Was macht wirklich glücklich?

Alle Jahre wieder, wenn der World Happiness Report erscheint, grübeln deutsche Journalisten darüber nach, weshalb wohl stets die Skandinavier gewinnen und die glücklichsten Menschen stellen? Dem Wundern ist auch die Frage eingebaut: Warum nicht wir, die Deutschen, wo es uns doch seit Monaten und Jahren wirtschaftlich immer besser geht, wo die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen, die Renten sicher sind und nun sogar noch menschliches Gold importiert wird, wo alles bunter und aufregender wird?

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Warum die Deutschen?

Seit einigen Wochen gebe ich etwas Privatunterricht in Deutsch. Ein älterer Herr steht vor der Tür: Es stellt sich heraus: Er ist der Inhaber einer der größten Weingüter in dieser gottgesegneten Weingegend, promovierter Önologe. Nun, da er auf die 80 zugeht, will er sein Deutsch etwas auffrischen. Da weiß man sogleich, daß man einen wirklichen Charakter vor sich hat.

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Seelenfänger

Kurzer Heimatbesuch. Zwei Stunden bei Hussain sind fest eingeplant.

Es funktioniert noch immer zwischen uns. Küßchen links, Küßchen rechts, ein paar Floskeln, ein verschämtes Räuspern, eine Tasse schwarzer Tee – im arabischen Laden gekauft –, aber dann sind wir sofort wieder drin im Gespräch, im Eingemachten.

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Der Araber von morgen …

… ist der Titel eines Comic-Doppelbandes, der gerade in ganz Europa Furore macht. Darin beschreibt Riad Sattouf, ein syrisch-französischer Karikaturist, sensibel und hintergründig seine Kindheit in Libyen, Frankreich, vor allem aber in Syrien. Es ist ihm ein selten eindrücklicher Einblick in eine einst ferne und nun sehr nahe Welt gelungen, die kennenzulernen den meisten unter uns wohl nicht erspart bleibt. An ihrer Authentizität ist nicht zu zweifeln.

zum Glück kein Jude © Riad Sattouf/Knaus Verlag

zum Glück kein Jude © Riad Sattouf/Knaus Verlag

Auf schier magische Weise gelingt es dem Künstler, sich den Blick des kleinen Kindes zu bewahren. Es sieht oft das Nebensächliche, Kleine, Individuelle und (miß)interpretiert es in den ihm zur Verfügung stehenden Kategorien, aber gerade dadurch wird das Allgemeine unverhofft sichtbar. Was Sattouf, dem man die Liebe zu seiner Heimat durchaus anmerkt, leisten will, ist wohl dieses: dem Westen jene Menschen vorzustellen, mit denen dieser jetzt konfrontiert ist. Das läßt sich selbstredend nicht unmittelbar ins Subjektive übersetzen, doch zeigt er eine Erziehung auf, die zwangsläufig Menschen formt. Seine extraordinäre Position – halb Franzose und zudem strohblond gewesen zu sein – ermöglicht ihm einen paradox distanzierten Nahblick. (Aus meinen eigenen Begegnungen mit vielen Syrern und deren Geschichte(n) bestätigt und erklärt sich vieles, manches relativiert sich auch.)

Sattoufs Vater, ein in Frankreich zum Doktor studierter Syrer, nimmt Frau und Kind mit in die Heimat. Er ist die dominierende Figur. Die Mutter existiert und leidet nur im Hintergrund, muß sich der patriarchalen Kultur vollkommen unterwerfen. Gegensätzlicher kann man sich einen Vater nicht vorstellen. Sobald er arabischen Boden betritt, wird er eine andere Person. Gerade eben noch ein säkularer Mensch, verfällt er nun in die rituellen religiösen und patriarchalen Rituale. Alles wird zur Fassade. Rationalisierung und Selbstbetrug sind konstitutionelle Eigenschaften, ohne die man in einer wertumgewandten Welt nicht zurecht kommen kann. Einerseits sinkt er der eigenen Mutter wie ein kleines Kind in den Schoß und küßt ihr die Füße, andererseits überläßt er alle Erziehungsarbeit der eigenen Frau, wird plötzlich aber zum Angsthasen, wenn dieser einmal der Geduldsfaden reißt.

Bei seinen arabischen Verwandten beobachtet das Kind eine tief eingeprägte Bigotterie. Vorsichtig wird die Welt nach Gefahren permanent abgescannt, man beäugt sich und reagiert je nach Status. Die Großmutter etwa bekommt diesen starren Blick nach innen, sobald sie sich beobachtet fühlt – jener Blick, den streng islamisch sozialisierte fast Frauen alle eingeübt haben.

Es ist, in Stichworten, eine Welt der geistigen Enge, der Autorität und Autoritätsgläubigkeit, des Scheins und des Erscheinen-Wollens, der permanenten Gewalt und Brutalität den Menschen, Kindern und Tieren gegenüber, eine Männer- und Väterwelt, frauenverachtend, fest strukturiert, voller Intrigen, Vetternwirtschaft, Korruption, unübertretbarer Regeln und Hierarchien, eine Welt der Angst, der Verstellung und der Lüge, in der man ununterbrochen kämpfen muß und in der jeder Moment der Unaufmerksamkeit grausam bestraft werden kann. In ihr spielt die „Ehre“ der Familie eine überbordende Rolle – bis hin zum Ehrenmord. Schläge sind das täglich Brot, sei es in der Schule, unter den Kameraden oder seien es die verbalen Nackenschläge, die jeden erwarten, der einen Moment der Schwäche zeigt. Es gibt einen Waffenkult und der krudeste Antisemitismus ist allgegenwärtig. Der kleine Sattouf leidet ob seiner hellen Haare selbst unter der antijüdischen Verfolgung. Letztlich ist es eine Welt der Dummheit und des Aberglaubens, zu dem ein Volksislam unter politischer Repression verkommen ist. Hitzige Temperamente wechseln in Sekundenbruchteilen von sadistischen Machtspielen und hündischer Unterwürfigkeit, wenn es die Situation verlangt. Man kriecht und buckelt einerseits, tritt und verleumdet andererseits. …

Eine Kindheit in der Hölle? So könnte man meinen. Aber Sattouf ist nicht so eindimensional. Er selbst ist in seiner liebevollen Art ein Beispiel dafür, daß Erziehung viele Resultate zeitigen kann. Aber er warnt uns auch vor einer Generation an Einwanderern, die Resultat solcher edukativen Prozesse sein könnten. Oft sprechen die subtilen Bilder, denen man sich lange hingeben kann, eine deutlichere Sprache als das geschriebene Wort.

In der deutschen Presse wurden die beiden Bände euphorisch besprochen – doch kein Rezensent hat es gewagt, die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen. Stattdessen ist man sich einig, Sattoufs Meisterwerk würde dazu beitragen, die „syrische Krise“ besser verstehen zu können und es bestätige den soziologischen Ansatz, daß Armut, Schmutz und Dreck gesellschaftliche Strukturen verfestige. Das stimmt – doch leuchtet dieses überraschende Werk weit tiefer: es erhellt die arabische Seele, den Araber von morgen, der nun auch der Araber – unter uns – von heute ist.

Lesen!

© Sattouf/Knaus

© Sattouf/Knaus

Die Droge Glück

Vor ein paar Jahren, in einer eher dunklen Periode, erschütterte mich ein Slogan – abgedruckt auf einem Faltblatt eines Seniorenheimes: Helfen macht glücklich!

Helfen macht glücklich

Der Gedanke, so einfach wie genial, ließ mir keine Ruhe; am Tage darauf meldete ich mich im Altersheim und erhielt die Aufgabe, eine Beschäftigungsstunde zu leiten.

So traf ich mich zwei Mal die Woche mit alten Menschen, löste Kreuzworträtsel, spielte infantile Spiele, holte längst vergessene Erinnerungen hervor, hörte viel zu und erklärte die zu kompliziert gewordene Welt. Es dauerte lange, bis ich das Vertrauen eines Stammes von Menschen erobert hatte, aber dann flog mir die Liebe zu. Immer wieder hieß es auch Abschied zu nehmen – das Fehlen des einen oder der anderen wurde von den meisten schweigsam und scheinbar emotionslos hingenommen. Einmal fehlte ein vergleichsweise junger und bislang sehr interessierter Mann von 72 Jahren – man hatte ihm einen Fuß amputiert ohne daß er sich dessen wohl recht bewußt war. Danach verweigerte er jegliche Teilnahme und verhungerte quasi ein halbes Jahr später.

Trotz dieser bewegenden Geschichten schien der Slogan – Helfen macht glücklich! – sich zu bewahrheiten. Die Dankbarkeit in den Augen dieser Menschen, die eigentlich trotz perfekter Pflege, vollkommen entmündigt waren, sie aus dem tiefsitzenden Schlaf für ein, zwei Stunden zu erwecken, hatte etwas Erhebendes. Als ich die Aufgabe aufgrund innerer Stagnation und des Gefühls, ein Alibi geworden zu sein, aufgab, weinte – auch das eine Folge des Helfens – ein 93-Jähriger.

Und nun gibt es das wieder, dieses unheimliche Gefühl. Man hilft Menschen, mit denen man sich vielleicht nicht einmal unterhalten kann, ist mit anderen euphorisierten Helfern und vor allem Helferinnen zusammen und fühlt dieses Glück. Das Glück des Dankes, das sich gegenseitig hochschaukelnde Glück des Zusammengehörens, das Glück, etwas Relevantes zu tun, die satte Erschöpfung am Abend, das Ringen um  den Schlaf und mit den vielen unverarbeiteten Bildern. Es ist wie eine Droge, ein High nach dem anderen. Aber es laugt dich auch aus wie eine Droge. Nach einer gewissen Zeit fallen die Aufgeputschten, die nicht zu dosieren wissen, in sich zusammen und melden Burn out.

Man will es trotzdem, auch weil es einen für einen kurzen Moment die Gewißheit vergessen läßt – selbst wenn man das Richtige tut – vielleicht am Gesamtfalschen teilzuhaben.