Ästhetik und Autorität

Auch eine Allegorie

Hegel, nachdem er seinen Status als Gelehrter, Beamter und Ehemann gefestigt hatte, entwickelte, aus Gesundheits- und Bildungsgründen, auch um Freunde zu besuchen, eine bis dahin ungewöhnliche Reisefreude.

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Verstörendes Bild

Hitze! 30 Grad im Schatten. Gnadenlos prallt die blanke Sonne auf den Asphalt. Jedes Fleckchen Schatten unter dem Dach der Straßenbahnhaltestelle findet einen Flüchtling vor dem Feuerball.

Um die Ecke biegt ein junger Mann in weißem T-Shirt, kurze Hosen, Sandalen, Sonnenbrille. Die gegelten und nach hinten gekämmten Haare legen die Kopfhaut frei. Lässig läßt er ein Schlüsselbund in den Fingern kreisen, es scheint als pfeife oder singe er; wippend sein Schritt.

Plötzlich taucht eine weitere Gestalt auf. In gebührendem Abstand wehen schwarze Stoffetzen um ihre Beine. Eine schwarzhäutige, in mehrere Lagen schwarzen Stoffes verhüllte Frau mit einem dunklen violetten Tuch auf dem Kopf, tief in die Stirn gezogen. Sie trägt zwei schwere Lidl-Plastik-Einkaufstaschen. Sofort regt sich Mitleid bei mir und sichtbar auch bei den Wartenden. Was muß diese Frau schwitzen! Ist es nicht unerträglich heiß? Wer kleidet sich bei praller Sonne denn freiwillig schwarz?

Das Entsetzen wird noch größer, als der junge Mann die Haltestelle erreicht. Wenig später gesellt die Frau sich dazu. Erst jetzt wird deutlich: die beiden gehören zusammen, sie sind wohl ein Paar, Mann und Frau. Sie lächelt.

Ihr Lachen wirkt wie eine Provokation. Noch vor einem guten Jahr kannte kein Bürger der sächsischen Kleinstadt auch nur den Anblick einer voll verhüllten Muslimin. Heute, im Sommer 2016, wechselt man kurze Blicke, hier und da ein Kopfschütteln und senkt dann die Augen, als schäme man sich.

Das Fremde zu Hause

Lange war ich nicht in der Stadt.

An der Ampel steht ein Asylbewerber neben mir. Ich versuche so normal wie nur möglich zu agieren, schaue ihn nicht einmal an, um ihm nicht das Gefühl des Auffälligen, des Anderen zu geben. Als er an mir vorbeigeht, erkenne ich ihn als einen Freund Khaleds. Iraker. Wir haben ein Mal zusammen gegessen, an seinen Namen erinnere ich mich nicht mehr. Damals hatte er eine Einladung zur Wohnungsbesichtigung bekommen, Wieprechtstraße, und wollte wissen, wo sie sich befindet, fragte mich um Hilfe. Wir mußten die Handys bemühen, um herauszufinden, daß es gleich um die Ecke ist.

Ich entscheide mich, auf ihn zuzugehen, ihn lächelnd zu begrüßen, nach dem Wohl zu fragen. Er erschrickt, ist abweisend, erkennt mich offensichtlich nicht und erst als ich Khaleds Namen sage und ins Englische wechsle, öffnet er sich ein wenig. Wie geht es? Wohnst du in der Wieprechtstraße? Alles in Ordnung? Erst schüttelt er abschätzig den Kopf, dann lächelt er doch und sagt: Okay. Ein freundlicher Wink und ich gehe weiter.

Auch das ist Teil der viel beschworenen Integration. Wohin man schaut, überall begegnen den Fremden abweisende, ignorante, manchmal auch feindliche Blicke. Sie spüren das, fühlen sich ungewollt, werden vorsichtig, schließen Herz und Seele ein.

Im Zentrum passiere ich mehrere Gruppen arabischer Männer. Jugendliche, Maghreb-Typ, Basecap, dünne Beine, Stonewashed-Jeans und Handy in der Gesäßtasche, stehen lässig angelehnt; zwei ältere unrasierte Männer diskutieren laut und gestikulierend in Arabisch, andere sitzen reihenweise auf den Bänken, vereinzelt stehen Kopftuchfrauen herum und schauen auf ihr Handy, wagen den Blick nicht zu heben. An diesem Ort schätze ich 30% Weltfremdheit.

Ich kann nicht anders: Es ist mir unangenehm, ich empfinde sie als Fremdkörper, fühle, daß etwas vollkommen falsch läuft, wenn eine Stadt sich innerhalb weniger Monate derart rasant ändert.

Es gibt hier viel „Prekariat“, junge und alte Menschen, denen man ansieht, daß sie nicht mit viel Verstand gesegnet sind, dumpfe Blicke, überfettet, Ohren und Nasen behängt, kaum zu verstehende Sprache. Auch das ist mir unangenehm – aber anders. Sie gehören trotz allem zu uns, sie sind Produkt unseres gesellschaftlichen Seins, sie sind konsequenterweise hier und es liegt an uns, daß sie das geworden sind, was sie sind.

Nennt es rassistisch, nennt es Vorurteil, nennt es fremdenfeindlich, Ressentiment, nennt es, wie ihr wollt – ich kann es nicht ändern, es ist in mir drin, es ist meine, es ist die Natur!

Mag sein, daß ich zu vielen dieser mir so fernen, instinktiv wenig sympathischen Menschen ein ähnlich gutes (wenn auch meist oberflächliches) Verhältnis aufbauen könnte wie zu Hussain, Khaled, Muhanned, Salim, Adlan, Abraham, Yakov, Hawet, Fiori, Zenaid, Aladdin …, kennte ich sie. Es geht nicht! Ich kann nicht alle kennen, aber ich erkenne sie als fremd, ich mißtraue ihnen, fühle mich unsicher, kann sie nicht lesen. Es kann nicht richtig sein!