Das Rätsel Ungarn

Wer glaubt, Ungarn sei das gelobte Land, der irrt!

Es ist viel schwerer, an die Problemzonen eines Landes heranzukommen als die positiven Differenzen zu bemerken. Der andere Umgang mit der Geschichte, der Erinnerung, der Tradition, der Nation, mit den Kindern, mit der Einwanderung, die anderen Sitten, Gebräuche und all das wurde hier bereits thematisiert. Man könnte meinen, die Ungarn seien wunschlos glücklich. Weit gefehlt!

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Die schwedische Katastrophe

Der schwedische Fernsehsender S4 deckte in seinem Programm „Kalla Fakta“ weitere Hintergründe der schwedischen Katastrophe auf. Schauen wir eine Minute schwedisches TV:

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Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Einen besonders intrikaten Gedanken versucht Karl Heinz Bohrer zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe.

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Haß im Netz

Kompaktes Wissen für kluge Köpfe“ – so heißt eine Video-Serie bei der FAZ, in der „die Welt“ in anderthalb Minuten erklärt wird. Folge 3: „Haß im Netz“

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Was heißt konservativ?

Begeistert streicht ein japanischer Tourist im Quadrangle der University of Oxford über den englischen Rasen. „Wie machen Sie das nur?“, fragt er den Gärtner. „Das ist ganz einfach. Man muß nur 100 Jahre lang jeden Tag den Rasen mähen.“

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Cat Stevens und das Ende der Kunst

Menschen meiner Generation haben meist sehr angenehme Erinnerungen an Cat Stevens. „Die sensibelsten Frauen“, wie Giovanni di Lorenzo in einem Interview mit dem Künstler gestand, legten meist eine seiner Platten auf, zündeten eine Kerze an, gossen ein Glas Wein ein … der Rest ist Geschichte, sweet, sweet memory bis … „Morning has broken“.

Dabei ist der einstige Superstar ein paradigmatisches Beispiel für die unheilige Verbindung von Kunst und Islam. Es lohnt, seiner Geschichte – übrigens nicht nur aus diesem Grund – ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

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Drei auf einen Schlag

Besser kann man die Differenz der Welten nicht auf den Punkt bringen: „Forscher brauen Bier aus Urin“. So die Botschaft einer kleinen Zeitungsnotiz, die man früher überlesen hätte, bei der man heute sofort einhakt. Eine Zeile, die den Westen – man mag von ihm halten, was man will – positiv definiert, wie sie den islamischen Osten  negativ kennzeichnet.

img287Bier – Alkohol ist natürlich verboten im Islam, harām und unrein. In sehr seltenen Auslegungen wird das Verbot nur für Alkohol aus Trauben in Anspruch genommen. So hat ein Gelehrter der Al-Azhar Universität Kairo kürzlich das Brauen und den Genuß von Bier erlaubt, wenn es nicht zur Bewußtseinstrübung genutzt wird.

Urin – Während man vor ein paar Jahren in Deutschland den Urin als Heilmittel wiederentdeckte – Titel wie „Urin, ein ganz besonderer Saft“ oder „Lebenssaft Urin“ waren Bestseller, Hunderttausende versuchten sich daran, ihren eigenen Morgenurin zu trinken – gelten die Körperausscheidungen im Islam traditionell als unrein, najāsa. Laut Bukhari wählte Mohammed folgendes Beispiel, als er über die Peinigung der Sünder in den Gräbern befragt wurde: „Als der Prophet an zwei Gräbern vorbeiging, sagte er: ,sie werden gepeinigt! Aber sie werden nicht wegen schwerwiegender Verfehlungen gepeinigt.‘ Dann sagte er: ‚Doch, sicher! Der eine der beiden hat üble Nachrede (namiimah نميمة) verbreitet, während der andere sich von seinem Urin-Rest nicht gereinigt hat.‘“

Forscher – laut dem Arab Human Developement Report von 2002 exportierte die gesamte arabische Welt weniger Industrieprodukte als die Philippinen, lag die Zahl der angemeldeten Patente bei 2% deren von Südkorea, und die Zahl der ins Arabische übersetzten Bücher entsprach einem Fünftel der ins Griechische übersetzten (Pinker). In einem Jahr werden mehr Titel ins Spanische übertragen als in den letzten 1000 Jahren ins Arabische (Steyn). Das Trinity-College in Oxford hat drei Mal mehr Nobelpreisträger hervorgebracht als die gesamte arabische Welt (Dawkins). Der britische Historiker David Starkey faßte das so zusammen: „Nothing has been written in Arabic that matters for at least the last five centuries.”

Man kann es drehen und wenden wie man will und es mag viele Ursachen haben, aber die islamische Welt ist bis heute wesenhaft bildungs- und forschungsfeindlich, von punktuellen militärischen Interessen abgesehen. Der Großteil der geistigen Energie wird in Koran- und Schariaexegese investiert. Ein Interesse am internationalen Forschungsstand in Natur- und Geisteswissenschaften ist weitgehend absent.

PS: Das alles nur idealiter – realiter gibt es selbstverständlich auch in arabischen Ländern Kläranlagen, die menschliche Ausscheidungen zu frischem Trinkwasser recyceln.

Boris Bashing

Erster Paukenschlag der neuen britischen Premierministerin Theresa May war die Ernennung Boris Johnsons zum Außenminister des Landes. Die deutschen Medien haben sich seit Wochen auf breiter Front gegen Johnson aufgebaut – sie halten ihn für den Verantwortlichen des Brexit. Aber auch Johnson hatte nur eine Stimme und wir wissen noch nicht einmal – bei seinem Sinn für Humor – an wen die ging.

Entsprechend wird die Schußfrequenz erhöht und die Wahl skandalisiert. Genüßlich läßt man etwa den SPD-Sympathieträger Stegner granteln: „Frau May wirkt schwächer durch eine solche Personalentscheidung“ und gleich nachtreten: Johnson sei nicht als guter Diplomat bekannt, „jetzt verhandelt er den Brexit. Gute Reise!“ In dieser zynisch-beleidigten Tonlage könnte man durch verschiedene Parteien fortsetzen.

Die „Zeit“ tut es auf ihre Weise, indem sie eine Kompilation vermeintlicher diplomatischer faux pas Johnsons unter der Überschrift „Der Diplomatie-Stümper“ präsentiert. Einige Highlights: Dem „teilweise kenianischen“ Präsidenten Obama bescheinigte Johnson eine „angestammte Abneigung gegen das britische Empire“, weil dieser es gewagt hatte, „eine Büste von Winston Churchill umzustellen.“ Hillary Clinton fiel bei Johnson wegen ihres Aussehens in Ungnade. Sie erinnere ihn an eine „sadistische Krankenschwester in einer Psychiatrie“. Selbst vor Donald Trump, der vom Aussehen und dem Grad der Exzentrizität mit Johnson verwandt sein könnte, machte Johnson nicht halt: „Der einzige Grund, warum ich manche Teile von New York meiden würde, ist, daß man dort auf Donald Trump treffen könnte.“

Schließlich hat er sich gnädig über Präsident Wladimir Putin geäußert. „Auch wenn er ein wenig wie Dobby der Hauself aussieht, ist er ein rücksichtsloser und manipulativer Tyrann“.

Erdogan bekam auch sein Fett in Form eines Gedichtes weg: „There was a young fellow from Ankara / Who was a terrific wankerer / Till he sowed his wild oats / With the help of a goat / But he didn’t even stop to thankera.”

Und selbst mit mighty China legte er sich an: Bei den Schlußfeierlichkeiten der Olympischen Spiele in Peking pries er 2008 die ehrenwerten Gastgeber. Allerdings müsse man doch noch sagen dürfen, daß Tischtennis im 19. Jahrhundert an britischen Eßtischen erfunden wurde. „Das war so. Und es wurde wiff waff genannt.“

Ich kann nicht anders als mich schieflachen, wenn ich diese „Enthüllungen“ der deutschen Presse und Politik lese. Sie zeugen von einer kompletten Unkenntnis der englischen Seele und von deren begnadetem Mutterwitz. Vielleicht muß man lange im Vereinigten Königreich gelebt haben, um diesen genialen Humor genießen zu können. Niemand weiß, ob und wie Johnson diese wichtige Rolle ausfüllen wird, aber Theresa Mays Spielzug könnte der Beginn einer originellen Kombination auf dem politischen Schachbrett sein. Kombinationen sind freilich schwer bis zum Ende durchzurechnen und hängen manchmal vom Geschick des Partners/Gegners ab.

Aber eine Idee der unterschiedlichen Mentalitäten kann jeder bekommen, der sich die Zeit nimmt, Camerons letzte „Prime Ministers Questions“ im Unterhaus anzuschauen und diese humor-, esprit- und rhetorikgeladene halbe Stunde mit jeder beliebigen Bundestagssitzung zu vergleichen.

Diese scharfsinnige Schlagfertigkeit, Intelligenz und Ironie ist auch Produkt der in den deutschen Medien gern gescholtenen elitären Erziehung, die neben Politik und Wirtschaft seit Jahrhunderten auch die englische Kultur bereichert und definiert. Man wird sie kaum von einer ehemaligen FDJ-Sekretärin erwarten dürfen.

Slide Show: Best of BJ

Die Angst nach dem Brexit

Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!
Das Alles von Heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stoßen! (Nietzsche: Zarathustra)

Vor wenigen Tagen hatte ich mich aus dem Fenster gelehnt und verkündete: die bewußt geschürte Angst vor dem Ungewissen wird die Briten mehrheitlich für den Verbleib in der EU stimmen lassen. Es ist anders gekommen:  viele Briten haben einen unglaublichen Mut bewiesen! Die Kluft zwischen „dem kleinen Mann“ und der medial-politischen Sphäre wurde unterschätzt, weil erstere keine Stimme in letzterer hatte.

Niemand sollte sich darüber freuen, auch die Wahlgewinner nicht. Es ist wie nach einer gescheiterten Ehe: Es mag Erlösung sein, aber trotzdem gibt es Grund zur Trauer.

Der „Spiegel“ freilich – und mit ihm andere – kommt aus seiner Affekt-Denke nicht heraus und kommentiert die Niederlage erneut als angstgetrieben. Diesmal sind es „die Fremden“, vor denen Angst geschürt worden sei. Dabei ist schon der Eingangssatz fast aller Artikel falsch: Nicht die Briten haben abgestimmt, nicht die Briten wollen den Brexit, sondern nur die Hälfte der Briten und ein paar Zerquetschte. Das ist das systematische Risiko der demokratischen Mehrheitsentscheidung: sie kann ein Volk mitten hindurch zerreißen! Die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Entschlußform wird erneut diskutiert werden müssen. Auch die Gewinner haben heute Nacht verloren und die Verlierer gewonnen.

Was der Brexit letztendlich bedeutet, kann niemand wissen. In einer inflammablen Atmosphäre kann jede Null zu einem Herostratos avancieren.

David Cameron hat sich verzockt. Er war der Meinung, die Stimmung in seinem Lande zu kennen, und er war überzeugt, die Extrawürste, die er sich durch die Eurokratie hat braten lassen, wären genug, um den britischen Völkern das Maul zu stopfen. Dabei hat er die Aversionen unterschätzt, die er dadurch auch unter den Landsleuten auslöste. Spätestens als Boris Johnson – den viele Briten für charismatisch halten, weil er ein Original ist – sein Gegenspieler wurde, war der Brexit reale Möglichkeit geworden. Auch die Briten, zumindest große Teile der Briten, sehnen sich nach einer Führungsfigur, zu der aufzuschauen keine Schande mehr ist. Nicht zufällig veröffentlichte Johnson vor einem Jahr eine Churchill-Biographie.

Vergleichbar der Idee des Kommunismus hat sich die (gut gemeinte) Kopfgeburt einer Europäischen Union als Ende der Nationalstaatlichkeit als Phantasie erwiesen. Sie erlebt nun ihren Mauerfall. Wie dieser wird er Bewahrenswertes hinwegfegen und Unsägliches schaffen, aber auch umgekehrt. Die Lehre aus der jüngeren Geschichte, daß sich objektive Bewegungen nicht subjektiv umbiegen lassen, wurde nicht gezogen – ein weiteres Mal lief man einer utopischen Fata Morgana nach und landet nun in der Wüste. Wird man aus diesem Irrtum lernen? Die Menschheit ist kein lernfähiges Subjekt, nur einzelne Menschen sind es …

Cameron hat nun seinen Rücktritt angekündigt. Johnson dürfte der nächste Premier werden. Wenn es aber stimmt, daß vor allem die Migrationspolitik der EU und Deutschlands, die „Angst vor dem Fremden“ ausschlaggebend war, dann gibt es noch ganz andere Verlierer. Wenn die Briten EU sagen, dann meinen sie oft Deutschland. Die deutsche Bevormundung und Dominanz ist vielen Briten seit Jahr und Tag ein Dorn im Auge, Merkels katastrophale Einwanderungspolitik und das lavierende Durchsetzenwollen der eigenen „Politik“ in der EU  hat nun das Faß überlaufen lassen.

Vielleicht größer noch, existentieller als der Brexit, war die Entscheidung der Kanzlerin, die Grenzen bedingungslos zu öffnen und sei es nur für wenige Wochen. Der Schaden ist angerichtet, die starke Botschaft war gesendet, der Prozeß scheint nun irreversibel. Schweden steht als mahnendes Beispiel vor dem Kollaps und macht die totale Kehrtwende, auch in Deutschland muß man ein leckgeschlagenes Schiff zurückrudern ohne Garantie für das Gelingen. Die Menschen in ganz Europa – zumindest ein großer Teil der Menschen – spüren instinktiv, daß mit der Einwanderungswelle eine Zäsur von globalem Ausmaß geschaffen wurde. Und sie wehren sich dagegen und sei es mit dem Exit.

Cameron, so seltsam es klingen mag, ist nur die Marionette Europas, deren Stricke jetzt durchgeschnitten werden. Wirklich politisch verantwortlich für den Brexit und den Beginn des Endes der Europäischen Union – natürlich ist die Union nicht Europa! – ist auch Angela Merkel. Wenn sie einen Rest an An- und Verstand besitzt, dann zieht sie jetzt die Konsequenz und macht den Weg frei für wirklich neue Kräfte, die den Scherbenhaufen hoffentlich zusammenkehren werden und ein neues, ein realistisches, ein entbürokratisiertes und nicht-zentralistisches Europa, ein weniger aufgeblähtes Europa der Nationalstaaten bauen können, das sich auf gemeinsamer ökonomischer, historisch-kultureller und Wertebasis gründet.Dann wäre der Brexit nicht umsonst gewesen.

Die Zeichen dafür stehen freilich nicht gut. Stattdessen steigern sich europäische und deutsche Spitzenpolitiker in Vergeltungs- und Rachephantasien und diskreditieren auch noch den letzten Rest an Zusammengehörigkeitsgefühl. Eine Ehe, die so endet, war es nie wert, eine gewesen zu sein. Wenn nun Rachegefühle aufkeimen, dann beweist es nur, wie notwendig dieser schmerzhafte Schnitt ist. Er wäre dann so oder so gekommen und je später, desto dramatischer.

Daher sollten wir jetzt auf allen Ebenen den Briten beistehen und ihnen auf diesem schweren Weg helfen.

Das wäre gelebtes Europa! Das wäre europäische Solidarität!

Weiß und Schwarz

Londoner Impressionen

Hampstead Heath im Frühjahr ist eine naturbunte belebende Oase im Großstadttrubel Londons. Der riesige Park im Norden der Stadt ist mehr als eine grüne Lunge, er beherbergt auch unerwartete Schätze. Plötzlich steht man vor einem opulenten Bau im klassizistischen Stil, der wie ein verzaubertes Schloß die Gegend überragt: Kenwood House.

Der Eintritt ist frei, schnell verschluckt den Besucher eine andere Zeit, in die man unmerklich versinken könnte, wenn man das Erlebnis nicht mit hunderten aufgeregten Ausflüglern teilen müßte. Die Architektur ist überwältigend, die grandiose Bibliothek ein Schmuckstück, die Gemäldesammlung exquisit: Rembrandt, Vermeer, Frans Hals, Turner und viele unbekannte Meister. Doch ein Bild sticht hervor. Nicht nur, weil es die einzige Kopie ist, sondern weil es eine bislang ungesehene Szene zeigt. Es wirkt paradiesisch und rebellisch zugleich.

© Wikipedia public domain, zugeschrieben Johann Zoffany

© Wikipedia public domain, zugeschrieben Johann Zoffany

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Die Angst vor dem Brexit

Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.  Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?  Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?  Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! (Matthäus 7.1ff.)

Nun ist es also so weit: die Briten stimmen über den Brexit ab. Doch der wird nicht kommen – so lautet meine Prognose. Und der wesentliche Grund ist die Angst!

Geht es gegen „rechts“, dann wird die Angstkeule wild geschwungen. Von AfD bis Trump von FPÖ bis Neue Rechte …, alle schürten nur Angst, quirlten demagogische Horrorszenarien und schöpften den Schaum  genüßlich ab.

Dabei gibt es seit Monaten keine größere Angstmaschine als die Berichterstattung über den möglichen Brexit, auf der Insel und in Europa. Politiker und Medien sind sich einig: das Wirtschaftsgefüge könnte kollabieren, die Märkte zusammenbrechen, Arbeitsplätze millionenfach verloren gehen, die Immobilien ihren Wert verlieren, der Euro ins Unermeßliche absacken, andere Länder könnten folgen … Krieg und sogar der Ökokollaps stünden möglicherweise bevor, wenn die Briten für den Ausstieg votierten. Und sollten sie es tun, dann wird man ihnen schön in die Suppe spucken und den Ausstieg so unangenehm wie möglich machen, dann wird die EU sie richtig bestrafen – so viel zur Völkerfreundschaft, so viel zum Europa-Gedanke.

Da kann einem schon mulmig werden. Angst, Angst, Angst. Angst führt auch zu Panikreaktionen.

Und so wird es wohl kommen – das Schottlandreferendum, die Österreich-Wahl, die Regionalwahlen in Frankreich dienen als Blaupause –: am Ende wird die Angst siegen, die Angst vor den an die Medienwände gemalten Menetekeln, die Angst vor dem Ungewissen, vor dem Neuen.

Paradox: Weil die Menschen konservativ sind, werden sie links wählen.

Zumindest knapp zur Hälfte – und das ist das eigentliche Drama: Auch Großbritannien wird mittendurch gespalten sein. Und die Eurokratie wird zur Tagesordnung übergehen, auf daß die Fallhöhe zunehme.

 

West Ham

Londoner Impressionen

Der 33. Spieltag der Premier League-Saison 2015/16 wird als Ereignis in die englische Fußballgeschichte eingehen. Leicester City, die Mannschaft mit der schlechtesten Paßquote dürfte mit seinem Auswärtssieg in Sunderland die Meisterschaft endgültig gesichert haben. Mit einem Spielergesamtwert von gerade einmal 127 Millionen Euro – Manchester City, Chelsea, Arsenal und ManUnited haben jeweils das Vier- bis Fünffache – hat der Aufsteigerclub die Liga förmlich überrannt und alle Fußballphilosophie über den Haufen geworfen. Trotz notorischen Mangels an Ballbesitz – oft weniger als 30% – ist es keiner einzigen Mannschaft gelungen, gegen die überfallartigen Konterangriffe mit aus der Verteidigung herausgeschlagenen langen Bällen, die jede noch so ausgeklügelte Abwehrorgansiation ad absurdum führt, ein Mittel zu finden. In der Spitze lauern pfeilschnelle und rotzfreche Angreifer, die hohen Bälle eiskalt zu verwerten. Sage und schreibe ganze drei Spiele hat Leicester bis dato verloren …

Die Quoten bei den Bookies für die Meisterschaft sollen bis zu 1:5000 gelautet haben – einige die-hard-Leicester-Fans und Spaßvögel, die 10 oder 100 Pfund gesetzt hatten und die bis zuletzt die Nerven behielten und den panischen Rückkaufangeboten standgehalten haben, dürfen sich freuen. (Mein Tipp für das nächste Jahr: Leicester steigt ab.) Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Auch für West Ham United war der 33. Spieltag geschichtsträchtig. Zum letzten Mal hat es ein London-Derby im altehrwürdigen Upton Park gegeben. Damit setzt sich ein Trend fort: alte, traditionsreiche Stadien werden neuen und moderneren Spielstätten geopfert, um noch mehr Zuschauer anzulocken. Die wirtschaftliche Entwicklung der Premier League, die Attraktion des englischen Fußballs, kennt im Zuge der Globalisierung noch lange keine Grenzen. Meist geht der Stadiontausch jedoch mit einem Verlust an Atmosphäre einher und nicht wenige alte Fans gehen verloren. Auch das ist eine Frage der Identität. Sowohl Arsenal (Highbury Emirates Stadium) als auch Manchester City (Maine RoadEtihad Stadium) haben diese Erfahrung bereits gemacht, Tottenham und Chelsea ziehen demnächst nach. Einst repräsentierten die Fußballclubs die jeweilige Stadt oder das Stadtviertel, Fußballspiele waren Revierkämpfe, besonders dann hart umkämpft, wenn große Klubs gemeinsame Reviere teilten (West Ham – Millwall, Arsenal – Tottenham, Chelsea – Fulham etc.), heute pilgern die Zuschauer aus aller Welt in die Fußballkathedralen.

Blowing Bubbles

Blowing Bubbles at Upton Park: West Ham – ManCity 2015

Nun also auch West Ham. Nach Ende der Saison zieht man ins neue Olympiastadion um. Damit meint man, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Nach der Olympiade 2012 stand die Immobilie leer und drohte eine Investruine zu werden. Die Stadt London zeigte großes Interesse und Engagement, dies zu verhindern. West Ham kann dann fast 20 000 Tickets mehr verkaufen. Der fußballerische Aufstieg der letzten Jahre und Monate unter dem neuen Trainer Slaven Bilic scheint weiterzugehen – vielleicht gelingt es The Hammers tatsächlich, sich dauerhaft mit den Magnatenklubs zu messen.

Ein weiterer Grund dürfte eine Rolle gespielt haben. Er wird sichtbar, wenn man den Upton Park besucht. Ich war im letzten Jahr Zuschauer bei der Partie gegen Manchester City und erlebte einige surreale Szenen. Das Stadion liegt inmitten eines ausgedehnten Wohnviertels mit den typisch englischen Einzel- oder Terrassenhäusern. Hier lebte einst das englische Proletariat, hier wurde Cockney gesprochen. Im Süden des Borough of Newham liegen die Londoner Docks: Industriearbeiter, Dockarbeiter, kleine Angestellte besiedelten diesen Stadtteil, der schon immer ein „tough ground“ war. Am Wochenende pilgerten sie in die Stadien.

Heute sind die Straßen um den Upton Park fest in pakistanischer Hand. Kaum noch 40% Weiße besiedeln die Viertel, in Teilen Newhams sind „ethnische Minderheiten“ längst die Mehrheit. Upton Park wirkt wie ein Marsraumschiff in dieser Gegend. Die muslimische Bevölkerung kann mit dem Klub kaum etwas anfangen, das traditionelle Publikum ist längst der Ghettoisierung gewichen. Eine endlose Schlange weißer Männer und Frauen zieht sich von der U-Bahn-Station hin zum Stadion, am Rand stehen Männer mit weißen Kaftanen, langen Bärten und Badelatschen. Selbst die Polizei kennt kaum noch englische Physiognomien. Ein riesiger asiatischer Markt bietet von exotischen Früchten über Halal-Fleisch bis zu muslimischen Friseuren eine vollkommen autarke Welt. Gäbe es den vierzehntägigen Lindwurm an singenden Fans nicht, die neupakistanische Idylle wäre fast perfekt. Bald ist es soweit.

London Baker Street 2016

London Baker Street 2016

 siehe auch: Die große Fußballmetapher