Tragik eines angekündigten Todes

Man kann im verkündigten Rücktritt von den königlichen Pflichten des Prinzen Harry und seiner Aktrice alles Mögliche sehen – um das zu ergründen, genügt eine Presseschau.

Ich sehe darin ein bedenkliches Symptom unserer Epoche: der Sieg der Freiheit über die Verantwortung und die Tradition.

Weiterlesen

Neue Grenzen der Zivilreligion

Vielleicht eine Petitesse, aber eine signifikante, die beim täglichen Presserundgang ins Auge fiel.

Ein beliebtes Argument der Integrationsproblemwahrnehmungsverweigerer-fraktion ist die Frage: „Und wo tangiert es dich?“, „Wie hat es denn dein Leben verändert?“, „Geht es dir etwa schlechter?“ und dergleichen. Besonders häufig hört man solches in netten, gut gemähten und getrimmten Eigenheimsiedlungen, in denen die Gardinen wackeln und die Telefondrähte glühen, wenn sich doch ein Mal ein Dunkelhäutiger dahin verläuft.

Weiterlesen

Sprachkompetenz

Zweisprachig aufzuwachsen ist ein Glücksfall. Kinder, die in fremden Landen heranwachsen und im elterlichen Heim einen festen und sicheren Stützpunkt haben, der sie ungezwungen auch mit der Muttersprache vertraut macht, haben enorme Vorteile für das ganze Leben. Ich kenne Familien, die sogar drei- oder viersprachig (ein Elternteil als Katalane zweisprachig) aufwuchsen und diese Herausforderung, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, meisterten. Oft lernen diese Kinder dann noch ein oder zwei Fremdsprachen in der Schule und können mit 18 auf ganz natürliche Art und Weise in fünf verschiedenen Idiomen parlieren.

Weiterlesen

Das neue Frauenbild

Was in Ungarn sofort auffällt: es gibt keine ningelnden, nörgelnden, nervenden Kinder. Zumindest habe ich noch keines gesehen. In Deutschland jedoch genügen in der Regel fünf Minuten im Stadtzentrum oder einem Einkaufspalast, um gestressten Müttern, die ihre Kleinen anblaffen, und weinenden, schreienden, zappelnden Kindern zu begegnen.

Weiterlesen

Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere.

Weiterlesen

Linke Liebe und richtige Liebe

Der aufrüttelnde – „Geschlechterrollen wurden in linken Kreisen höchstens pro forma in Frage gestellt“ – und bemerkenswert ehrliche – „ich stellte ihnen meine Vagina zur Verfügung, damit sie an und in mir ruhen und rasten konnten nach dem erschöpfenden Kampf gegen Nazis, die imperialistische Weltverschwörung und all die Bösen da draußen“ – Beitrag einer linken Feministin – ist das schon eine Platitude? – führt mich down the memory lane, weckt Erinnerungen.

Weiterlesen

Trampen in die Wahrheit

Kurz vor Nickelsdorf – jenem Ort, der im Herbst 2015 Weltgeschichte schrieb – müssen wir halten: Österreich verlangt eine Maut und clever ist es auch, in Ungarn noch einmal zu tanken.

Weiterlesen

Die Zukunft versaut

Die Suche nach „den Schuldigen“ für den Brexit nimmt absurde Formen an. Und gefährliche. Sie zeigen, daß es den Riß durch die europäischen Gesellschaften nicht gibt – es gibt viele Risse.

Brexit ageProminent wird gerade der Generationenkonflikt abgeerntet. Deutsche wie englische Gazetten überbieten sich mit Rentnerbeschimpfungen. „Die haben mir meine Zukunft geklaut“, darf ein larmoyanter Jüngling mit Kopfhörer um den Hals in der „Süddeutschen Zeitung“ gellend klagen, von „ruinierter Jugend“ faselt ein anderer auf „n-tv“, in der „Zeit“ kann man von „Alte-Säcke-Politik“ lesen und den Vogel schießt der Autor auf „Bento“ ab – eine Seite, die der Spiegel verlinkt –, der lauthals und öffentlich bedauern darf, daß „die Stimme einer 90-jährigen genauso zählt, wie die einer 21-jährigen“ und daß 16-jährige gänzlich von der Wahl ausgeschlossen waren. Am liebsten, so scheint es durch, würde man die Silberrücken entmündigen und die Jugenddiktatur einführen. „Trau keinem über 30“ sei, so findet der „Focus“, wieder aktuell.

Mathias Müller von Blumencron von der FAZ, der eigentlich auch schon ins Heim für Altersdemenz gehört – Jahrgang 60, ich bitte Sie! – fordert sogar eine „neue Rebellion“ der Jugend. Das ist ein Mißverständnis in doppelter Hinsicht. Zum einen haben wir gerade die größte Rebellion der Nachkriegsgeschichte erlebt – Millionen Halbzombies, untätowiert, haben entschlossen nach dem Rollator gegriffen, sind zur Wahlurne gewankt und haben die Rebellion gegen die Megamaschine gewählt –, zum anderen haben wir uns eine Jugend herangezogen, die vollkommen rebellionsresistent ist und bis auf weiteres bleiben wird.

All diese Ergüsse sagen viel über unsere Jugend aus. Daß man sich Zukunft, Zusammenhalt und Frieden erkämpfen und erarbeiten muß, ist den Leid-Ungeprüften vollkommen abhanden gekommen. Die Welt ist ein Selbstbedienungsladen und wehe, mein Lieblingsprodukt ist nicht vorrätig … dann kann ich gaaanz böse werden. Man hat qua Geburtsrecht im Hotel „Dasein“ Vollverpflegung gebucht, lebenslang, und wird schnell grantig, wenn der Service den gehobenen Ansprüchen nicht genügt, kümmert sich andererseits aber auch rührend um die hungernden Kinder der Welt.

Da klagt einer, daß er nun nicht mehr in alle 27 Länder reisen könne, was erstens Quatsch ist und zweitens eine Errungenschaft, die ihm jene Generationen erkämpften, die er jetzt gern ins Alterslager schicken möchte. Sie verstehen Heidegger nicht mehr: die Sorge als Existenzial zu fassen, ist ihnen unfaßbar.

Diese Jugend wurde flächendeckend zu verwöhnten Tyrannen erzogen. In einer ganzen Reihe von Büchern hat der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff das Dilemma aufzuarbeiten versucht, an dem Elterngenerationen genauso mitarbeiten wie Universitäten, Arbeitgeber, Schulen, Kindergärten und staatliche Vorgaben. Geboren aus der vergrünten und versozialdemokratisierten post-68er-Pseudo-Rebellions-Ideologie wurde das Kind mehr und mehr als Gleichberechtigter, ja sogar als Mehrberechtigter gedacht und gepampert. Die grenzenlose Erziehung führt zwangsläufig zur anerzogenen Grenzenlosigkeit, die Erfahrung des Verzichtes, der Mäßigung, der temperantia – jahrtausendlang ein Ideal und eine Tugend in allen Weisheitslehren – ist dieser Jugend weitgehend unbekannt. Entweder ich bekomme, was ich will, oder die Welt ist einfach Scheiße.

Am bedrohlichsten aber ist der hyperkinetische Effekt. Erfahrung ist kein positiver Wert mehr, stattdessen zählen „Innovation“, Neuheit, Mode, Tempo und Veränderung. Diese sind per se aller Erfahrung überlegen und deshalb sind die Alten aus dem Weg zu räumen, sofern sie nicht den hippen Heino geben. Mittlerweile kann man mit 25 Jahren Milliardär sein oder Spitzenpolitiker oder Philosophieprofessor und sollte es sogar, denn mit 30 ist der Zug schon abgefahren, gilt man schon als Trödler und verdächtig. Die immer größere Beschleunigung, die auch technisch unterstützt wird, führt zwangsläufig ins Absurde: bald wird der Enkel der Erzieher des Vaters und des Großvaters sein. Von dort ist der Weg zum kommenden Leid und Krieg nur ein Katzensprung.

Dies zugelassen zu haben, muß man den „Alten“ tatsächlich vorwerfen.

Andererseits ist der Brexit auch ein großartiges pädagogisches Fanal, eine didaktische Lehrstunde, eine wirkliche Erfahrung, sei er ansonsten, was er will.

Lektüreempfehlung:
Michael Winterhoff:
Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit
Lasst Kinder wieder Kinder sein!: Oder: Die Rückkehr zur Intuition
SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können
Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege
Persönlichkeiten statt Tyrannen: Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen
Konrad Paul Ließmann:
Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift
Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft