Systemtranszendenz

Denkanstoß – Kleine-Hartlage

Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Recht auf legale Opposition und Parteibildung sind ja nicht deshalb zentrale Komponenten des freiheitlich-demokratischen Systems, weil die Väter des Grundgesetzes einem weltfremden platonischen Menschenrechtsidealismus gefrönt hätten, der nur für Schönwetterphasen taugte. Sie waren – unter dem Eindruck der Katastrophen der Jahre 1914 bis 1945 – alles andere als naive Traumtänzer. Weiterlesen

Das System Relotius

PDF: Das System Relotius
Indem sie die Zugehörigkeit zur Elite zu einer Frage der ideologischen Konformität macht, erhebt die herrschende Klasse diese Konformität zugleich zu einem Statussymbol. Auf diese Weise ist es möglich, Heerscharen von Mitläufern zu rekrutieren, ohne sie zu bezahlen. Es entsteht eine loyale Mittelschicht: Der Wissenschaftsproletarier auf seiner befristeten Drittelstelle; der „freie“, weil zeilenweise bezahlte Journalist; der Lehrer, der sich bis zum körperlichen Zusammenbruch an einer Schule in einem „sozialen Brennpunkt“ aufreibt … (Manfred Kleine-Hartlage)

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Mit Rechten reden – Der blinde Fleck

In jüngster Zeit wird viel über „Mit Rechten reden“ geredet. Daß es sich dabei bis auf Weiteres – nur um Gerede handelt und in welche selbstgebauten Fallen die Redewilligen dabei treten, soll an einem typischen Beitrag dargestellt werden.

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AfD, Islam und Konvertiten

Das islamische Wertesystem verinnerlicht man durch Sozialisation, nicht durch Koranlektüre; es besteht, wie das Wertesystem anderer Kulturen auch, aus tausenden von zumeist ungeschriebenen Regeln und Wertvorstellungen, die einer Gesellschaft erst ermöglichen zu funktionieren. Bewußt bejahte politische Ideologien machen nur einen winzigen Bruchteil dieser Systeme aus. (Manfred Kleine-Hartlage)

Ein ehemaliges Vorstandsmitglied der AfD Brandenburg ist zum Islam konvertiert und die Presse kann sich die Häme nicht verkneifen. In einer scheinbar skurrilen Pressekonferenz gibt der Mann, ein Rußlanddeutscher, Auskunft und wird belächelt.

Dabei spricht er einige wesentliche Punkte an, die diskutiert gehören.

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Die Wahrheit ist Nazi?

Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. (Marx: Zweite Feuerbachthese)

Es geht um die Wahrheit. Und darum, wie diese in unseren Medien repräsentiert wird. Die Ereignisse der Frankfurter Buchmesse bieten sich an, wie selten etwas, denn sie sind so gut dokumentiert, daß auch der Außenstehende, der nicht vor Ort war, die Begebenheiten fast vollständig rekapitulieren kann.

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Was ist deutsche Kultur?

Ein erbärmlicher Versuch

Der „Focus“ ist schon zu einem argen Wurschtblatt verkommen. Zusammen mit der Schwesterzeitung „Huffpost“, die mittlerweile zum Zentralorgan der Islamophilie mit klarem missionarischem Auftrag geworden ist. Propaganda! Ich scheue mich nicht, diesen Begriff zu verwenden. Vor allem wenn es konkret gegen die AfD und allgemein gegen Andersdenkende geht. Da wird jede Gelegenheit genutzt – mal mit dem Hammer, dann wieder etwas subtiler –, um exakt das zu tun, was man dieser Partei und ihren Anhängern vorwirft: zu hetzen und zu ängstigen.

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Mit Kompaß zur Unterwerfung

„Ich hätte nie gedacht, daß ich mal mit so einer braunen Socke diskutiere.“ Seither mag ich ihn, der das gesagt hat. Ein Künstler, der sich aus Deutschland zurückzog, um hier in der Puszta in Ruhe arbeiten zu können und der „beengenden Atmosphäre“ zu entfliehen – wie ich auch, nur beengt mich anderes.

Vor ein paar Wochen gebe ich ihm Kleine-Hartlages Büchlein „Warum ich kein Linker mehr bin“ zur Lektüre – das ist in zwei Stunden erledigt. Bisher noch keine Reaktion. Stattdessen bringt er mir auch ein Buch: Mathias Enard: „Kompaß“, ein 400-Seiten-Wälzer.

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Sex and the Cities

Wer die Sexualität eines Menschen beschneidet, vergiftet nicht nur die Quelle seiner Triebe, er verstört zugleich auch die Klarheit seines Denkens, die Reinheit seines Fühlens und die Sensibilität seiner Sehnsucht. (Eugen Drewermann: Kleriker)

Daß die Massenzuwanderung junger Männer aus fremden patriarchalen Kulturen zu einer deutlichen Zunahme auch an sexueller Gewalt führen muß, wurde auf diesem Blog von Anfang an argumentativ begründet. Das Zerstören eines relativen demographischen Gleichgewichts führt zwangsläufig zu Spannungen. Wenn es sich dabei um ein geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht handelt, kommt es folglich auch zu sexuellen Spannungen. Umso mehr, wenn es sich um ein schnell und drastisch herbeigeführtes Ungleichgewicht handelt, umso mehr, wenn es sich dabei um die Alterskohorten der unter 30-Jährigen handelt, umso mehr, wenn verschiedene kulturelle und religiöse Paradigmen aufeinanderstoßen und umso mehr, wenn ein patriarchalisches auf ein „freiheitliches“ Verständnis stößt …

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West-östlicher Dschihad

Man kann die Geschichte des Abendlandes als eine Geschichte des (wenngleich nicht immer erfolgreichen) Versuchs schreiben, Gewalt zu minimieren. Im Hinblick auf islamische Gesellschaften wäre eine solche Perspektive absurd. (Manfred Kleine-Hartlage: Das Dschihad-System)

Als Manfred Kleine-Hartlage diese Zeilen in seinem ausgesprochen diskutablen Buch schrieb – 2010 –, da kannte er Steven Pinkers Monumentalwerk „Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit“ (engl.: The better Angels of our Nature. Why violence has declined) von 2011 (dt.: 2013) noch nicht. Auf 1200 Seiten und mit allen empirischen, statistischen und soziologischen Wassern gewaschen, versucht Pinker nachzuweisen, daß die Welt sich seit 400 Jahren und akzelerierend seit 70 Jahren auf einer globalen abwärtsweisenden Gewaltspirale befindet.

Wohin man schaut und welche Form von Gewalt man auch nimmt – von der zwischenstaatlichen Konfrontation oder Formen der Tyrannei über Mordraten, Folter, Todesstrafe, Gefängnisstrafen, Sexualverstümmelungen, Kindesmißbrauch, Homophobie, Sklavenhandel, Vergewaltigungen … bis hin zu Tischsitten und gesellschaftlichen Umgangsformen, überall scheint es eine tendenzielle Verminderung von Brutalität und Unsitten zu geben.

Das Buch erregte viel Aufsehen, denn der medial vermittelte Anschein war doch ein ganz anderer: immer mehr und immer intensiver werden wir mit Gewaltbildern weltweit versorgt.

Doch die Zahlen lügen nicht. Pinker konnte sein Buch mit beeindruckenden Diagrammen pflastern, die fast alle einen beruhigenden Abwärtstrend zeigen.

Pinker Krieg

Das Buch freilich krankt an zwei Fehlern. Es pflegt den eurozentrischen Blick und es kann das Paradox aller Geschichtsschreibung nicht lösen, daß Historie eigentlich nur im Futur II ge- und beschrieben werden kann. Erst wenn sie beendet ist, läßt sie sich schreiben, nur stellt sich dann die Frage, wer sie noch schreiben können soll. Ignorieren wir diese geschichtsphilosophische Frage (die ich an anderer Stelle ausführlich besprochen habe). Eine notwendige Zwischenlösung ist stets die Abschnittsgeschichte und Pinker ist sich dessen natürlich bewußt: Seine ganze Argumentation könnte durch einen einzigen Akt des Wahnsinns widerlegt werden. Er löst das Problem hinreichend mit der Aussage: „Dieses Buch möchte nicht hypothetische Wahrsagerei über die Zukunft betreiben, sondern die Tatsachen von Vergangenheit und Gegenwart erklären.“ Akzeptiert!

Die Frage des Eurozentrismus – ein umgestülpter Euphemismus, denn natürlich meint sie die Frage des Islam – läßt sich nicht metaphysisch wegdiskutieren. Gelten Pinkers Einsichten auch für die islamischen Länder oder hat Kleine-Hartlage mit seiner Vermutung, die nicht empirisch belegt wird, recht?

Ganze neun Seiten (539ff.) werden der Thematik gewidmet – man könnte das schon für eine Antwort halten. Aber vielleicht kennt sich der Harvard-Professor in diesem Metier einfach nicht aus? „Muslime“, schreibt er, „machen ungefähr ein Fünftel der Weltbevölkerung aus und stellen in ungefähr einem Viertel der Staaten der Welt die Mehrheit, aber 2008 waren an mehr als der Hälfte aller bewaffneten Konflikte muslimische Staaten oder Aufständische beteiligt.“ Das würde den Erwartungen entsprechen, nähme man Huntington ernst. Vom „Clash of Civilizations“ will Pinker jedoch nichts wissen, denn die größte Anzahl der Konflikte finde doch zwischen muslimischen oder innerhalb von muslimischen Gesellschaften statt.

Er sieht „in islamischen Staaten zufällig (sic!) besonders viele Risikofaktoren für Autokratie“, weil sie ärmer, größer, ölreicher sind, muß aber zugeben: „Selbst wenn man diese Faktoren in einer Regressionsanalyse konstant hält, gibt es in den Staaten mit einem größeren Anteil an Muslimen weniger politische Rechte.“

„An den Gesetzen und Praktiken vieler muslimischer Staaten scheint die Humanitäre Revolution vorbeigegangen zu sein.“ Es gibt fast überall Todesstrafen, 100 Millionen Mädchen erleiden jährlich (sic!) Genitalverstümmelungen, Ehrenmorde, Sklaverei, körperliche Züchtigungen etc. seien noch immer an der Tagesordnung. „Religiöser Aberglaube“ und ein überzogener Ehrbegriff seien dafür ebenso mitverantwortlich wie ein „beeindruckender Katalog von Kränkungen“: Kreuzzüge, Kolonisation, Israel, amerikanische Truppen in arabischen Ländern, geringe Leistungsfähigkeit im Vergleich zum Westen. Die Frage, warum das als Kränkung empfunden wird, stellt sich Pinker leider ebenso wenig wie die Frage, weshalb der vermeintliche wissenschaftliche Vorteil des Mittelalters so leichtfertig aufgegeben wurde.

Das ist die Crux an Pinkers Argumentation. Er wagt sich nicht an die Religion heran und wenn doch, dann umschifft er die Untiefen der politischen Inkorrektheit. Zwar sind die Fakten eindeutig, doch meidet der ansonsten so messerscharfe Geist die Schlüsse zu ziehen: „Die Ergebnisse (verschiedener Umfragen) bestätigen, daß die meisten islamischen Staaten sich in absehbarer Zukunft nicht zu säkularen, liberalen Demokratien entwickeln werden. Die Mehrzahl der Muslime in Ägypten, Pakistan, Jordanien und Bangladesch gab in der Umfrage an, die Scharia … solle in ihren Staaten die einzige Quelle der Gesetzgebung sein, und die Mehrheit in den meisten anderen Ländern gab an, sie solle mindestens eine der Quellen sein.“ Aber: „Religion gedeiht auf wolkigen Allegorien, einer emotionalen Bindung an Texte, die niemand liest (sic!), und andere Formen der gutartigen Heuchelei.“

Hier offenbart Pinker eine spektakuläre Unkenntnis der Welt des Islam: Es ist eine Glaubenspflicht für Muslime, den Koran zu lesen, zu studieren und zu memorieren – die man freilich auch verletzen kann. Daher entbehrt der Vergleich mit den Amerikanern – von ein paar Evangelikalen abgesehen – jeder Grundlage: „Wie die Anhänglichkeit der Amerikaner an die Bibel, so ist auch die Anhänglichkeit der meisten Muslime an die Scharia wahrscheinlich eher ein symbolisches Festhalten an moralischen Einstellungen, die sie mit den besten Seiten ihrer Kultur in Verbindung bringen und kein buchstäblicher Wunsch, Ehebrecherinnen gesteinigt zu sehen.“ Ein verräterisches „wahrscheinlich“ und ein theatralisches Beispiel entlarven den guten Willen.

Wie schnell Unwahrscheinlichkeit wahrscheinlich werden kann, zeigt die Türkei: „Manche muslimischen Staaten, darunter die Türkei, Indonesien und Malaysia, sind auf dem Weg zu einer recht liberalen Demokratie.“ Der Katholik Rodrigo Duterte, Präsident der Philippinen, mag als Gegenbeispiel dienen.

Pinker Terror

Um seine schönen Abwärtsspiralen in diesem Kontext präsentieren zu können, muß Pinker, wenn es um Terrorismus geht, etwa Afghanistan und den Irak herausrechnen – heute würde er wohl auch Syrien ausschließen müssen. Und während die zwischenstaatlichen Konflikte weltweit abnehmen, verzeichnen die islamischen Staaten einen sanften, aber kontinuierlichen Anstieg.

Wer hat nun recht: Kleine-Hartlage oder Pinker? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, das Ergebnis ist ambivalent und zukunftsoffen. Auch in den meisten islamischen Staaten dürfte es (im Moment) eine tendenziell kritische Auseinandersetzung mit vielen Formen der Gewalt geben – man kann in einer globalisierten Welt nicht so tun, als lebe man auf einer Insel – aber auch Pinkers Fazit hat noch eine gewisse Aussicht auf Realisierung: „… daß der ‚kommende Krieg mit dem Islam‘ in Wirklichkeit nie kommen wird.“

Quellen:
Kleine-Hartlage, Manfred: Das Dschihad-System. Wie der Islam funktioniert. Gräfelfing 2010
Pinker, Steven: Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt 2013