Huhn oder Ei

Islam und Islamismus zu verstehen, gehört zu unseren dringendsten Aufgaben. Dazu gehört es, auf relevante Stimmen zu hören. In der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ erschien ein Artikel über und ein Interview mit Abdelkader Sadouni, einflußreicher Imam in Nizza, der Stadt des Terrors. Beides kann sehr gut dazu dienen, der Aufgabe ein klein wenig besser gerecht zu werden. (leicht gekürzt)

NizzaDer Imam von Nizza: “Die laizistische Verfaßtheit Frankreichs ist für die Attentate verantwortlich.“  

Abdelkader Sadouni, sunnitischer Prediger im Stadtzentrum: “Die Attentate sind alleinige Schuld der Franzosen.“

© Luca Steinmann/Il Giornale – 19/07/2016

Die Avenue Jean-Mèdecin, die Magistrale Nizzas, die vom Bahnhof bis zur Promenade des Anglais reicht, ist stark bevölkert. Sie wird von handtuch- und sonnenschirmbewaffneten Touristen überquert, die zum Strand gehen. Viele Einwohner Nizzas nutzen sie, um auf der Suche nach Schnäppchen von Geschäft zu Geschäft zu bummeln.

Die Bars und Restaurants sind voll und nichts läßt ahnen, daß sich die Stadt in diesem Moment im Ausnahmezustand befindet. Vor der Basilika Notre Dame treffen sich verschiedene Touristen, die die gotische Fassade photographieren.

Hinter der Kirche, genau gegenüber, wurde inmitten des historischen Zentrums eine Moschee errichtet. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich das Viertel zu einem islamischen Stadtteil entwickelt. Die Straßen werden ununterbrochen von Männern mit langen Bärten überquert, die Sandalen tragen und lange weiße Tuniken. Alle Lebensmittelläden verkaufen Halal-Produkte, die alten Weinboutiquen wurden in Islamzentren oder koranische Bibliotheken verwandelt. An der Seite der Moschee ist der Fußweg mit Modepuppen zugestellt, die lange weite Gewänder, typisch für die islamische Welt, für Frauen und Männer zu Schau stellen. Dahinter erblickt man ein Geschäft, in dessen Schaufenster neben Kinderbüchern mit Titeln wie „Warum Allah gut ist“, verschiedene Koranausgaben ausliegen.

Dieses Geschäft gehört Abdelkader Sadouni, einem malakitischen sunnitischen Imam mit algerischen Wurzeln, der nun schon seit einigen Jahren das Gesetz Allahs in Frankreich predigt. Immer wieder treten verschiedene Gruppen von Gläubigen ein, um irgendein Produkt zu erwerben, streng islamisch, oder um Rat einzuholen. Es sind Tage, in denen die muslimische Gemeinschaft Nizzas unter großem Druck steht und viele fragen den Imam, wie sie sich verhalten sollen. Der antwortet, man solle sich ruhig verhalten und das Wort Mohammeds weiterhin verbreiten. „Wir tragen für das, was passiert ist, keine Verantwortung – schuldig sind andere“, sagt er.

Abdelkader Sadouni ist einer der am meisten gehörten Prediger Nizzas. Seine Popularität verdankt er seinen Predigten in der Moschee, seinem Geschäft im Zentrum des Viertels, aber auch einer privilegierten Beziehung zu Christian Estrosi, dem ehemaligen Bürgermeister und dem heutigen Regionalpräsidenten. In diesen Tagen wird Estrosi für seine zweideutigen Kontakte mit radikalen Muslimen angegriffen, für Sadouni sind das allerdings nur fruchtlose Polemiken.

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Nizza ist die Hauptstadt der europäischen foreign fighters. Mehr als 100 junge Männer der islamischen Kommune sind nach Syrien gereist. Sie sind einer der bedeutendsten Anlaufpunkte dieser Gemeinschaft. Wie erklären Sie das Phänomen?

In den letzten Jahren waren wir regelmäßig Zeuge der Ausreise nach Syrien vieler junger Muslime aus Nizza, die oft sogar Frauen und Kinder mitnehmen. In den meisten Fällen handelt es sich um Personen, die alle Annehmlichkeiten der französischen Staatsbürgerschaft genießen und trotzdem entscheiden sie sich, die Côte d’Azur zu verlassen, um an einem bewaffneten Konflikt teilzunehmen, und das Risiko einzugehen, das eigene Leben und das der Familien aufs Spiel zu setzen. Das beweist das Versagen der französischen Politik im Hinblick auf den Islam. Die Diskriminierung der französischen Muslime, die islamophoben Attacken und das Verbot, die religiösen Symbole öffentlich zu nutzen, sind die Motive, die jene Jugendlichen dazu treibt, sich nicht als Teil der Gemeinschaft zu empfinden und sich zu entscheiden, sich mit jenen zusammenzuschließen, die sie als Ihresgleichen wahrnehmen. Meiner Meinung nach ist die Situation der Muslime in Frankreich der ausschlaggebende Faktor, der diese Leute in den Kampf treibt. Solange es nur so wenige Moscheen gibt, solange deren Konstruktion Proteste erregt, solange Muslime diskriminiert werden, so lange wird es diese Reaktionen geben. Zwar sicherlich falsche Reaktionen, aber eben reale und in deren Anbetracht muß man jene Phänomene ausrotten, die diese hervorbringen.

Sie klagen also das französische System an, für die Explosion des bewaffneten Djihadismus verantwortlich zu sein? Meinen Sie nicht, daß es auch interne Verantwortlichkeiten der muslimischen Kommune gibt?

Das Problem der muslimischen Kommune ist, daß sie keinen Platz im Inneren der französischen Gesellschaft findet. Frankreich ist ein laizistisches Land, das sich der Förderung der Religion und ihrer Manifestationen widersetzt. Indem sie das tut, treibt sie den Islam in einen Winkel, die Muslime werden diskriminiert und attackiert, nur weil sie ihren eigenen Glauben leben wollen. Das Problem ist nicht die muslimische Gemeinschaft, sondern die mangelnde Bereitschaft, ihr mehr Raum zu geben.

Die Laizität ist allerdings das Fundament der französischen Republik und der Werte, die die Revolution und die Aufklärung bejaht haben …

Die Laizität wäre ein richtiges Prinzip, wenn sie die Freiheit des Kultes für alle garantierte. Das geschieht gerade nicht. Die heutige Laizität ist ein Extremismus, der dazu tendiert, alle Religionen auszumerzen. Die Christen haben sich daran gewöhnt, die Muslime machen das nicht, weil es eine Ungerechtigkeit wäre. Wenn die Laizität weiterhin so angewandt wird wie heute, wird der Wunsch, sich unter Muslimen, die nach Syrien gehen, zu vereinen, in vielen Jugendlichen sehr stark erhalten bleiben.

Sie verstehen also die Gründe derjenigen, die in den Djihad ziehen?

Ja, ich verstehe sie, aber ich rechtfertige sie nicht. ISIS repräsentiert eine starke und gewalttätige Identität, die deshalb viele junge Menschen anzieht. Menschen, die sich nicht als Teil Europas verstehen, sind weniger durch ihre eigenen Anfänge als durch die eigenen religiösen Wurzeln angezogen.

Sie sind ein sehr bekannter Imam in Nizza und Sie werden sicherlich von vielen jungen Leuten angesprochen, die Ihnen den Willen, zu ISIS zu gehen, deutlich machen. Was sagen Sie denen?

Ich sage, daß ISIS nicht der Islam ist und daß die Unterstützung, die sie ihm geben, nicht gerechtfertigt ist. Ich lade sie ein, mir in die Moschee zu folgen, wo sie die Botschaft des Propheten wirklich verstehen können und sich nicht in falsche Interpretationen des Korans verstricken, die sie oft im Internet aufschnappen.

Die Daten der Gendarmerie zeigen jedoch, daß fast die Gesamtheit derjenigen, die abgereist sind, sich in der Moschee radikalisiert haben, oft durch Predigten radikaler Imame. Wenn Sie ISIS bekämpfen wollen, müßten Sie doch versuchen zu verhindern, daß sich bestimmte Arten von Botschaften in den Kultorten übermittelt werden.

Ich stimme zu. Wir müssen verhindern, daß bestimmte falsche Interpretationen sich verbreiten. In Nizza gibt es viele verschiedene Gruppen von Muslimen, wie die Salafisten und die Muslimbrüder, zu denen ich nicht gehöre. Man muß darauf aufmerksam machen, denn die Gesetze des Islam finden in den Moscheen wie in der Gesellschaft Platz ohne den Terrorismus berühren zu müssen. Der erreicht nichts anderes, als die Attacken, die wir Muslime ohnehin schon erfahren, zu vermehren.

Sie sagen, daß nicht alle Muslime gleich sind und daß ISIS ein Feind ist. Denken Sie also, daß es notwendig sei, jene muslimischen Kräfte zu unterstützen – wie etwa das Syrien Assads – die gegen die Terroristen kämpfen?

Nein, das denke ich nicht. Ich denke, daß es hingegen notwendig ist, die Finanzen der Terroristen zu treffen. Mittlerweile wissen wir doch alle, daß Katar und Saudi-Arabien ISIS finanziert haben – man müßte verhindern, daß die Finanzierungen und Nachschübe die Krieger erreichen. Wie man auch die Finanzierung anderer terroristischer Gruppen abschneiden müßte, die den Terror im Nahen Osten im Kampf gegen ISIS verbreiten. Man müßte zum Beispiel versuchen zu verhindern, daß der Iran weiterhin die Hisbollah finanziert, die ihrerseits eine terroristische Vereinigung ist.

Sie verurteilen die Konstitution und die französischen Gesetze. Mit welchen anderen Gesetzen wollen sie das ersetzen? Mit denen des Korans?

Die Scharia ist Gottes Gesetz, nicht das Gesetz des Staates. Ich identifiziere mich mit der französischen Nation und ich möchte, daß diese Gesetze förderte, die es den Gläubigen gestatten, im öffentlichen und privaten Leben das göttliche Gesetz zu leben.

Quelle:
Il Giornale: L’imam di Nizza: „La laicità francese è responsabile per gli attentati“, 19.7.2016

 

Die letzten Reserven

Im Anschluß an das letzte terroristische Großereignis, die Todesfahrt eines französischen Bürgers muslimischen Glaubens und tunesischer Herkunft in Nizza, gab es eine Meldung, deren wahre Bedeutung offenbar nur wenigen aufgegangen ist. Man hat sie gebracht, auch in den deutschen Medien, aber man hat sie nicht kommentiert, wie das ansonsten üblich ist. Dabei beweist sie mehr als alles andere den wahren Zustand unserer europäischen Demokratien, zumindest den unseres westlichen Nachbarn; aber was derzeit in Frankreich und Belgien geschieht – daran kann kein Zweifel bestehen – wird die Zukunft aller Länder sein, die ähnliche Einwanderungsentwicklungen zulassen. Die tausendfachen in großer Selbstverständlichkeit vorgebrachten Allahu-Akbar-Rufe aufgebrachter Türken vor deutschen Rathäusern und Botschaften in Deutschland sind nur eines von vielen Indizien.

Berlin

Stuttgart

Bielefeld

Die Meldung lautet: „Frankreich ruft Bürger zum Reservedienst auf“. Gedient oder ungedient, mit militärischer Ausbildung oder ohne, „patriotische Bürger“ – das wäre in Deutschland schon fast unsagbar – sollten sich melden.

Was heißt das anderes, als daß der demokratische Rechtsstaat an seinen Reserven kratzt. Die Substanz der Wehrhaftigkeit ist weggespart, pazifiziert, gegendert, entmannt, verweichlicht, fortdiskutiert, ist aufgebraucht im Angesicht einer massiven und doch diffusen Bedrohung. Die Exekutive des Staates kann ihre Bürger nicht mehr schützen. Es genügen drei mittelgroße Attentate und die Leistungsgrenze ist erreicht.

Noch ist die Stimme leise, ein fernes Flüstern vielleicht, aber die Männer (und Frauen) auch dieses Landes sollten damit beginnen, sich die Frage zu stellen: Wie werde ich entscheiden, wenn das Vaterland ruft? In Frankreich ist es schon soweit.

Bringt es auf den Punkt: Zeller Zeitung

Bringt es auf den Punkt: Zeller Zeitung

Terror als Ausweg

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

Der „schöne Tod“ war einst ein Ideal der stoischen Philosophie. Der Weise entschied nach langer Meditation und ohne äußeren Drang den Tod als natürlich und unabänderlich zu akzeptieren und bestimmte selbst den Zeitpunkt. Schon Sokrates machte es vor, als er das Ansinnen seiner Jünger, den Todestrakt zu fliehen, ablehnte und gleichgültig den Schierlingsbecher leerte. Der Stoiker Seneca war einer der großen Sterbemeister – er schnitt sich in aller Seelenruhe die Pulsadern auf. Es gab vor allem zwei Todesarten, die den Stoiker überzeugten: Verhungern und Verbluten – in beiden Fällen war die Irreversibilität aufgehoben, konnte die Entscheidung bis zuletzt freiheitlich bestimmt rückgängig gemacht werden, war Reue nach der Tat also ausgeschlossen. Freitod ist der treffende Begriff dafür.

Aber dieses Ideal wird selten erreicht. Selbstmord ist in den allermeisten Fällen eine Verzweiflungstat, die keiner wohlüberlegten und philosophisch durchdachten freien Entscheidung, sondern meist psychisch determinierten Zwängen folgt. Die moderne Gesellschaft bringt immer mehr Menschen an den Rand dieser Verzweiflung – die Ursachen sind komplex.

Muslimen allerdings – die statistisch gesehen vermutlich unter den gleichen Zwängen, Ängsten, Depressionen, Frustrationen und Sinnentleerungen leiden – steht dieser Weg nicht offen. Koran und Hadithe sind hier eindeutig: „Und tötet euch nicht selbst. Siehe, Allah ist barmherzig gegen euch. Und wer das in Frevelhaftigkeit und Ungerechtigkeit tut, den werden Wir ins Feuer stoßen; und das ist Allah ein leichtes.“ (Sure 4.30f.) oder: „Jemand der sich erdrosselt, erdrosselt sich für die Hölle. Jemand der sich selber ersticht, der ersticht sich für die Hölle.“(Bukhari 2.23.446) u.a. Das Höllenfeuer droht und die meisten Muslime fürchten das Höllenfeuer mehr als irgend etwas, auch mehr als den Tod.

Turkmenistan und Mauretanien liegen als erste islamische Länder mit einer Quote von 8,5 Suiziden auf 100 000 Ew. weit abgeschlagen auf Rang 55 der Weltsuizidliste, andere arabische Länder geben sogar Null Prozent an.

Nur für den Märtyrer gilt das nicht unbedingt – so lehren es die heiligen Bücher und verschiedene Schulen: „Jeder, dessen Füße für die Sache Allahs mit Staub bedeckt werden, wird vom Fegefeuer unberührt bleiben.“ (Bukhari 4.52.66) oder: „‘O Prophet Allahs! Wer ist der Beste unter den Gläubigen?‘ Allahs Prophet antwortete: ‚Ein Gläubiger, welcher sein Äußerstes hergibt für die Sache Allahs mit seinem Leben und seinem Besitz.‘“ (Bukhari 4.52.45)

Wer, so glauben einige – ganz grob verallgemeinert –, für die Sache des Islam sein Leben gibt, kommt direkt ins Paradies. Damit werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Höllenfurcht wird „besiegt“ und eine Abkürzung ins Paradies geboten und die eigene Lebenssattheit kann positiv instrumentalisiert werden.

Was also liegt näher, als immer öfter auf Menschen zu treffen, die diese Verbindung herstellen werden, die glauben und sich einreden – denn natürlich ist es gegen die koranische Urintention – als Märtyrer (sprich Selbstmordattentäter) im Glaubenskampf durchzugehen, wenn sie sich medienwirksam an Flughäfen in die Luft sprengen oder sich in Lastkraftwagen oder Nachtklubs oder an Badestränden erschießen lassen?

Wir werden vielleicht in Zukunft verstärkt mit diesen „Märtyrern“ zu tun zu haben, die weder im Solde des „Islamischen Staates“ stehen, noch durch Geheimdienstarbeit auffindbar sind. Es könnten ganz einfach irregeleitete Irre falsch verstandenen und instrumentalisierten – aber auch ermöglichenden! – muslimischen Glaubens sein.

Katastrophenerwartung

Es kommt in diesen Überlegungen der Topos ‚Aus Schaden wird man klug‘, makaber aufgebläht, ins Spiel, und ein apokalyptisch überhöhtes ‚Wer nicht hören will, muß fühlen‘ hat unverkennbar daran seinen Anteil.“ (Sloterdijk)

Geht es nur mir so? Seit Monaten stehe ich morgens auf und schaue als erstes in den Netz-Gazetten nach, ob über Nacht die große Katastrophe stattgefunden hat, ob es wirklich relevante Neuigkeiten gibt. Und die schöne neue Welt hat mich nicht enttäuscht: Paris, Köln, Brüssel, Brexit …, um nur die ikonischen Ereignisse zu nennen. (Nicht zufälligerweise muß ich heute Nizza einfügen – die Zeilen sind zwei Wochen alt.)

Was nur haben fast alle diese Supergaus gemeinsam, direkt oder indirekt?

Den Schock begleitet auch eine perverse Bestätigung, für die ich mich fast ein wenig schäme, eine heimliche Schadenfreude. Dann die unausgesprochene Frage: Wacht man nun endlich auf?

Und die Gewißheit, daß morgen wieder etwas passieren kann, etwas noch Größeres, noch Schrecklicheres, noch Schockierenderes und noch …

Der Araber von morgen …

… ist der Titel eines Comic-Doppelbandes, der gerade in ganz Europa Furore macht. Darin beschreibt Riad Sattouf, ein syrisch-französischer Karikaturist, sensibel und hintergründig seine Kindheit in Libyen, Frankreich, vor allem aber in Syrien. Es ist ihm ein selten eindrücklicher Einblick in eine einst ferne und nun sehr nahe Welt gelungen, die kennenzulernen den meisten unter uns wohl nicht erspart bleibt. An ihrer Authentizität ist nicht zu zweifeln.

zum Glück kein Jude © Riad Sattouf/Knaus Verlag

zum Glück kein Jude © Riad Sattouf/Knaus Verlag

Auf schier magische Weise gelingt es dem Künstler, sich den Blick des kleinen Kindes zu bewahren. Es sieht oft das Nebensächliche, Kleine, Individuelle und (miß)interpretiert es in den ihm zur Verfügung stehenden Kategorien, aber gerade dadurch wird das Allgemeine unverhofft sichtbar. Was Sattouf, dem man die Liebe zu seiner Heimat durchaus anmerkt, leisten will, ist wohl dieses: dem Westen jene Menschen vorzustellen, mit denen dieser jetzt konfrontiert ist. Das läßt sich selbstredend nicht unmittelbar ins Subjektive übersetzen, doch zeigt er eine Erziehung auf, die zwangsläufig Menschen formt. Seine extraordinäre Position – halb Franzose und zudem strohblond gewesen zu sein – ermöglicht ihm einen paradox distanzierten Nahblick. (Aus meinen eigenen Begegnungen mit vielen Syrern und deren Geschichte(n) bestätigt und erklärt sich vieles, manches relativiert sich auch.)

Sattoufs Vater, ein in Frankreich zum Doktor studierter Syrer, nimmt Frau und Kind mit in die Heimat. Er ist die dominierende Figur. Die Mutter existiert und leidet nur im Hintergrund, muß sich der patriarchalen Kultur vollkommen unterwerfen. Gegensätzlicher kann man sich einen Vater nicht vorstellen. Sobald er arabischen Boden betritt, wird er eine andere Person. Gerade eben noch ein säkularer Mensch, verfällt er nun in die rituellen religiösen und patriarchalen Rituale. Alles wird zur Fassade. Rationalisierung und Selbstbetrug sind konstitutionelle Eigenschaften, ohne die man in einer wertumgewandten Welt nicht zurecht kommen kann. Einerseits sinkt er der eigenen Mutter wie ein kleines Kind in den Schoß und küßt ihr die Füße, andererseits überläßt er alle Erziehungsarbeit der eigenen Frau, wird plötzlich aber zum Angsthasen, wenn dieser einmal der Geduldsfaden reißt.

Bei seinen arabischen Verwandten beobachtet das Kind eine tief eingeprägte Bigotterie. Vorsichtig wird die Welt nach Gefahren permanent abgescannt, man beäugt sich und reagiert je nach Status. Die Großmutter etwa bekommt diesen starren Blick nach innen, sobald sie sich beobachtet fühlt – jener Blick, den streng islamisch sozialisierte fast Frauen alle eingeübt haben.

Es ist, in Stichworten, eine Welt der geistigen Enge, der Autorität und Autoritätsgläubigkeit, des Scheins und des Erscheinen-Wollens, der permanenten Gewalt und Brutalität den Menschen, Kindern und Tieren gegenüber, eine Männer- und Väterwelt, frauenverachtend, fest strukturiert, voller Intrigen, Vetternwirtschaft, Korruption, unübertretbarer Regeln und Hierarchien, eine Welt der Angst, der Verstellung und der Lüge, in der man ununterbrochen kämpfen muß und in der jeder Moment der Unaufmerksamkeit grausam bestraft werden kann. In ihr spielt die „Ehre“ der Familie eine überbordende Rolle – bis hin zum Ehrenmord. Schläge sind das täglich Brot, sei es in der Schule, unter den Kameraden oder seien es die verbalen Nackenschläge, die jeden erwarten, der einen Moment der Schwäche zeigt. Es gibt einen Waffenkult und der krudeste Antisemitismus ist allgegenwärtig. Der kleine Sattouf leidet ob seiner hellen Haare selbst unter der antijüdischen Verfolgung. Letztlich ist es eine Welt der Dummheit und des Aberglaubens, zu dem ein Volksislam unter politischer Repression verkommen ist. Hitzige Temperamente wechseln in Sekundenbruchteilen von sadistischen Machtspielen und hündischer Unterwürfigkeit, wenn es die Situation verlangt. Man kriecht und buckelt einerseits, tritt und verleumdet andererseits. …

Eine Kindheit in der Hölle? So könnte man meinen. Aber Sattouf ist nicht so eindimensional. Er selbst ist in seiner liebevollen Art ein Beispiel dafür, daß Erziehung viele Resultate zeitigen kann. Aber er warnt uns auch vor einer Generation an Einwanderern, die Resultat solcher edukativen Prozesse sein könnten. Oft sprechen die subtilen Bilder, denen man sich lange hingeben kann, eine deutlichere Sprache als das geschriebene Wort.

In der deutschen Presse wurden die beiden Bände euphorisch besprochen – doch kein Rezensent hat es gewagt, die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen. Stattdessen ist man sich einig, Sattoufs Meisterwerk würde dazu beitragen, die „syrische Krise“ besser verstehen zu können und es bestätige den soziologischen Ansatz, daß Armut, Schmutz und Dreck gesellschaftliche Strukturen verfestige. Das stimmt – doch leuchtet dieses überraschende Werk weit tiefer: es erhellt die arabische Seele, den Araber von morgen, der nun auch der Araber – unter uns – von heute ist.

Lesen!

© Sattouf/Knaus

© Sattouf/Knaus

Es lebe der Terror!

Hurra, wir haben einen rechtsextremen Terroristen!

Ukrainische Polizei nimmt einen Franzosen fest, der mit 125 kg TNT (!), drei Raketenwerfern (!), fünf Maschinengewehren (!) und jeder Menge Munition im Gesamtwert von 250000 Euro (!) an der Grenze zu Polen festgenommen wurde.

Kaufrausch in der Ukraine

Kaufrausch in der Ukraine – frisch und sauber verpackt

Damit habe er Angriffe auf die EM in Frankreich geplant, bis zu 15 (!), auf Synagogen, Moscheen, Brücken, Autobahnen, Polizeistationen, Behördengebäude und „zahlreiche andere Orte“ – fehlt noch was?  Ein Tausendsassa! Ein Breivik im Quadrat. Und er ist ein Rechter, denn man hat ein T-Shirt bei ihm gefunden (!) Und die Polizei hat auch gleich ein Video seiner Festnahme dabei und überhaupt hat sie alles schön sauber aufgezeichnet. Frühere Interviews (sofern echt) des Mannes tauchen auf, wo er mit ukrainischen Soldaten trainiert, um gegen die „russische Invasion Europas“ zu kämpfen. Sein ganzes Leben scheint gut dokumentiert. Ein Traum für Verschwörungstheoretiker.

Der Mann kennt auch alle alarmauslösenden Schlagworte auswendig: Er ist gegen den „Zuzug von Ausländern“, die „Islamisierung“ und die „Globalisierung“.

Deutsche Medien springen mit großer Befriedigung zu gern auf diesen Zug auf. Das Evangelium an alle Franzosen und europäischen Fans lautet: Ihr müßt euch nicht nur vor islamischem Terror fürchten – die Muslime sind nicht so –, sondern auch von rechts droht Gefahr. Schluß mit dem Rassismus!

Und weil rechtsextrem sich schon ein bißchen wie rechtspopulistisch (AfD), rechtskonservativ (AfD), rechtsradikal (AfD) und ähm, rechtsextrem (AfD) anhört, nennt man ihn gern auch rechtsextrem. Einfach nur „Verbrecher“ hätte es nicht getan. So bleibt die Verknüpfung immer hängen.

Aber merkt denn niemand, daß an dieser Sache etwas nicht stimmt? Wo hat der Besamungstechniker das Geld her? Wie will er allein 15 Anschläge verüben? Wie soll das zehn Tage vor der EM organisatorisch geleistet werden? Wieso zeigt man uns ein amateurhaftes, sichtbar einstudiertes Video? Ist der Mann blind, daß er einen Kameramann neben seinem Auto nicht erkennt? Wieso läßt dieses Superhirn ein rechtsradikales T-Shirt herumliegen? (Fehlt nur noch, daß es das Lambda der „Identitären“ zeigt.) Wo kann man in der Ukraine Raketenwerfer kaufen?  … Was bezwecken die Ukrainer damit? Wieso verhält sich die französische Presse eher bedeckt? Wieso scheint der französische Geheimdienst nichts gewußt zu haben? Warum standen die Anschläge „unmittelbar bevor“, obwohl er noch nicht mal in Polen war? Wo kommen die wunderbaren Photos aus dem Privatleben – mit Knarren in der Hand, freundlich in die Kamera lächelnd – her? … Fragen über Fragen.

Nicht, daß ich Terror aus allen Richtungen für unwahrscheinlich hielte – im Gegenteil, er ist voraussagbar und er wird so sicher kommen wie das „Amin“ in der Moschee von nebenan, aber uns eine derartig hanebüchene Geschichte auf diese Art und Weise zu präsentieren, ist schon ein dreistes Stück, selbst wenn sie wahr ist.

Entweder der Mann ist Teil einer riesigen Organisation – wovon bisher kein Wort gefallen ist – oder an der Geschichte stinkt etwas. Sie ist so ungewöhnlich, so untypisch und abstrus, daß man Hintergedanken bekommen kann.

Mit einem umgekehrten McLuhan könnte man meinen: Die Botschaft ist das Medium.