, daß es den Lesern, Hörern und Sehern schon gar nicht mehr auffällt und man nur noch desinteressiert mit den Schultern zuckt: „Selbst schuld! Wie blöd muß man denn sein …“

Und Frauke Petry hat „Hitler“ gesagt – in wenig versteckter Verkleidung: „Völkisch!“

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Linkes Demokratieverständnis

Vom 16.9. bis 18.9. findet auf dem Rittergut in Schnellroda die Sommerakademie statt. Bei dieser teils akademischen, teils sozialen Veranstaltung des „Instituts für Staatspolitik“ werden Vorträge gehört, Diskussionsrunden veranstaltet, Bücher verkauft, Beziehungen geknüpft.

Man spricht über die „Lage 2016“, es werden Beiträge zur „Flüchtlingskrise“, zur Landwirtschaft, zum Brexit und TTIP, zu Rußland, zur US-Wahl, zu AfD und Pegida und zur Finanzkrise zu hören sein.

Der kleine Ort Schnellroda mit seinen 150 Einwohnern kennt derartige Termine und es hat ihn bisher noch nie aus dem Schlaf gerissen.

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Das Kreuz mit der Identität

Vielleicht hat Rudolf Bahro nie einen wirklichen Berg erstiegen, aber er hat einen wesentlichen Satz dazu gesagt:  Wenn du einsam eine Weile einen Gipfel erklimmst, dann fängt der Berg mit dir zu sprechen an.

Otto Barth (1876–1916), Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Otto Barth: Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Der marxistische und grüne Selbstdenker wollte das Mystische betonen, das tief verinnerlichte Gefühl, das Menschen beschleicht, wenn sie mit grandioser Natur konfrontiert sind, wenn sie sich ihrer Nichtigkeit unmittelbar bewußt werden. Es ist letztendlich eine religiöse Empfindung. Berge und Gott oder die Götter gehören seit jeher zusammen. Dort wohnen sie, dort wachen sie und dort glauben die Menschen, ihnen besonders nahe zu sein. Moses, Jesus und Mohammed stiegen mit ihren Gesetzesoffenbarungen alle von Bergen herunter.

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Die Pathologie der Normalität

Drei Mal darfst du raten!

Wo, in welchem Land, in welcher Stadt, könnte sich folgende Szene abgespielt haben?

An einem sommerlauen Abend sitzt man auf einer ruhigen Freiterrasse eines Restaurants und ißt und trinkt eine Kleinigkeit und plaudert entspannt. Zwei Frauen, ein Mann.

Am Tisch nebenan ein junger Kerl mit aufgepushten Oberarmen, über und über tätowiert, zusammen mit seiner Freundin. Lange nestelt er an seinem Mobiltelephon herum. Man dreht sich instinktiv zur anderen Seite.

Doch dann plötzlich spricht er dich an, lächelnd,  in perfektem Deutsch mit leichtem Akzent: „Entschuldigen Sie, würde es Sie stören, wenn ich eine Zigarette rauche?“

Plauen? Ganz kalt!

London? Dort gehen solche Typen in den Pub, nicht auf die Terrasse.

Italien? Viel zu laut und hektisch.

Du rätst es nicht: Ungarn!

Eine kleine südungarische Provinzstadt (40 000 Ew.), wo Postpubertäre noch schamlos Hand in Hand mit ihren Eltern gehen, wo Autos auch ohne Zebrastreifen für Fußgänger halten, wo junge Frauen freudig Kinderwagen schieben, wo man Ungarisch, Deutsch, Serbokroatisch, Englisch hört, aber kein einziges Mal Arabisch oder Türkisch, wo es noch fünf große Kirchen gibt, die stolz und laut ihre Glocken erklingen lassen, wo an jeder Ecke ein Denkmal für einen Helden der Geschichte, einen Verteidiger des Landes steht und mit frischen Blumen geschmückt wird, wo Kopftuchfrauen alte Babuschkas sind, die auf dem Markt selbst angebaute Zwiebeln und Erdbeeren verkaufen, wo Menschen den ganzen Sommer, während sie im Urlaub sind, die Hintertür offen lassen, damit die Katze ein und aus kann, wo mehr Europaflaggen wehen als in Brüssel, Luxemburg und Strasbourg zusammen …, dort fragen dich auch junge Ungarn in ausgewähltem Deutsch höflich um Erlaubnis, ob sie im Freien neben dir rauchen dürfen.

Die Zukunft versaut

Die Suche nach „den Schuldigen“ für den Brexit nimmt absurde Formen an. Und gefährliche. Sie zeigen, daß es den Riß durch die europäischen Gesellschaften nicht gibt – es gibt viele Risse.

Brexit ageProminent wird gerade der Generationenkonflikt abgeerntet. Deutsche wie englische Gazetten überbieten sich mit Rentnerbeschimpfungen. „Die haben mir meine Zukunft geklaut“, darf ein larmoyanter Jüngling mit Kopfhörer um den Hals in der „Süddeutschen Zeitung“ gellend klagen, von „ruinierter Jugend“ faselt ein anderer auf „n-tv“, in der „Zeit“ kann man von „Alte-Säcke-Politik“ lesen und den Vogel schießt der Autor auf „Bento“ ab – eine Seite, die der Spiegel verlinkt –, der lauthals und öffentlich bedauern darf, daß „die Stimme einer 90-jährigen genauso zählt, wie die einer 21-jährigen“ und daß 16-jährige gänzlich von der Wahl ausgeschlossen waren. Am liebsten, so scheint es durch, würde man die Silberrücken entmündigen und die Jugenddiktatur einführen. „Trau keinem über 30“ sei, so findet der „Focus“, wieder aktuell.

Mathias Müller von Blumencron von der FAZ, der eigentlich auch schon ins Heim für Altersdemenz gehört – Jahrgang 60, ich bitte Sie! – fordert sogar eine „neue Rebellion“ der Jugend. Das ist ein Mißverständnis in doppelter Hinsicht. Zum einen haben wir gerade die größte Rebellion der Nachkriegsgeschichte erlebt – Millionen Halbzombies, untätowiert, haben entschlossen nach dem Rollator gegriffen, sind zur Wahlurne gewankt und haben die Rebellion gegen die Megamaschine gewählt –, zum anderen haben wir uns eine Jugend herangezogen, die vollkommen rebellionsresistent ist und bis auf weiteres bleiben wird.

All diese Ergüsse sagen viel über unsere Jugend aus. Daß man sich Zukunft, Zusammenhalt und Frieden erkämpfen und erarbeiten muß, ist den Leid-Ungeprüften vollkommen abhanden gekommen. Die Welt ist ein Selbstbedienungsladen und wehe, mein Lieblingsprodukt ist nicht vorrätig … dann kann ich gaaanz böse werden. Man hat qua Geburtsrecht im Hotel „Dasein“ Vollverpflegung gebucht, lebenslang, und wird schnell grantig, wenn der Service den gehobenen Ansprüchen nicht genügt, kümmert sich andererseits aber auch rührend um die hungernden Kinder der Welt.

Da klagt einer, daß er nun nicht mehr in alle 27 Länder reisen könne, was erstens Quatsch ist und zweitens eine Errungenschaft, die ihm jene Generationen erkämpften, die er jetzt gern ins Alterslager schicken möchte. Sie verstehen Heidegger nicht mehr: die Sorge als Existenzial zu fassen, ist ihnen unfaßbar.

Diese Jugend wurde flächendeckend zu verwöhnten Tyrannen erzogen. In einer ganzen Reihe von Büchern hat der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff das Dilemma aufzuarbeiten versucht, an dem Elterngenerationen genauso mitarbeiten wie Universitäten, Arbeitgeber, Schulen, Kindergärten und staatliche Vorgaben. Geboren aus der vergrünten und versozialdemokratisierten post-68er-Pseudo-Rebellions-Ideologie wurde das Kind mehr und mehr als Gleichberechtigter, ja sogar als Mehrberechtigter gedacht und gepampert. Die grenzenlose Erziehung führt zwangsläufig zur anerzogenen Grenzenlosigkeit, die Erfahrung des Verzichtes, der Mäßigung, der temperantia – jahrtausendlang ein Ideal und eine Tugend in allen Weisheitslehren – ist dieser Jugend weitgehend unbekannt. Entweder ich bekomme, was ich will, oder die Welt ist einfach Scheiße.

Am bedrohlichsten aber ist der hyperkinetische Effekt. Erfahrung ist kein positiver Wert mehr, stattdessen zählen „Innovation“, Neuheit, Mode, Tempo und Veränderung. Diese sind per se aller Erfahrung überlegen und deshalb sind die Alten aus dem Weg zu räumen, sofern sie nicht den hippen Heino geben. Mittlerweile kann man mit 25 Jahren Milliardär sein oder Spitzenpolitiker oder Philosophieprofessor und sollte es sogar, denn mit 30 ist der Zug schon abgefahren, gilt man schon als Trödler und verdächtig. Die immer größere Beschleunigung, die auch technisch unterstützt wird, führt zwangsläufig ins Absurde: bald wird der Enkel der Erzieher des Vaters und des Großvaters sein. Von dort ist der Weg zum kommenden Leid und Krieg nur ein Katzensprung.

Dies zugelassen zu haben, muß man den „Alten“ tatsächlich vorwerfen.

Andererseits ist der Brexit auch ein großartiges pädagogisches Fanal, eine didaktische Lehrstunde, eine wirkliche Erfahrung, sei er ansonsten, was er will.

Lektüreempfehlung:
Michael Winterhoff:
Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit
Lasst Kinder wieder Kinder sein!: Oder: Die Rückkehr zur Intuition
SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können
Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege
Persönlichkeiten statt Tyrannen: Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen
Konrad Paul Ließmann:
Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift
Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft

Linkes Raunen

Wir wollen schon hier anmerken, daß konservativ ist, in Gesetzmäßigkeiten zu denken, die sich immer wieder herstellen, während fortschrittlich zu sein scheint, sich mit Erwartungen zu beschäftigen, die sich niemals erfüllen. (Moeller van den Bruck)

„Raunen“ ist so ein Wort, das der linke Diskurs besonders gern nutzt, wenn es um „konservatives Denken“, um nicht-linkes Denken geht und insbesondere dann, wenn der zu diskreditierende Denker gewisse geistige Anforderungen stellt, die bereits sprachlich einen „Elitismus“, eine Trennung von Spreu und Weizen anstreben. Hegel war schon so einer, aber Heidegger ist der Paradefall, ein „dunkler Rauner“ durch und durch, den man von Adorno und Popper her schon deswegen ablehnt und alle revolutionäre und analytische Philosophie (Habermas, Hösle u.a.) nehmen das „Raunen“ gern als Anlaß, Heidegger gar nicht erst (unvoreingenommen) zu lesen.

Evola ist auch so ein Rauner oder Stefan George oder Moeller van den Bruck … und im jetzigen Kulturkampf werden auch Sloterdijk oder Botho Strauß gern als solche oder gar als „Schwurbler“ ermittelt.

In einem ansonsten kaum lesenswerten Artikel über das Kulturverständnis und die ärgerliche Kulturliebe der „Rechten“ (AfD und Hintermänner), zeigt uns Thomas Assheuer – Habermas-Schüler und Missionar –, daß er die Kunst des Raunens auch sehr gut beherrscht, wenn es „der Sache nützt“. Man muß den Aufsatz nicht lesen, um meiner Argumentation folgen zu können, es genügen die letzten Zeilen:

„Nach Wahlverwandtschaften mit konservativen Intellektuellen aus der Weimarer Republik muß man hier nicht lange suchen. Auch damals wurde zwischen Kunst und Kultur nicht groß unterschieden, auch damals sollte die tragische deutsche Kunst in Konkurrenz zur Verfassung treten; sie sollte Gewißheit erzeugen und Gottvertrauen in die nationale Stärke. Darüber hinaus sollte sie die Religion überflüssig machen, die ungeliebte Erfinderin von Gleichheit und Menschenrechten: Deutsche Kunst ,erfüllt jeden wahrhaft modernen Menschen mit derselben Sicherheit ums Weltall, die sonst nur das Vertrauen auf Gott geben konnte‘. Der Autor dieser Zeilen war der konservative Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck. Das Buch, das ihn 1923 schlagartig berühmt machte, hieß: Das Dritte Reich.“

Wie man sieht, wird nicht nur Unsinn erzählt – z.B. Gottvertrauen ja, Religion nein –, es wird auch geraunt und angedeutet und insinuiert. Das abschließende Zitat, der letzte Satz, von einem Lieblingsrauner, effektvoll ins Offene gestellt, was soll er anderes bedeuten, als daß die „konservative Revolution“ und damit die „Neue Rechte“ und damit die AfD … einen direkten historischen Draht zum „Dritten Reich“, zum Nationalsozialismus hat?

Dabei weiß Assheuer als gebildeter Mensch sehr wohl, daß die Idee des „Dritten Reiches“ oder des „Tausendjährigen Reiches“ in den alttestamentarischen Prophetenschriften wurzelt, daß sie durch die christliche Trinitätslehre (Offenbarung, Paulus) noch einmal beschleunigt wurde und letztlich durch den mittelalterlichen Theologen Joachim di Fiore endgültig scharf gemacht und von Franziskus von Assisi gelebt wurde, daß die Idee des kommenden Endreiches seither vor allem der Linken ihre kinetische Energie verlieh. Er hat das von Ernst Bloch etwa gelernt, dessen Utopie nichts anderes ist und der sich sehr ausführlich mit Joachims Meisterschüler Thomas Müntzer beschäftigt hatte. Er konnte das bei Lessing ebenso wie bei Hegel verfolgen und all sein Marxstudium wäre umsonst gewesen, wenn Assheuer just entgangen sein sollte, daß Marx und seine Vorläufer – von Robespierre und Bakunin bis Owen – vom „Dritten Reich“ durchglüht waren und selbst die späten postmarxistischen Apokalyptiker, wie Rudolf Bahro, waren Fioristen bis in die Haarspitzen. Auch Habermas, Assheuers Lehrer, gehört mit seinem Wunschbild des „herrschaftsfreien Diskurses“ dazu …

Die Nationalsozialisten – das darf man nicht vergessen – verstanden sich als Sozialisten; sie haben der linken Denktradition viel mehr entnommen, als heutigen „Antifaschisten“ lieb sein kann.

Assheuer will uns anderes einreden. Er rekurriert auf den Topos des „Reiches“ im NS und verbindet den konservativen Klassiker van den Bruck – der schon 1925 starb und das Bild, als Übersetzer Dostojewskis, im Übrigen von dem großen Russen übernahm –, von dessen Lehre Hitler sich ausdrücklich distanzierte, unausgesprochen, im raunenden, andeutenden Gestus, mit den Verbrechen des NS. Er hätte auch Friedrich Hielschers „Das Reich“ nennen können oder Stefan Georges „Neues Reich“ … und damit nur bewiesen, wie virulent der Begriff in der Weimarer Republik war.

Aber Information war von Anfang an nicht sein Ansinnen.