Konservatismus und Differenz

Für H.

Ein weiteres Faszinosum an Karl Heinz Bohrers außergewöhnlicher Autobiographie sind die Entwicklungslinien, die Bohrer, gekonnt versteckt, einbaut. Etwa die seiner politischen Einstellung.

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Mohammed in der Literatur II

Tralow

Johannes Tralow war insbesondere in der DDR ein Gigant. Überhaupt erlangte der Historische Roman, dessen Großmeister Tralow im Osten war, enorme Beliebtheit, nicht zuletzt deswegen, weil die geschichtliche Verkleidung einerseits ideale Möglichkeiten bot, „geheime Botschaften“ weiterzureichen, und andererseits die ungestillte Reiselust der Ostdeutschen zumindest in der Phantasie befriedigte. Gerade mit seiner „Osmanischen Tetralogie“ befriedigte Tralow das Bedürfnis nach Exotik, verführte allerdings auch zu einer beschönigenden Orient-Sicht. Ich kannte jedenfalls Geschichtsstudenten, die ihr Studium zum Großteil mit seinen historischen Romanen meisterten.

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West-östlicher Divan

Ewig zieht sich der Abend hin. Wir sind eingeladen. Es wird türkisch gekocht. Dann sitzen wir am Tisch und plaudern. Wir, das sind acht Deutsche und ein Türke oder anders: drei Wessis und fünf Ossis. Ort der Handlung: Ungarn.

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Denkmal und Schande

Björn Höckes Satz vom “Denkmal der Schande” hat ob seiner linguistischen Mehrdeutigkeit einiges Aufsehen erregt – dankbar haben sich die Leitmedien darauf gestürzt, in der Hoffnung, Höcke und die AfD ein für alle Mal zu erledigen.

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Das tausendjährige Reich

„1956 ist auch für die Nachgeborenen eine unerschöpfliche Quelle geistiger, politischer und moralischer Kraft geblieben.“ Paul Lendvai

Zum 60. Jahrestag des „Ungarischen Volksaufstandes“

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Dylan

Man sollte die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat! Aber Bob Dylan für den Nobelpreis? In Literatur? Da fällt schweigen schwer, auch wenn ich Dylan weder kenne noch mag und auch wenn, aufgrund zu vieler Täuschungen, ich es längst aufgegeben habe, die moderne Literatur zu verfolgen.

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Hitlers letzte Rache

Wir alle kennen das alte Hitler-Spiel. Wer zuerst „Hitler“ sagt, hat die Arschkarte gezogen. Es genügt auch ein beliebiges Hitlersurrogat. Legionen von Politikern und Promis haben sich ihre Karriere versaut, weil sie zur falschen Zeit das falsche Wort in den Mund nahmen, einen unliebsamen Gegner vielleicht mit Adolf H. verglichen und dergleichen. Das blame-game der deutschen Medien läuft mittlerweile so routiniert ab – wie eine gute geölte Maschine –, daß es den Lesern, Hörern und Sehern schon gar nicht mehr auffällt und man nur noch desinteressiert mit den Schultern zuckt: „Selbst schuld! Wie blöd muß man denn sein …“

Und Frauke Petry hat „Hitler“ gesagt – in wenig versteckter Verkleidung: „Völkisch!“

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Bildungslücken

Nur noch wenige Tage bis zum Test für den Integrationskurs. Dort muß man Sprachkenntnisse für das Niveau B1 und aus einem Gesamtfragenkatalog von 300 Fragen 33 via multiple choice beantworten. Zufällig liegt der dicke Stapel Papier bei Hussain auf dem Tisch. In einem Prüfungstest hatte er 100% erreicht, beim Hörverständnis waren es „nur“ 40 von 45 richtig beantworteten Fragen. Man muß sich keine Sorgen machen, er wird das locker bestehen.

Doch das Problem liegt tiefer. Das wird sofort deutlich, als ich den Fragenkatalog durchblättere. Ich frage ihn Aufgabe 186: „Im Jahr 1953 gab es in der DDR einen Aufstand, an den lange Zeit in der Bundesrepublik Deutschland ein Feiertag erinnerte. Wann war das? 1. Mai, 17. Juni, 20. Juli, 9. November?“

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Rechne mit deinen Beständen

„Pressestelle Bistum Dresden-Meißen informiert: Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Bücherfreunde, aufgepaßt! Das Ökumenische Informationszentrum in Dresden löst seine Fachbibliothek auf. Wer Interesse an Lektüre zu den Themen Gerechtigkeit, Frieden, Umwelt und Ökumene hat – für den stehen rund 10.000 Bücher als Lesestoff bereit. Bei einem Bücherbasar vom 8. bis 13. August können die Werke gegen eine kleine Spende gleich mitgenommen werden.“

Eine solche Nachricht läßt den Bücherfreund elektrisiert zurück. Als ich sie empfing, stand der nächste Dresden-Besuch schnell fest. Vor dem geistigen Auge trug ich kistenweise Werkausgaben, Raritäten, Werke großer Denker heraus. Vielleicht war sogar ein Heidegger dabei – sonst unsäglich teuer – oder ein seltener Blüher oder Buber oder einfach eine interessante Neuentdeckung. Und damit ja keiner die Schätze vor meiner Nase abgreift, sind wir auch noch überpünktlich vor Ort und warten im Vorraum, in dem sich circa 50 arabischsprechende Menschen – sie wollen zur Immigrationsberatung auf der gleichen Etage – lautstark unterhalten, auf die Öffnung des Tores.

Aber schon ein erster schneller Blick läßt das geübte Auge einer traurigen Realität ins Gesicht schauen. Der Durchgang macht das wahre Ausmaß geistiger Ödnis bald deutlich. Statt anspruchsvoller Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft liegt die endlose intellektuelle Brache grüner und sozialdemokratischer Propagandaliteratur der 70er bis 90er Jahre vor mir. Beträchtliche Reihen an soziologischen Studien zur Ausgrenzung, zum Feminismus, zum Genderdenken, zur Umwelt und zum Frieden. Dazwischen ein paar dunkelrote Spritzer DKP- und SED-verseuchter Einpeitscher. Robert Steigerwald und Kurt Hager statt Blumenberg und Benjamin. Amnesty International statt (wenigstens) Frankfurter Schule. Einsam friert ein schmales Sammelbändchen Karl Barth zwischen Horst-Eberhard Richter, Hans Küng und ostdeutscher Gandhi-Literatur. Das einzige substantielle theologische Werk, Drewermanns „Strukturen des Bösen“ habe ich leider schon längst. Kein Teilhard, kein Rahner, kein Guardini, kein Nell-Breuning, kein Niemöller, nichts. Verzweifelt blättere ich in einem Buch Wolfgang Fritz Haugs über Gorbatschow, wo es zumindest ein halbinteressantes Kapitel über Lenin gibt, kann mich aber vor Entsetzen auch dazu nicht durchringen.

Trotzdem verlasse ich den Ort der geistigen Leere mit einer neuen Erkenntnis. Nun weiß ich, wes Geistes Kind das „Ökumenische Informationszentrum“ des Bistums Dresden-Meißen seit Jahrzehnten ist und wie tief die Begrünung und Versozialdemokratisierung der Gesellschaft, auch der religiösen, in Zeit und Raum tatsächlich reicht.

Rechne mit den Beständen.

„Kant ist tot!“ …

Mit diesen Worten begrüßte mich heute Morgen mein (imaginierter) Nachbar. „Kant? Kant ist unsterblich“, antworte ich. „Nicht der Kant, der kleine Kant, der Hermann …“

Um ehrlich zu sein, ich hätte gar nicht sagen können, daß der noch lebte. Vor ein paar Jahren war er mir kurzzeitig lebendig, als ich zwei seiner Bücher wieder las. Seither hatte ich ihn nicht mehr verfolgt, wenngleich die autobiographischen Sachen noch im Regal stehen.

Wer in der DDR sozialisiert wurde, hat immerhin den Vorteil, das Lebensgefühl der damaligen Zeit speichern zu können, in Form von Literatur. Heute ist sie meist verpönt und verkannt und der verkannteste unter den zahlreichen Autoren von Rang war Kant, verkannt von Kant, verkannt von ihm selbst.

Denn Hermann Kants Tragik bestand darin, sein eigenes Genie nicht richtig eingeschätzt zu haben. Er war der mit Abstand begabteste unter der jüngeren Generation der Ostliteraten, ein würdiger sprachlicher Erbe Arnold Zweigs. Wie dieser steckte er alle anderen erzählerisch in die Tasche und seine seinerzeit drei großen Romane – „Die Aula“, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ – kennen an sprachlicher Finesse ohne inhaltliche Subversivität kein Gegenüber. Subtiler und subversiver waren vor allem die Frauen: Irmgard Morgner ist zuerst zu nennen, dann Brigitte Reimann und manchmal auch Christa Wolf.

Doch Kants Begnadung ging von Anfang an mit ihm durch. Bis in die 80er Jahre hinein konnte das kaum jemandem auffallen, denn die Bücher spiegelten noch immer Bereiche der realsozialistischen Realität wieder, aber spätestens seit Gorbatschow mußte ihre aufgesetzte siegessichere Ironie, der Zynismus des vermeintlichen historischen Siegers, der Hochmut der Macht sauer aufstoßen. War die „Aula“ noch ein Schenkelklopfer, so wurde das „Impressum“ schon zur Gratwanderung.

Ich will aber nicht Minister werden!“ gehört zu den genialsten Anfangssätzen der neueren deutschen Literatur – allein dieser Satz, dessen Echo im inneren Ohr des DDR-Lesers ewig nachhallte, legitimiert Kants zweiten Roman.

Doch leider hält er nicht, was das große Eingangswort verspricht. Daß Herrmann Kant ein Erzähler von Rang ist, bleibt unbestritten, gemessen an der eigenen Vorgabe, der „Aula“, die wie eine Bombe in die ostdeutsche Literatur einschlug und sie sowohl sprachlich als auch kompositorisch auf ein ganz neues Niveau hob, gemessen an diesem Anspruch muß „Das Impressum“ als not impressive gelten.

Denn Kant übertreibt es einerseits, die Fabulierkunst verliert sich zu häufig in Gerede um des Geredes willen, um nicht von Geschwätzigkeit zu sprechen, die exemplarischen ethischen und psychologischen Problemstellungen, mit denen der Leser konfrontiert wird und die ihn zur Diskussion, zur Stellungnahme zwingen sollten, sind selbst für den damaligen DDR-Alltag zu weit von der tatsächlichen Lebenswelt entfernt und im Übrigen sprachlich als auch historisch-philosophisch viel zu hoch angesetzt, um den Ottonormalbürger, den Arbeiter-und-Bauern, zu erreichen. Die Enkodierungsschwelle ist so hoch, daß man sich kaum vorstellen kann, wie ein Leser jüngerer bundesrepublikanischer Generation sie ohne ausgiebige Vorabstudien überwinden können sollte.

Zum andern unterbietet Kant sein eigenes Potential; so stellt sich eigentlich nie der Eindruck eines in sich geschlossenen Romans ein. Eher handelt es sich um eine Novellensammlung, in der autobiographische und realhistorische Situationen mit gleicher Personage wiedergegeben werden. Die individuelle Zeichnung mißlingt vielerorts: Wenn der Pförtner dieselbe elevierte Sprache spricht wie der russische General, der Katholik oder der Chefredakteur, dann verwischen sich höchst unzulässig die Konturen. Das alles stimmt auch vor der einstigen DDR-Realität schon nicht und eine Apologie des Ostens hatten andere Brachiallautoren der Bitterfelder Schule schon stimmiger vollbracht. Kant schreibt noch nicht mal einen mißlungenen Sozialistischen Realismus, sein Werk sollte als Sozialistischer Irrealismus gelten. Selbst der grandiose Eingangssatz bleibt Ornament, weil sich seine angedeutete Klammerfunktion als optische Täuschung entpuppt; weder als Widerstandsgeste noch als  Leitfaden behält er Bedeutung. …

Wie man hört, hat Kant, der auch hohe politische Ämter eingenommen hatte, es nie für nötig erachtet, sich Asche aufs Haupt zu streuen: das ehrt ihn.

Nun ist er also tot und wenn in drei, vier Jahrzehnten die letzten Überlebenden des Goldenen Zeitalters des realexistierenden Sozialismus verschwunden und die alten Literaturgeschichten in Bibliothekskellern vergilbt sein werden, dann wird kein Hahn mehr nach Kant krähen und die kommende halbasiatische Gesellschaft, sollte sie je auf eines seiner Bücher stoßen, wird ratlos davor stehen und sich wundern, auf was für seltsame Dinge Menschen kommen konnten und welch seltsame Sprachen sie sprechen können.